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Die eigentlich unersetzbare Rolle der Journalisten als Spielverderber

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    Nach Weihnachten gab es ja bekanntlich den jüngsten Chaos Computer Congress auf der Leipziger Messe. Dort hielt der junge IT-Experte David Kriesel auch einen Vortrag über die Verspätungen der Deutschen Bahn. Er erzählte, wie er die Daten sammelte und auswertete. Und die „Zeit“ bat ihn dann zum Interview, um zu erzählen, wie er das gemacht hatte und was das für die DB AG bedeutet. Aber am Ende stellte die Interviewerin Lisa Hegemann eine entscheidende Frage nicht. Und bekam trotzdem eine Antwort.

    Denn auch bei der „Zeit“ steckt man in Denkblasen fest. Nach Jahren des Bahn-Bashings und der Drama-Geschichten um Zugausfälle, Verspätungen und jüngst den Lapsus der DB-Pressestelle mit ihrer völlig verpeilten Reaktion auf einen Tweet von Greta Thunberg merkt man auch Lisa Hegeman an, dass sie tief im Talkshow-Modus steckt. Sie sagte: „In Ihrem Vortrag haben Sie gesagt, Sie wollten kein Bahn-Bashing betreiben, nicht einfach nur draufhauen. Trotzdem dürfte die Bahn nicht sehr erfreut sein, schließlich ist gerade die Ausfallquote nicht günstig für sie.“

    Seit wann interessiert Journalisten, ob ein Mobilitätsdienstleiter „erfreut“ ist? Geht’s noch? Natürlich hat es sich in Chefetagen und Pressestellen eingeschlichen, sich immerfort beleidigt zu fühlen und sich jede Kritik zu verbitten. Oder Kritik mit solch geölten Worten abblitzen zu lassen, dass öffentlich der Eindruck entsteht, Medien würden ihre Befugnisse überschreiten, wenn sie fundamentale Kritik vorbringen. Als wäre das irgendwie obszön.

    Obwohl David Kriesel überhaupt nichts Obszönes vorgetragen hat. Im Gegenteil: Er hat sein Datenmaterial mit dem Material abgeglichen, das die Bahn inzwischen selbst systematisch erhebt, um überhaupt noch einen Überblick über Verspätungen und Zugausfälle zu bekommen. Er hat das getan, was normalerweise die Steuereinheit eines Konzerns machen muss, um Schwachstellen zu ermitteln und daraus Reparaturpläne zu entwickeln.

    Wir leben ja in einer Ära, in der alle von smarten Technologien reden. Aber wenn mal einer reinleuchtet ins Uhrwerk, stellt sich heraus: In Wirklichkeit wird noch genauso handwerklich gearbeitet wie 1994.

    Die ganze Schönwetterrederei über neue Technologien ist wirklich nichts anderes. Auch weil die meisten Leute gar nicht gelernt haben, über Technologiefolgen oder auch nur Technologienutzen nachzudenken.

    Auch Journalisten und Medienbosse nicht. Man arbeitet ja stur daraufhin, den „Roboterjournalismus“ zu etablieren und all die Leute überflüssig zu machen, die ihren Kopf im System noch dazu benutzen, sich die entscheidenden Fragen zu stellen: Stimmt das denn? Und wo finde ich die richtigen Zahlen?

    Nicht die Interviewerin ist journalistisch an das Thema herangegangen, sondern der Programmierer David Kriesel.

    Auf den oben zitierten Einwand antwortete er unter anderem so: „In meinem Vortrag auf dem 36C3 habe ich genau zu diesem Thema ein Schlusswort gehalten. Mir ist wichtig, die Leute zu inspirieren, in einer Zeit, in der ,gefühlte Wahrheiten‘ sehr viel gelten, genauer hinzuschauen und eigene Analysen zu starten. Wenn ich mir eine Sache aussuchen müsste, für die das nun zu Ende gehende Jahrzehnt steht, dann ist das der Aufstieg der Empörten. Wenn ein paar derjenigen, die sich heute im Internet einfach nur empören, im nächsten Jahrzehnt zur unaufgeregten Analyse übergehen, und dabei auch anerkennen, wenn die eigene gefühlte Wahrheit nicht stimmt, haben wir gesellschaftlich unglaublich viel gewonnen.“

    Das ist eigentlich die Grundherausforderung von Journalismus: Sich nicht von Gefühlen treiben zu lassen und gefühlige Meldungen zu verbreiten, gar mit den Gefühlen der Leser zu spielen und auf Gefühlswellen, die durchs Netz jagen, anzuspringen.

    Gute Journalisten sind Spielverderber. Sie nehmen sich die ach so schöne Geschichte, die ihre Kollegen von der schnellen Bräterei in die Welt posaunen wie den Showdown bei „Herr der Ringe“, nehmen die scheinbar so fluffige Geschichte auseinander und schreiben hinter jede Behauptung ein Fragezeichen. Und dann suchen sie nach den Quellen, wo sie ihre Fragen stellen und die Behauptungen verifizieren (oder falsifizieren) können.

    Am Ende hat man eine Geschichte, die nicht so flüssig runtergeht wie Dosenbier. Die die Leser aber damit konfrontiert, dass unsere Welt etwas komplexer ist als im Märchenbuch. Was eigentlich faszinierend ist. Das weiß jeder, der über seine Kinderbücher hinausgewachsen ist.

    Die Welt ist voller Widersprüche. Aber Komplexität braucht Zeit, Geduld und den Wunsch wenigstens der Autoren, wirklich wissen zu wollen, was geschieht. Aber Kriesel deutet eben auch noch eine Entwicklung an, die gerade diese Grundlage verlässlicher Medien seit über zehn Jahren zunehmend zerstört.

    Denn mittlerweile dominieren Medien den Markt, die sich mit Prüfen und Fragenstellen gar nicht erst aufhalten, Medien, die die Zeitspanne zwischen Ereignis und „Berichterstattung“ auf Null reduziert haben. Und die vor allem eines befeuern: Gefühle, Emotionen.

    Mit Folgen, die Roberto Simanowski in einem Essay, der ebenfalls auf zeit.de erschien, so auf den Punkt bringt: „Das ist es, was man der Technikplattform Facebook vorwerfen muss. Dass sie im Interesse ihres Geschäftsmodells Gewächshausbedingungen dafür schuf, was uns heute am politischen Fortschrittspotenzial sozialer Netzwerke zweifeln lässt: gezielte Desinformation, Hassreden, Filterblasen. Die Kommunikationsbedingungen auf Facebook fördern eine Kultur des Sensationalismus und der emotionalen Zuspitzung, die der Demokratie die mentale Grundlage entzieht. Sie zerstört zum Beispiel die Fähigkeit zur Geduld, sich auf ausgewogene Mitteilungen, komplexe Aussagen und alternative Perspektiven einzulassen.“

    Das ist genau das, was nicht nur den Journalismus in unserem Land zerstört, weil dieses aufregungsgesteuerte Netzwerk (nebst zwei, drei andern) die Aufmerksamkeit der Menschen ablenkt, auf Krawallthemen lenkt, sie regelrecht zuschüttet mit Krawall – und dabei systematisch die zeitverzögerte Berichterstattung von Journalisten marginalisiert. An den Rand drängt.

    Wer die Krawallmechanismen dieser Netzwerke beherrscht, der kann binnen weniger Minuten zu jedem beliebigen Ereignis einen Shitstorm auslösen, die Dominanz über ein Thema an sich reißen und den Nutzern suggerieren, hier würde sich die Mehrheit der Menschen ganz fürchterlich aufregen. Auch wenn es nur wieder die üblichen gut vernetzten Aktionisten aus der rechten Szene sind, die sich ja vorm Jahreswechsel auch gleich mal am Kinderchor des WDR vergriffen. Und dieser Sender knickte auch noch ein.

    Man sieht: Unsere Fernsehverantwortlichen haben auch nach zehn Jahren noch nicht begriffen, was da abläuft und wie sich rechtsextreme Netzwerke regelrecht darauf spezialisiert haben, mit solchen Kampagnen die gesellschaftliche Debatte zu zerstören. Denn die meiste Aufmerksamkeit bei Facebook & Co. bekommen die lautesten und die schnellsten Schreihälse.

    Es ist auch kein Ansatz sichtbar, der diesen Grundfehler beheben und die sogenannten „social media“ tatsächlich zu sozialen Netzwerken machen würde. Die IT-Giganten haben zwar mit amerikanischer Rücksichtslosigkeit die klassischen Medien aus ihrer „Gatekeeper“-Rolle verdrängt – zeigen sich aber (systembedingt) als völlig unfähig, gesellschaftliche Diskussionen vernünftig zu moderieren.

    Dazu braucht man geduldige Leute, die Geschichten drei Mal durch den Wolf drehen, bis sie sie in die Öffentlichkeit geben. Leute, die sich nicht einreden lassen, man mache nur mit Aufregern Quote. Oder müsse gar mit Aufregern Quote machen – so wie all die schreienden News-Aggregatoren, die so tun, als würden sie Bericht erstatten, obwohl sie nur aus knappen Meldungen Zündstoff für Aufregung, Hass und Häme machen.

    Ich reg mich schon wieder auf. Hab ich mich bei Georg Schramm angesteckt?

    Denn wenn wir diesen Weg weiter so gehen, werden wir völlig aus dem Lot geratene Gesellschaften erleben, in denen nur noch gehatet, gezofft, niederbebrüllt, beleidigt und gelogen wird. Wo der Ton noch verletzender und niederträchtiger wird, als er jetzt schon Politiker/-innen entgegenschwallt, die niemandem etwas getan haben, die aber von rechten Netzwerkern regelrecht zum Feindbild aufgebaut werden. Der Verleumdung folgt die Drohung. Kein Wunder, dass sich immer mehr Bürger an die späten 1920er Jahre erinnert fühlen.

    Und damit geht auch eine wichtige Erkenntnis verloren: Dass eine funktionierende Gesellschaft eine vernünftige Politik braucht. Eine Politik, die ruhig analysieren und durchdachte Lösungen finden kann. Und die dabei Unterstützung von Medien erfährt, die die erlebte Wirklichkeit und ihre Probleme gründlich analysieren. Jeden Tag.

    Klar. Dazu gehören auch nicht alle klassischen Medien. Zeitungen und Revolverblätter, die mit verdrehten Fakten die Stimmung anheizen, gab es schon vorher. Mit denen schlug sich ja Günter Wallraff schon seit 40 Jahren herum. Denn wer mit seinen Medien den „Volkszorn“ zum Kochen bringen kann, bringt auch Politiker unter Druck, erzwingt sich so indirekt eine Politik im Sinn der eigenen Eigner.

    Und dann denkt man natürlich darüber nach: Braucht es da nicht erst recht Medien, die mit Analyse und Nachdenklichkeit gegenhalten? Die ihre Leser geradezu dazu animieren, sich wieder des eigenen Köpfchens zu bedienen und auch Politik (wieder) mit Vernunft zu betrachten, nicht mit all diesen Hosianna- und Stürzet-ihn-Geschichten, mit denen ja auch die SPD medial gründlich zerlegt wurde, und weiter zerlegt wird, wie Klaus Staeck erst im Dezember feststellen konnte.

    Manchmal stecken in den geschürten Emotionen auch Absichten, geht es um das verschleierte Spiel der Macht.

    Und am Ende immer um die Frage: Halten Medien dagegen, die die Vernunft in den Bewohnern der Demokratie ansprechen und die auch dahin appellieren, dass eine so gefährdete Gesellschaft wie die unsere mit Vernunft verwaltet wird?

    Vernunft ist nur für Leute langweilig, denen das Nachdenken schon seit der Schule verleidet wurde. Und es wird vielen Kinden verleidet, besonders, wenn sie aus weniger gut betuchten Familien kommen. Und dann taucht natürlich die Frage auf: Wie erreicht man solche Menschen überhaupt noch, wenn sie sowieso schon in einer Medienwelt leben, in der es nur noch um Meinungen und Emotionen geht? Und wo man mit Meinungsmache Mehrheiten steuert.

    Nur so als Frage. Denn das verhindert vernünftige Lösungen. Und es schafft immer neue Jahrgänge von Menschen, die mit Meinungen manipulierbar sind und nicht einmal ahnen, wem sie eigentlich folgen, wenn es in den Netzen brüllt: Folge mir!

    Die ganze Serie „Medien machen in Fakenews-Zeiten

     

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