Im Gewandhaus feiert die SPD im Mai Geburtstag: Die Kanzlerin kommt und schweigt

Mitten in Leipzigs großer Richard-Wagner-Festwoche im Mai feiert auch die SPD Geburtstag. Im Gewandhaus wird am 23. Mai 2013 der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins vor 150 Jahren erinnert. Mit dabei wird auch Wagner-Fan und Bundeskanzlerin Angela Merkel von der CDU-"Konkurrenz" sein. Einfach nur so als Verfassungsorgan.
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Die promovierte Physikerin Angela Dorothea Merkel mag ganz augenscheinlich Richard Wagners Musik. Jedenfalls ward die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende schon des Öfteren unter den Gästen der Bayreuther Festspiele gesehen.

Ob Angela Merkel, immerhin Alumni der hiesigen Universität, eine der Veranstaltungen während der Leipziger „Richard-Wagner-Festtage“ vom 16. bis 26. Mai 2013 besuchen wird, wurde bislang nicht vermeldet. Einen Leipziger Termin hat die Bundeskanzlerin und CDU-Chefin in dem Zeitraum aber mit dem Besuch des Festakts schon fix. Ihr ist dabei nur eine stumme Rolle zugewiesen: Sie soll schweigend und ganz parteienfern das Verfassungsorgan Bundesregierung repräsentieren.

Als Festredner sollen stattdessen der Beinahe-Allparteien-Bundespräsident Joachim Gauck und Frankreichs sozialistischer Präsident Francois Hollande Duftmarken setzen.

Doch auch, wenn die um eine Wiederwahl im Herbst werbende Kanzlerin nicht spricht: Sie erzeugt mit ihrer Anwesenheit beim Genossengeburtstag Nachrichten und TV-Bilder. Das könnte für so manchen nach einer vorweggenommenen Wiederauflage einer Großen Koalition mit Mutti Merkel vornedran aussehen.

TV-Bilder, die im dann anlaufenden Bundestagswahlkampf nicht wie die „Beinfreiheit“ aussieht, die sich der SPD-Kanzlerkandidat wünscht. TV-Bilder, die eher schon dem Merkelschen Konzept der asymmetrischen Demobilisierung entsprechen. Demobilisiert werden sollen in einem solchen Falle, wie schon 2009, potenzielle SPD-Wähler.

Das schwant wohl so manchem in der SPD. Wie Spiegel online in dieser Woche berichtete, gab es zum Partygast Merkel im engeren Vorstand der SPD-Bundestagsfraktion kritische Nachfragen. Folgt man den Zeilen der Hamburger Journalistenkollegen, sei „Merkel unerwünscht“.Doch fürs Erste sind die Zweifel in der SPD-Spitze wohl ausgeräumt. Denn gegen ein schweigendes Verfassungsorgan kann ja niemand etwas haben. „Man muss sich das Ganze einmal anders herum vorstellen“, moniert laut Spiegel online einzig noch der Vorständler Axel Schäfer, „die CDU würde zu solch einer Festveranstaltung nie einen sozialdemokratischen Kanzler einladen.“

Beim letzten runden SPD-Jubiläum 1988 sprach hingegen ein, wenn auch vormaliger sozialdemokratischen Kanzler. Als geachteten Redner und akzeptierte moralische Autorität nahm im Reichstagsgebäude nahe der Berliner Mauer der Friedensnobelpreisträger und SPD- Ehrenvorsitzende Willy Brandt (1913 -1992) das Wort.

Die Erinnerung an die Geschichte könne den heute Handelnden Kraft geben, „um schreiendes Unrecht abzubauen. Freiheit erfahrbar zu machen“, so Brandt damals einleitend. Brandt war also schon 1988 bei dem Thema, das dem heutigen Bundespräsidenten so wichtig ist.

„Ich bin sicher: Bei der Orientierung von ?Mensch vor Apparat‘ muss es bleiben. Ich bleibe dabei: Im Zweifel für die Freiheit“, befand Brandt vor einem knappen Vierteljahrhundert, „wir wissen, dass Brot her muss, um Freiheit zu genießen. Wir wissen auch, dass Sattheit allein Freiheit nicht begründet.“

Die Welt des Jahres 1988 prägten der Wettstreit der beiden damaligen Supermächte Sowjetunion und USA im Ost-West-Konflikt. Doch in der Sowjetunion verbanden sich mit Glasnost und Perestroika die Vorboten historischer Veränderungen.

„Ich sehe neue Chancen“, hoffte Brandt 1988 auf den Wind des Wechsels, „ich sehe sie mit Blick auf die unverbrauchten Kräfte Europas.“ Das wäre so eine Vorlage für den diesjährigen Festredner Hollande. „Die Europäer müssen ihre Chance nutzen“, mahnte Brandt hingegen schon damals.

Brandt schloss mit Worten an seine SPD: „Wir stehen in einer großen humanistischen Tradition. Die handelt von Vernunft und von Rücksichtnahme. Sie handelt weder von geistiger Anspruchslosigkeit noch vom banausenhaften Verzicht auf Visionen. Politischer Wettbewerb wirkt nur in die Zukunft hinein, so er anspruchsvoll ist.“

Da darf man gespannt sein, was im Mai 2013 im Gewandhaus so alles gesprochen werden wird.


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