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Leipzig im Jahr 1914: Der Männerchor erhält Antwort von der Erzherzogin, ein Kraftdroschkenfahrer wird verurteilt

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    Das Rote Kreuz sieht das Unheil wohl kommen. Die Organisation bietet schon mal Kurse in Militärpflege an. Ein Kraftdroschkenfahrer verzichtet trotz Nebel auf Lichter und Hupen und muss ins Gefängnis. Und die Leipziger sollen bitte mehr in der Bibel lesen.

    Hätte er mal lieber gehupt. Am Königlichen Landgericht zu Leipzig muss sich am 16. Juli ein Kraftdroschkenführer, heute würde man Taxifahrer sagen, verantworten, der den Straßenreiniger Buchala tödlich verletzt haben soll. Max Springsguth, so sein Name, habe den Straßenreiniger am Johannisplatz erwischt. Springsguth wehrte sich gegen die Vorwürfe. Er habe ihn viel zu spät gesehen, wich nach links aus, aber weil Buchala auch nach links ausgewichen war, trafen sich beide doch. Die Ermittlungen brachten eine Verkettung unglücklicher Umstände für damalige Verkehrsteilnehmer hervor. Die LNN vollziehen den Tathergang für uns noch mal nach: „Der Angeklagte hat den Verunglückten nach dem Krankenhause gebracht. Es habe in der fraglichen Nacht Nebel geherrscht; in der Nähe der Unfallstelle seien sämtliche Laternen ausgelöscht gewesen. Mondschein sei auch nicht gewesen. Die Scheinwerfer seines Automobils seien schon am Königsplatz, von wo aus er gefahren sei, ausgegangen, wodurch vermieden worden sei, dass die Pferde der dort haltenden Geschirre etwas scheu wurden. Er habe es dann nicht für nötig gehalten, für eine neue Beleuchtung durch die Scheinwerfer zu sorgen, da die Straßenlaternen auch nicht gebrannt hätten. […] Zuletzt habe er an der Buchhändlerbörse gehupt. Von einem fortdauernden Hupen habe er abgesehen, da das Signal ohne Notwendigkeit nicht gegeben werden soll. Daß Pflaster sei schlüpfrig gewesen, weil die Straße kurz vorher gereinigt worden sei. Er sei mit der durch den Rat der Stadt Leipzig höchst zugelassenen Geschwindigkeit von 20 Kilometern gefahren.“ Springsguth muss trotz aller Umstände für drei Monate ins Gefängnis. „Das Gericht nahm an, dass der Angeklagte bei den obwaltenden Verhältnissen zu schnell gefahren sei, außerdem habe er die Abgabe der notwendigen Hupensignale unterlassen.“ Und mit Kraftdroschkenunfällen ist nicht zu spaßen. Marie Curies Mann Pierre wurde 1906 ebenfalls von dem damaligen Taxi überfahren.

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    1912 fahren übrigens nur lächerliche 1.270 Kraftfahrzeuge durch die Stadt. 2010 sind es 217.747. Autofahren ist 1914 noch purer Luxus.

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    Wochenendstimmung in Leipzig. In der Grünen Schänke in Leipzig-Anger-Crottendorf findet einmal mehr „der beliebte Freitags-Ball“ statt. Im Griechenhaus „Pantheon“ in der Katharinenstraße 4 ist großes Ballfest. Beginn 8 Uhr. Kulinarisches Beiwerk gibt es selbstverständlich auch. „Heute: Hammelkeule mit Thüringer Klößen.“

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    Wie aus heiterem Himmel werben die LNN in einem Artikel dafür, mehr in der Bibel zu lesen. „Das Deutsche Kaiser- und das englische Königspaar, die Königin von Holland und Amerikas Präsident Wilson lassen keinen Tag vorübergehen, ohne in der Bibel zu lesen.“ Es folgen Zitate von Kaiser Wilhelm II, Wilson und Graf Zeppelin, die für die Bibel werben. Auch Wilhelm Wundt, der ehemalige Rektor der Uni Leipzig und immer noch ansässige Lehrmeister der Psychologie und der hier arbeitende Historiker Karl Lamprecht tun sich hervor. Warum ausgerechnet jetzt über die Bibel geredet wird, ist unklar.

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    Der Leipziger Männerchor hat Antwort erhalten. Direkt nach dem Attentat von Sarajewo hatte der Chor ein Beileidsschreiben an die Erzherzogin Maria Josepha und an den Kgl.Sächs. Gesandten in Wien und den Bürgermeister von Wien gesandt.

    Der Bürgermeister antwortete: „An den geehrten Vorstand des Leipziger Männerchors. Empfangen Sie meinen herzlichsten Dank für die freundlichen Worte der Teilnahme, die Sie uns zu dem großen Unglück ausdrücken, von welchem unser Vaterland heimgesucht worden ist. Die schweren Stunden haben gezeigt, dass die Völker Oesterreichs in Liebe und Treue zu ihrem Kaiser stehen, sie haben uns aber auch bewiesen, dass die Freundschaft, die uns außerhalb der schwarzgelben Pfähle entgegengebracht wird, eine aufrichtige und bewährte ist. Zu unseren treuen Freunden zählen wir insbesondere unsere Brüder im Deutschen Reiche, mit denen uns die gleiche Geistes- und Interessengemeinschaft verbindet. Darum war uns auch Ihre Teilnahme wahrer Trost im Unglück. Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung zeichnet Dr. Weiskirchner.“ Der Blankoscheck ist längst gegeben, bis zum Kriegseintritt Deutschlands vergehen gerade mal noch zwei Wochen.

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    Das Goldene Buch des Allgemeinen Hausbesitzervereins zu Leipzig wird immer umfangreicher. Es bezeugt die Namen derjenigen Mieter, die mindestens 25 Jahre lang in einer Wohnung wohnen. „Im zweiten Viertel des laufenden Jahres erfuhr es 51 Neueintragungen, darunter 11 Frauen, 2 Firmen, die übrigen Herren bzw. Familien“.

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    Vorausschauende Werbung des Roten Kreuzes in den LNN: „Infolge der Vermehrung des deutschen Kriegsheeres macht sich auch eine Vermehrung des Heeres dringend notwendig, das bereit ist, Wunden zu heilen und die Schrecken des Krieges mildern zu helfen. Von den Vielen, denen es nicht vergönnt ist, in der Stunde der Gefahr mit der Waffe für das Vaterland einzutreten, kann erwartet werden, dass sie sich der freiwillig dienenden Liebe widmen, indem sie sich um das Banner des Roten Kreuzes scharen.“ Für die kostenlosen Kurse, die „in nächster Zeit in theoretischer und praktischer Kriegskrankenpflege“ durchgeführt werden, werden noch Teilnehmer gesucht. „Militärfreie, unbescholtene Männer und Jünglinge, welche in Kriegs- und Friedenszeiten dem Roten Kreuz selbstlos dienen wollen, werden ersucht, sich umgehend beim Verbandsvorsitzenden Herrn Kolonnenführer Lehrer R. Schmidt, Lößniger Straße 67, I. […] melden zu wollen.“

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    Schöne Augen vs. schöne Uhr: „Am Dienstagabend gegen ¾ 10 Uhr setzte sich ein früherer Beamter im König-Albert-Park auf eine Bank in der Nähe des Musikpavillons neben ein junges Mädchen. Dieses begann nach einiger Zeit ein Gespräch mit ihm und klagte ihm seine Not. Es wollte angeblich aus Eisenach gebürtig sein und in der Georgstraße in L.-Volkmarsdorf bei ihrem Vater, einem Witwer, wohnen. Kurz nachdem sich die Unbekannte entfernt hatte, vermißte der Beamte seine Uhr, die an zwei Haarketten hing, von denen eine einen alten österreichischen Taler, die andere ein altes silbernes 20-Pfennig-Stück mit der Widmung „Laß mich in Ruh‘, Diebin du“, als Anhängsel hatte. Nach Lage der Sache hat das Mädchen dem Herrn die Uhr nebst Ketten aus der Tasche gezogen. Das Mädchen war klein, schlank, brünett und trug ein tief ausgeschnittenes Kattun-Waschkleid. Es nannte sich ?Gretl‘. Wer Näheres über das Mädchen angeben kann, teile dies der Kriminalabteilung mit.“

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    Was geht in Leipzig? Vom 19. bis 26. Juli 1914 findet auf dem Leipziger Luftschiffhafen und Flugplatz die „Internationale Modell-Flugzeug-Ausstellung verbunden mit Wettfliegen“ statt. 300 Aussteller beteiligen sich. Eintrittpreis: Erwachsene 50 Pfg, Kinder und Militär 25 Pfg. Die Eröffnung findet am 19. Juli, 10 Uhr statt. Einen Tag zuvor beginnt auf der Bugra der Große Volkstag. Das Ausstellungsorchester spielt, die Kapelle des 7. Inf-Reg. Konig Georg Nr. 106 ebenso. Im Singesaal der Schulbaracke gibt es eine Marionetten-Vorstellung für Kinder. Von 10 bis 10 ½ abends ist zudem die „große elektrische Festbeleuchtung“ angeschaltet.

    Eine weitere Veranstaltungsanzeige in den LNN liest sich wie folgt: „100 000 Mk. verloren – ist viel verloren, aber wer das Juli-Programm mit Artur Illing und Carl Hahnemann in der Guten Quelle, Brühl 42, nicht gesehen hat, verliert mehr.

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