Medienwissenschaftler der HTWK Leipzig träumen noch ein bisschen von Bürgerreportern im Lokaljournalismus

Für alle LeserEs könnte so schön sein. Mindestens 20 Jahre alt sind die Träume vom Bürgerjournalisten, der den professionellen Redaktionen hilft, das richtige Leben vor Ort abzubilden. Begonnen hat ihn einst die BILD und andere – und es wieder gelassen. Mit mehreren Projekten zu dem Thema hat sich nun auch die HTWK Leipzig beschäftigt. Hätte ja klappen können. Aber wie zieht man Bilanz für einen Versuch, der nur mit lauter Hoffnung endet?

„Die Zukunft des professionellen Journalismus könnte im klugen Einbinden von Bürgerjournalisten und partizipativen Formaten liegen“, formuliert die Medienprofessorin Gabriele Hooffacker die Ergebnisse ihrer Forschung zur Zukunft des Lokaljournalismus an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK Leipzig). Gemeinsam mit ihrem Kollegen Prof. Uwe Kulisch und Masterstudierenden hat sie über mehrere Jahre hinweg die Zusammenarbeit von lokalen Fernsehredaktionen und Bürgerreportern untersucht.

Die Ergebnisse wurden jetzt in der Fachzeitschrift „Journalistik“ online veröffentlicht. Aus der Sicht der Hochschulstudios sieht alles relativ einfach aus. Denn „wenn das Publikum aktiv Inhalte beisteuert, ist die Zuschauerbindung höher. Gleichzeitig bindet es die Bürgerinnen und Bürger stärker ins lokalpolitische Geschehen ein“, versucht Uwe Kulisch den Ansatz zu erklären. In mehreren Lehrforschungsprojekten hatten Studierende neue journalistische Formate für den partizipativen TV-Journalismus entwickelt. Die Bandbreite reichte vom Zuliefern von Rohmaterial, das noch geschnitten und bearbeitet werden muss, bis zur Produktion ganzer Fernsehbeiträge mit eigenem Sendeplatz.

Wobei zwischendurch zu bemerken ist: Die HTWK bildet die technische Seite des Medienmachens aus, nicht die inhaltliche.

Wer sich erinnert: Das Haupttestfeld von solcher Art journalistischer Arbeit war seit 2008 der Sender „info tv“. Den gibt es seit 2016 nicht mehr. Damals wurde er komplett vom Platzhirsch „Leipzig Fernsehen“ übernommen, die Marke verschwand und damit auch die durchaus frischen und jungen Sendeformate.

Formate, die beim Publikum gut ankommen könnten. Sie haben nur ein Problem: Sie lassen sich nicht verkaufen. Schon gar nicht in einer Umgebung, in der Lokalsender massiv darauf angewiesen sind, bei regionalen Werbekunden Geld einzusammeln. Regionalsender bekommen in Sachsen zwar Unterstützung durch die Landesmedienanstalt. Aber damit sind in der Regel nur Leitungen und Ausstattung finanziert.

Die Leute, die dann das Programm produzieren sollen, müssen in der Regel extra finanziert werden. Was leichter ist, wenn gerade angehende Medienfachleute hier ihr Handwerkszeug lernen und quasi kostenlos mit- und zuarbeiten. Da sie es aber neben dem Studium tun, fehlt meist die Zeit für aufwendige Recherchen und anspruchsvollere Formate.

Die Zeit der breiten Lokalsenderlandschaft ist längst vorbei

Die Sender sind von Anfang an in der Klemme. Und waren es auch in Sachsen immer. Auch „Leipzig Fernsehen“ hat schon mehrere Rumpelstrecken hinter sich und deshalb schon seit einigen Jahren massiv auf Werbeformate gesetzt – was am Ende nicht verhinderte, dass der Lokalsender seine Eigenständigkeit verlor und schon 2015 mit dem Hause LVZ verschmolz. Man zog auch gleich mit ein ins Haus am Peterssteinweg.

Womit der HTWK im Grunde der Partnersender für journalistische TV-Projekte abhanden kam. Logisch, dass damit auch entsprechende Forschungsprojekte ein Ende fanden. Auch wenn die Zuversicht blieb, es könnte doch funktionierende Schnittstellen zwischen (professionellen) Redaktionen und Bürgerreportern geben.

„Das Smartphone mit seinen vielen Möglichkeiten unterstützt die Produktion von Video-Beiträgen“, meint Gabriele Hooffacker. „Vor allem aber werden Themen und Formate entwickelt, die den klassischen Journalismus ergänzen, nicht ihn ersetzen sollen.“

Aber die HTWK formuliert selbst, dass dafür im Grunde die wirtschaftliche Basis fehlt: „Doch die Bedürfnisse der Lokalsender und der partizipativ tätigen Bürgerreporter passen nicht immer zusammen: Das Interesse der Bürgerinnen und Bürger ist groß, aber die lokalen Fernsehredaktionen haben wenig Ressourcen für das Betreuen der Bürgerjournalisten. Sie erwarten vor allem professionelle Zuarbeit.

Zudem haben sie teilweise Vorbehalte gegenüber dem mobilen Journalismus. Dagegen sehen sich lokale Online-Plattformen und Blogs als Ergänzung zum klassischen Journalismus. Im nächsten Schritt untersuchen die Wissenschaftler deshalb den Workflow zwischen Bürgerreportern mit Smartphones und den Redaktionen.“

Uwe Kulisch erhofft sich davon: „So sollen Abläufe und Modelle für das Einbinden partizipativer Formate entwickelt werden, die auch auf die Praxis lokaler Fernsehsender übertragbar sind.“

Die Liste ist hübsch, weil sie tatsächlich zeigt, dass es so nicht funktionieren kann. „Wenig Ressourcen für das Betreuen der Bürgerjournalisten“ bedeutet nun einmal in der Realität: gar keine Ressourcen. Man betreut „Bürgerreporter“ nicht einfach noch so nebenbei. So funktionieren Redaktionen nicht: Bürgerreporter brauchen sogar mehr Betreuung als professionelle Mitarbeiter. Denn wenn ihre Beiträge journalistisch Sinn machen sollen, müssen sie dieselben Kriterien erfüllen: Stimmen die Fakten, Personen- und Datumsangaben? Ist das mit dem Smartphone Aufgenommene authentisch? Was ist tatsächlich zu sehen?

Wer als Journalist unterwegs ist weiß, dass man zur Verifizierung erst mal einige Leute fragen muss. Nicht bloß die, die zufällig vor Ort herumstehen. Man muss das Gesehene einordnen und werten. Mit dem Empfangen des Rohmaterials fängt die Arbeit erst an.

Bei einigen Redaktionen hört sie da heute schon auf. Aber das kann ja nicht der Maßstab sein.

Heißt im Klartext: Bürgerreporter machen in Redaktionen erst einmal mehr Arbeit

Sie brauchen konkrete Ansprechpartner, die „ihre Bürgerjournalisten“ mit der Zeit dazu bringen, journalistisch zu denken. Was eigentlich eine Ausbildungstätigkeit ist. Denn alle Erfahrungen zeigen: Selbst die aufmerksamen Mitbürger, die gern bürgerreportern möchten, wissen nicht wirklich, wie Journalisten denken müssen. Es beginnt schon beim Erkennen der Geschichte selbst – außerhalb von Verkehrsunfällen – wenn sie vor einem steht oder sich anbahnt. Das lernt man nicht mal nebenbei.

Aber wie die HTWK andeutet: In den lokalen Fernsehredaktionen fehlen dazu schlicht die Leute.

Und hinter der Erwartung von „professioneller Zuarbeit“ steckt auch die Erfahrung, dass die meisten Leute Dinge für wichtig und sendenswert halten, die es gar nicht sind. Das mag auf diversen Blogs lustig aussehen, hat aber in der täglichen Berichterstattung meist keine Relevanz. Was auch Bürgerreporter schnell enttäuscht sein lässt: Da geben sie sich solche Mühe, und dann will keiner das „Material“.

Also ziehen sich die Medienforscher an der HTWK wieder auf den technischen Teil der Sache zurück und wollen jetzt den Workflow zwischen Bürgerreportern mit Smartphones und den Redaktionen verbessern. Was leider an den Grundbedingungen gar nichts ändert. Am anderen Ende muss eben doch wieder jemand sitzen, der zurückfragt, der gegencheckt und Hintergrundinformationen sucht. Ein Jemand, der in der Regel nicht (mehr) da ist.

Also landen all die neuen Bürgerreporterbeiträge auch eher nicht auf „lokalen Online-Plattformen und Blogs“, von denen die Medienforscher glauben, die würden sich „als Ergänzung zum klassischen Journalismus“ sehen, sondern ganz woanders, dort nämlich, wo man schnell die größte Aufmerksamkeit für die wildesten Sachsen bekommt: in den sozialen Netzwerken. Da spielt schon seit Jahren die „Bürgerreporter“-Musik. Mit zum Teil fatalen Folgen für die seriöse Berichterstattung und die öffentliche Diskussion. Eben weil niemand gegencheckt, einordnet und prüft.

Die eigentlich Triebkraft für das, was heute alle so närrisch macht, ist die sogenannte „Aufmerksamkeits-Ökonomie“, in der Lokalsender (aller Couleur von Netz bis On Air) durchaus eine Rolle spielen würden, wenn sie mit mehr Leuten arbeiten und mutigere Formate entwickeln könnten. Das mit den Bürgerreportern funktioniert erst, wenn man die durchaus interessierten Bürger auch professionell betreuen kann.

Und noch ein Irrtum …

Es sind nicht immer dieselben Bürger, die spannenden Stoff zu senden hätten. Es sind jedes Mal andere. Bürgerreporter laufen nicht den ganzen Tag draußen rum und suchen Geschichten. Die meisten haben selbst ein vollwertiges Berufsleben und stoßen nur zufällig auf Ereignisse, die sich zu senden lohnen. Und dann braucht es eine Betreuung, die wieder ganz bei Null anfängt.

Auch deshalb docken sie eher nicht bei klassischen Redaktionen an, sondern „senden“ selbst – unredigiert – auf Facebook, Youtube & Co.

Und was ist mit den Leuten, die gern Formate produzieren möchten für ihr regionales Medium? Die sind eben keine klassischen Bürgerreporter, sondern schon auf dem Weg zu journalistischen Mitarbeitern, die auch das Handwerkszeug lernen wollen. Aber die wiederum sind selten genug.

Und: Auch sie brauchen Betreuung. Mit kerngeschrumpften Redaktionen ist das nicht mehr zu bewältigen. Da helfen auch die schönsten technischen Lösungen nichts.

Gabriele Hooffacker (Jahrgang 1959) ist Professorin für Medienadäquate Inhalteaufbereitung an der HTWK Leipzig. Seit 2006 gibt sie die Lehrbuch-Reihe „Journalistische Praxis“ heraus. Hooffacker ist außerdem Mitgründerin und Mitherausgeberin der Fachzeitschrift „Journalistik“. Uwe Kulisch ist Professor für Elektronische Mediensystemtechnik an der HTWK Leipzig. Seit 2006 ist er Dekan der Fakultät Medien.

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