Jetzt starrt zwar alle Welt gebannt auf die Folgen des Ausbruchs der Corona-Pandemie. Aber dabei gerät völlig aus dem Blick, dass diese Pandemie überhaupt nicht überraschend kommt. Denn sie entspringt dem menschlichen Machbarkeitswahn: Kein natürlicher Lebensraum wird verschont. Wo aber der Mensch auch noch in die letzten Rückzugsräume der Tiere vordringt, gerät er logischerweise auch mit Erregern in Kontakt, auf die sein Immunsystem nicht eingestellt ist. Auch in Europa fehlen die natürlichen Schutzräume, mahnen die Forscher des iDiV.

Für „Le Monde diplomatique“ ging Sonia Shah am 12. März auf die Frage ein: „Woher kommt das Coronavirus?“

Und natürlich ist die tatsächliche Quelle nicht wirklich das große Streitthema: „Könnte es ein Schuppentier sein? Eine Fledermaus? Oder womöglich eine Schlange? Der Wettlauf ist eröffnet, wer als Erster das Wildtier identifizieren wird, von dem das Coronavirus stammt, offiziell als Sars-CoV-2 bezeichnet“, schreibt Sonia Shah. Und geht dann auf das eigentliche Problem ein.

„Die Tiere können nichts dafür. Obwohl immer wieder Wildtiere als Ursprung zerstörerischer Epidemien dargestellt werden, ist die Annahme falsch, sie seien besonders häufig mit todbringenden Erregern infiziert, die jederzeit auf Menschen überspringen können. Tatsächlich lebt der größte Teil der Mikroben in den Wildtieren, ohne ihnen im Geringsten zu schaden. Das Problem liegt woanders: Durch die immer massivere Abholzung der Wälder und die wachsende Urbanisierung haben wir diesen Mikroben Wege eröffnet, den menschlichen Körper zu erreichen und sich entsprechend anzupassen.“

So gesehen ist der Ausbruch der Corona-Pandemie direkte Folge des rücksichtslosen Umgangs des Menschen mit den noch nicht genutzten Naturräumen.

Und auch in Europa wollen Politiker und Konzerne nicht wirklich akzeptieren, dass man nicht einfach nur ein gelbes Schild in den Wald hängt und dann ist alles gut im Naturschutzgebiet. Die menschliche Zivilisation muss wieder bereit sein, wirklich große Naturräume komplett aus der Bewirtschaftung zu nehmen und damit tatsächliche Refugien für die Artenvielfalt zu schaffen.

In diesem Jahr wird die EU genau in diesem Themenfeld Entscheidungen treffen, die weitreichende Folgen für die Menschen und die Natur Europas haben. Am Mittwoch, 18. März, veröffentlichte Strategiepapiere zeigen auf, warum die Wiederherstellung intakter Natur in der neuen EU-Biodiversitätsstrategie Vorrang haben sollte. Die Wiederherstellung von Natur sei eine der besten Möglichkeiten, unsere derzeitigen Probleme in Bezug auf Klima und biologische Vielfalt zu bewältigen.

„Wir müssen mehr Natur und Wildnis in Europa wagen – für die biologische Vielfalt und für die Menschen“, sagt Néstor Fernández, Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU). „Jetzt liegt es an den EU-Politikern, dafür zu sorgen, dass dies in ganz Europa geschieht.“

Wir brauchen neue Werkzeuge

Die am Mittwoch veröffentlichten Forschungs- und Strategiepapiere beschreiben den Grad ökologischer Degradierung europäischer Landschaften. Degradierung heißt: Diese Landschaften leiden unter einem enormen Artenschwund – bei Insekten, Tieren und Pflanzen.

Die Autoren schlagen deshalb vor, grüne Korridore wiederherzustellen, um jene Ziele zu erreichen, die sich die europäische Politik im Bereich der biologischen Vielfalt selbst gesetzt hat. Die Publikationen wurden von den iDiv- und MLU-Forschern Dr. Néstor Fernández und Prof. Henrique Pereira erstellt, in Zusammenarbeit mit Rewilding Europe, BirdLife, dem Worldwide Fund for Nature (WWF) und dem Europäischen Umweltbüro (EEB). Sie sind der Höhepunkt eines dreijährigen Programms zur Förderung und Stärkung der europäischen Agenda zur Erhaltung der biologischen Vielfalt.

Das von den Wissenschaftlern verfasste Strategiepapier „Boosting Restoration for a Wilder Europe“ enthält eine Serie geografischer Karten, die es ermöglichen, prioritäre Gebiete für die Wiederherstellung intakter Natur in der gesamten EU zu identifizieren. So können diese Karten helfen, neue Verbindungen zwischen den europäischen Natura-2000-Gebieten zu schaffen. Die Karten integrieren verschiedene Datensätze zur biologischen Vielfalt und zu Auswirkungen des Menschen auf die Landschaft. Sie sollen europäische Entscheidungsträger dabei unterstützen, effektive Maßnahmen zur Wiederherstellung der Natur durchzuführen.

Eine fragmentierte und verarmte Landschaft

Die neuen Karten veranschaulichen die Veränderungen und Schädigungen der Natur in weiten Teilen des Kontinents. Ursachen sind Baumaßnahmen oder intensive Land- und Forstwirtschaft. Die Karten zeigen auch, dass Gebiete mit intakter Natur oft klein und isoliert sind, was zu einem weiteren Rückgang der biologischen Vielfalt führt. Verschärft wird dieses Problem durch das Fehlen großer Wildtiere – wie z. B. Wisente oder Bären. Diese spielen für das Funktionieren intakter Ökosysteme eine wichtige Rolle.

Rewilding

Rewilding – die langfristige Erholung komplexer Ökosystemen mit weniger menschlichen Eingriffen – stärkt die Leistungen der Ökosysteme für den Menschen: von sauberer Luft und sauberem Wasser über Bindung klimawirksamen Kohlenstoffs, fruchtbare Böden, Hochwasserschutz, Widerstandsfähigkeit gegen Klimaextreme bis hin zu mehr Gesundheit und Wohlbefinden.

Mithilfe von Rewilding erholt sich die Natur in vielen Gebieten von selbst – eine Erholung, die durch den europaweiten Trend der Aufgabe landwirtschaftlicher Flächen begünstigt wird. Dies ist laut den Autoren eine Chance für Politik, die natürlichen Prozessen eine wichtige Rolle einräumt bei der Wiederherstellung intakter Natur.

Original-Publikation: Fernández, N., Torres, A., Wolf, F., Quintero, L., Pereira, H.M. 2020. Boosting Ecological Restoration for a Wilder Europe. Making the Green Deal work for Nature. ISBN 978-3-9817938-5-7.

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iDiV-Forscher plädieren für die großflächige Wiederherstellung von Naturlandschaften

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