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Im September treffen sich die Wikipedianer zum WikiCon in Leipzig

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    Es ist kein Zufall, dass sich vom 8. bis 10. September in Leipzig eine ganz besondere Spezies zum Kongress trifft. Den man nicht Kongress nennt, sondern Con: WikiCon 2017. Es sind die Wikipedianer, die sich hier nicht nur zum Erfahrungsaustausch treffen. Das sind die Leute, die die größte Online-Enzyklopädie der Welt Monat für Monat mit neuen Texten füllen, vorhandene aktualisieren, andere auch schon mal löschen. Denn mitschreiben darf eigentlich jeder.

    Ob es auch jeder kann, ist eine gar nicht unwichtige Frage. Immer wieder machen ja auch Geschichten die Runde, nach denen Firmen, Politiker oder seltsame Lobbygruppen versuchen, ihre Sicht auf die Welt in der Wikipedia einzuschmuggeln. Was meistens auffliegt, eben weil Änderungen stets redaktionell bearbeitet werden.

    Freilich ist auch der Korrektor nur so gut, wie er im Stoff steht. Und das ist bei Wikipedia eine Menge Stoff: Derzeit meldet allein die deutschsprachige Wikipedia 2.092.772 Artikel, die seit Mai 2001, dem Start des Online-Lexikons, geschrieben wurden. Wobei die Online-Nutzer mit dem Elefantengedächtnis sich sogar noch daran erinnern, dass alles 2000 mit einem Projekt namens Nupedia begann.

    Heute gehört die internationale Wikipedia zu den am meisten aufgerufenen Websites der Welt – meist irgendwo zwischen Rang 5 und 6 der meistaufgerufenen Websites zu finden. Sie steht wie kein anderes Projekt im Netz für eine Kultur des freien Zugangs zu Wissen. Was auch Schattenseiten hat. Denn wenn Wissen in dieser Menge und Qualität frei verfügbar ist, rechnen sich klassische Modelle der Wissensvermarktung nicht mehr. „Nupedia hatte mit der Encyclopædia Britannica einen großen Konkurrenten“, kann man zum Beispiel lesen. Natürlich bei Wikipedia.

    Und die Encyclopædia Britannica war eher da, hatte auch als erste eine digitale Variante auf CD-Rom und hat auch eine Digitalvariante im Netz aufgebaut, an der 4.000 oft hochkarätige Autoren mitgeschrieben haben. Die Online-Britannica gibt es noch. Aber von den 32 Bänden der gedruckten Enzyklopädie müssen sich auch die Schotten und Briten verabschieden. Wikipedia: „Am 13. März 2012 wurde die endgültige Einstellung der gedruckten Britannica und die vollständige Konzentration auf die digitalen Angebote bekanntgegeben.“

    Genauso war es ja auch in Deutschland, wo die Konkurrenz immerhin Brockhaus hieß. Einst eines der Standardprodukte aus der Buchstadt Leipzig, bis der Verlag verkauft und die Leipziger Dependance geschlossen wurde. Wikipedia zum Finale: „Am 11. Juni 2013 wurde bekannt, Bertelsmann wolle den Verlag schließen und die Brockhaus Enzyklopädie solle zunächst nur noch als Onlineausgabe erscheinen.“

    So ist es auch gekommen.

    Wer heute schnell griffbereites Wissen sucht, stellt sich auch keinen 32-bändigen Brockhaus mehr ins Regal. Auch weil ein gedrucktes Lexikon einen enormen Nachteil hat: Es kann nicht aktualisiert werden. Was gerade in einem Zeitalter der rasanten Entwicklung von Wissenschaft und Technik ein enormer Nachteil ist. Wenn es um Politik und Zeitgeschehen geht, erst recht. Und erst recht, wenn es um eine Art Vollständigkeit geht. Im Format von Britannica-Bänden gedruckt, würde die deutschsprachige Wikipedia mittlerweile 1.221 Bände füllen.

    Aber das erzeugt auch Handlungsdruck. Denn das Web entwickelt sich weiter, die Nutzergewohnheiten ändern sich, die Ansprüche steigen. Deswegen treffen sich die ehrenamtlichen Autoren der Wikipedia regelmäßig, um konzentriert über einige wichtige Themen, die das Projekt betreffen, zu sprechen. Diese WikiCons werden natürlich auch genutzt, um mit öffentlichen Foren auch die interessierten Bewohner der Stadt anzulocken. Und sie sind eine Einladung an alle, die schon mit dem Gedanken spielen, selbst zum Wikipedia-Autor zu werden und zu erfahren, wie man es wird.

    Als Veranstaltungsort dient der Leipziger KUBUS, das Konferenz- und Bildungszentrum des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ). Auch das ist kein Zufall. Denn eines der Projekte, die auf dem WikiCon besprochen werden, ist ein Projekt, an dem auch das Umweltforschungszentrum mitarbeitet. Gleich am Freitag, 8.September, wird es vorgestellt: „Lebendiger Atlas – Natur Deutschland. Vernetzen, sichtbar machen, Wissen schaffen“.

    Der Atlas ist die große Vision, alles, was in Deutschland an Forschung und Initiativen zu Natur und Umwelt existiert und publiziert, auf einer Plattform zu vernetzen, sichtbar und handhabbar zu machen. Von der Idee her also ein riesiges Natur-Forschungs-Wiki, über das auch alle wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die öffentlich zugänglich sind, verfügbar gemacht werden.

    Wie man mit solchen Mengen Stoff umgehen kann, weiß man ja bei Wikipedia. Wo man freilich auch Erfahrungen sammelt, dass bestimmte Dinge, die eigentlich logisch sind und naheliegend, doch nicht so funktionieren wie gedacht. Das wird zum Beispiel am Thema Wikiquote durchexerziert. („Wikiquote: Das lange sterben eines Schwesterprojekts.“) Das ist die Zitatensammlung der Wikipedia, die von den Nutzern auch emsig frequentiert wird, weil Zitate hier wirklich wissenschaftlich dargeboten werden – mit klarem Quellenhinweis.

    Das Problem aber ist: Dazu braucht man Profileser, die sich das Werk einzelner Autoren systematisch vornehmen und die ganzen zitierfähigen Sätze säuberlich herausfiltern. Wikiquote aber gehen diese Profileser aus. Was tun?

    Gerade weil verlässliche Quellen in unserer Zeit immer wichtiger werden, wo selbst gewählte Präsidenten glauben, sie könnten sich ihre eigene Wahrheit zusammenschustern.

    Logisch, dass es am Samstag, 9. September, um 17 Uhr auch eine Podiumsdiskussion zur „Krise des Faktischen“ gibt. Untertitel: „Geburtswehen einer vernetzten Gesellschaft“.

    Und als erste Zustandsbeschreibung: „Lügenpresse, Alternative Fakten, Verschwörungstheorie und Hate Speech – die (digitale) Welt scheint aus den Fugen. Warum prallen im Netz Weltbilder aufeinander? Woher kommt all dieser der Hass, die wüsten Theorien und die Ablehnung der Eliten? Und welche Rolle spielt die Wikipedia in dieser Entwicklung?“

    Man merkt schon bei diesen Stichpunkten: Nicht das Faktische ist in der Krise, schon gar nicht verwandelt es sich in etwas Postfaktisches. Aber eine Menge Leute nutzt die unendlichen Weiten des Internets dazu, um Lügen, Verschwörungstheorien, Hass und Verleumdung zu verbreiten. Vor der Erfindung des Internets hatten sie diese Plattform einfach nicht. Da hatten die Spinner aus allen Ecken der Welt auch nicht die Möglichkeit, sich derart weltweit zu vernetzen und den Anschein zu erwecken, ihre Kopfgeburten hätten etwas mit Fakten und Realität zu tun.

    Aber gerade die sogenannten „social media“ haben ihnen diese Basis gegeben. Und da sie fortwährend lamentieren, schreien und pöbeln, haben sie die ganze Aufmerksamkeit für sich. Während die ernsthaften Menschen lieber erst mal bei Wikipedia nachschauen, ob das stimmt, was da in die Welt hinausposaunt wurde. Wo man noch lange nicht alles über alles findet. Deswegen sucht Wikipedia auch immer wieder neue Autoren. Für die ist der WikiCon ein Anknüpfungspunkt.

    Wikipedia-Neulinge können im öffentlich zugänglichen Forum des Freien Wissens kostenfrei in das Arbeiten in der Wikipedia hineinschnuppern. Am Samstag von 10 bis 18 Uhr erfahren Interessierte mehr über Wikipedia-Projekte und weitere Initiativen des Freien Wissens. Über den Tag verteilt finden zweistündlich Einführungskurse zur Mitarbeit an der Wikipedia statt, es werden erste Übungen durchgeführt und erfahrene Autorinnen und Autoren werden für Fragen zur Verfügung stehen. Neulinge und angehende Autoren, die die ersten Schritte bei der Bearbeitung von Artikeln in Begleitung erfahrener Nutzender machen möchten, sind dazu herzlich eingeladen. Zudem können digitale Fotos oder Dias mitgebracht werden. Diese können unter Anleitung vor Ort hochgeladen werden, um sie für die Wikipedia nutzbar zu machen. Dazu ist das Mitbringen eigener Geräte erwünscht.

    Und dazu gibt es dann dutzende Workshops und Vorträge, die sich mit den offenen Baustellen auf der Wikipedia beschäftigen. Wie eben Wikiquote.

    Wo wir natürlich gleich mal geschaut haben, wie viel es dort von Mark Twain zu finden gibt, der ja nun der Produzent richtig guter Zitate per se war. Man findet nicht mal alle seine wichtigsten Bücher. Es fehlt also auch hier eindeutig der Profileser, der den ganzen Mark Twain durchforstet.

    Aber selbst die Sprüche, die es in die Wikiquote geschafft haben, sind das Finden wert. So wie dieser: „Erzähl Leuten, die dich kennen, kein Anglerlatein und schon gar nicht Leuten, die die Fische kennen.“ Guck erst mal ins Online-Lexikon.

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