„Es ist nicht genug zu wissen.
Man muss auch anwenden.“ – Goethe, 1749
Lass uns gemeinsam ein Rätsel lösen.
Wer bin ich?
Hört gut zu:
Ich bin kein Mensch.
Und doch trage ich Gesichter.
Ich bin kein Herz.
Und doch schlage ich.
In jeder Geschichte, die sich traut, erzählt zu werden.

Ich habe keinen Körper.
Und doch bin ich der Atem der Wahrheit.
Der Wind, der über Mauern streicht.
Ich blute, wenn man mir die Stimme nimmt.

Ich bin unsichtbar.
Doch wenn ich verschwinde –
erstickt die Welt.

Ich wohne in Papier.
In Pixeln.
In Mikrofonen.
Am liebsten in Fragen, die weh tun.
In Antworten, die niemand hören will.

Ich bin ehrlich.
Unaufhaltsam.
Unzensiert.
Viele finden mich lästig.
Viele finden mich überbewertet.

Für manche bin ich selbstverständlich.
So selbstverständlich wie Luft.
Doch Luft wird erst geschätzt –
wenn sie knapp wird.

Ich bin das, was man erst vermisst,
wenn Schweigen laut wird.

Ich bin ein Fenster zur Welt –
doch das Glas zerbricht,
wenn niemand hindurchblickt.

Ich bin das Licht, das du siehst, wenn du suchst.
Ich bin der Schatten, der dich verfolgt, wenn du wegschauen willst.

Manche lieben mich.
Viele hassen mich.

Meine Feinde?
Angst.
Macht.
Desinteresse.
Bequemlichkeit.

Doch der gefährlichste Feind sitzt still.
Bequem. Unauffällig.
Er hält eine Tasse Kaffee.
Scrollt durch Nachrichten.
Und sagt:
„Das betrifft mich doch nicht.“

Und trotzdem mache ich weiter.

Ich bin keine Waffe.
Kein Messer.
Kein Schwert.
Und doch kann ich schneiden.
Und doch kann ich verletzen.

Ich bin kein Schild.
Kein Bunker.
Keine Polizei.
Und doch kann ich schützen.
Und doch kann ich Gerechtigkeit schaffen.

Ich bin kein Mensch.
Doch ohne mich verliert der Mensch sein Spiegelbild.

Ich habe Kriege überlebt.
Diktaturen.
Zensur.

Ich war stark.
Und doch –
bin ich heute verletzlicher als je zuvor.

Man sperrt mich nicht ein.
Man verbietet mich nicht.
Man überhört mich.

Ich sterbe durch Spott.
Durch Gleichgültigkeit.
Durch ein schlichtes:
„Ach, so wichtig ist das doch gar nicht.“

Meine Kolleg’innen in anderen Ländern
werden gefoltert.
Eingesperrt.
Verstummt.

Andere verschwinden leise –
ohne Blut,
aber mit Schweigen.

Ein Schweigen,
das lauter ist als jeder Schrei.

Und selbst hier,
wo ich frei geboren wurde,
werde ich täglich geprüft.
Ob ich es noch bin.

Ich stehe im Klassenzimmer.
Ein Lehrer hebt eine Zeitung.
Die Klasse lacht.

„Es juckt mich nicht.“
„Ohne Nachrichten ist alles friedlicher.“

Und genau da beginne ich zu zerfallen.

Jedes Schweigen, das du hinnimmst,
kostet jemanden die Freiheit.

Ich bin kein Märchenprinz.
Ich stolpere.
Ich falle.
Ich gerate in Gefahr.
Und doch –
stehe ich wieder auf.
Für euch.

Weil irgendwo jemand ist,
der die Wahrheit wissen will.
Jemand, der wissen will,
was passiert –
und nicht nur, was erzählt werden darf.

Ich bin frei –
aber nur, solange du mich beschützt.
Solange du liest.
Solange du zweifelst.
Solange du hinschaust.

Sonst sterbe ich.
Nicht plötzlich.
Sondern langsam.
Im Lärm der Gemütlichkeit.
Getragen von Gleichgültigkeit.

Also – wer bin ich?
Ich bin Art. 5 Abs. 1 S. 2 Var. 1 GG.
Man nennt mich die Pressefreiheit.

Ich habe keine Garantie.
Aber ich bin ein Versprechen.

Ich bin die Stimme, die Wahrheit sucht,
damit du nicht in Lügen lebst.
Ich kämpfe gegen Mauern.
Gegen Grenzen.
Gegen Hass.
Gegen Gleichgültigkeit.

Ich bin der Sauerstoff der Demokratie.
Die Säule der Gerechtigkeit.
Unsichtbar –
aber lebensnotwendig.

Wenn man mich vergiftet –
erstickt das Denken.

Ich diktiere keine Meinung.
Ich kämpfe für dein Recht,
dir selbst eine zu bilden.

Das Wahlrecht, durch unzensierte Berichterstattung.

In einem kleinen Büro
brennt noch Licht.
Spät in der Nacht.
Eine Journalistin tippt.
Recherchiert.
Plant.

Ihr Kaffee ist längst kalt.
Sie erhält Drohungen.
Sie schreibt über Mächtige.
Über Lügen.
Über Firmen, die ganze Städte kaufen.

Sie schreibt über Familien, die hungern.
Über Kinder, die im Dunkeln lernen.
Über Männer und Frauen, die in Booten beten.
Über Frauen, die nur noch eine Aktennummer sind.
Über Narben, die niemand fotografiert.
Über Schuld, die ihnen trotzdem gegeben wird.

Wäre es einfacher, wenn sie aufhören würde?

Sie weiß:
Morgen wird man sie hassen.
Und doch –
schreibt sie weiter.
Für ein Land, das lieber schläft.
Für eine Zukunft, die es wert ist.

Manchmal frage auch ich mich:
Ist es das alles wert?
Die Angst.
Die Gefahr.
Das stille Ringen?

Doch dann denke ich an unser Land.
An unsere Zukunft. An die ganzen Schicksale.
Ich spüre, wie Wahrheiten zu Meinungen werden.
Wie Lügen zu Schlagzeilen werden.
Ich darf nicht aufgeben.
Ich muss die Demokratie schützen.

Schütze mich.
Weil ich Fragen stelle, die sich niemand traut.

Schütze mich.
Weil ohne mich die Wahrheit Gefangene der Bequemlichkeit wird.

Schütze mich.
Damit wir die Wahrheit erleuchten.

Ich will nicht bloß ein Grundrecht sein.
Ich will gelebt werden.

Ich will mehr als Art. 5 Abs. I S.2 Var.1 GG sein.

Schütze mich –
denn wenn ich falle,
fällt dein Recht.
Zu wissen, wer du wirklich bist.

***

Nilay Güven aus Preußisch Oldendorf gewann mit seinem Beitrag „„Art. 5 Abs. 1 S. 2 Var. 1 GG“ im Schreibwettbewerb „Pressefreiheit“ den ersten Platz in der Kategorie Publikumsvoting.

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Redaktion über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar