Wenn man mit jemandem nicht wusste wohin, dann musste St. Georg herhalten: Ein Besuch in Leipzigs Psychiatriemuseum

Neben 800 Jahren Thomana feiert Leipzig 2012 auch 800 Jahre St. Georg. Das städtische Krankenhaus mit vielen Verdiensten teilt die Geschichte aller mittelalterlichen Spitäler: Es spiegele die jeweilige Haltung der Gesellschaft gegenüber "Randgruppen" wider, sagt Thomas Müller vom Verein Durchblick, der das Leipziger Psychiatriemuseum betreibt.
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Leipzig, Mainzer Straße 7. In die ehemaligen Anwaltsvilla nahe dem Elstermühlgraben und gegenüber der DHfK-Schwimmhalle hat heute der Verein Durchblick seinen Sitz. Eines der Projekte der rührigen Psychiatriebetroffeneninitiative ist das Sächsische Psychiatriemuseum in eben jenem schmucken Haus.

„Wenn man mit jemandem nicht wusste wohin, dann musste St. Georg herhalten.“ Dieser Satz steht auf einer der Schautafeln in der Dauerausstellung. Diese Maxime galt in Leipzig offenbar beinahe so lange, bis das St. Georg 1913 als modernes Krankenhaus in Eutritzsch eröffnet wurde.

In diesem Jahr nun feiert das städtische Krankenhaus sein großes Jubiläum. Denn die rund um das Jubiläum Thomana 800 immer wieder herausgestellte kaiserliche Stiftungsurkunde vom 20. März 1212 ist nicht nur die Geburtsurkunde von Thomaskloster nebst Kirche, Chor und Schule. Kaiser Otto IV. bestätigte damals zugleich die Gründung des „Spittal sente Jorgen“.

Das Haus mit dem Drachentöter als Schutzpatron war fortan nicht nur Krankenhaus und Siechenhaus, sondern auch Schlafhaus für Pilger und Obdachlose. Medizinische Versorgung, Sterbebegleitung sowie die Unterbringung und Versorgung von Mittellosen und Nichtsesshaften fanden unter einem Dach statt.
Das Hospital befand sich außerhalb der Stadtmauern in der Gegend der heutigen Rosentalgasse. Bereits 1439 erwarb der Leipziger Rat das Spital für die Stadt. Armenfürsorge war bereits damals eine kommunale Angelegenheit. So fanden im Georg auch sogenannte Findelkinder und Waisen ein Ersatz-Zuhause.

„Man kann man sich das St. Georg damals als einen Ort vorstellen, wo Menschen versorgt und untergebracht waren“, sagt Thomas R. Müller, Leiter des Sächsischen Psychiatriemuseums, im Gespräch mit L-IZ.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts erstand das Georg am Brühl neu. Etwa in der Gegend der heutigen Goethestraße, und jetzt innerhalb der Stadtmauern. Nun ist es Zucht- und Waisenhaus. Auch Geisteskranke und Geschlechtskranke werden dorthin verwiesen.

„An der Geschichte des Georgenhospitals lässt sich ganz gut der jeweilige gesellschaftliche Kontext von psychischer Erkrankung zeigen“, erläutert Thomas Müller. Der Riesenkasten am Brühl sei ab 1701 ein „Irrenhaus“ mit eher gefängnisähnlicher Unterbringung, so Müller weiter. Waisen, Prostituierte, Häftlinge und psychisch Kranke seien untergebracht worden, einfach alle gesellschaftlichen Außenseiter.
Erst am Ausgang des 19. Jahrhundert sei in Leipzig der Übergang zu einer eigenständigen Betreuung psychisch Kranker abgeschlossen worden. Und damit später als andernorts in Sachsen, wie Müller unterstreicht.

Dabei verweist er insbesondere auf die Gründung der Heil- und Pflegeanstalt Pirna – Sonnenstein, die 1811 als Musteranstalt für die humane Behandlung der „Geisteskranken“ gegründet wurde. Damit endete beispielsweise die gemeinsame Unterbringung von psychisch Kranken und Strafgefangenen im Zuchthaus Waldheim. Wie ambivalent Geschichte durch menschliches Handeln verlaufen kann, zeigt die Tatsache, dass Pirna – Sonnenstein bei der systematischen Tötung behinderter Menschen während der NS-Diktatur eine zentrale Rolle einnahm.

Um die Aufhellung dieser sozial- und kulturgeschichtlichen Zusammenhänge geht es dem Verein Durchblick. „Durchblick ist ein Psychiatriebetroffenenverein“, erläutert Thomas Müller, „es wäre absurd, wenn der Verein sagt, wir machen einen medizinhistorische Ausstellung“.

Man wolle Psychiatriegeschichte als Teil der Kultur- und Sozialgeschichte darstellen, die Geschichte aus der Perspektive des Patienten erzählen. Als Lebensgeschichte von Menschen eben, während Mediziner nach Müller eher Krankheitsgeschichten darlegen.

So will man an der Mainzer Straße die Ausstellung für breiteres Publikum öffnen. „Auf der anderen Seite wollen wir deutlich machen, dass ein Psychiatrieaufenthalt nur ein Teil des Lebens ist“, betont Müller. „Diagnosen machen keine Menschen“, fügt er an.

Deshalb werden im Eingangsraum der Ausstellung Lebensgeschichten prominenter psychisch Kranker dargestellt. Etwa die der Leipziger Schriftstellerin und Mundartdichterin Lene Voigt (1891 – 1962).

Einen wichtigen öffentlichen Erfolg erzielte der Verein Durchblick gemeinsam mit anderen Initiativen im Jahre 2010. Das Engagement führte schließlich dazu, dass der Leipziger Stadtrat dem ehemaligen Leipziger Universitätsrektoren und Juraprofessor Karl Binding (1841 – 1920) die Ehrenbürgerwürde der Stadt entzog.

Stein des Anstoßes war Bindings Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form“, die 1920 posthum erschien. „Seine Schrift hat die Legitimationsgrundlage geschaffen für die Euthanasieverbrechen im Nationalsozialismus“, erinnert Müller. NS-Täter hätten sich später vor Gericht auf Binding berufen, in der Schrift werden behinderte Menschen als „Ballastexistenzen“ bezeichnet. Wenn man sich in Leipzig, wie 2010 geschehen, um die Gestaltung von Gedenkorten für Euthanasieopfer bemüht, „da muss man Binding nicht als Ehrenbürger ehren“, findet Müller.

Von besonderem historischen und biografischen Interesse ist für Museum und Verein darüber hinaus alles, was die Psychiatrie in der DDR betrifft. „Weil der Verein von daher kommt“, verweist Müller auf die Anfänge von Durchblick e.V. in Leipzig in den 1980er Jahren. „Und weil es ein Thema ist, wo sich wissenschaftlich noch keiner herangewagt hat“, so Müller.

Das Sächsische Psychiatriemuseum in der Mainzer Straße 7 ist jeweils mittwochs bis samstags von 13 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet.

www.psychiatriemuseum.de


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