22 Seiten in 12 Minuten: Leo Leu liest eine „Bild“

Da musste durch, Leo, haben die Kollegen gesagt. Einer muss es machen. Und dann haben sie sich alle ins Wochenende verkrümelt. Montag werden sie braungebrannt und gut erholt kommen und scheinheilig fragen: Na, wie war's? - Kurz war's, werd ich sagen. Wie immer. Ist ja nicht das erste Mal, dass ich versuche, eine "Bild"-Zeitung zu lesen.
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Die hier sollte ja was Besonderes sein. Am Samstag hat der Springer-Verlag alle Haushalte der Bundesrepublik mit einer Sonder-60.-Geburtstags-Zeitung geflutet. „Bild“ für alle. Jedenfalls für alle, die nicht extra protestiert haben. Immerhin 41 Millionen Exemplare. Die hat Kai Diekmann schon zum Guinness-Weltrekord angemeldet, da waren sie noch gar nicht gedruckt. Das ist wie mit einer Abstimmung bei Facebook: Wenn ein paar Hunderttausend sagen „Nee, will ich nich“, hat das trotzdem keinen Effekt. Man wird trotzdem einfach zugeschwappt. Mit 22 Seiten.

„Haste das ganze Wochenende dran zu lesen“, haben die herrlichen Kollegen noch gesagt. Klar, hab ich mir eine Tüte Croissants besorgt bei meiner Lieblingsbäckerin. Ein Päckchen Kaffee extra. Und dann hab ich mich in meinen Lieblingssessel gesetzt. Großes Spickbuch daneben, damit ich mir alles merken kann. Packung Taschentücher, Lupe. Hätte ja sein können, da rührt mich was zu Tränen. In 60 Jahren kommt ja was zusammen. Dachte ich.

Wollte noch meinen Freund Günter anrufen. Hab ich mir aber gedacht: Den rufen die heut alle an. Keiner hat ja über den Laden so gründlich geschrieben wie er. Fast hätte ich erwartet: Wenn „Bild“ 60 Jahre feiert, dann packen die cleveren Buchhändler sich stapelweise Günters Bücher hin. Mindestens „Der Aufmacher“ aus seiner Zeit, als er 1977 drei Monate bei „Bild“ in Hannover gearbeitet hat. Lang ist’s her.
Seitdem habe ich so ungefähr vier, fünf oder sechs „Bild“ gelesen. Einmal aus Neugier. Zwei Mal, weil ich Zahnschmerzen hatte. Einmal mindestens, weil ich die Hoffnung hatte, der großen Überschrift vorne würde hinten auch der Inhalt folgen. Folgte er natürlich nicht.

Meine Begegnungen mit „Bild“ sind jedes Mal obskur. Als wäre ich unverhofft in ein anderes Land geraten, wo man zwar irgendwie die selbe Schriftsprache benutzt, aber sich mit Dingen beschäftigt, die mir im Traum nicht einfallen, seltsamen Leuten, von denen ich nie gehört habe. Und wenn ich von ihnen gehört habe, dann immer mit so einem Gefühl der Befremdung: Warum erzählen die mir das jetzt? – Das hab ich in letzter Zeit öfter. Es verfolgt mich, geb ich zu. Irgendwann im letzten Jahrzehnt hab ich ja meinen letzten Fernsehapparat verschenkt, weil ich das gleiche seltsame Gefühl hatte. Wie aus der Welt gefallen. Auf einmal erzählten mir lauter quietschfidele Kommentatoren von lauter wichtigen Leuten, die sich mit lauter seltsamen Dingen beschäftigten – Fremdgehen, Schönheits-OPs, „Bild“ anrufen.

Heute weiß ich, dass diese Leute überall auftauchen, wo man eben noch ein ernsthaftes mediales Zwiegespräch zu führen glaubte. Auf Seite 4 fand ich ein paar von ihnen. Und sah mich auch diesmal bestätigt: Weiße Haare schützen nicht vor Narretei. Blonde schon lange nicht mehr. Vielleicht muss man eine kindliche Seele haben, um sich in dieser Welt wohl zu fühlen. Kann sein. Oder ein kindisches Verständnis von Humor. Vielleicht hätte ich gackern sollen beim Lesen der kleinen Selbst-Bespaßung: „Wir sind Ente!“

Ist ja nicht einmal die „Bild“-Redaktion, die da „zwinkert“, sondern Donald Duck, also quasi „Micky Maus-Magazin“ oder Egmont Ehapa Verlag. Oh, ich hab meinen Kaffee ganz langsam getrunken. Ich wollte mich nicht ärgern. Ich hatte mir sogar gewünscht, jetzt wirklich mal die besten Geschichten aus 60 Jahren „Bild“ zu lesen. Aber was mit Donald Duck beginnt, geht so weiter. Wer sich in anderen Zeitungen darüber ärgert, dass ein paar Artikel gekauft scheinen, sieht es hier vorgemacht: Sogar die Geburtstags-Artikel hat sich der Springer-Verlag sponsern lassen. Von seinen Lieblings-Freunden – Lidl und so.

Da wusste ich also schon auf Seite 1, dass ich für Sonntag auf jeden Fall nichts mehr zu lesen haben würde. Nicht an diesem Papierhäufchen. Nur auf Seite 2 und 3 hatte ich wieder ein bisschen Hoffnung. Immerhin hat sich Gerhard Schröder augenscheinlich in die Höhle des Löwen getraut und mit Kai Diekmann und Jörg Quoos über sein Leben mit „Bild“ geplaudert. „Warum braucht man zum Regieren Bild, Bams und Glotze, Herr Schröder?“ – Das Hübsche an diesem Interview ist gar nicht mal, dass Schröder – nach all seinen wirklich deftigen Erfahrungen – der „Bild“ ein solches Interview gegeben hat. Und es sieht wirklich wie eins aus. Ein beinah erhellendes, denn man kann schon beinah zuschauen, wie „Bild“ das macht, in jedem Satz, in jeder Situation versucht, immer gut, lernbegierig, besserungswillig da zu stehen.

Nur hat das Weglassen Methode. Immer fehlen die Fortsetzungen der Sätze, die auf „Bild“-Titelseiten so ein-eindeutig aussehen. Schröder: „Diese Schlagzeilen konnten ja nur dadurch zustande kommen, weil ‚Bild‘ immer wieder meine Differenzierungen weggelasen hat …“

Nicht nur seine. Die Welt ist vergesslich. Wer erinnert sich schon an die Differenzierungen? Wenn doch die großen Buchstaben alles so schön auf den Punkt gebracht haben? Nur die Pointen gingen dabei verloren. Die hab ich gesucht in dieser Geburtstagszeitung. Aber auch hier haben sie sich nicht hineinverirrt. Und wenn „Die besten Sätze von Franz Josef Wagner“ so sind, wie sie für Seite 6 ausgesucht wurden, möchte ich die anderen Sätze gar nicht erst kennen lernen. Aber vielleicht schauen die Taxifahrer an der Ecke beim stundenlangen Lesen dieser Zeitung deshalb so grimmig – weil sie die Pointe einfach nicht finden. Oder die ganze Zeit überlegen: Was ist an der Geschichte nun so wichtig, dass sie auf eine ganze Seite ausgewalzt wird? Wen interessieren die „Olympia-Ketten der Nazi-Spiele“? Was ist daran wichtig und aufregend? Dass die eine Kette irgendwo im Devotionalienhandel auftauchte?

Oder diese zwei langweiligen Lotto-Millionäre auf Mallorca, deren Leben ich so wenig leben möchte wie das der Leute auf Seite 4 („Hilfe, wir waren die Bild-Schlagzeile!“), Seite 6 (Die Schweigers, Jahre nach ihrem Ehe-Aus) oder 20 (Boxer Axel Schulz bekommt seinen Weltmeistergürtel endlich geschenkt …)

Viel Eigenwerbung. Ich bin nach 11 Minuten durch. Auf der „letzten Seite“ werden mir noch lauter Überschriften hingehauen, die „Sie auch in 60 Jahren nie lesen“. Aber hier stehen sie. Und sie erzählen alles, wirklich alles, über die Zeitung und ihr Menschen- und Weltbild. Es passt scheinbar richtig viel auf eine Seite, wenn man die Inhalte weglässt und die Differenzierungen. Hier steht auch („In & Out“), was „Bild“ nicht mag: „Langatmigkeit (lieber schnell auf den Punkt kommen), Ein Tag ohne Bild, Bild-Nörgler (die noch nie in unsere Zeitung geschaut haben)“.

Ich hab’s mir zum fünften oder sechsten oder siebenten Mal angetan. Tut mir leid. Es ist dasselbe Gefühl wie vor 20 oder zehn oder fünf Jahren. Die Tasse Kaffee ist leer und ich habe das mulmige Gefühl, wieder eine Viertelstunde mit Leuten verbracht zu haben, mit denen ich nicht mal in der Warteschlange am Eiskiosk stehen möchte. Was nach viel aussah, war schon nach drei Seiten nichts als bunt angemalter Schnickschnack. Die Zeitung ist wie ein Rummelplatz. Nur der Bratwurst-Stand fehlt. Was so wichtig als dicke Überschrift daherkam, war gar nicht da. Hinter dem „schnell auf dem Punkt kommen“ kam auch diesmal nichts mehr.

22 Seiten – und außer den paar Schröder-Antworten auf Seite 2 und 3 tatsächlich nichts, was mir das beschämende Gefühl nimmt, meine Zeit vertan zu haben. Und dieser Klamauk wurde am Samstag in 41 Millionen deutsche Haushalte verteilt. Nicht mal die versprochene Ente war eine Ente. Und wer so lange in dem Gewerk herumläuft wie ich, der weiß, was eine richtig schöne Ente wert ist. Oder ein echtes Augenzwinkern.

Aber das erwarte ich nun wirkklich nicht mehr. Nicht von der nächsten und auch nicht von der übernächsten „Bild“. Ich hole mir jetzt Darwins Fahrt mit der „Beagle“ aus dem Regal, setz mich mit meiner zweiten Tasse Kaffee in die Sonne und verschwinde in die Südsee. – Wenn ich nur an Mallorca denke, wird mir schon schlecht. Sind das wirklich die Träume all dieser Menschen, die sich in der Bild-Barby-Welt zu Hause fühlen?

Heinrich, mir graut vor Dir.

Darwins Fahrt mit der „Beagle“.

Günter Wallraff wird 70.


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