Oft genug hat man ja den Eindruck, wenn es ein Schulfach gab, das alle maßgeblichen Bildungspolitiker abgewählt haben, dann war es Mathematik. Jüngst hatten wir ja hier den Vorstoß der Leipziger CDU-Fraktion zur weiteren digitalen Aufrüstung der Leipziger Schulen. Man darf den Sinn solcher Fixierung auf digitale Geräte natürlich genauso hinterfragen wie die – in der Regel nie mitbedachten – Kosten.

Und da die Debatte auch auf Landesebene vor sich hinschwallt und jeder Politiker, der von Digitalisierung, IT und Breitband redet, schon glaubt, den Fortschritt in die sächsischen Schulen und die Köpfe der Kinder zu pumpen, ist es ganz interessant, dass ab und zu auch mal Landtagsabgeordnete nachfragen, denen die ganzen Zaubereien noch nicht so recht logisch vorkommen.

In diesem Fall war es die fraktionslose Abgeordnete Dr. Kirsten Muster, die nachfragte, was die ganzen Träumereien von der Digitalisierung der Schulen eigentlich kosten würden. Das vergessen ja „fordernde“ Politiker nur zu gern: Irgendjemand muss den Spaß ja bezahlen. Die großen amerikanischen IT-Konzerne machen zwar gewaltig Druck, kaufen sich Lobbyverbände, Fachjournalisten und Politiker, um ihre Technik und ihre oft mehr als fragwürdige Software auch in deutsche Schulen zu drücken. Aber die wollen ja damit vor allem Geschäfte machen bzw. sich die Kundschaft für später heranziehen. Das ganze Getrommel hat mit den wirklichen Grundlagen des Lernens nicht die Bohne zu tun. Es sieht nur irgendwie so aus.

Und da das nun auch wieder im Landtag herumgeistert, wollte die fraktionslose Abgeordnete noch einmal genau wissen, wer für den Spaß dann bezahlen muss, mit dem ein paar IT-Firmen sich ihre goldenen Nasen verdienen.

Die Antwort war so klar wie erwartbar.

„Anschaffung und Wartung sind entsprechend § 23 Absatz 2 Satz 1 und 2 des Sächsischen Schulgesetzes Aufgaben des Schulträgers“, erklärt Kultusminister Christian Piwarz (CDU).

Schulträger aber sind die Kommunen. Im Fall Leipzigs also die Stadt Leipzig. Sie muss die Schulgebäude bauen und instand halten. Und sie muss für ausreichend Lehrbücher, Lehrmaterial, Hausmeister und technische Ausstattung sorgen.

Und was der Traum von der voll digitalisierten Schule kostet, hat zwar die Staatsregierung nicht ausgerechnet. Aber dafür eine Institution, die seit Jahren für die Digitalisierung der Schulen trommelt: die Bertelsmann-Stiftung. Jüngst hat sie – na ja – evaluiert, welche Rolle der Einsatz von Tablets in der Lehrerausbildung in Deutschland spielt.

Dass die CDU in Leipzig jetzt die Anschaffung ganzer Tablet-Klassensätze beantragte, hat ja genau damit zu tun. Die einen wollen ihre Geräte loswerden und den Unterricht immer mehr digitalisieren. Und die anderen hinterfragen die sichtlich gewinngetriebene Gesinnung dahinter nicht. Motto: Digitalisierung ist immer gut.

Oder mit dem vorwurfsvollen Ton der Bertelsmann Stiftung: „Lehrangebote zum pädagogisch sinnvollen Einsatz von Tablet oder Smartboard sind noch immer kein Muss im Studium. Bildungsexperten fordern deshalb, das Arbeiten mit digitalen Medien flächendeckend zum Pflichtbestandteil des Lehramtsstudiums zu machen – für alle Fächer und Schulformen.“

Aha: Bildungsexperten.

Gibt es eigentlich einen einzigen „pädagogisch sinnvollen Einsatz von Tablets“ in der Schule? Einen, der mit anderen Mitteln nicht zu erreichen wäre? Aber eines wissen wir ja aus der Antwort von Piwarz nun: Bezahlen müssten den Spaß die eh schon klammen Kommunen.

Und was die beim Einsatz der Technik berappen müssen, rechnet Piwarz auch vor: „Folgekosten ergeben sich aus den Betriebskosten sowie den Kosten für technische Unterstützung und Wartung. Diese Kosten sind der Anbindung und der Ausstattung der Schule sowie der Anzahl und Struktur der Schulen eines Schulträgers entsprechend sehr unterschiedlich. Der 2017 durch die Bertelsmann Stiftung vorgelegten Modellrechnung im Impulspapier ‚IT-Ausstattung an Schulen‘ kann als Orientierung auf die Folgekosten der Schulträger in großen Teilen gefolgt werden.“

Und danach ergibt sich für eine Modellschule Grundschule ein Aufwand von 90 Euro pro Schüler und Jahr, für eine „Modellschule weiterführende Schule“ ein Aufwand von 160 Euro pro Schüler und Jahr. Im letzteren Fall ging die Stiftung davon aus, dass jeder Schüler auch mit einem eigenen Gerät ausgestattet ist.

Deswegen nehmen wir einfach mal an, der Spaß koste 100 Euro pro Schüler pro Jahr. Dann würden für 50.000 Schüler, die Leipzig ja hat, jedes Jahr zusätzlich 5 Millionen Euro an Kosten anfallen. Bislang kommt man mit etwa dem Zehntel der Summe aus. Die Schulen haben in der Regel PC-Kabinette, die Zahl der Computer, die per Rollout regelmäßig erneuert und gewartet werden müssen, ist überschaubar. Und noch sind auch die Unterrichtseinheiten, die ohne diese technischen Geräte nicht absolviert werden können, überschaubar.

Aber die Lobbyvereine fordern ja auch schon lautstark, die Kinder sollten unbedingt Programmieren lernen …

Noch ist es noch nicht so weit, dass jemand Städten wie Leipzig auch noch diese Kosten aufs Auge drückt.

„Wie in der Konzeption ‚Medienbildung und Digitalisierung in der Schule‘ dargelegt wird, nimmt die Staatsregierung dieses Szenario auch mittelfristig nicht als Regelfall an“, betont Piwarz in Bezug auf die Komplettausstattung der Schulen mit Endgeräten für alle Schüler.

Aber wie lange wird die Politik in Deutschland dem Dauerdruck der großen IT-Konzerne und ihrer Lobbyverbände standhalten? Und wem werden sie dann die Kosten aufs Auge drücken?

Wenn sich die Landesregierung mehr IT in den Schulen wünscht, muss sie dafür auch das Geld bereitstellen

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