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Kaputt gespartes Bildungsland: Immer mehr sächsische Lehrer fallen aus Krankheitsgründen aus

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    Was passiert eigentlich, wenn man ein Bildungssystem genauso behandelt wie ein "schlank" gespartes Unternehmen. In der Wirtschaft nennt man so etwas "lean management". Aber das ist eine hohe Kunst, bei der man ein paar Dinge beachten muss. Und wenn man sie nicht beachtet, kommt das heraus, was die Sachsen seit drei Jahren bekommen: ein Schulsystem, das kaputtgespart wird und das seine Lehrer zermürbt.

    „Schlank“ ist beim „lean management“ zwar fast alles – bis hin zur „schlanken Produktion“ („lean manufacturing“). Aber man macht das nicht um des Schlankseinwillens, als sei das Ganze nur eine simple Magerdiät. Es geht eigentlich darum, ein Unternehmen flexibler und kundenorientierter zu machen. Die Kunden eines Bildungssystems sind (auch wenn man sie in Sachsen lieber wie Werkstücke behandelt) die Kinder.

    Wer sich etwas intensiver mit „lean management“ beschäftigt, findet dazu auch im Wikipedia-Beitrag die 10 Prinzipien, die man dabei beachten muss, sonst geht es schief.

    Und das oberste aller Prinzipien ist: „Ausrichtung aller Tätigkeiten auf den Kunden (Kundenorientierung)“. Da ein schlankes System keine stehenden Ressourcen hat, ist es bei Strafe des Versagens darauf angewiesen, dass Verantwortung über alle „Produktionsprozesse“ verteilt wird. Das geht damit los, dass im Unternehmen alle eine strikte Kundenorientierung leben, das aber bei „dezentralen, kundenorientierten Strukturen“ (Prinzip Nr. 7). Das denke sich mal einer bei Sachsens Schulen: vollverantwortlich und mit aller Kraft und selbstverantwortlich darauf bedacht, alle „Kunden“ – heißt Kinder – zu einem vollwertigen Abschluss zu bringen.

    Das beißt sich natürlich mit der zentralen, bürokratischen Verwaltung. Damit gehen dann auch alle Freiräume verloren, die normalerweise die Stärken einer freien Gesellschaft sind und hier – direkt vor Ort – gelebt und ausgeschöpft werden könnten – Prinzip 6: „Eigenverantwortung, Empowerment und Teamarbeit“.

    Welche Potenziale Sachsens Schule verschenkt und vergeudet, weil vom „lean management“ auf Regierungsebene nur das „lean“ übriggeblieben ist, liest man in den Prinzipien 8 bis 10:

    8. Führen ist Service am Mitarbeiter
    9. Offene Informations- und Feedback-Prozesse
    10. Einstellungs- und Kulturwandel im Unternehmen (Kaikaku).
    Welche desaströsen Folgen das hat, kann man schon bei den alljährlichen Schulabgängerzahlen ohne Abschluss sehen. 10,1 Prozent der Schulabsolventen gingen 2012 ohne Abschluss von der Schule. Das ist nicht neu und hängt nicht direkt mit dem permanenten Abbau des Lehrpersonals zusammen. Aber es zeugt auch davon, dass Qualität und Kundenorientierung im sächsischen Bildungssystem auch in den Vorjahren keine zentrale Rolle spielten. Mit der Verweigerung, das Lehrpersonal wieder den steigenden Schülerzahlen anzupassen, hat sich die Lage freilich noch verschärft. Unterrichtsausfall gehört seit drei Jahren nun zum Dauerzustand in fast allen Schulen, denn die „Löcher“, die der Freistaat mit seiner Sparpolitik riss, wurden zuerst mit jenen Lehren gestopft, die zuvor noch als Springer und Ersatz zur Verfügung standen. Doch diese Reserven sind schon seit Jahren aufgebraucht.

    Und dass die verbliebene Lehrerschaft deutlich überaltert ist, hat Folgen: Die seit Jahrzehnten Dienst tuenden Lehrer können die steigenden Mehrbelastungen gesundheitlich nicht mehr abfangen.

    Und das führt dazu, dass mitten im organisierten Personalverschleiß weitere Lehrerinnen und Lehrer ausfallen.

    „Allein in den letzten drei Schuljahren ist die Zahl der bereits zu Schuljahresbeginn langzeiterkrankten Lehrkräfte stetig angestiegen“, stellt Dr. Eva-Maria Stange, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag, fest. „Waren es 2010/11 noch 347 und 2011/12 351 Lehrer, so waren es im aktuellen Schuljahr schon 412 Lehrkräfte. Dazu kommen noch die Lehrerinnen und Lehrer, die im Verlauf des Schuljahres für lange Zeit erkranken. Der hohe Altersschnitt der Lehrkräfte in Sachsen – bei gleichzeitig stetig wachsender Belastung, z.B. durch größere Klassen – geht einher mit einem Anstieg der Erkrankungen. Ein verantwortlicher Arbeitgeber muss reagieren!“

    Das Problem werde sich in den kommenden Jahren noch verschärfen, da es in Sachsen keine Möglichkeit mehr für einen frühzeitigen Ausstieg über die Altersteilzeit gibt, stellt die SPD-Abgeordnete fest. „Die Forderung der Bildungsgewerkschaft GEW und der Lehrerverbände nach einem Demografie-Tarifvertrag könnte eine vernünftige Lösung sein. Damit wäre auch die höhere Einstellung von dringend benötigten jungen Lehrkräften möglich, die heute nach einer Ablehnung durch das Kultusministerium in andere Bundesländer abwandern. Sie werden aber in den kommenden Jahren dringend benötigt, um die durch den altersbedingten Abgang von tausenden Lehrern entstehenden Lücken zu schließen.“

    Und wie sächsische Bildungspolitik tatsächlich funktioniert, das zeigt in aller Prägnanz eine simple gemeinsame Meldung des sächsischen Kultusministeriums und des Finanzministeriums vom Montag, 14. Januar, 16:29 Uhr:

    „Gemeinsame Erklärung zum Spitzengespräch von Finanz- und Kultusministerium mit den Gewerkschaften am 14. Januar 2013: Wir haben uns über Herausforderungen und Handlungsoptionen bei der Gestaltung des Generationenwechsels im Schulbereich konstruktiv ausgetauscht. Bis zu einem weiteren Spitzengespräch am 25. März 2013 wird eine gemeinsame Kommission in zwei Beratungen im Februar die Datenbasis analysieren und abstimmen. Ziel des weiteren Spitzengesprächs ist es dann, geeignete vertragliche Vereinbarungen zu sondieren.“

    Wikipedia zu Lean Management: http://de.wikipedia.org/wiki/Lean_Management

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