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Leipzig im Juli 1914: Proteste in Schönefeld und Mockau – Probleme im Kinderkrankenhaus

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    1914 gab es das noch: Vororte wollten eingemeindet werden. Das Kinderkrankenhaus will auch was: Mehr Unterstützung und mehr Platz.1913 mussten kranke Säuglinge weggeschickt werden. Der Gastwirtschaft "Zum Fröhlichen Zecher" gehen derweil die Besucher aus.

    Der Abbruch der Kieler Woche infolge des Attentats von Sarajewo hat sich nach Leipzig wohl nicht rumgesprochen – zumindest nicht bis zum Kaufhaus Bamberger & Hertz. Das wirbt zur Kieler Woche „Für die Juli-Hitze empfehlen wir unsere zahlreichen Artikel von Hochsommer-Bekleidung“, u.a. leichte Leinen-Anzüge für 18 Mark, leichte Wasch-Joppen für 2,75 Mark und aus der Knaben-Abteilung: Pfadfinder-Anzüge 4,75 Mark.

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    Die Krankenbetten für Kinder werden knapp. Das Kinderkrankenhaus berichtet, dass der Krankenbestand im Jahre 1913, dem 22. Berichtsjahr, noch nie so hoch war wie in diesem Jahr. 2.178 Kinder wurden eingeliefert. „Besonders die Säuglingsabteilung war oft überfüllt“, berichtet die Leipziger Volkszeitung. Platz ist normalerweise für 37, teilweise waren jedoch 57 Säuglinge dort. Einige Male mussten „ältere“ Säuglinge wegen Überfüllung abgewiesen werden. Umfangreiche und durchgreifende Erweiterungen und Verbesserungen sind also notwendig und werden gefordert, „wenn das Kinderkrankenhaus seine Aufgabe als Forschungs- und Lehrinstitut und zugleich als fast einzige Aufnahmestätte für erkrankte Kinder Leipzigs und seiner Umgebung erfüllen soll.“ Zudem sind durch die Überfüllung ansteckende Krankheiten weiter verbreitet worden. „Solche Zustände schreien doch geradezu nach Abhilfe. Aber wie immer, wenn es sich um Erfüllung sozialer Aufgaben handelt, fehlt es an Geld.“ Das war vor hundert Jahren wohl ebenfalls eine populistische Denke. Die Zuschüsse von Stadt und Sachsen belaufen sich auf 167.000 Reichsmark, aber allein die Betriebskosten betragen 311.757,29 RM. Die Sterblichkeitsrate stieg fast folgerichtig von 12,6 Prozent (bei 1.728 Kindern) auf 15,4 Prozent an. 2006 werden übrigens 3.943 Kinder in der Kinderklinik stationär behandelt.

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    Zuviel Zukunftsdenken. Der Gemeindevorstand Schönefeld wendet sich nach einem Fehler an die LVZ. Diese hatte berichtet, dass in Schönefeld 28.839 Menschen wohnen. „So weit sind wir leider noch nicht“, antwortet der Gemeindevorstand und korrigiert alsbald. Es sind zum 1. Juni 1914 „nur“ 20.839 Einwohner. Anmerkung: 80 Jahre zuvor lebten hier noch 889 Menschen.

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    Derweil bleiben die Gäste in der Wirtschaft „Zum fröhlichen Zecher“ offenbar zunehmend aus. Der Gastwirt sucht per Anzeige neue Kundschaft. „Gohlis Hallische Straße 84: Bringe meine freundlichen Lokalitäten nebst Kegelbahn (noch einige Tage frei) in empfehlende Erinnerung – Kräftiger Mittagstisch, Biere … Ergebenst Paul Franke.“

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    Der Deutsche Bauarbeiterverein, Zweigstelle Leipzig, klagt am 4. Juli in der Leipziger Volkszeitung über die schlechten Lohn- und Arbeitsbedingungen für die Erdarbeiter und schiebt ihnen gleichzeitig die Schuld dafür in die eigenen Schuhe. „Würden die Erdarbeiter den Wert der Organisation erkannt haben und sich nicht mit allerhand Mitteln fernhalten lassen, könnten Stundenlöhne von 38 bis 45 Pfg., wie sie für die Arbeiten auf den Lindenauer Wiesen gezahlt werden, in einer Stadt wie Leipzig nicht mehr vorkommen.“ Mit ihren Löhnen stünden sie 20 bis 26 Pfennig pro Stunde hinter denen der Bauarbeiter. „Diese mißlichen Zustände, durch die nur die Unternehmer profitieren, werden bestehen bleiben, solange die Erdarbeiter nicht begreifen, dass ihre Macht in der Organisation liegt und ihre Vertretung nur der Deutsche Bauarbeiterverband sein kann.“

    1914 verdienen 20.424 Personen unter 400 Mark im Monat. Ein halbes Kilo Butter kostet 1,56 Mark. 37 Prozent der Bevölkerung verdienen zwischen 401 und 1100 Mark.

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    Im Nordwesten der Großstadt brodelt es. Die Einverleibung, heute würde man Eingemeindung sagen, schreitet nicht so voran, wie man es sich in den Vororten (!) wünscht. Für den 7. und 8. Juli wird deshalb zu „Großen öffentlichen Protestversammlungen für die Einverleibung von Mockau und Schönefeld“ aufgerufen. In dem Aufruf heißt es: „Die Stellung der Einwohnerschaft von Schönefeld und Mockau gegen die neuen Feinde der Einverleibung. Einwohner beider Orte, aller Klassen und Berufe, ob Hausbesitzer oder Mieter, Arbeitgeber, Arbeitnehmer oder Beamter, allen sei es zur hohen Pflicht gemacht, eine Versammlung zu besuchen und gegen die neuen Feinde der Einverleibung zu protestieren.“

    Der großstadtfeindliche Bezirksausschuss war gegen eine Eingemeindung, der Amthauptmann dafür. Schönefeld, Mockau und Leipzig wollen also, aber das sächsische Ministerium nicht. „Im April sei vom Ministerium eine Verfügung herausgekommen, nach der weitere Einverleibungen nur dann stattfinden sollen, wenn die Wohnungsfrage geregelt sei“, hieß es auf einer Versammlung der Hausbesitzervereine beider Orte. Konkret geht es darum, dass in Schönefeld und Mockau das Kleinwohnungswesen besonders ausgeprägt ist, aber die „minderbemittelten Klassen“ aus der inneren Stadt in die beiden Gemeinden gezwungen würden und große Wohnungen bräuchten. Kurzum: Schönefeld und Mockau sind Arbeiterviertel, haben aber nicht genügend adäquate Wohnungen für diese neue Klasse. Die Lösung wäre ein Bebauungsplan, aber ehe der beschlossen und umgesetzt wäre, würden weitere Jahre vergehen. Schon drei Personen der Hausbesitzervereine waren beim Minister, aber es sei zwecklos gewesen und auch der Bezirksausschuss sei zu nichts zu gebrauchen.

    „Die ältlichen Herren im Bezirksausschuss säßen auf ihren Dörfern und kümmerten sich nicht um die Verhältnisse anderer Gemeinden. Man müsse andere Leute hineinwählen“, wurde auf der Versammlung der Hausbesitzervereine protestiert. Der Stadtverordnete Lange kritisierte, dass bei einer verzögernden Einverleibung die Entwicklung der Orte lahmgelegt sei „und das könne kein Ministerium billigen.“ Die Einverleibung sei dringend notwendig, weil in der Krankenkasse in Leipzig-Land „unerträgliche und unvernünftige Verhältnisse herrschen“. Und elektrische Kraft bekäme man weder von Leipzig noch aus der Überlandzentrale. „Das hindere die Ausbreitung der Industrie“.

    Ein Herr Richter aus Schönefeld wünschte, „dass Mieter und Hausbesitzer gemeinsam dem großen Ziele der Eingemeindung zustreben sollten. Gegensätze seien hier nicht vorhanden.“ Herr Späte gab den Anstoß für die Protestveranstaltungen. Er forderte: „Es müssen Massenversammlungen abgehalten werden, denn wer viel Lärm mache, bekomme endlich Recht.“

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    Der Rat der Stadt Leipzig lässt locker. Er hebt die am 8. Januar 1907 erlassene Bekanntmachung über die Verwendung von Mehl und sonstigen Bindemitteln bei der Herstellung von sogenannter Brühwurst und anderen Wurstarten auf. Das Zubereiten, Fetthalten und Verkaufen von Brühwurst und anderer Wurst ist weiterhin durch das Nahrungsmittelgesetz und im Reichsstrafgesetzbuch geregelt. „Nach diesen Bestimmungen bedeutet es eine Verschlechterung und mithin Verfälschung der Wurst, wenn dieser außer Fleisch, Salz und Gewürzen noch andere Stoffe zugesetzt werden, die der Bezeichnung nach darin nicht zu erwarten sind.“

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