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Ein Clip-Programm mit Klassiker-Niveau: Kloß & Spinne, Folge 1 – 18

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    Er reiste in den kalten Norden Europas, schipperte den Mississippi hinunter, auf manchen Fotos sieht er richtig erwachsen aus - aber auch im Poetry-Slammer Volker Strübing steckt das Kind im Manne. Das tut's bei anderen Männern eigentlich auch. Doch die meisten reden nicht drüber.

    Und wenn, dann vielleicht nach dem Burnout auf der Couch des Psychiaters, wenn sie rauszubekommen versuchen, was am Funktionieren so falsch war. Dann ist guter Rat teuer. Aber guter Rat kann dann meist nicht mehr reparieren, was Perfektion und Selbstverzicht an Schäden angerichtet haben. Denn eines wird zumindest dem Einen oder der Anderen klar in Momenten des Erschreckens: Wirklich hinter sich lässt man das Kind, das man einmal war, nie.

    Strübing ist einer, der weiß das. Davon leben seine Texte und Auftritte. Davon leben seine kleinen Szenen mit dem ewig niedergeschlagenen Kloß und dem immer optimistischen Spinne. Zwei alte Freunde, die sich bei Norbert in der Kneipe treffen. Kloß sitzt immer schon da, sein Bier vor sich, denn hierher flüchtet er sich vor den Überforderungen der Welt, des Alltags und der Liebe. Und Spinne hört auch im 19. Sketch nicht auf zu fragen „Wie geht’s?“, obwohl er weiß, dass Kloß antworten wird „Scheiße geht’s.“ An manchen Tagen geht’s ihm noch scheißer. Meistens dann, wenn er sich den komplizierten Herausforderungen des Lebens stellen musste.

    Und das Schöne beim Zuhören ist: Man kann beiden zustimmen. Dem ewigen Pessimisten, für den der Weltuntergang ein Happyend für all die irdischen Komplikationen wäre und für den selbst ein voller Mülleimer zum möglichen Auslöser einer unüberschaubaren Katastrophe werden kann. Und dem Überzeugungs-Optimisten, der an allem immer noch das Gute sehen will. Es ist das alte Zwillingspärchen wie in „Jacques der Fatalist und sein Herr“. Voltaires philosophischer Roman auf die Leibnizsche Theorie der Willensfreiheit des Menschen – er hat an Aktualität nichts eingebüßt. Und Voltaire würde in Strübing ganz gewiss einen Geistesgefährten sehen, würde er heute noch leben in diesem ach so aufgeklärten Zeitalter.

    Aber Aufklärung ist harte Arbeit. Und auch im Jahre 2011 gilt die Einsicht Immanuel Kants: Die Finsternis im Kopf ist eine selbstverschuldete, wenn die Wege zur Bildung offen stehen.

    Wie sehr da aber stets auch im aufgeklärtesten Manne zwei Seelen in einer Brust miteinander ringen, das zeigen Kloß und Spinne hier in 18 eindrucksvollen Szenen. Tatsächlich sind es sogar mehr. Die Zugaben, die Volker Strübing draufgegeben hat, sind ein eigenes Abendprogramm. Und eines, das nicht nur von Pointen lebt. Auch wenn es wie gut gesetzte Pointen aussieht, wenn Kloß und Spinne ihr Pingpong-Spiel spielen und über Klimakatastrophe, Gammelfleisch, Amokläufe, miesepetrige Zeitungen und andere Themen sprechen, die der Tag so bringt. Man braucht dann schon den dezenten Hinweis, dass etliche dieser Dialoge schon drei und mehr Jahre alt sind, um wieder so einen kalten Schauer im Nacken zu spüren: die Medienhysterie von heute ähnelt erstaunlich der vom vergangenen Jahr und dem davor. Und so weiter.

    Doch die Themen sind eher nur Aufhänger für diese sauber gebauten Dialoge, die Strübing dereinst erstmals auf der Bühne der „Chausee der Enthusiasten“ vortrug und die dort schon für ein lachendes Publikum sorgten. Denn natürlich ist es urkomisch, wenn sich einer so freundlich und klug auch mit seinen dunklen Seiten beschäftigt. Denn so wirklich fremd sind einem als Mann ja all diese Abgründe nicht – auch nicht die im durchaus mit Versagensängsten gespickten Umgang mit dem geliebten schönen Geschlecht, die natürlich Kloß zur Sprache bringt.

    Immer dann, wenn die beiden Freunde an einer kitzligen Stelle im Dialog angekommen sind, meldet sich Norbert, der Kneiper, zu Wort und erklärt mit dem Bass der Überzeugung die Welt. Was der Szene eine neue Wendung gibt, denn so richtig peinlich ist dem Manne nichts – Hauptsache, seine Gäste konsumieren fleißig Bier und kurbeln seine kleine deutsche Wirtschaft an.

    Mit erstaunlicher Detailfreude hat Strübing die Bühnendialoge in den letzten Jahren in kleine Videoclips verwandelt, Kloß, Spinne, Norbert und dem nur stille sein Bier fordernden Horst ein Gesicht gegeben, und die Clips auf seiner Homepage präsentiert. Den ersten Clip – „First & Second Life“ hat er noch mit einem schönen langen Abspann versehen, aus dem man erfährt, dass Strübing nicht nur alle Rollen eingesprochen hat (außer Horst) und auch alle Animationen selbst besorgt hat. Er war auch fürs Hairstyling, das Catering und die Stunts zuständig, für die Musik und den ganzen Rest sowieso. Zusätzlichen Spaß verschafft der Kneipenfernseher im Hintergrund, der mal witzige Clips befreundeter Lesebühnen einspielt, mal kleine Strübing-Produktionen, mit denen er den Müll persifliert, der auf Youtube etliche Kanäle verstopft – mit einer bösen roten Holzzstatue räumt Strübing im aufgestellten Spielzeug auf.

    Es ist nicht der einzige Beitrag, in dem Strübing selbst zu sehen ist. Ein Bonus-Clip zeigt ihn beim Bühnenvortrag von „First & Second Life“, bei dem man natürlich die Hälfte der Pointen nicht versteht, weil das Publikum aus dem Lachen nicht herauskommt. 2008, als Strübing bei der „Chaussee der Enthusiasten“ aufhörte, schrieben seine Mitstreiter einen eigenen Kloß-und-Spinne-Abschiedsdialog. Auch der ist als Bonus auf der DVD zu finden – nebst etlichen Frühversionen seiner Animationen. Am Ende fühlt man sich selbst ein bisschen wie Horst in Norberts Kneipe und wartet schon sehnlichst darauf, dass Spinne wieder fröhlich hereinspaziert kommt und seine Brause bestellt, die er bei Norbert nie bekommen wird.

    Volker Strübing „Kloß & Spinne. Folge 1 – 18“, DVD, Voland & Quist, Dresden & Leipzig 2010, 13,90 Euro

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