Am Dienstag, 1. April, wurde im Zeitgeschichtlichen Forum eine Ausstellung eröffnet, die ein komplexes, zum Teil kompliziertes, oft von Faszination getragenes Verhältnis beschreibt: "The American Way. Die USA in Deutschland". Die Ausstellung war in dieser Art auch schon im Haus der Geschichte in Bonn zu sehen - vor NSA und Krim-Krise. "Kaum ein Verhältnis polarisiert so wie dieses", sagt Kurator Hanno Sowade.

Das war schon in Bonn zu spüren, wo 225.000 Besucher diese Ausstellung sahen. Das wird auch in Leipzig so sein. Hier erst recht, denn hier kommen noch jene 40 Jahre Trennung dazu, die den Bürgern des Landes auch die direkte Identifikation mit dem Bündnispartner USA unmöglich machten. Sie waren ja ins östliche Bündnis eingebunden. Vorbild hatte der große Bruder Sowjetunion zu sein. Und was da über den Großen Teich herüberkam, wurde gern mal verteufelt. Oder sogar kriminalisiert – man denke nur an die staatliche Verfolgung der frühen Beat-Bewegung in der DDR.

Aber nicht ohne Grund heißt ein Kapitel der Ausstellung auch “Feindesland und Sehnsuchtsort”. Denn was politisch verkündet wurde, war ja selten das, was die Menschen auch empfanden. Und Historiker nennen das 20. Jahrhundert nicht ohne Grund das amerikanische. Nicht weil die Truppen der USA überall zu Gange waren oder die diversen Präsidenten (mit Ausnahmen) keine besonderen Vorbilder waren. Was tatsächlich die Faszination und den Mythos USA ausmachte, das war all das, was man so gern dem “American Way of Life” zuschreibt – vom Film bis zur Rock- und Popmusik, von der Kunst bis zur Literatur.

Dr. Rainer Eckert, Direktor des Zeitgeschichtlichen Museums, ist nicht der Einzige, der in seiner Jugend schon dieser Faszination erlegen ist, der Bob Dylan hörte und Saul Bellow las und liest und sich von der Oma aus Westberlin die Lewis 501 besorgen ließ und einen echten Parka. Es war eine ganze Kultur und ein unbändiger Zeitgeist, der die Mauer so mühelos durchdrang, dass die allwaltende Einheitspartei am Ende gar nicht anders konnte, als diesem Lebensgefühl auch Freiräume zu geben – bis hin zur Nachahmung all dessen, was an der amerikanischen Kultur faszinierte, im Land aber nicht zu haben war. Das betraf eine Unzahl von Cola-Sorten (von denen einige heute selbst wieder Legende sind), nachgemachte Jeans und sogar selbst produzierte Skatebords.Eine Abteilung in der Ausstellung beschäftigt sich mit diesem besonderen Kapitel, in das auch das “Mosaik” gehört, die vielen auf ihre Art faszinierenden Indianerbücher, die Indianerfilme der DEFA und nicht zuletzt die Feier einer politischen Ikone mit Angela Davis.

Aber nicht nur das Verhältnis Ostdeutschlands zu den offiziell so befeindeten USA war ambivalent. Auch der Westen war immer im Zwiespalt. Der Riss entstand oft zwischen den Generationen. So wie 1968, als sich die Studentenproteste am Vorbild der rebellierenden Jugend in den USA orientierte und auch den Protest gegen den Vietnam-Krieg übernahm. Was nicht bedeutete, dass die Faszination der USA nachließ – sie war nur auf einmal mit neuen Ikonen besetzt. “Eine Wellenbewegung”, nennt es Sowade. Die auch eine permanente Abfolge neuer Kulturströmungen war – von Boogie Woogie, Country und Rock’n’Roll über all die Hollywood-Filme bis hin zu jenem Showdown der Großmächte, der in den 1980er Jahren in beiden Teilen Deutschlands die Friedensbewegung auf den Plan rief.

“Wertegemeinschaft des Westens”, nennt Rainer Eckert als Stichwort. Aber so nebenbei ergänzt Hanno Sowade, dass es durchaus zwei verschiedene Werte-Ensembles waren, die da aufeinander trafen. Zumindest für die Europäer sehr befruchtend, die aus ihrer Geschichte Werte wie Gerechtigkeit, Solidarität, Umweltschutz mitbrachten, während die USA immer die Freiheit und die Individualität gefeiert haben. Leuchtmarken, die auch noch über der Hippie-Bewegung funkelten.Im Westen Deutschlands kam auch immer noch die Dankbarkeit hinzu. Der Marshallplan hatte das kriegszerstörte Land binnen weniger Jahre mitten hinein ins Wirtschaftswunder geführt. Mit ihren “Rosinenbombern” über Westberlin zeigten die Amerikaner, wie wichtig ihnen die Freundschaft war. Während die Ostdeutschen in dieser Erzählung immer nur am Katzentisch saßen. Da konnte Nikita Chrustschow auf der Ostseite der Berliner Mauer auch behaupten, er sei ebenfalls ein Berliner. Es interessierte nicht. Auch weil es nicht die Sowjetunion war, die im 20. Jahrhundert die Vision eines Landes der unbegrenzten Möglichkeiten erfüllte. Das waren die USA.

So wurden sie zum heimlichen Sehnsuchsort der Ostdeutschen.

Hat sich das geändert nach 1989? – Rainer Eckert sieht einen latenten, in Ost wie West sich austobenden Anti-Amerikanismus. Aber vielleicht täuscht das auch, weil gerade das Internet heute auch Leuten ein Forum bietet, die es vor 30 und 40 Jahren schon genauso gab. Die die Welt in Schwarz und Weiß malen. Aber schon wer die Ausstellung mit ihren rund 1.000 Exponaten betritt, spürt, dass man diese Geschichte einer Begegnung nicht Schwarz/Weiß malen kann. Sie beginnt mit der Befreiung vom Faschismus 1945, als amerikanische Soldaten auch auf Leipzigs Straßen als Befreier begrüßt wurden. Sie führt über AFN und RIAS mitten hinein in die Lebenswelt jener jungen Leute, die heute Senioren sind und davon schwärmen, wie sie damals heimlich die “feindlichen Sender” hörten, um Teil zu haben an dieser Musik und diesem Hauch von großer, weiter Welt. Musiker, die den Rock’n’Roll imitierten, gab es nicht nur im Westen.Und als später Serien wie “Dallas” im Fernsehen liefen, waren auch in ostdeutschen Dörfern die Straßen leer gefegt. Und auch im Westen wurde diskutiert, als die ersten McDonald’s-Filialen eröffneten, als sich mit der amerikanischen Konsumwelt auch nach und nach amerikanisches Wirtschaftsverständnis Raum schaffte. Ein Prozess, der ja bis heute nicht abgeschlossen ist. Man denke nur an das gerade diskutierte TTIP-Abkommen (Transatlantic Trade and Investment Partnership), das Europa für die USA zur Freihandelszone machen soll. Ist der amerikanische Weg immer der richtige?

Oder liegt Europa samt Deutschland auch in dieser Beziehung glücklicherweise in der Mitte und kann Anregungen aus allen Richtungen aufnehmen? Auch aus dem Osten (was in Deutschland im frühen 20. Jahrhundert sogar eine echte Mode war). Und dann sind da immer auch die eigenen Werte, die ja nicht wirklich auf den Müll gehören. Die Faszination Amerikas beinhaltet auch immer ein exotisches Element. Selbst das ist nach 70 Jahren immer noch so geblieben. Man spürt es in dieser Ausstellung, auch wenn sie im Grunde nur reflektiert, was Deutschland in den zurückliegenden Jahren aufgesogen hat aus diesem sagenhaften Amerika. Die Frage, die Rainer Eckert stellt, ist durchaus interessant: Würden die Amerikaner diese Ausstellung so auch bei sich zeigen? Oder würden sie ähnlich abwehrend reagieren wie die Tschechen und Österreicher?

Es ist – auch wenn es so fantastisch anmutet – eben doch der deutsche Blick auf Amerika, unsere kollektive Sicht auf das dominierende Land des 20. Jahrhunderts. Mit dessen Politik nicht nur die ’68er haderten. Wie ambivalent das Verhältnis ist, zeigte ganz explizit der 11. September 2001, als die Anschläge auf das World Trade Center auch in Deutschland für Entsetzen sorgten. Es war einer dieser Momente, in denen Viele spürten, wie eng verbunden man sich diesem Amerika fühlt. Die Ambivalenz wurde sichtbar, als die Bush-Regierung gleich nach den Anschlägen begann, zum Krieg gegen den Irak zu rüsten, und die deutsche Regierung keineswegs bereit war, einfach mitzumarschieren. Mitmarschiert ist sie am Ende doch – in Afghanistan.

Aber auch das war kein durchdachtes militärisches Abenteuer, wie man heute weiß. Die manchmal verwirrenden deutschen Bedenken haben oft auch ihre Berechtigung. Auch und gerade weil es so viele Bedenken aus der Mitte eines alten, erfahrungsreichen Kontinents sind. Da können die Leute hinterm Teich oft unbedachter drauflosschlagen. Oder reden. Oder handeln, wie im Vorfeld jener Finanzkrise, die 2007 und 2008 zum Platzen kam. Und gewiss sind auch die weltweiten Abhör- und Spionagetechniken der NSA forsch und maßlos. Also auch das typisch Amerika.

Ganz am Ende der Ausstellung wird darauf noch kurz hingewiesen. “Der NSA-Skandal brach während unserer Ausstellung in Bonn los. Viele Möglichkeiten, da zu reagieren, hatten wir nicht”, sagt Sowade. Aber er ist sich auch sicher, dass solche Ereignisse auch in den nächsten Jahren passieren werden. Und die Deutschen aufregen werden, gerade weil es eine besondere Beziehung ist, die sie zum Mythos USA pflegen. Der wohl durch kein anderes Land getoppt wird, meint Sowade.

Die Ausstellung “The American Way. Die USA in Deutschland” ist im Zeitgeschichtlichen Forum (Grimmaische Straße 6) vom 2. April bis zum 12. Oktober zu sehen. Etliche Medienstationen geben den Besuchern auch Zugriff auf die schier unübersichtliche Menge von Bildern und Filmen dieses spektakulären amerikanischen Jahrhunderts.

www.hdg.de

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