Wie in Leipzig die ersten Betriebsräte entstanden: Ein Erlebnisbericht von Siegfried Kapala

"Die Vorstellung von der Notwendigkeit von Gewerkschaften ist bei mir nicht weg", sagt Siegfried Kapala im L-IZ-Gespräch. Ab dem Herbst 1989 engagierte sich der Diplom-Medizinpädagoge bei der Gründung unabhängiger Betriebsräte und Gewerkschaften in Leipzig. Doch die Ernüchterung folgte bald.
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Seit knapp 20 Jahren bildet Siegfried Kapala medizinische Ersthelfer aus. Davor betätigte sich der Diplom-Medizinpädagoge als Geburtshelfer der ersten Betriebsräte in der sich demokratisierenden DDR.

Beschäftigte könnten doch nicht gegen sich selbst streiken. Das war einer jener Sätze, der früher oder später jedem DDR-Oberschüler im Staatsbürgerkundeunterricht begegnete. Schließlich seien die Werktätigen in der DDR Miteigentümer der Volkseigenen Betriebe.

Aus dieser Perspektive brauchte es auch keine unabhängigen Belegschaftsvertretungen in Gestalt von Betriebs- und Personalräten. Denn Belegschaftsvertretung war Sache der Betriebsgewerkschaftsleitungen. Und Gewerkschaften hatten Transmissionsriemen der Partei der Arbeiterklasse zu sein, wie es der Genosse Lenin einst lehrte.

Um diese Grundsätze scherten sich in den 1980er Jahren Arbeiter in der damaligen Volksrepublik Polen immer weniger. Ihre Streiks und das Wirken ihrer unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc wussten die dortigen Machthaber nur mit dem Kriegsrecht zu unterbinden. Doch damit war im Frühsommer 1989 Schluss.Etwa zur selben Zeit schloss sich in Leipzig Siegfried Kapala dem Neuen Forum an. Das habe sich irgendwie im Selbstlauf ergeben, erzählt der damalige Beschäftigte des Arzneimittelwerkes im Nordosten Leipzigs im Gespräch mit L-IZ.

Bald arbeitete Kapala in der Arbeitsgruppe Gewerkschaften des Neuen Forum mit und wurde später auch Sprecher für das Neue Forum in Sachsen. Das Ziel war die Trennung der Partei- und Gewerkschaftsstrukturen in den Betrieben und der Aufbau unabhängiger Belegschaftsvertretungen.

Viele Handzettel hätten sie im revolutionären Herbst 1989 verfasst, die anfänglich auch schon mal fünf bis sechs Seiten umfassten, erinnert sich Kapala. „Uns kam zugute, dass Menschen aus der Bundesrepublik kamen“, sagt er rückblickend auf diese Monate. Er nennt neben anderen die Wissenschaftler Hans-Hermann Hertle und Jürgen Kädtler, damals an der Freien Universität Berlin tätig. Und Berthold Huber: Denn der heutige Vorsitzende der IG Metall war damals ein gutes halbes Jahr vor Ort und stand als Ansprechpartner beim Aufbau freier Gewerkschaften zur Verfügung. Auch war der heutige Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske oft und lange als Ansprechpartner in Leipzig.

„Es hat sich schnell herausgestellt, dass die Leute nicht reformfähig waren“, sagt Kapala hingegen über die Vertreter der DDR-Staatsgewerkschaft FDGB, dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund.Als „sagenhaften Vorteil“ sieht Kapala noch heute, dass seine Arbeitsgruppe damals ein Büro im Haus der Demokratie in der Bernhard-Göring-Straße 152 hatte. Hier standen allen neuen demokratischen Bewegungen Räume zur Verfügung. Das machte das Haus im Leipziger Süden zu einem gefragten Anlaufpunkt für Journalisten.

„Die Klinke ist nicht kalt geworden“, sagt Kapala über diese Zeit. Wieder und wieder konnte er seine Anliegen zur Selbstorganisation der Beschäftigten gegenüber Journalisten erläutern. Und wusste sie damit weit verbreitet. Das galt insbesondere für die Vorbereitung eines ersten Betriebsrätekongresses in Markkleeberg.

Doch mit dieser Veranstaltung im März 1990 setzte bei Kapala schrittweise die Ernüchterung ein. Auf dem Kongress waren seinem Leipziger Mitstreiter Roland Mey und ihm nur Nebenrollen zugedacht. Das Podium dominierten westdeutsche Gewerkschafter und Betriebsräte großer Konzerne, erinnert sich Kapala.

Er war anschließend noch einige Zeit bei der damaligen Dienstleistungsgewerkschaft ÖTV beschäftigt. Doch dort schien man von ihm den Übertritt vom Neuen Forum in die SPD oder in die auch noch akzeptable CDU zu erwarten. „Aus dem Neuen Forum bin ich nicht raus, aber aus der Gewerkschaft“, beschreibt Kapala seine Konsequenz.

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Aus heutiger Sicht schätzt er ein, „dass die bundesdeutschen Gewerkschaften nicht hergekommen sind, um partnerschaftlich zusammenzuarbeiten“. Ostdeutsche seien in diesem Bereich nach und nach verdrängt worden, lautet das Fazit von Siegfried Kapala.

Gleichwohl möchte Kapala diese Zeit nicht missen. „Die Vorstellung von der Notwendigkeit von Gewerkschaften ist bei mir nicht weg“, fügt er hinzu.

Gewerkschaften sollten auch heute aus seiner Sicht Streiks nicht nur androhen, sondern „auch richtig durchkämpfen“. Die Verzichtsklauseln, die viele Belegschaftsvertretungen zur Rettung von Betrieben unterzeichnen, müssten zudem mit Bestimmungen zur Rückzahlung verknüpft werden, wenn es den Betrieben wieder besser geht. Und schließlich sollte ein einheitlicher Mindestlohn vom Gesetzgeber festgelegt werden, um sittenwidrige Entlohnung endlich zu unterbinden.


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