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Tanners Interview mit dem Kulturvermittler Beat Toniolo

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    Beat Toniolo ist Schweizer und arbeitet und liebt zeitweise und regelmäßig in Leipzig. Seine Sicht der Dinge zu erhören wiederum ist aufschlussreich, schließlich endet für ihn die Welt nicht an der deutschen Grenze. Dabei lächelt er gern und knödelt ein angepasstes, leichtes Schwitzerdütsch. Tanner fragte ihn nach Wohl und Weh und Marianne Sägebrecht und Diana Feuerbach.

    Guten Tag Beat. Ich las gerade auf Wikipedia, dass Du ein Schweizer Polit- und Performance-Künstler bist und dazu noch Kulturvermittler, Initiator und Organisator. Kulturvermittler finde ich nachfragenswert. Wem möchtest du denn welche oder was für eine Kultur vermitteln? Und wie?

    1995 habe ich in der Schweiz angefangen, thematische wie gesellschaftskritische Kunst- und Kulturprojekte zu initiieren (z.B. „Wo Schweiz-hin?“), welche sparten- wie generationenübergreifend (bildende Kunst, Literatur, Musik, Schauspiel) waren und sind. Da ich die „Kultur“ in diesen verschiedenen Bereichen/Genres wie Kantonen (so heißen die „Bundesländer“ in der Schweiz) und auch Länder miteinander verbinden, bzw. austauschen lassen will, sehe ich diese, meine, „Aufgabe“ als einem Kulturvermittler gleich. Mein Credo dabei ist: „Geschichte ist nicht Vergangenheit, sie ist Gegenwart“, und dementsprechend interessieren mich historische Themen, welche ich in den Zusammenhang mit der Gegenwart stellen möchte (z.Bsp. „TELL TRIFFT WAGNER“). Diese kann man unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Beat_Toniolo sehen.

    Die Idee war und ist, verschiedene Künstler, welche auch zum ersten Mal gemeinsam auftreten, mit Kunstanlässen an Orte zu bringen, welche überraschen – wie Literaturboote am Rheinfall (2003-2012) oder 2014 zur Buchmesse Leipzig mit 16 verschiedenen Kultur-Veranstaltungen in der Alten Hauptpost. Und für meinen Schweizer Freund Fabio Coltorti, bin ich auch ein „Kulturvermittler“ – er wiederum ist für mich der „Sportvermittler“, so entstehen sinnvolle Synergien. Das ist doch gut so.

    Ein Standbein Deiner Arbeit ist Leipzig. Hier lernte ich Dich vor Jahren in der Moritzbastei im Zusammenhang mit der Leipziger Buchmesse (nicht Literaturmesse – soviel Unterscheidung muss sprachlich sein) kennen. Jetzt schließt sich an, dass Du die wundervolle Marianne Sägebrecht nach Leipzig bringst. Wie kam es denn dazu?

    Marianne Sägebrecht – wie Du Sie ja trefflich auch „wundervoll“ nennst, und ich dies auch nur bestätigen kann – habe ich im März 2010 am Starnbergersee mit dem Kulturjournalisten Alfred Wüger besucht. Dies für ein Interview ihrer Auftritte für Jung und Alt (Lesungen, Gespräche, Filme) in Schaffhausen (Schweiz) an drei Tagen und Abenden im April 2010. Es waren ganz spezielle Aufführungen wie Begegnungen mit ihr und wir blieben dann auch in Kontakt. Nun war es an der Zeit, dass wir wieder gemeinsam was auf die Beine stellen, dies auch für Kinder (am Nachmittag) und Erwachsene (am Abend), am Samstag, 12. März. Es freut mich natürlich sehr, dass dies mit ihrem neuen Buch geschehen wird, sowie auch Rezepte für den Gaumen. Lasst Euch überraschen, aber reserviert frühzeitig: www.westbad-leipzig.de

    Und warum ins Westbad? Dieser Kulturort ist ja noch nicht wirklich im städtischen Unterbewusstsein für solche Art von Veranstaltungen eingebrannt? Wäre das Gewandhaus nicht sicherer für Dich als Veranstalter gewesen?

    Ich suche nie nach „Sicherheit“ aus, bin eher risikofreudig, was passend für die Künstlerin, den Künstler sein könnte – oder für das Thema. Das Gewandhaus ist für mich zu groß und die Preise wären auch zu hoch. Lieber ein moderater Preis, welchen die Leute auch zahlen können. Und da Marianne Sägebrecht auch ein „Wasserfan“ ist wollte ich mir dieses Westbad anschauen, über das ich auch schon gelesen hatte, mir aber nicht vorstellen konnte, ob es für diesen speziellen Anlass ginge.

    Das erste Treffen mit Paul Simang war dann schon erfolgreich, da er Marianne Sägebrecht auch sehr schätzt, und ich ein gutes Gefühl hatte: Richtiger Ort, richtiger Partner, so „chunts guät“. Meistens verlasse ich mich bei solchen Dingen auf mein Bauchgefühl und das passt auch zu Marianne.

    2015 schufst du eine Schweizer Uhr für Rüdiger Safranski anlässlich dessen Neuveröffentlichung „Zeit, was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen“ – was ist das denn für eine Geschichte?

    Ja, das ist natürlich auch eine ganz spezielle Begegnung, welche schon im November 2004 angefangen hat, da ich 2005 am Rheinfall das „Wort- und BildFestifall“ zum Thema Schiller initiiert hatte, und ich Rüdiger Safranski dann zu einer Lesung in Zürich traf, und dann zum Festival einlud. Von da an, auch durch weitere Treffen, hat sich dann sogar eine Freundschaft entwickelt, welche immer noch anhält. Dies passiert natürlich nicht bei allen KünstlerInnen, mit welchen ich zusammengearbeitet habe, aber bei Rüdiger Safranski kam dies so zustande. Auch, da wir „Genussmenschen“ und Weinliebhaber sind, aber auch durch die Arbeit, welche von gegenseitigem Interesse und Respekt zeugt.

    Für seinen neuen HANSER-Bestseller über die Zeit habe ich im Vorfeld eine sogenannte „Typographie-Philosophie“-Uhr designed und Rüdiger Safranski gefällt nun dieses Werk sehr, da sie schlicht und auch unisex ist. Zu sehen unter: http://www.toniolo.ch

    Warum eigentlich ist Leipzig Dein Standbein? Die Liebe? Irgendwelche Fetische? Erzähl mal bitte, was oder wer Dich hierher gebracht hat.

    Ich habe vor Leipzig in einem alten Bauernhaus auf dem Lande im Elsass/Frankreich – 35 km von Basel entfernt – gelebt, dies 18 Jahre lang. Entweder wäre ich dort geblieben, wenn ich nicht einen vollständigen „brake“ machen wollte: Soll heißen, cirka sechs Tonnen an Material und Werke weggeworfen oder verbrannt. Also eine „Zensur“, sich auf Neues einzulassen, dort, wo ich niemanden kenne, und mich niemand kennt; eine Herausforderung, wieder mit Risiko, welche sich aber, nicht finanziell, aber „künstlerisch und kulturell“ mehr als gelohnt hat.

    Von der „ehemaligen DDR“ haben wir in der Schweiz so gut wie nix mitbekommen. Und diese Herausforderung – obwohl ich mit „den Ossis“ (2005 zum Schiller Jahr war Jena die Gaststadt) nicht so gute Erfahrungen gemacht habe – wollte ich doch annehmen.

    Einerseits diese Stadt mit ihrer Geschichte vor Ort zu erleben, andererseits aber diese kultige „Beizen“, die Architektur, die Kunst- und Kulturszene und die immer noch anhaltende „Entwicklung“ von Leipzig „hautnah zu spüren“. Der Tipp von Leipzig kam von meinem Freund, dem Kulturjournalisten Alfred Wüger, und ich habe dann aus vier möglichen Städten (Hamburg, Berlin, Dresden und Leipzig) Leipzig ausgewählt. Obwohl mir immer noch Vieles fremd ist und wahrscheinlich auch bleiben wird, aber diese wilde und verrückte Stadt hat`s schon in sich, auch wenn man, so mein Gefühl und auch meine Erfahrungen, immer noch gewisse „Nachwirkungen der DDR“ spürt, aber dies hier näher zu erläutern ginge zu lange.

    Ich fühle mich wohl hier, trotz Begegnungen mit einigen skurrilen, nicht ganz koscheren, Typen und diesen Pegida-Legida-Knallköpfen mit ihren dümmlichen Schlachtrufen wie auch diesem unsäglichen Rechtsradikalen-Mob. Aber die Freundschaft toller Persönlichkeiten wie die Begegnung mit meiner Freundin, Diana Feuerbach, welche ich hier kennen gelernt habe, das macht das besondere Feeling aus. Also: Bei Interesse kann man mich ansprechen, was mich so mit der „alten DDR“ umtreibt, ich beiße nicht. Und besser man spricht, als dass man Pflastersteine wirft – ist viel klüger und gesünder.

    Danke, Beat, für Deine Antworten….

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