24.8 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Montagsdemo am 9. Oktober 1989: Es waren nicht 70.000, sondern 130.000 auf dem Ring

Anzeige
Werbung

Mehr zum Thema

Mehr
    Anzeige
    Werbung

    Es gibt eine Zahl, die ist ein Mythos. Bis heute. 70.000 Leipziger seien - so wird immer wieder kolportiert - am 9. Oktober 1989 um den Ring gezogen. Die Zahl steht auf herbst89.de, sie steht in Nachschlagewerken, in Stadtführern, selbst bei Wikipedia. Und sie ist falsch. Und die, die es wissen sollten, wissen auch, dass die Zahl falsch ist.

    Natürlich fällt das nicht auf, wenn jeder von jedem abschreibt und keiner fragt, wie die Zahl zustande kam. Wer hat sie in die Welt gesetzt? Wer hat gezählt? – Das zweite Heft 2012 des Jahrbuchs der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) beschäftigt sich mit dem Thema. Oder besser: greift es wieder auf.

    Solche Jahrbücher berichten im Grunde für Außenstehende recht trocken über wichtige Ereignisse einer Gesellschaft, Neumitglieder, Ehrungen usw. – Aber um das Journal auch für die Soziologen selbst spannender zu machen, hat die Redaktion auch Beiträge gesucht, die das Heft als Journal wertvoll machen. Besondere Beiträge, wie Prof. Dr. Georg Vobruba in seinem Vorwort betont.

    Einer dieser wertvollen Beiträge wurde aus den 2011 erschienenen „Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik“ übernommen, die sich in Sonderheft 5 und 6 mit „Datenproblemen“ beschäftigten. Den Beitrag schrieb Karl-Dieter Opp (1937), der von 1993 bis 2002 Soziologie-Professor an der Uni Leipzig war. 1993 war er in ein Forschungsprojekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft involviert, das sich mit der Friedlichen Revolution in Leipzig beschäftigte. Hunderte per Zufall ausgewählte Leipziger wurden befragt – unter anderem zu ihrer möglichen Teilnahme an der Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989.

    Das Ergebnis verstörte die Soziologen erst einmal. Denn es stimmte nicht mit der damals kolportierten Zahl von 70.000 überein. In seinem Beitrag deutet Opp die intensive Fehlerdiskussion nur an. Denn wenn Zahlen nicht übereinstimmen, dann heißt das logischerweise: Irgendjemand hat Fehler gemacht. Aber wer? War die Gruppe der Befragten falsch ausgewählt, war sie durch die Befrager beeinflusst? Waren die Befragten ruhmsüchtig und schrieben sich eine Teilnahme zu, obwohl sie gar nicht dabei waren? Denn nach den Ergebnissen der Befragung waren 26 Prozent der Befragten auf dem Ring dabei gewesen.

    Das hätte – wenn man die erwachsene Bevölkerung Leipzigs im Jahr 1989 zugrunde legt (440.000) – mindestens 114.000 Demonstranten entsprochen. Die 70.000 wären in diesem Verhältnis nur rund 16 Prozent gewesen. Auch noch eine Menge. Selbst wenn die Zahl stimmte, wäre das die höchste aufständische Mobilisierung, die in der DDR je zustande kam. Und trotzdem passen die Zahlen nicht. Was also tun, nachdem man die eigene Befragung nach allen möglichen Fehlerquellen untersucht hatte? – Opp und seine Mitstreiter begannen die realen Vorgänge zu untersuchen, maßen den Raum der Demonstration aus, ermittelten die Zahl von Demonstranten pro Quadratmeter. Ist ja alles möglich. Es gibt die Fotos dazu.

    Und sie kamen, nachdem sie den Demonstrationsraum mit rund 41.500 Quadratmetern ermittelten und die Dichte der Demonstranten auf 3 bis 4 Personen pro Quadratmeter auf eine Zahl zwischen 124.500 und 166.000. Eine Zahl, die sie auch 1993 schon veröffentlichten. Nur wo?

    Opp kritisiert die Multiplikatoren, die das eigentlich wissen müssten: Wissenschaftler, politische Akteure, auch Journalisten. Sie sollten doch die Literatur wahrnehmen, die da veröffentlicht wird. Nur ist wahrscheinlich genau diese Zahl Beleg dafür, dass die meisten originären Quellen gar nicht wahrgenommen werden. Nicht einmal von den Forschern selbst. Von Journalisten zu erwarten, sie würden all diese Berge an Primärliteratur lesen, die oft in kleinen Auflagen und ganz speziellen Reihen erscheinen, würde von ihnen wirklich mehr verlangen, als einem Herakles zuzumuten wäre.

    Fakt ist: Die Zahl blieb in den Archiven. Und das eigentliche Problem ist der Umgang auch der scheinbar „weichen“ Wissenschaften wie der Soziologie mit ihren eigenen Zahlen. Opp führt am Ende seines Beitrags noch eine ganze Reihe von Lehren an, die aus dem Vorfall zu ziehen wären. Die wichtigste logischerweise: Misstraut den Zahlen. Und misstraut vor allem jenen Zahlen, die mit den Forschungsergebnissen nicht übereinstimmen – landläufig aber als unerschütterlich gelten.Bestätigt wurde Opps Arbeit zufällig durch eine Interviewreihe mit Mitgliedern oppositioneller Gruppen, die die Soziologie-Professorin Helena Flamm in Leipzig durchführte und deren Manuskript Opp in die Hände bekam. Die Interviews sind bis heute nicht veröffentlicht, schreibt Opp. Auch so verschwindet wichtiges Wissen in den Archiven, ohne dass die Öffentlichkeit davon erfährt. In einem der Interviews wurde thematisiert, wie die Zahl 70.000 zustande kam. Und augenscheinlich waren es Mitglieder einer oppositionellen Gruppe, die sich am 9. Oktober im Pfarrbüro der Nikolaikirche trafen, die irgendwie versuchten, für die gewaltige Menschenmenge, die am 9. Oktober auf einmal auf der Straße war, eine Zahl zu finden.

    Zitat aus einem der Interviews: „Und wir hamm‘ dann, irgendwann hamm‘ wir zusammen gesessen zu viert, der eine hat gesagt 50.000, der andere hat gesagt 90.000, wir hamm‘ uns dann in der Mitte irgendwo getroffen und 70.000 bekannt gegeben. Das ist die Zahl, die heute noch so in den Medien geistert.“

    So entstand die 70.000, die auch Tobias Hollitzer, der es eigentlich wissen müsste, in seinem Dokumenten-Werk „Die friedliche Revolution in Leipzig“, Band 2, kolportiert. Es gibt freilich noch eine zweite Quelle, die die 70.000 enthält: das Schreiben des Leipziger Polizeichefs Generalmajor Gerhard Straßenburg vom 10. Oktober 1989. Darin heißt es: „nach dem montagsgebet begann gg. 1835 uhr eine sich langsam entwickelnde geschlossene bewegung, der sich mehrere tausend personen anschlossen (ueber 70000 menschen)“.

    Doch die Zahl darf man wohl mit Fragezeichen lesen. Denn die von der Opposition bekannt gegebene Zahl von 70.000 war da schon in der Öffentlichkeit. Und sie widerspricht den eigenen Polizei-Angaben vom Vortag. Denn während Opp noch angibt, es lägen keine Schätzungen der Polizei vor, die für solche Großereignisse in der Regel recht verlässliche Zahlen liefert, enthält der Lagefilm des Ministeriums des Inneren, in dem die Ereignisse vom 9. Oktober minutiös aufgelistet sind, sehr wohl Zahlen.

    Für 17.27 Uhr zum Beispiel schon 20.000 bis 30.000 Personen rund um den Nikolaikirchhof, gemeldet von Oberst Burghardt. Das waren schon so viel, dass wenig später extra drei Kompanien Bereitschaftspolizei zusätzlich in Richtung Leipzig in Marsch gesetzt wurden. Doch als die eintrafen, war auch das schon überflüssig. Denn was dann ab 18.40 Uhr in Bewegung kam, das hatte auch die Leipziger Polizei noch nicht gesehen. 19.40 Uhr – da war der Demonstrationszug noch immer unterwegs – meldete die Leipziger VP nach Berlin: „Die Menschenansammlung (nach bisher unbestätigten Informationen ca. 100.000 Mann) setzte sich mit Spitze K-M-Platz in Marsch …“

    Umso erstaunlicher, dass sich im Nachhinein kaum jemand bemüßigt fühlte, die Zahl zu überprüfen. Genauso wenig übrigens wie die Zahlen der späteren Montagsdemonstrationen, die auch nur auf Schätzungen der Oppositionsgruppen basieren.Mit den Zahlen seiner eigenen Studie kommt Opp für den 9. Oktober 1989 bei einer Teilnehmerquote von 26 Prozent auf ungefähr 130.000 Demonstrationsteilnehmer. Was den Abschätzungen anhand der Fotos entsprechen würde. Was bedeutet, dass am 9. Oktober 1989 rein rechnerisch jeder vierte erwachsene Leipziger auf dem Ring war.

    Und das wieder wirft weitere Fragen auf. Denn warum war in den letzten 20 Jahren auch das öffentliche Interesse so gering, die 70.000 mit diesen Erkenntnissen deutlich nach oben zu korrigieren? Wer hat ein Interesse daran, diese Zahl nicht zu korrigieren?

    Oder plappert man da einfach nach, was da von allen nachgeplappert wurde?

    Übrigens ein ganz besonderes Thema für Soziologen. So ganz überraschend ist auch der Folgeartikel im „Soziologie“-Heft von Frank Welz „Vorläufer, Zeitgenossen und Pioniere“ über den Umgang der Soziologie mit ihren Klassikern nicht. Zu denen seit den 1960er Jahren ungefähr ein Bursche namens Karl Marx gehört. Den nicht irgendwelche europäischen Revoluzzer in den Kanon der Soziologie aufnahmen, er fand seinen Weg über US-amerikanische Soziologie-Lehrstühle in die Wissenschaft vom Funktionieren einer menschlichen Gesellschaft. Übrigens fast gleichzeitig zum entgegengesetzten Vorgang an US-amerikanischen Wirtschaftslehrstühlen, wo die neoliberale Chicagoer Schule Furore machte mit ihrer Reduktion der Gesellschaft unter das Primat der Wirtschaft.

    Worunter die Wirtschaftswissenschaften auch in Deutschland leiden. Man lese nur das ausführliche Interview auf l-iz.de mit Sebastian Thieme.

    Und auch der Beitrag von Klaus Lichtblau zu „Theodor W. Adorno. Ein uneingelöstes Versprechen der Frankfurter Schule der Soziologie“ taucht in diesem Jahrbuch wohl nicht ganz zufällig auf. Auch hier geht es um Marx, von dem sich Adorno nie wirklich lösen konnte, auch wenn er es – unter anderem mit einem neuen Vokabular – zeitlebens versuchte. Doch wer Gesellschaften analysieren und Interpretationsmuster für ihr Verhalten finden will, der kommt an den – jaja: Produktionsverhältnissen – nicht vorbei. Da hängt alles. Da klemmt alles. Oder – um mal wieder Brecht zu zitieren: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“

    Doch mit den Interpretationen ist das so eine Sache. Die Interpretationen, die für die Mitte des 19. Jahrhunderts bei Marx noch funktionierten, funktionierten 100 Jahre später nicht mehr. Nicht weil die Art des Wirtschaftens sich geändert hätte, sondern weil die Art des Wirtschaftens gesellschaftliche Handlungsmuster verändert. Und zwar – auch daran knabberte Marx ja – bis ins Irrationale. Was übrigens der Hauptgrund dafür war, dass er sich nach 1867 sogar regelrecht sträubte, die Arbeit an seinem Mammutwerk „Das Kapital“ fortzusetzen. 16 Jahre lang. Tatsächlich ist nur ein Band des auf drei Bände geplanten Werkes erschienen. Band 2 und 3 sind nichts anderes als von Engels zusammengestellte Vorarbeiten, Manuskripte und Skizzen – die meisten aus den Jahren 1864/1865 stammend. Danach reagierte Marx sogar mit körperlich gravierenden Symptomen auf den Stoff.

    Auch weil er wahrscheinlich früher als andere begriffen hatte, wohin das alles tatsächlich führte. Und das war nicht – wie 1848 so selbstbewusst prophezeit – die „Weltrevolution“.

    Und die klugen Wissenschaftler nach Marx – und zu denen gehörte Adorno – begriffen das auch. Klaus Lichtblau formuliert das in der Analyse nun von Adornos Sträuben vor dem Stoff in einem Punkt zum Beispiel so: „Was sich aus der betriebswirtschaftlichen Perspektive als rational darstellt, ist es Marx zufolge in einer volkswirtschaftlichen Perspektive allerdings durchaus nicht. Vielmehr ist dieses ökonomische System in seiner Totalität zutiefst irrational …“

    Da denkt man, die alten Knaben sind nun schon so lange tot, die hätten nichts mehr zu sagen. Dabei ist das, was sie gesagt und gedacht haben, noch immer aktuell.

    Erschienen ist das Journal bei: www.campus.de

    Friedliche Revolution auf Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Friedliche_Revolution_%28Leipzig%29

    Anzeige
    Werbung

    Mehr zum Thema

    Mehr
      Anzeige
      Werbung

      Topthemen

      - Werbung -

      Aktuell auf LZ

      Anzeige
      Anzeige
      Anzeige