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Ein knisternder Moment aus der Frühzeit der deutschen Kunst-Avantgarde

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    Deutschland war – auch in den scheinbar so kaisertreuen Jahren kurz vor dem 1. Weltkrieg – ein Land, durch das ein tapferer Wind der Moderne wehte. Künstler trauten sich was. Und zwar nicht nur das Andocken an Kunstströmungen, wie sie in den Nachbarländern längst Fuß gefasst hatten, Einige Künstler trauten sich sogar selbst, richtig mutig Avantgarde zu sein. Das ist bis heute legendenumwoben.

    Denn die Namen sagen zwar Kunstfreunden etwas – sowohl der von Emil Nolde als auch der der Künstlergruppe „Die Brücke“. Dass beide aber auch für eine ernsthafte Abkopplung von den dominierenden Kunsttrends der Zeit standen, ist wenigen bewusst. Denn immer nur den Franzosen nachjagen, die schon seit Jahrzehnten die Entwicklung der Kunstströmungen vorgaben, das wollten ein paar junge Künstler in Deutschland auch nicht mehr. Sie wollten lieber selbst dabei sein und Neues ausprobieren. Richtig ernsthaft. Das, was man wirklich unter Avantgarde versteht.

    Und deshalb ist die Ausstellung, die das Museum der bildenden Künste Leipzig und die Kunsthalle zu Kiel jetzt gemeinsam auf die Beine gestellt haben, etwas Besonderes. Im Grunde eine Wiederentdeckung, ein ganz besonderes Kapitel deutscher Kunstgeschichte. Man hat sich auch noch das Brücke-Museum Berlin und die Nolde Stiftung Seebüll mit ins Boot geholt und damit Zugriff auf einen Bilderfundus bekommen, der Eindruck macht.

    Und es geht dabei um eine Begegnung der einmaligen Art: die Zeit, als Emil Nolde kurzzeitig bei der Brücke anheuerte. Oder vorbeischnupperte, muss man wohl sagen.

    Fritz Bleyl (1880-1966), Erich Heckel (1883-1970), Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) und Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976), die im Juni 1905 die Künstlergruppe Brücke in Dresden gründeten, gelten auch heute noch als Pioniere des Expressionismus. Max Pechstein (1881-1955) kam 1906 als Mitglied hinzu. Und dann ist da dieser Emil Nolde (1867-1956), den man ganz und gar nicht zur Brücke zählt. Aber ganz kurz – von Frühjahr 1906 bis Herbst 1907 – war er trotzdem Mitglied der Brücke. Und das lag an beiderseitiger Neugier. Da wollten ein paar junge Künstler voneinander lernen.

    Emil Nolde „Maler Schmidt-Rottluff“ (1906). Copyright: Nolde Stiftung Seebüll
    Emil Nolde „Maler Schmidt-Rottluff“ (1906). Copyright: Nolde Stiftung Seebüll

    Die selten ausgeliehenen Frühwerke Noldes und der Brücke-Künstler werden in Leipzig in einem bis dahin nicht bekannten Umfang zusammengeführt, um die stilistischen Anregungen der beteiligten Künstler in den Gattungen Malerei, Zeichnung und Druckgrafik nachzuzeichnen.

    Dabei werden die Klischeekriterien, was ein expressionistisches Bild überhaupt ausmacht, kritisch hinterfragt, betont das Museum. Denn in der Formierungsphase der Brücke, als Nolde Mitglied dieser Gemeinschaft war, bestimmen noch impressionistische Bildvorstellungen die Werkgenese. Den Weg zum markanten Expressionismus suchten sie alle noch.

    Alles begann im Januar 1906, als die Brücke-Künstler eine Nolde-Austellung in der Galerie Ernst Arnold in Dresden besichtigten. Am 4. Februar erfolgt die Bitte von Schmidt-Rottluff an Nolde, der Brücke beizutreten. Ach ja, und dann kam die Frau ins Spiel: Seine Frau Ada redete Nolde zu, der Künstlergruppe beizutreten. Was dann später einer der Gründe wurde, wieder auszutreten. Denn Noldes Ehefrau, von Beruf Schauspielerin, muss auf die Herren der Kunst enormen Eindruck gemacht haben. Schon im Sommer ging es los, als Schmidt-Rottluff die Noldes auf der dänischen Ostseeinsel Alsen besuchte. Was zwar Nolde dazu anregte, nun wie Schmidt-Rottluff erste Holzschnitte anzufertigen. Aber es war Sommer … und Schmidt-Rottluff verliebte sich in Ada. Es sollte nicht dabei bleiben.

    Schon im Januar 1907 macht Nolde Ada gegenüber deutlich, dass er mit seiner Mitgliedschaft in der Künstlergruppe unzufrieden ist.

    Bei einem Sanatoriumsaufenthalt von Ada von Februar bis April in Dresden passierte es dann wieder. Diesmal war es Erich Heckel, der sich in Ada verliebte.

    Am 9. November 1907 teilt Nolde dann Heckel seinen Austritt aus der Brücke mit.

    Was nicht bedeuten muss, dass nur die geliebte Frau dran schuld war. Dazu war Nolde viel zu sehr Einzelgänger und bestrebt, selbst neue Wege in der Kunst zu erkunden.

    Erich Heckel „Junger Mann und Mädchen“ (1909). Copyright: Erich Heckel Nachlass und Brücke Museum Berlin
    Erich Heckel „Junger Mann und Mädchen“ (1909). Copyright: Erich Heckel Nachlass und Brücke Museum Berlin

    Eigentlich ging es den Anderen nicht anders. 1913 löste sich – nachdem auch andere Künstler schon offiziell ihren Abschied genommen hatten – die Brücke endgültig auf. Aber sie hat bis heute ihre Spuren hinterlassen. Und es ist eher erstaunlich, wie wuchtig die „alten“ Brücke-Künstler mit diesem Emil Nolde korrespondierten, als man sich enger kannte und besuchte.

    Was dann noch ein anderes Grundthema der Ausstellung ausmacht.

    Im Fokus steht außerdem die frühe Form des „Networking“, das heißt die strategische Zusammenarbeit mit Galeristen, Sammlern und Museen, um dem expressiv
    vorgetragenen Impressionen eine breite Öffentlichkeit zu geben. Aus diesem Grund legt das Ausstellungskonzept besonderen Wert darauf, Kunstwerke in dieser Ausstellung zu zeigen, die nachweislich auf den Brücke-Wanderausstellungen von 1906 und 1907 mit Beteiligungen Noldes zu sehen waren.

    Dies ermöglicht, das breite stilistische Erscheinungsbild der Künstlergruppe Brücke zu veranschaulichen. Unter den Exponaten befinden sich auch Werke, die bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Leipzig ausgestellt waren. Der Messestadt kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu. Die erste Einzelausstellung Noldes in Deutschland richtete der Leipziger Kunstverein im Museum der bildenden Künste 1904 aus. Auch fand die erste Gruppenausstellung der Brücke 1905 in der Kunsthalle P. H. Beyer & Sohn in Leipzig statt. 1907 lud der deutsche Künstlerbund die Brücke erstmals ein, sich an einer Grafikausstellung im Leipziger Buchgewerbemuseum zu beteiligen. Die zweite Einzelausstellung von Nolde fand 1914 im Leipziger Kunstverein statt. Eines der Hauptwerke war die Verspottung Christi, die das Museum sieben Jahre später für die Gemäldesammlung ankaufte. 1937 wurde das Bild als „Entartete Kunst“ beschlagnahmt und findet nun nach 80 Jahren seinen Weg zurück nach Leipzig – als eines der insgesamt 198 Werke, davon 60 Gemälde, die in der Ausstellung zu entdecken sind.

    Die Ausstellung „Nolde und die Brücke“ wird im Museum der bildenden Künste vom 12. Februar bis 18. Juni 2017 gezeigt.

    Eine Besonderheit wird dann ab März das Nolde-Atelier: In der Ausstellung lädt ab 5. März eine offene Werkstatt Familien mit Kindern ab 10 Jahren dazu ein, sich selbstständig praktisch mit der Ausstellung auseinanderzusetzen, dazu gibt es ein kleines Begleitheft mit Informationen und Anregungen. Jeden Mittwoch (14-18 Uhr) und Samstag (12-16 Uhr) finden in der Werkstatt Workshops zu unterschiedlichen Themen statt.

    In eigener Sache: Lokaler Journalismus in Leipzig sucht Unterstützer

    https://www.l-iz.de/bildung/medien/2017/01/in-eigener-sache-wir-knacken-gemeinsam-die-250-kaufen-den-melder-frei-154108

     

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