Leipzigs Künstler/-innen entdecken immer mehr den öffentlichen Raum für sich. Teilweise gezwungenermaßen, weil Galeriekonzepte ohne Publikum schwerlich funktionieren. Manchmal auch, weil auf politischer Ebene mal wieder über öffentliche Denkmale geredet wird, so wie über das militaristische Siegesdenkmal, das bis 1945 auf dem Leipziger Marktplatz stand. Darauf hat ja bekanntlich die Schaubühne mit ihrer Kunstinstallation „Zucker.Rausch.Germania“ reagiert. Und am Samstag, 28. August, eröffnet die Ausstellung „Künstliche Paradiese“, ein ebenso spannender Zugriff auf den öffentlichen Raum.

„Zucker.Rausch.Germania“ hinterfragt Kriegsmonumente

Ein Pferd aus Zucker dreht auf einem alten Karussell seine Runden. Wohl noch nie hat jemand solch eine Skulptur nur aus Zucker gebaut. Vergänglich, im Gegensatz zum alten Siegesdenkmal aus Bronze und Stein, das hier einmal stand.Jedoch verspricht das Karussell keinen Spaß. Hier geht es um Kriege und wie wir uns daran erinnern. Die Schaubühne eröffnete am 21. August auf dem Leipziger Marktplatz ihre Kunstinstallation „Zucker.Rausch.Germania“, die sich kritisch mit Kriegsmonumenten auseinandersetzt.

Mit weiteren Aktionen in Berlin, Brno und Strasbourg nehmen sie den Deutsch-Französischen Krieg zum Anlass, um daran zu erinnern, dass militaristische Symbole in unseren Städten noch immer präsent sind.

ZUCKER.RAUSCH.GERMANIA (Detail). Foto: LZ
„Zucker.Rausch.Germania“ (Detail). Foto: LZ

Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble begleitet das Projekt als Schirmherr und ordnet die Aktion ein: „Denkmäler werden für die Ewigkeit errichtet, ihre Deutung und Bedeutung aber sind dem Wandel der Zeit unterworfen. Das gilt auch für die Monumente der Bismarckzeit. Mit ihnen setzt sich das Kunstprojekt „Zucker.Rausch.Germania“ auseinander. Es will den Anstoß geben, die Relikte aus der Zeit der Reichsgründung vor 150 Jahren zu hinterfragen und neu zu deuten. Mit Aktionen und Installationen – und mit einem ungewöhnlichen Werkstoff: dem Zucker.“

„Es geht um einen Prozess, wo die Rekonstruktion letztlich eine Dekonstruktion der Motive sein muss, die die Leute dazu geführt haben, das Denkmal zu errichten“, kommentiert René Reinhardt, künstlerischer Leiter der Aktion und Schaubühnen-Vorstand, die Aktion.

Am 25. August wurde im Rahmen der Aktion auf dem Leipziger Hauptbahnhof ebenfalls eine Pferdeskulptur aus Zucker enthüllt.

Das Begleitprogramm zu „Zucker.Rausch.Germania“ auf dem Marktplatz:

21. August bis 19. September auf dem Marktplatz Leipzig

Bis 28. August jeweils 20 Uhr: ET SI L’EUROPE? Performance mit Zwölf Tableaux vivants von Groupe Tongue (Strasbourg)

1. September, 19:30 Uhr: Rummelkonzert am Karussell. Frau L. und Herr R. entern das Denkmal (die Künstler/-innen werden kurzfristig bekannt gegeben)

9. September ab 18 Uhr: GINEVRA PANZETTI & ENRICO TICCONI: AEREA. Theaterperformance am Karussell

Ausstellungseröffnung „Künstliche Paradiese“

Für die Ausstellung „Künstliche Paradiese“ des Kunstvereins Leipzig gibt es am Samstag, 28. August, ein Soft Opening am Dorotheenplatz.

„Künstliche Paradiese“ ist eine Ausstellung im öffentlichen Raum mit Nina Dvorak, Stefan Grieger, Norman Harzer, Bastian Muhr und Katharina Schilling, die vom 28. August bis zum 25. September auf dem Dorotheenplatz und im Plastikgarten (die Grünanlage gegenüber vom Neuen Rathaus) zu sehen sein wird.

Das Soft Opening gibt es am Samstag, 28. August, von 17 bis 22 Uhr.

Künstliche Paradiese geht als zweite Ausstellung der Programmreihe „Of Things Baroque“ den barocken Ursprüngen der Leipziger Gartenkultur nach und befragt deren historische Strukturen auf aktuelle Möglichkeiten städtischer Teilhabe.

Während seit dem Biedermeier vor allem die Schrebergärten das Image der Stadt prägen, ist die herausragende Bedeutung Leipzigs als ein historisches Zentrum prachtvoller, bürgerlicher Barockgärten in Vergessenheit geraten.

Aufgelockertes Fleckchen im Kolonnadenviertel: Dorotheenplatz mit Blick zur Otto-Schill-Straße. Foto: Ralf Julke
Aufgelockertes Fleckchen im Kolonnadenviertel: Dorotheenplatz mit Blick zur Otto-Schill-Straße. Foto: Ralf Julke

Der Dorotheenplatz und der Plastikgarten, beide in unmittelbarer Umgebung des Kunstvereins, werden zu Ausstellungsorten im öffentlichen Raum. Temporäre Installationen untersuchen die barocke und postmoderne Historie der beiden stadtgeschichtlich bedeutsamen Flächen.

Die Frage nach Repräsentation und Nutzungsrecht, die sich bei beiden öffentlichen Räumen stellt, ist letztlich die Frage nach dem Recht auf Stadt. Dieses beinhaltet, wie Henri Lefebvre es bereits 1968 beschrieb, auch das Recht auf Zentralität und das auf Teilhabe an den Vorzügen des urbanen Lebens, dem kollektiven, lustvollen Miteinander.

Der zunehmende räumliche Nutzungsdruck bezieht sich eben nicht nur auf die funktionellen Ebenen des städtischen Raums – Wohnen, Arbeiten, Erholen –, sondern umfasst insbesondere auch dessen offene, ungerichtete Nutzung: als Ort des zwanglosen Zusammenkommens. Gerade die barocken Bürgergärten, die den Leipziger/-innen für Vergnügungen und Müßiggang geöffnet waren, können als Schablone für einen gegenwärtigen Lustort dienen.

In Anlehnung an den barocken Lustgarten haben die Landschaftsarchitekt/-innen Nina Dvorak (*1984 in Nienburg/Weser), Stefan Grieger (*1982 in Dresden) und Norman Harzer (*1976 in Dresden) zusammen mit der Künstlerin Katharina Schilling (*1984 in Köln) eine Installation auf dem Dorotheenplatz geschaffen, die diesen historischen Ort neu absteckt und im Sinne seiner barocken Entstehung einen Ort des Austauschs für die Bewohner/-innen des Viertels ermöglicht.

Bastian Muhrs (*1981 in Braunschweig) temporäre, von Hand ausgeführte Zeichnung im Plastikgarten markiert die Grünanlage wieder als Ort der Kunst. Die Fläche war von Leipziger Künstler/-innen in den späten 1980er Jahren als Ausstellungsort für jährlich wechselnde, zeitgenössische Installationen entworfen worden.

Kuratiert wird die Ausstellung von Rebekka Bauer, Diana Felber und Teresa Rudolf.

Veranstaltungen im Rahmen von „Künstliche Paradiese“

28. August, 18:30 Uhr auf dem Dorotheenplatz: Gartenkonzert mit dem Leipziger Barockensemble Tornita mit Werken von Telemann, Boismortier, Janitsch und Vivaldi
Das Leipziger Barockmusik-Ensemble Tornita, bestehend aus Beáta Polonkai (Blockflöte und Barockoboe), Margot Simon (Barockoboe und Blockflöte), Karoline Borleis (Barockvioline und -viola), Luciano Barraza (Barockcello) und Christiane Kämper (Cembalo), spielt auf historischen Instrumenten aus der Barockzeit. Neben hoch- und spätbarocken Werken mitteldeutscher Komponisten umfasst das Repertoire des Ensembles vor allem auch italienische und französische Tanzsuiten.

29. August, 20:30 Uhr auf dem Dorotheenplatz: Gartenkino MUSARION, Open Air-Screening und anschließendes Gespräch mit dem Filmkollektiv (bei schlechtem Wetter im KV, Kolonnadenstraße 6)

Das Kunstfilmprojekt MUSARION wurde von einem Künstler/-innen Kollektiv der Akademie der Bildenden Künste München aus der Klasse von Julian Rosefeldt realisiert: Julian Rabus, Mara Pollak, Marie Jaksch, Vincent Hannwacker und Dominik Bais werden an dem Abend anwesend sein. MUSARION ist die Adaption der gleichnamigen Verserzählung von Christoph Martin Wieland, einer der bedeutendsten Schriftsteller zwischen Barock und Aufklärung aus dem 18. Jahrhundert.

Sie überträgt die Liebesgeschichte zwischen Dogma, Fanatismus und Liebe in die heutige Zeit. Der Kunstfilm handelt vom Ringen um eine aufgeklärte Form der Liebe, die philosophischen bzw. politischen Fanatismus bezwingen kann und somit essenziell für künftige Gesellschaftsentwürfe erscheint. Schauspieler/-innen: Julia Windischbauer und Leonard Kunz.

11. September, 14 bis 20 Uhr auf dem Dorotheenplatz: Gartenfest des Bürgervereines des Kolonnadenviertels, um 15 Uhr Einführung in die Ausstellung und Gespräch

15. September, 18.30 Uhr im Plastikgarten: Sommerlust. Gartenspaziergang mit Bernd Sikora

Bernd Sikora (*1940 in Stollberg), der 1986 den Plastikgarten entwarf, zeichnet auf einem Spaziergang die Entstehungsgeschichte und die Ausstellungshistorie des Skulpturenparkes bis 1990 nach. Nach dem Besuch der aktuellen Installationen im Plastikgarten und am Dorotheenplatz, folgt ein bebilderter Exkurs in die Leipziger Gartenarchitektur (im KV).

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Es gibt 3 Kommentare

Matthews, vielen Dank für Ihren Kommentar!

Ignorieren Sie einfach meine Kommentare und schreiben Sie selbst welche. Dann verschwinden meine Kommentare auch schneller aus der Vorschau.

Dass die Heinzelmännchen “verschwunden” sind, ist übrigens Fake News. Das gibt die Sage nicht her.

Also ich bin dem Stefan außerordentlich dankbar. Dafür, dass er unermüdlich und mit nie nachlassender Energie zum Wohle der Leser tätig war (und ist), dafür, dass er alles weiß – meistens besser – und zu Allem einen sinnstiftenden Kommentar verfasst. Was wären wir ohne ihn!
Ja, der Stefan ist, man darf das sicher ohne Übertreibung sagen, quasi das Heinzelmännchen der Kommentarspalten. Einer, der selbstlos aufräumt mit nutzlosen Meinungen und stets das Richtige zu sagen weiß. Stefan, ich würde dir gern einen Sack Erbsen zukommen lassen; zum Einen, damit du beim meditativen Zählen dieser stets auf neue, erhellende Gedanken zum Wohle aller kommst.
Zum Zweiten, nun sicher weißt du auch, wie es kam, dass die Heinzelmännchen eines Tages weg waren…

Off Topic: Das “gegenüber vom Neuen Rathaus” ist eine echte Leipziger Spezialität von Sprachwirrnis.

Die ganz alte Propsteikirche (aus dem 19. Jhd.) befand sich gegenüber vom Neuen Rathaus.

Die neue Propsteikirche befindet sich gegenüber vom Neuen Rathaus.

Beides so gelesen und so gehört. Mehrfach.

Die neue Propsteikirche steht aber nicht an der Stelle, wo benannte ganz alte Propsteikirche stand.

Nein! Doch! Oh!

Als St. Tetris geplant wurde, hat die LVZ es monatelang auch nicht gerafft, dass es sich nicht um einen Kirchenneubau am “historischen Platz” handeln würde.

Für mich ist der Plastikgarten jedenfalls nicht “gegenüber” dem Neuen Rathaus, sondern seitlich davon.

(Und ich würde sogar genauer sagen: westlich davon. Aber mit den Kompassrichtungen hat man es hier nicht so. Da geht auch alles gerne durcheinander. Neulich erst hat ein Urleipziger mir gegenüber fest behauptet, dass die Zschochersche Straße in Ost-West-Richtung verlaufe…)

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