Festivaltagebuch

DOK Leipzig, Tag 2: Im Krieg und religiösen Fanatismus verloren – zwei Frauen auf Spurensuche

Für alle LeserWie kann es passieren, dass eine Mutter ihre Familie verlässt und sich einer christlichen Sekte anschließt? Und was bewegt einen jungen Mann, als Journalist in ein Kriegsgebiet zu reisen und dort einer nationalistischen Miliz beizutreten? Eine Tochter und eine Cousine begeben sich in den bedrückenden Dokumentationen „The Principal Wife“ und „Chris the Swiss“ auf die nicht immer erfolgreiche Suche nach Antworten.

Es war durchaus anzunehmen, dass die sogenannte Flüchtlingskrise in irgendeiner Form ihren Weg auf das diesjährige DOK finden würde. Dass die deutsche Dokumentation Nachtwanderer dabei behilflich ist, überrascht jedoch. Regisseur Benjamin Rost und Kameramann Leonhard Kaufmann haben mehr als einen Monat auf einer Raststätte verbracht und dort verschiedene Menschen bei ihren Tätigkeiten begleitet.

Ursprünglich drehte das Team sowohl tagsüber als auch nachts. Beim Schnitt entschied man sich jedoch dazu, lediglich die Nachtszenen zu verwenden. Im Fokus der knapp einstündigen Dokumentation stehen unter anderem ein musikalischer Tramper, eine Frau, die in einem Erotikladen arbeitet, ein Homosexueller, der sich zu anonymem Sex verabredet, und ein Vater, der die Nacht mit zwei Söhnen im Wald verbringt – und dem Filmteam dabei erzählt, dass ihm das Leben in der Stadt nicht mehr gefällt, weil dort mittlerweile so viele Flüchtlinge lebten und er Angst um Frau und Tochter haben müsse.

Dieser kleine Ekelmoment ist der einzige Wachmacher in einem ansonsten eher einschläfernden Film. Die Geschichten sind schlicht langweilig, weil sie weder etwas Besonderes zeigen noch in der Banalität irgendetwas Bemerkenswertes entdecken. Dass Menschen nachts aktiv sind, besitzt im 21. Jahrhundert nicht mehr den größten Nachrichtenwert. Würde man mehr Details über sie erfahren, ließe sich mit den Geschichten vielleicht noch etwas anfangen – aber das ist nicht der Fall.

So sieht man beispielsweise lediglich, wie eine Frau minutenlang durch ihr Geschäft läuft und die Filme in den Sexkinos ausschaltet oder wie zwei Männer an Glücksspielautomaten zocken. Spannend wäre das wohl nur, wenn die Protagonisten dabei etwas Interessantes zu erzählen hätten oder die Kameraarbeit die Tristesse dieser nächtlichen Aktivitäten betonen würde. Die besondere Atmosphäre, die eine Nacht auf der Autobahn beziehungsweise einer Raststätte umgibt, ist auf der Leinwand überhaupt nicht zu spüren.

Religiöser Fanatismus

Einem weiteren Thema, das sich in den vergangenen Jahren als politischer Dauerbrenner erwiesen hat, widmen sich drei andere Filme auf überzeugende Weise: religiöser Fanatismus. Doch während es in öffentlichen Diskussionen zumeist um Islamismus geht, steht hier vor allem eine andere Religion im Fokus: das Christentum.

Besonders in der niederländischen Dokumentation The Principal Wife von Hester Overmars spielt diese eine zentrale Rolle: Die heute 38-jährige Marijke verlor als Achtjährige ihre Mutter an eine christliche Sekte. Der Film widmet sich der Spurensuche: Warum hat sich die Mutter von der Familie abgewendet, was genau charakterisierte das Leben in der Sekte und bereut sie mittlerweile ihre Zeit dort?

Um das herauszufinden, spricht Marijke vor der Kamera mit Familienangehörigen und ehemaligen Mitgliedern der Sekte. Diese bleiben jedoch anonym. Im gesamten Film ist fast ausschließlich Marijke zu sehen; die anderen tauchen allenfalls verschwommen oder gesichtslos im Hintergrund auf. Diese Maßnahme entpuppt sich als eine der wesentlichen Stärken: Fast immer sehen wir, wie Marijke die neuen Erkenntnisse verarbeitet.

Die Kamera begegnet der Protagonistin dabei mit Respekt: Wenn sie weinend am Fenster steht, sehen wir lediglich ihre Wange; wenn sie von den grauenhaften Taten der Sektenmitglieder erfährt, sehen wir lediglich die sich verkrampfenden Finger; wenn sie den Raum verlässt, folgt ihr die Kamera nicht.

Neben dieser formalen Ebene sind es natürlich die inhaltlichen Details, die herausragen, weil sie erschüttern. Es bleibt weitgehend unerklärlich, wie sich Marijkes Mutter wegen eines Ereignisses von ihrer Familie abwenden und dem bedingungslosen Glauben an einen autoritären Führer zuwenden konnte – um gemeinsam mit diesem schreckliche Verbrechen zu begehen.

Journalisten als Kriegsverbrecher

Einen in vielen Aspekten ähnlichen, aber deutlich aufwendigeren Film hat die Schweizerin Anja Kofmel gedreht. In Chris the Swiss spürt sie den Umständen nach, die zum Tod ihres Cousins Christian Würtenberg geführt haben. Dieser reiste als Journalist nach Kroatien, um dort über den Bürgerkrieg zu berichten, schloss sich dann einer paramilitärischen Miliz an und starb schließlich 1992.

Kofmel führte zahlreiche Interviews mit den Eltern, anderen Journalisten und ehemaligen Mitgliedern der Miliz. Zudem wertete sie Aufzeichnungen von Würtenberg aus. Was ihr Cousin in Kroatien erlebt haben könnte, zeigt sich immer wieder in animierten Szenen und bildet den eigentlichen Rahmen dieser Geschichte.

Die trostlosen Schwarz-Weiß-Bilder zeigen zunehmend resignierende Journalisten, die beispielsweise ansehen müssen, wie vor ihren Augen ein Kind bei einer Explosion stirbt. Die Auswirkungen der Explosion sind als in alle Richtungen fliegende Farbkleckse dargestellt. Immer wieder schieben sich drastisch verfremdete Formen, bei denen es sich möglicherweise um feindlich gesonnene Menschen handeln soll, ins Bild.

Genau wie bei der an eine christliche Sekte verlorene Mutter lässt sich nicht vollständig klären, warum sich der Cousin irgendwann einer mordenden Nationalistenbande anschloss. In jedem Fall gelang es Würtenberg nicht, in dieser Extremsituation die journalistische Distanz zu wahren. Unterstützung erhielt die Gruppe durch die konservativen Katholiken von Opus Dei. Sie kämpften somit auch für einen Gott.

Am Ende des Films schlägt Kofmel den Bogen zur Gegenwart, wenn sie sagt, dass in diesen Tagen wieder Männer aus der Schweiz in ein anderes Land gereist seien, um dort für einen Gott zu kämpfen und zu sterben – gemeint ist offenbar der sogenannte IS.

Konfrontationen im Gerichtssaal und Klassenzimmer

In nur elf Minuten und mit einigem Sarkasmus erzählt der in Wiesbaden geborene Jochen Kuhn eine dritte Geschichte über religiöse Fanatiker. In dem animierten Kurzfilm Gerichtszeichner findet sich ein Mann auf der Anklagebank wieder, der anderen die Ohren abschneidet – weil er angeblich dazu beauftragt wurde. Bald verwandelt sich der Gerichtssaal in ein Gebetshaus, in dem selbst der Richter die Arme zusammenführt. Auf den Besucherbänken eskalieren derweil die Streitigkeiten zwischen den anwesenden Religionen.

Neben der immer absurderen, hoffentlich nur ausgedachten, aber in vielen Punkten an tatsächlich existierende Religionen erinnernden Geschichte sind es die minimalistischen „Gerichtszeichnungen“, die im Zusammenspiel mit der Geräuschkulisse ein atmosphärisches Kuriosum erzeugen, in das man sich zunehmend hineingezogen fühlt.

Bliebe noch ein Blick auf den dokumentarischen Kurzfilm Young Hope, in dem 16-jährige Franzosen darüber sprechen, wie sie sich von Gesellschaft, Eltern und Lehrern unter Druck gesetzt fühlen. Letztere müssen sich das im zweiten Teil des Kurzfilms von Angesicht zu Angesicht anhören. Was die Protagonisten hier zu erzählen haben, ist glücklicherweise spannender als das Geschehen in „Nachtwanderer“ und wirkt erstaunlich offen, ehrlich und reflektiert – und manchmal klüger als das, was die Lehrer anschließend von sich geben.

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