Eigentlich ist das, was am 1. September passieren soll, eine Richtungswahl. Eine Wahl, bei der lauter wichtige Zukunftsentscheidungen anstehen. Nur redet darüber kaum jemand. Eins der allerwichtigsten Themen (im Sachsen Monitor sogar die Nr. 1) ist Bildung. Wie kommt Sachsen raus aus seinem verkrusteten Bildungssystem? Und an der Stelle geht ein gewaltiger Riss durch die Parteienlandschaft, wie auch das Bündnis „Gemeinschaftsschule in Sachsen“ feststellen muss.

Der hinter dem Bündnis „Gemeinschaftsschule in Sachsen – Länger gemeinsam Lernen“ stehende Verein „Gemeinsam länger lernen in Sachsen e. V.“ hat im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen diejenigen Parteien, die auf einen (Wieder-)Einzug ins Parlament hoffen können, zu ihrer Haltung zum Volksantrag für die Einführung einer Gemeinschaftsschule befragt.

Drei Parteien – Die Linke, die SPD und Bündnis 90/Die Grünen – sind ja sowieso schon Teil des Bündnisses und natürlich haben sie angekündigt, dem Volksantrag im Landtag auf jeden Fall zustimmen zu wollen.

Doch sie sind weit davon entfernt, in Sachsen eine gemeinsame Regierung bilden zu können. Stattdessen neigen über 20 Prozent der Sachsen zu einem Rechtsrutsch, der Sachsen erst recht zum einem vormodernen Land machen würde. Als hätten ein Viertel der Sachsen panische Angst davor, Zukunft mit klugen Lösungen gemeinsam zu gestalten.

Und dann ist ja da auch noch die dauerregierende CDU, die das Projekt Gemeinschaftsschule klar ablehnt (obwohl auch die Hälfte der CDU-Anhänger dafür plädieren). Begründung der CDU für die Ablehnung: weil „die ausreichende Versorgung mit Lehrerinnen und Lehrern“ nach Meinung der Partei „viel wichtiger als eine Diskussion um das Schulsystem“ sei.

Als würde sich beides völlig ausschließen.

FDP-Spitzenkandidat Holger Zastrow hat bei der Debatte der Spitzenkandidaten auf Einladung der drei sächsischen Print-Tageszeitungen am 21. August in Dresden bekannt, dass er persönlich Sympathien für das längere gemeinsame Lernen hege. Dennoch hat die FDP angekündigt, den Volksantrag im Landtag ablehnen zu wollen. Begründung: „Wir haben in Sachsen zahlreiche Herausforderungen im Bereich Bildung zu bewältigen. […] Das erfordert alles enorme Kraftanstrengungen, und wir halten es angesichts dieser vielfältigen Probleme für absolut kontraproduktiv, zusätzlich auch noch das gesamte Schulsystem umzugestalten. Gegen eine Gemeinschaftsschule als ergänzende Schulform haben wir nichts einzuwenden, aber die gibt es bereits.“

Zastrow, der Märchenerzähler. Denn genau um Letzteres geht es im Volksantrag: Das sächsische Schulgesetz sieht die Gemeinschaftsschule bisher nicht als reguläre Schulform vor.

Und genauso schizophren reagiert die AfD: Die AfD hat sich zwar für ein längeres gemeinsames Lernen bis Klasse 8 ausgesprochen, will aber den Volksantrag ablehnen. Sie begründet das so: „Die Gemeinschaftsschule vermeidet den Schnitt der Bestenauslese. Der Volksantrag will überdies pädagogischen Unsinn wie gemeinsames Lernen bis Klasse 12 oder gar Inklusionsklassen.“

Bestenauslese? Von einer Partei gesagt, die ständig gegen „die Eliten“ schimpft?

Bündniskoordinator Burkhard Naumann sieht jetzt zumindest klare Linien: „Es ist gut, dass die meisten Parteien klar Farbe bekannt haben, wie sie zum Thema längeres gemeinsames Lernen stehen. Wir freuen uns auch sehr darüber, dass es uns gelungen ist, die Gemeinschaftsschule zu einem wichtigen Thema im Wahlkampf zu machen. Die vorgebrachten Argumente gegen den Volksantrag treffen jedoch nicht zu. Eine Mehrheit der Bevölkerung ist für längeres gemeinsames Lernen und verlangt damit eine Diskussion zur Weiterentwicklung des Schulsystems. Ich kann nur wiederholen, dass unser Volksantrag dafür der sanfteste Weg ist. Wir wollen die Gemeinschaftsschule als zusätzliche Option einführen und eben keine Umgestaltung des gesamten Schulsystems. Und natürlich gibt es unterschiedliche Leistungen und Bildungswege. Diese sollen sich jedoch erst mit dem Schulabschluss niederschlagen: Haupt-, Realschulschulabschluss oder Abitur. Eine Auslese nach Klasse 4 entscheidet viel zu früh über den weiteren Weg der Schülerinnen und Schüler.“

Logisch, dass die Landtagswahl am 1. September – auch wenn alle Welt auf die Ergebnisse der AfD starren wird – in Wirklichkeit neben ihrem Charakter als Klimawahl auch eine Richtungswahl über die sächsische Bildungspolitik wird. Mit der Gemeinschaftsschule hätte Sachsen die Gelegenheit, nach eigentlich 30 Jahren Stillstand wieder ein modernes Element in das Bildungssystem einzufügen. Übrigens eines, um das der Freistaat gar nicht umhinkommt, wenn er überhaupt noch genügend Schulen im ländlichen Raum am Leben erhalten will. Denn nur wenn wieder mehr Kinder länger gemeinsam an einer Schule lernen, bleiben Schulstandorte im ländlichen Raum noch länger stabil.

Es geht nicht um rechts oder links bei dieser Wahl, sondern um Stillstand oder Veränderung.

Naumanns Hoffnung: „Wir hoffen, dass die Landtagswahl am 1. September jenen Parteien zu einer Mehrheit verhilft, die unserem Volksantrag zustimmen wollen.“

Jetzt hofft das Bündnis „Gemeinschaftsschule in Sachsen“ auf eine Mehrheit für die Gemeinschaftsschule im Landtag

Wenn die Alternative fehlt: Die „Schicksalswahl“ als Evolutionsbewegung

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Diese Parteien, die rechts im Parlament sitzen, sind übrigens nicht bürgerlich, sondern konservativ. Bürgerlich sind alle Parteien, da sie ein Zusammenschluss von Bürgerinnen und Bürgern sind.
Es ist schon etwas her, da habt ihr das auch mal schön erklärt, wie das mit dem Framing läuft …

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