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Hummer für die Stadträte: Mit dem Festmahl der Gelben Suppe startete die Stadtelite einst ins Neue Jahr

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    Zwischen 1853 bis 1913 begann Leipzigs Stadtelite das Neue Jahr jeweils mit dem Festmahl der "Gelben Suppe". Den Hummer und die anderen Genüsse zahlten die Herren übrigens selbst. Im Vorfeld des Stadtjubiläums 2015 hat der Leipziger Historiker Dr. Andreas Schneider das Ritual erforscht. Er spricht am 14. Juni 2012 in der Kunsthalle der Sparkasse.

    Ein L-IZ-Interview, Teil I:

    Herr Dr. Schneider, was gehörte seinerzeit alles in eine standesgemäße „Gelbe Suppe“?

    Da berühren Sie treffsicher gleich eines der bisher noch ungelösten großen Rätsel im Zusammenhang mit diesem so überaus interessanten und vielschichtigen Randphänomen Leipziger Stadtgeschichte, aus dem aber sich so manches Charakteristikum zur Herrschaftsgeschichte im „Alten Leipzig“ herauslesen lässt.

    Doch die viel spannendere Frage ist ja zunächst: Wie und vor allem warum wird ausgerechnet ein einfacher Eintopf und zugleich sogar noch ein schwer verdauliches, mit hohem Sättigungswert verbundenes Hülsenfruchtgericht in 60 Jahren zum namengebenden Star eines opulenten städtischen Festmahls – und gerät dann fast 100 Jahre lang wieder mit ihm in totale Vergessenheit?

    Unter Gastronomiehistorikern und Gastronomiefachleuten gilt es übrigens überhaupt nicht so sicher, dass die sogenannte „Gelbe Suppe“ wirklich eine Erbsensuppe war, vielleicht sogar sämig beziehungsweise püriert zubereitet. Oder nicht doch eher – auch mit Hinweis auf die Wortgeschichte und Belege in der frühen Neuzeit – ein aus dem teuren Safran zubereitetes Mahl.

    Woher rühren die Unsicherheiten?
    Kulinarisch macht es wenig Sinn, ein opulentes Festmahl, um das es sich bei dem traditionellen Neujahrsessen von Stadtrat und Stadtverordneten eindeutig handelte, mit einem Erbsengericht zu beginnen, wo doch Suppen im Entré kulinarisch vor allem die Aufgabe haben, den Magen vorzuwärmen und/oder den Appetit anzuregen.

    Um aber Ihre Eingangsfrage nicht ganz unbeantwortet zu lassen: Ein Rezept für die „Gelbe Suppe“ ließ sich bisher, zumindest von mir, weder in historischen Kochbüchern noch als Hinweis in historischen Wörterbüchern ermitteln. Und ich habe zahlreiche Recherchen in verschiedenste Richtungen gestartet, auch unter Einbezug von Experten der Gastronomie- und Ernährungsgeschichte.

    Noch etwas kommt hinzu: Der Name „Gelbe Suppe“ für das interessante Leipziger Festmahl findet sich in den Quellen erst nach 1875/80 – während erste Belege für die Abhaltung des Festmahls für 1853 und 1854 gefunden wurden, da aber schon mit eindeutigen Hinweisen auf eine schon länger bestehende Tradition. Erst ab 1893 taucht er auch als Überschrift in Zeitungsberichten auf. Das verweist meines Erachtens schon auch auf den hohen Symbolcharakter des Namens und des ganzen Festmahls hin.

    Erbseneintopf gilt gemeinhin als Kleine-Leute-Essen und nicht mehr so recht als kulinarischer Renner. Was kam denn bei den Herrn Stadtverordneten und Stadträten an Neujahr sonst noch so auf den Tisch?

    Die bisher ermittelten sechs Menükarten für die Festmähler von 1887/88,1895, 1896, 1905, 1911 und 1913 bezeugen mit ihrer Wiedergabe der Festspeisen in der klassischen – französischen – Reihenfolge des 19. Jahrhunderts eindeutig: Das waren stets mehrgängige Festmähler vom feinsten, also kulinarische Erlebnisse hohen Ranges. Hier das Beispiel für 1911: „Gelbe Suppe / Kalbsrücken mit feinen Gemüsen / Frische Hummern mit Kräutertunke / Hamburger Huhn getrüffelt, Salat Dünstobst / Plumpudding.“ Dazu erlesene Weine und auf der Tafel „reizende Blumenarrangements“ sowie eine „treffliche“ Konzertmusik, wie es die Quellen beschreiben. Und immer beginnt das Neujahrsfestmahl der Stadteliten mit einer „Gelben Suppe“.

    Aber was genau war denn nun die „Gelbe Suppe“?
    Nochmals: Ich bin mit Bezug auf einige wenige Quellen überzeugt, dass es sich bei der „Gelben Suppe“ als Auftaktgericht für das exklusive Neujahrsfestmahl der Stadteliten tatsächlich um eine Erbsensuppe handelt, auch wenn es kulinarisch außergewöhnlich erscheint und Erbsensuppe oder Erbsengerichte in unserer Gegend beziehungsweise in Mitteldeutschland als Festessen im Unterschied zu zum Beispiel Norddeutschland in der Neuzeit wenig Verbreitung gefunden haben.

    Auch alle anderen von mir untersuchten Leipziger Festmähler großbürgerlichen oder höfischen Charakters zwischen 1870 und 1918 beginnen immer ganz traditionell: also mit Kraftbrühe, Hühner- oder Ochsenschwanzsuppe. So vor allem auch bei den beiden Festmählern zur Einweihung des Neuen Rathauses 1905, aber auch des Völkerschlachtdenkmals 1913 oder der Deutschen Bücherei 1916. Deshalb muss es sich bei der „Gelben Suppe“ eindeutig um ein Auftaktgericht mit symbolischen Charakter handeln, das nur diesem Anlass vorbehalten blieb – vielleicht zur Betonung der Einfachheit, „Volksverbundenheit“ und des Dienstes am Allgemeinwohl.

    Somit gibt das Festmahl mehr Fragen auf als die nach der Rezeptur der Gelben Suppe …

    Das ist ja auch das Spannende an diesem hochkomplexen Brauchphänomen im Schnittpunkt von Stadtgeschichte, Politik, Herrschaftsverhältnissen, Repräsentation, Festwesen, Kulinarik und Wortgeschichte des Namens: Vieles bleibt auch nach Auswertung zahlreicher Quellen weiterhin voller Rätsel, vor allem die Herkunft, der Hintergrund und der Name. Nur der Anlass ist sicher: Das war stets die Neukonstituierung des Stadtparlaments nach der Neuwahl eines Drittels der Stadtverordneten. Bis 1896 erfolgte sie alljährlich, dann wurde zum Zweijahresrhythmus übergegangen – auch für das Festmahl, zu dem sich die Herren mit ihren zumeist beeindruckenden Bärten immer unmittelbar nach der ersten Sitzung der Stadtverordneten „vereinigten“, wie die Quellen es nennen.

    Noch heute gilt: In ist, wer drin ist. Wem oblag denn die Regelung des Zugangs, und an wen ergingen die Einladungen?

    Wortgleiche Einladungen ergingen immer an die „Herren Ratsmitglieder“, die „Herren Stadtverordneten“ sowie die Mitglieder des Wahlausschusses. Insgesamt waren das zumeist zwischen 80 und 100 Männer, die übrigens den Preis für das Festmahl auch immer selbst bezahlten. Zunächst, vor Einführung der Mark 1873, waren das 15 Neugroschen, also etwa ein halber Taler. Später stieg der Preis auf 3 Mark und 50 Pfennige sowie auf 4 Mark. Zuletzt waren es 1913 4 Mark und fünfzig Pfennige. Wichtig ist dabei zu wissen: Sie konnten sich das alle auch leisten – denn nicht nur der Rat, auch die Stadtverordneten waren im ganzen 19. Jahrhundert und bis 1918 vorrangig ein Kollegium, in dem die Reichen und Repräsentablen unter sich waren und blieben.

    Wie kam das?

    Bis 1918 gab es keine Demokratie im heutigen Sinn und auch kein allgemeines und gleiches Wahlrecht, sondern es war in den Städten an das Bürgerrecht gebunden. Im Klartext: Frauen überhaupt und auch Einwohner, sprich Männer, ohne Bürgerrecht waren von den Wahlen ausgeschlossen und konnten auch nicht gewählt werden. Das Bürgerrecht wiederum konnte nur unter ganz bestimmten Bedingungen erworben werden, unter anderem durfte derjenige Mann keine Armenunterstützung beziehen oder im Laufe der letzten zwei Jahre bezogen haben und musste eine direkte Staatssteuer von mindestens 3 Mark entrichten. Stimmberechtigt waren nach den gesetzlichen Bestimmungen in ganz Sachsen vorrangig Bürger, „deren wirtschaftliche Verhältnisse Garantien bieten, dass sie nicht nur ein dauerndes Interesse am Gemeindewohle, sondern auch die Fähigkeit besitzen, für dasselbe zu wirken“. So kann man es natürlich auch sehen …

    Und wer entschied, wer eingeladen wurde?

    Die Frage nach den Organisationsabläufen ist im Ganzen weniger klar zu beantworten: Einige Vermerke lassen erkennen, dass es Zuständigkeiten im Stadtrat dafür gab; zwei Notizen zeigen, dass mitunter der Oberbürgermeister selbst die letzte Entscheidung traf, ob und vor allem wo das Festmahl abgehalten werden sollte. Allerdings sind die Abläufe und Zuständigkeiten über den ganzen dokumentierten Zeitraum von etwa 1850 bis 1913/14 wohl auch nicht immer die gleichen geblieben: Bis in die 1880er-Jahre ging die Anregung für die brauchgemäße Abhaltung des Festmahls immer von den Stadtverordneten beziehungsweise ihrem Vorsteher aus. Später regte dann häufig der Rat und insbesondere der Oberbürgermeister die Nachfrage und darauf das Versenden der Einladungen an.

    Teil II des Interviews demnächst an dieser Stelle.
    Ritual der Mächtigen. Die Leipziger Stadteliten und das Festmahl der „Gelben Suppe“ im 19. Jahrhundert. Öffentlicher Vortrag von Dr. Andreas Schneider im Rahmen der Leipziger Vorträge zur Stadtgeschichte. Donnerstag, 14. Juni 2012, 19:30 Uhr in der Kunsthalle der Sparkasse Leipzig, Otto-Schill-Straße 4 a.

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