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Leipzig im Juli 1914: Leiden und Leben in einer Stadt der verwässerten Milch

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    Die Milch ist vor 100 Jahren, im Juli 1914, nicht mehr das, was sie mal war. Ein Vortragsredner versucht derweil mit angeblichem gesundheitlichem Hokuspokus Blechbadewannen zu verkaufen, beim Bau der Leipziger Untergrundbahn wird ein Arbeiter verschüttet und ein Arbeitsbursche investiert das Portogeld seiner Firma lieber in Brot statt in Briefmarken - und landet vor Gericht.

    Am Dienstag, dem 30. Juni, ist die Titelseite der LVZ fast schon wieder frei von den Meldungen aus Sarajewo und den daraus resultierenden Weltuntergangsszenarien. Es geht um das Ergebnis der Münchner Tagung. Die hat nichts mit Weltpolitik zu tun. Es ist die Tagung des Arbeiterparlaments. Darunter findet sich nur ein kleiner Kasten, der über Revancheakte von „Mohammedanern und Kroaten gegen Bosnier“ berichtet.

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    In Leipzig sorgt man sich Anfang Juli 1914 um die Milchversorgung der Bevölkerung, genauer um die Reinheit derselbigen. „Das Anwachsen der Städte lässt in den umliegenden Ortschaften Fabriken- und Arbeiterviertel entstehen. Dadurch wird der bäuerliche Betrieb immer mehr aus der Nähe der Großstadt verdrängt und die landwirtschaftlichen Produkte müssen aus weiter Entfernung herbeigeholt werden. Der Stand der Verkehrsmittel übt demnach auf den Milchvorrat und natürlich auch auf die Milchpreise einen wesentlichen Einfluss aus“, ist in der LVZ zu lesen. Das Statistische Amt der Stadt, protokolliert 1910 letztmalig den Milch-Genuss der Leipziger. Demnach tranken die Leipziger damals jährlich 86 Liter Milch. Dabei ist die Messestadt nur Dritter im Ranking der sächsischen Milchbärte nach Dresden und Chemnitz. Den reichsweiten Höchstverbrauch kann übrigens Freiburg im Breisgau vorweisen. Dort soll jeder Einwohner jährlich 198,2 Liter Milch trinken. 2012 liegt der bundesweite Durchschnitt bei 54,6 Litern.

    Aber zurück ins Vorkriegs-Leipzig. Wie das Statistische Amt weiter herausfand, sind 1910 nur 4 Prozent der getrunkenen Milch in Leipzig produziert worden, da sich nur „693 melkfähige Kühe in der Stadt befanden“, 37 Prozent der Milch wurde per Fuhrwerk „mit Pferde und Hunden“ nach Leipzig gebracht, 58 Prozent mit der Bahn. Und hier beginnt das Problem: Wohingegen städtische Produzenten im direkten Kontakt mit Kunden stehen, da sie „die Milch jeden Morgen auf von Hunden gezogenen Wagen laden und die Kundschaft aufsuchen“, ist bei der per Bahn nach Leipzig gebrachten Milch die Kontrolle schwerer. Und manipulieren kann man einiges. Es ist die Milchordnung, die 2,8 Prozent Fett pro Milch vorschreibt, die Überprüfung erfolgt durch die chemische Untersuchungsanstalt der Stadt Leipzig. Und die stellt fest, dass immer mehr Milch keinen ausreichenden Fettgehalt hat – 1910 waren es 12,6 Prozent des Milchverbrauchs.

    „Das ist ein sehr trübes Bild über den Reinheitsgrad der Milch in Leipzig“, so die LVZ, die vor allem auf die Palme bringt, dass gleichzeitig der Milchpreis seit 1910 anzieht: „Seit dem März 1910 ist also der Milchverkaufspreis um volle vier Pfennige für einen Liter gestiegen, die einzig und allein den nimmersatten Milchagrariern zu gute kommen“. Für das Parteiorgan steht fest: Die Verschmutzung der Milch hat beim Produzenten ihren Ursprung. „Der mangelnde Fettgehalt hat aber seine Ursache meistens im wässern der Milch und der Landwart hat es genau so weit zum Brunnen wie der Händler“. Klar ist: „Unter allen Umständen muss die Stadt mehr tun als bisher“

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    Am 2. Juli wird es eng für den Hofmeister Friedrich Wilhelm Peufer aus Großdöbern und dessen Ehefrau Berta Laura Peufer, geb. Philipp. Sie müssen sich „wegen vorsätzlicher Brandstiftung und Versicherungsbetrugs“ bei Gericht verantworten. 10 Uhr vormittags, wie in der Zeitung für alle zu lesen ist.

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    Ein 16-Jähriger Realschüler hat Glück im Unglück. Am Georgiring wird er von einer Kraftdroschke überfahren. Aber: „Da er anscheinend einen Knöchelbruch erlitten hatte, fuhr ihn der Kraftwagenführer in die elterliche Wohnung. Der Verletzte soll in den Kraftwagen hineingelaufen sein.“

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    Buntmetalldiebe sind offenbar keine Entwicklung unserer Zeit. Die LVZ meldete am 1. Juli: „Messingdiebe: Vergangenen Sonnabend früh gegen 1 Uhr klingelte es in einer Wohnung der Blumenstraße. Als das Dienstmädchen zum Fenster hinaussah, um festzustellen, ob jemand Einlaß in das Haus begehre, erblickte sie drei Männer vor dem Grundstück von denen einer rief: „Es hat geklingelt. Los, fort!‘ Alle drei Personen ergriffen hierauf die Flucht. Am anderen Morgen fand man, dass die unbekannten Leute den Messingdeckel des Briefkastens abgerissen und versucht hatten, die Messingrosette der Klingelleitung zu entfernen. Dieselben Männer haben übrigens in derselben Nacht noch eine Klingelrosette an einem Grundstück der Böhmestraße abgerissen. Auch hier ist beim Entfernen der Rosette die Klingel ertönt. Leider ist es bis jetzt noch nicht gelungen, die Täter zu ermitteln.“ Ob die Polizei bei den Dieben schließlich klingelte, ist unbekannt.

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    Mutter gesucht. Eine Zugfahrt von Wittenberg nach Leipzig nutzt eine Frau Anfang Juli zur Geburt. Doch sie lässt ihr zusätzliches Gepäck ohne weitere Informationen zurück. „Ein neugeborenes Kind im Eisenbahnwagen gefunden. Am Sonntag wurde in einem Abort des hier abends in der 12. Stunde von Wittenberg ankommenden Zuges ein neugeborenes Kind gefunden. Wer etwas zur Ermittlung der Kindesmutter angeben kann, die vermutlich hier oder in der Umgebung Aufnahme oder Wohnung gefunden hat, wolle sogleich der Kriminalabteilung Meldung machen.“

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    Fressen statt Frankieren: Ein Arbeitsbursche der Firma Kleinig u. Glasberg gerät Anfang Juli arg in Bedrängnis. Der junge Mann namens „Br.“ „brachte am 20. Februar abends, einige Pakete zur Post und erhielt 95 Pfennige, um sie zu frankieren.“ Doch Br. hatte mittags keine Zeit, um nach Hause zu gehen und den Herd anzuwerfen und seine Eltern wohnen im offenbar weiter entfernten Dösen. Und weil Hunger ein so undankbares Gefühl ist, „sandte er die Pakete unfrankiert und kaufte sich für die 95 Pfennige etwas zu essen.“ Die Firma war davon wenig erfreut und stellte tatsächlich Strafantrag „wegen Unterschlagung.“ Doch „Br.“ kann auf das Verständnis des Richters bauen. „Der sehr arbeitsame Jugendliche, der in der 4. Klasse aus der Volksschule entlassen ist, wurde auf Grund eines Gutachtens des Gerichtsarztes freigesprochen. Er habe sich bei Begehung der Tat in einem Zustande krankhafter Störung der Geistestätigkeit befunden.“ Das lässt Spielraum für vieles.

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    Der Krieg beginnt erst in gut vier Wochen, aber trotzdem wird ein Soldat des 107. Inf.-Regiments am 1. Juli halb zwei bewusstlos. Auf einer Promenadenbank liegend kümmerten sich ein Kontrolleur der Elektrischen Straßenbahn und ein Unteroffizier „um den bedauernswerten Mann“. Ausgang unklar.

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    In einem anderen Gefühl der Ohnmacht haben sich am selben Tag offenbar eine Frau und ein Mann befunden. „Gegen halb 8 überstieg eine Frau in der Weißenfelser Straße plötzlich das Geländer des Karl-Heine-Kanals, um sich zu ertränken. Passanten verhinderten die Lebensmüde im letzten Augenblick an ihrem Vorhaben.“ Sie wurde auf die Polizeiwache gebracht, wo sie ihr Ehemann abholte. Sie sei nervenleidend gewesen. Am selben Tag schoss sich ein Schlosser in der Frankfurter Straße zweimal in den Kopf – und kam noch lebend ins Krankenhaus. Selbstmorde sind in diesem Juli keine Seltenheit. Die Zeitungen berichten regelmäßig davon.

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    Unglück beim Bau der Leipziger Untergrundbahn. Die Brücke, auf der die Güterzüge ankommen, bricht zusammen. Ein Arbeiter stürzt in die Tiefe und wird von der nachfliegenden Masse verschüttet. Mit schweren inneren Verletzungen kommt er ins Krankenhaus. Wenig später werden einem Arbeiter vier Finger abgequetscht.

    „Es sind Fälle zu verzeichnen, wo die Arbeiter 12, 15 und 18 Stunden ohne Unterbrechung arbeiten (ausgenommen die Pausen)“, klagt die LVZ. Noch viel schlimmer: Die Leiden der Arbeiter sind vollkommen sinnlos. Die ersten Arbeiten an einer Leipziger Untergrundbahn, die vom neuen Hauptbahnhof zum Bayerischen Bahnhof führen soll, kommen mit dem ersten Weltkrieg ins Stocken. Heute weiß man, dass die Eröffnung noch 99 Jahre auf sich warten lassen wird. Die Vorarbeiten aus dem Jahr 1914 spielen da keine Rolle mehr.

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    Der Diebstahl von Reklame und Firmenschildern nimmt zu. „In letzter Zeit sind öfter Reklame- und Firmenschilder gestohlen worden, ohne dass sich bisher ein Anhalt für die Täter ergeben hätte“, wird in der LVZ geklagt. Kürzlich hatte man jedoch bei einem „hiesigen Studenten“ Schilder gefunden. Begründung für die Diebstähle: „Er wolle damit seine Zimmer dekorieren.“
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    In den südlichen Vororten treibt ein „Vortragsredner“ namens Georg Fider sein Unwesen. Er hält Vorträge unter dem Motto: „Die Gesundheit des Volkes ist das höchste Gesetz!“. Die Einladungszettel werden durch die Gemeindediener ausgeteilt, die wohl der Annahme sind, dass der Vortrag „wissenschaftlichen Wert habe und dem öffentlichen Interesse diene.“ Beides sei aber falsch, so der Zeitungsredakteur. „Der Vortragsredner schlabbert zwar über Tuberkulose, Blutarmut, Bleichsucht, über die Bedeutung der Haut für das Nervenleben, über schlechte Blutbeschaffenheit, Zahnkrankheiten und Verhütung des frühzeitigen Alterns […] und noch einiges andere. Sein ganzer Sprech ist aber ohne jeden wissenschaftlichen Wert und hat nur den einen Zweck, für eine Chemnitzer Firma blecherne Badewannen an den Mann zu bringen, die Stück für Stück zum Preise von 42-71 Mark bei 10 Mark Anzahlung und monatlichen Teilzahlungen von 5 Mark angepriesen werden.“ Es sei zwar wünschenswert, dass jede Familie Badegelegenheit erhält, aber nicht so. „Es ist einfach Unfug, zu solchem Zwecke die „Kunden“ in die Kneipe zu lotsen und zur Veranstaltung des „öffentlichen Vortrags“ auch noch amtliche Organe zu missbrauchen. Hoffentlich genügt dieser Hinweis, „dem geschäftstüchtigen Vortragsredner“ für die Zukunft das Handwerk zu legen.

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