10.6 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Im Jahr 1 der Kriegserklärung von Facebook an alle klassischen Medien

Anzeige
Werbung

Mehr zum Thema

Mehr
    Anzeige
    Werbung

    Zeitungen müssen sich ändern. Sie müssen da prägnanter werden, wo die Massenmedien zerfasern, weil die Jagd nach Quote und Aufmerksamkeit ihre Grundlagen zerfrisst. Das war eine nicht ganz unwichtige Erkenntnis aus diesem seltsamen Jahr 2017, das am Ende noch viel schräger wurde, als anfangs zu erwarten war. Facebook hat ja bekanntlich ganz offiziell den Krieg gegen die klassischen Medien ausgerufen.

    Gelernt hat Mark Zuckerberg aus seinem Trump-Problem tatsächlich nichts. Oder er stellt sich doof und hat trotzdem was draus gelernt – wie man nämlich sein aus Algorithmen bebautes Netzwerk dazu nutzen kann, Informationen zu steuern.

    Und zwar im eigenen Interesse zu steuern – und noch mehr Geld damit zu verdienen. Und der wichtigste Schritt – Donald Trump hat es ihm ja vorgemacht – ist dabei, die Medien aus dem Prozess der öffentlichen Willensbildung auszuschließen, sie regelrecht rauszuschmeißen und dann, wenn die weiter versuchen, kritisch zu hinterfragen, was der Politiker Trump tut, zu diffamieren, ihnen „Fakenews“ zu unterstellen und sie öffentlich als verlogen und gesteuert zu verleumden.

    Denn die „social media“ machen es möglich: Sie schaffen auch Marktmacht in der Willensbildung. Wer in seinem Reich kontrolliert, welche Fakten gelten und welche nicht und welche Meinungen erwünscht sind und welche nicht, der schafft sich ein Monopol, wie es sich Stalin, Ulbricht und Honecker nur wünschen konnten – und nie bekamen. Nicht wirklich.

    Nur dass Zuckerberg das so offen nie zugeben würde. Er macht es einfach, indem er in seinem Refugium – und Facebook ist nach wie vor eine private Seite, auch wenn die meisten Nutzer glauben, es sei ein geschenkter Gaul – dafür sorgt, dass es keine Störenfriede mehr gibt. Er verwandelt klassische Medien in „Kunden“. Wenn sie in seinem Netzwerk mit ihren Nachrichten (oder auch den wirklich hart erarbeiteten Storys) überhaupt noch wahrgenommen werden wollen, müssen sie sich mittlerweile einkaufen und für „gesponserte Posts“ bezahlen, um in die Newsanzeige der Leser zu gelangen.

    Das klassische Medienmodell wird von Zuckerberg völlig auf den Kopf gestellt.

    Mit der Folge natürlich, dass sich einkaufen kann, wer mehr Geld in der Kasse hat. Geld bestimmt künftig Aufmerksamkeit.

    Für kleine, wirklich engagierte Medien ist das der digitale Tod. Ihre Meldungen tauchen nicht mehr auf – es sei denn, sie werden von den Nutzern aufgriffen und dann über die eigenen Kontakte weiterverteilt. Aber wer macht das schon, wenn das Zeug so gar nicht kreischend, sensationell oder skandalös ist – sondern „nur“ informativ, nachdenklich, voller Fakten, womit Normalabgänger westlicher Bildungssysteme sowieso nichts (mehr) anfangen können.

    Dass Trump so einen Erfolg beim Nutzen der Netzwerke hatte, hat einen schlichten Grund: Sein Stoff war marktgängiger. Er sprach nicht den Intellekt der Nutzer an, sondern die Emotionen – die Wut, das Misstrauen, den Neid, die Gier …

    Oder mit den Worten des Historikers Niall Ferguson, den die „Zeit“ kurz vor Weihnachten interviewt hat: „Jedes Netzwerk fordert seine User zur Teilnahme auf, und dort kriegen sie umso mehr Aufmerksamkeit, je auffälliger sie sich zu Wort melden. Mit anderen Worten, je größer der Blödsinn, umso größer die Chance, dass er viral geht. Mit jedem emotionalen oder moralisch besetzten Wort in einem Tweet steigen die Chancen der Weiterverbreitung um zwanzig Prozent. Bei Twitter betreten Sie also automatisch eine Sphäre des latenten Extremismus, der per Newsfeed über Facebook weiterverbreitet wird. 45 Prozent aller Amerikaner bezeichnen Facebook als ihre wesentliche Nachrichtenquelle, und damit zerstört Facebook die Demokratie.“

    Berührt das die Arbeit klassischer Medien?

    Ja. Denn Facebook and Friends haben sich durch ihre konsequent ausgebaute Aufmerksamkeitsökonomie (und die Vorgaukelei, alles, was sie tun, sei „kostenlos“) zu Gatekeepern entwickelt: Millionen Menschen holen sich ihre Nachrichten nur noch aus den sozialen Netzwerken. Was dort als Information in ihren durch Algorithmen verstärkten Filterblasen nicht mehr auftaucht, existiert für sie nicht mehr.

    Wer in so einer Welt lebt, merkt nicht mehr, was fehlt.

    Der merkt auch nicht mehr, dass er über wichtige gesellschaftliche Themen nicht mehr informiert ist. Er erfährt irgendetwas darüber. Irgendetwas suppt immer durch. Aber er lernt weder die Meinungen anderer politischer oder gesellschaftlicher Gruppen noch kennen, noch die differenzierten Sichten verschiedener Parteien, Institutionen oder Medien.

    Die Chinesen haben übrigens längst erkannt, wie gut Big Data zu Diktatur und Zensur passt. Wenn Menschen nur noch über diese Netzwerke Informationen bekommen, kann man nicht nur alles kontrollieren, was sie abrufen und tun im Netz, man kann auch dafür sorgen, dass sie nur noch bestimmte Informationen bekommen. Man kann auch die Wirklichkeit verfälschen. Nicht nur die Geschichte, wie George Orwell in „1984“ noch befürchtete, auch die Gegenwart.

    Wozu man natürlich die (gedruckten) Zeitungen erst mal eliminieren muss. Und die Bücher verbrennen, wie schon Hitler wusste.

    Die Bücherverbrennung wird immer gern als Verbrechen an den liberalen Autoren Deutschlands beschrieben. In Wirklichkeit war sie die Frühform heutiger Algorithmen: Wer den vollen Zugriff auf das bekommt, was Menschen in einem Land noch wahrnehmen dürfen, der kann das Selbstbild einer Gesellschaft verändern.

    Die „Gleichschaltung“ im Nazi-Reich (und in allen stalinistischen Staatsmodellen) war ein gewaltiger Versuch, auch das Denken einer Gesellschaft zu beherrschen, bis in die Köpfe hinein zu walten.

    Und disruptive Unternehmen wie Facebook ticken natürlich genauso. Denn ihr Ziel ist das Pendant zur gesellschaftlichen Diktatur – das Monopol. Und zwar über Märkte, an deren Monopolisierung nicht einmal ein Bismarck gedacht hätte, weil es ihm unvorstellbar gewesen wäre: die öffentliche Meinungsbildung. Wer das anstrebt, der will das gesellschaftliche Meinungsmonopol, der will den „Meinungsmarkt“ komplett monopolisieren.

    Genau das strebt ja ein Mark Zuckerberg an, wenn er Medien wie Kunden behandelt. Die bitteschön bezahlen möchten dafür, dass ihre Arbeitsergebnisse überhaupt noch wahrgenommen werden. So verwandelt er die in seinem Netz eh schon privatisierte Öffentlichkeit in eine, in der Katzenbilder, Enthauptungen und Verschwörungstheorien von vornherein besser behandelt werden als Artikel aus der „New York Times“, dem „Guardian“ oder der „Zeit“.

    Er macht zwar mit jedem Aufruf, jedem Klick, jedem „Gefällt mir“ Geld, weil er jede Interaktion für Cent-Beträge in Werbeumsatz verwandeln kann (den er den klassischen Medien ebenfalls schon abgejagt hat, weil keine klassische Zeitung mit Millionen- oder Milliarden-Nutzern aufwarten kann und deshalb auch keine Cent-Werbungen verkaufen kann), aber von just den „alten Medien“, denen er eben die Werbeumsätze abgejagt hat, verlangt er jetzt auch noch Geld, damit deren Arbeit in seinem riesigen Netzwerk überhaupt noch irgendwo wahrgenommen wird.

    Logisch, dass sie längst allesamt ratlos sind, denn so ganz unsinnig ist ja ihr selbst auferlegter Auftrag, wirklich emsig an einer möglichst objektiven Meinungsbildung der Gesellschaft mitzuwirken, nicht. Einige nehmen ihn nach wie vor ernst.

    Andere machen dieselbe Aufmerksamkeitshatz mit, die Facebook betreibt

    Ferguson bezweifelt zu Recht, dass die von Facebook nun eingekauften Putztruppen irgendetwas an der Dominanz von Hass, Gewalt, Häme, Lüge und Dummheit bei Facebook ändern. Solange Facebook und seine ebenso disruptiven Brüder nicht für alles (wirklich alles), was sie senden, in Haftung genommen werden wie jedes klassische Medium auch, solange werden schon allein diese stillen und bescheidenen Wünsche des Herrn Zuckerberg, sein Netzwerk zum Informationsmonopolisten zu machen, dazu führen, dass unsere Gesellschaften sich in Zeitbomben verwandeln.

    Ferguson: „Die Nichthaftung für Netzinhalte ist der Schlüssel. Nur wenn man Facebook und Google für die Verbreitung von Extremismus und Fake-News haftbar macht, kann man das Problem ernsthaft angehen.“

    Schon bei dem Satz sieht man sämtliche Justizminister der westlichen Staaten erschrocken in Deckung gehen. Wer wird sich mit diesem Giganten anlegen wollen, wenn man nicht mal in Europa zu einem gemeinsamen Vorgehen kommt?

    Die Folge könnte durchaus so etwas Ähnliches sein, was Ray Bradbury in „Fahrenheit 451“ schildert. Aus dem freundlichen Willen, aus dem öffentlichen Raum einer einstmals freien Gesellschaft ein Informationsmonopol zu machen, wird eine Diktatur geboren, in der diejenigen die Macht erlangen, die die wenigsten Skrupel dabei haben, die Menschen zu belügen und mit Fakes abzufüllen, bis sie auch noch den allergrößten Blödsinn glauben.

    In diesem Raum kann man als Zeitung nicht gegenhalten. Das ist unmöglich. Die so fein auf Umsatz getrimmten Algorithmen befördern den Extremismus in allen seinen Formen. Sie machen selbst Menschen zu Extremisten, die bei einer leidlich austarierten Information mit einer ganz normalen Tageszeitung noch ganz auskömmliche Zeitgenossen wären, die wenigstens noch akzeptieren, dass andere anders ticken.

    Bei Facebook treffen die braven Couchpotatoes nicht mehr auf andere Meinungen. Und wenn, dann in einem Shitstorm ihrer Freunde, die mit Lust (und traffic) herfallen über das arme Würstchen, das sich getraut hat, Widerrede zu leisten.

    Das, was wir derzeit in vielerlei Form als digitales Trollen, Mobben und Lynchen erleben.

    Herzlich willkommen im Jahr 1 der Kriegserklärung des Mark Zuckerberg an alle klassischen Medien.

    Die ganze Serie „Medien machen in Fakenews-Zeiten“.

    Topthemen

    - Werbung -

    Aktuell auf LZ

    Anzeige
    Anzeige