Die „kleinen“ Leipziger Abende am Rande

Buchmesse–Nachlese (2): Sind Wessis da? + Audio

Für alle LeserDie kleinen, fast abseitigen Abende sind es letztlich, die die Leipziger Buchmesse aus dem Status eines einmal jährlich in Leipzig landenden UFOs herausheben. Also für die Leipziger selbst und auch die, die nach 27 Jahren nicht mehr am Sonntagabend über das Messegelände streichen, um ein paar Kulis und hier und da eine Tischdeko abzugreifen. Gern auch für Besucher von Welt, so mancher von ihnen in den kleinen Raum verirrt, einige verwirrt ob der soeben bewältigten Zeitumstellung. 18 Uhr (17 Uhr) also stur abstinent an diesem Sonntag“abend“, den 26. März, nur kurz nach der Entdeckung von „In-Dusch“. In der Stube der Vodkaria gab es einen späten Lese-Nachmittag mit Gastmann & Bosse.

Es ist seltener geworden, dass man bei einer Buchmesseveranstaltung angesichts schieren Wachstums des ehemaligen Lesefestes offen persönlich begrüßt wird. „Vorgestern war die LVZ da, gestern Compact und heute die L-IZ“. Jede Freundlichkeit ist ab hier bei Ulrike Gastmann und Christian Bosse eine wohlmeinende Gerade direkt zum Kopf des Publikums einschließlich Presse geschlagen. Wo selbst seriöse Journalisten mit dem Satz empfangen werden, ob man das könne, was man da mit Fotoapparat und Stift tut, ist der Schalk Galionsfigur am kleinen Kahn der Kunst.

„Gewöhnlich“ ist ab hier schon Draußen, und Ungewöhnlich sitzt hinter der Leselampe und will unterhalten.

Was bleibt da, als pünktlich 18 Uhr (also 17 Uhr) in der Tür der Vodkaria stehender Journalist die Hand theatralisch zum römischen Cäsarengruß zu heben und dem eher mäßig lauernden Publikum die Gnade der eigenen Anwesenheit noch einmal zu demonstrieren. „Und schreit Ihr alle auch hurra, das nützt Euch nichts, denn ich bin da“ (ach Kreisler, Du alter, geliebter Musikkritikermacher).

Also Arm anwinkeln, Handrücken nach vorn, leicht nach hinten abgeknickt: so grüßt der geschulte Spätgermane eine huldbereite Masse. Und eben nicht mit stierem Blick und schwieligem Handinnenleben an gestreckter Beuge.

In der fanden sich bald die Lesenden wieder und kämpften mit manchem Ungemach weitab der durchaus erprobten Literaturkunst längst verlegter Bücher. Mit Geklapper zum Beispiel und dem Geräusch einer verendenden Espressomaschine. Hier wurden also Speisen auf Porzellan gereicht und wer um 17 Uhr realer Zeit am Ende einer laufintensiven Buchmesse tobendes Literaturgemüse an der Bar vermutet, musste falsch liegen.

Ulrike Gastmann über „In-Dusch“ und das „zufrühkommen“.

Trotz März ist es hier eher überwiegend ein wenig Herbst in den Gesichtern bei dieser Lesung. Also still und rasch Hinsetzen unter den Blicken der „früher Gekommenen“. Zuhören und ab und zu ein Foto von den wirklich wichtigen Menschen des „Abends“ machen.

Und das seit 10 Jahren routinierte Duo geht direkt quer. Durch die Zeiten des Schaffens, die verschiedenen Bücher (die gefälligst auch zu kaufen sind) und durchs Publikum. „Sind Lehrer hier?“ Zwei melden sich zaghaft und dann gibt es sofort was von Lehrer Rüdiger drauf. Später auch die Frage, ob sich Westdeutsche im Publikum befinden. Gegacker, ja, ein paar sind da und amüsieren sich. Das Setting ist klar, jeder kriegt einen ab – aber nur, wer es auch aushalten kann.

Nie überheblich, aber manchmal böse

Es ist eine Kontaktaufnahme mit denen, die da noch zögern, essen oder sich hierher verirrt haben. Vielleicht sind ja auch welche aus dem Bindestrichland mit den vielen Bindestrichdörfern in „Sachsen-Anhalt“ darunter? Und schon geht es los, auch weil man sich per Applaus im Publikum einig ist, statt „über Medien“ was vom Freund aus Halle, Magdeburg und dem Mansfelder an sich nebenan hören zu wollen.

Spätestens nach dem krachenden Text von Bosse über die „Grenzstadt Halle“ und den ganzen Rest da werden sich nur die ganz Mutigen melden und zugeben, aus dem Land der Frühaufsteher gleich neben Syrien zu sein. Der Text des „Abends“ irgendwie und ein Mutiger war nicht da. Manch anderer Lesebeitrag ist schöner und passt nur eben nicht so ganz zum Publikum.

Christian Bosse zu Sachsen-Anhalt. Oder? Und der Ausklang des Abends …

Eine Kunst, dieses „Textelesen“ scheinbar. Und eine hohe, die Gastmann und Bosse beherrschen – ganz gleich, wohin man sie stellt. Und so trauen sich dann doch viele am Ende zum Gespräch zu ihnen, auch um ein Buch zu kaufen. Richtig so. Das gehört wirklich ins Regal. Zum Herausholen, wenn mal wieder jemand mit dem Geschirr klappert, ein Macho denkt, er müsste sich wie ein Pavian aufführen oder eben Mensch tatsächlich glaubt, dass es eine Wohltat für Zeitgenossen sei, unglaublich früh überall zu sein.

Oder eben einfach nur zum Schmunzeln zwischendurch, während man so auf ein Gegenüber schaut?

Vielleicht ist er eben einfach nur ein sehr unsicherer Nervsack? Dann ist Sachsen-Anhalt frei nach Bosse als Gebiet der Selbstverwirklichung oder bei fehlender Eignung als Testgebiet einer Nahtoterfahrung wärmstens empfohlen. Solange man „In-Dusch“ dabei hat, kann letztlich nicht viel schiefgehen, würde Gastmann fröhlich augenblitzend hinterherflöten.

Und man ahnt. Wenn es hart auf hart kommt, ist „der Wessi“ genau so weit weg vom Schützengraben der wirklich guten, verständigen Laune wie „der Ossi“. Am Ende des zum Abend gereiften Nachmittags gibt es viel Applaus. Verdient glaubt der Kritiker, die Hand leicht nach hinten angewinkelt. Dieses Mal als Fingerzeig auf diesen Link.

Das Kamasutra des Mulls / Kolumnen von Ulrike Gastmann und Christian Bosse

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