I – Heute muss Kleist überraschend früh aufgestanden sein, ich bin vom Geräusch des Schlüssels aufgewacht, dann fiel die Wohnungstür ins Schloss. Seit er vor acht Tagen hier aufgeschlagen ist, genauer gesagt seit dem 2. November 2013, ist mein Tages-Rhythmus dahin. Er belegt das Wohnzimmer, ich komm nicht an den Rechner, den Aufsatz über seine „heilige Cäcilie“, hab ich nichtmal begonnen. jetzt klappert Geschirr. Wird er das hinkriegen mit der Kaffeemaschine?

Ich öffne die Tür, noch im Nachhemd, ruf ich ein „Morgen!“ in die Küche, Kleist errötet und vergräbt sich in der Zeitung, Erst als ich angezogen aus dem Bad komme, wünscht Kleist ebenfalls „Guten Morgen“ und legt die Zeitung weg. Warum er schon auf sei, frage ich ihn, und ob das mit dem Sofa auch wirklich okay sei. Ja sagt Kleist. Oh kehh.

Wo hat er denn die Zeitung her!

Er wird rot. Die sei im Briefkasten gewesen.

– Aber nicht in meinem, stelle ich fest, weil ich die Bild am Sonntag nämlich nicht abonniert habe. „Nein, nein“, sagt Kleist und errötet wieder.

Hat er sich doch die Bild von der Frau Kovacs stibitzt! So was. Ich sage ihm, was er da habe, sei Schrott. Eher was für Leute, die nur Schlagzeilen wollen, als sich den Kopf zu zerbrechen. Bilder schauen, als sich selbst eins zu machen.

Er legt die Zeitung weg und sagt, dass ihm das auch schon aufgefallen. Geschichten von gänzlicher Bedeutungslosigkeit schlügen einem entgegen durch Illustration. Nicht, dass er darauf hereinfiele, aber es interessiere ihn trotzdem.

„Wegen der Titten?“, frage ich.

Sein linkes Ohr glüht ein wenig. Er sieht aus dem Fenster und murmelt etwas vor sich hin. Natürlich gäbe es sicher mehr zu sagen über eine Frau namens Tatjana, als dass sie gern ein Häschen sei und Eier suche. Klar ginge es hier nur darum, dass sie beinahe nackt sei. Aber spricht das nun nur gegen den Herausgeber einer Zeitung, dass er offensichtlich, um mit der Konkurrenz mithalten zu können, auf die niederen Motive der Leser abziele, die offensichtlich nicht geneigt seien, Interesse an Dingen zu entwickeln, die nicht lasterhaft seien – ja nichtmal selbst Phantasie bemühten …? –

So viel hat Kleist in zwei Wochen nicht geredet wie eben!

Auch ihm sei es früher darum gegangen, ein möglichst breites Publikum zu erreichen, und Kompromisse habe er machen müssen, weiß Gott! Aber immer habe er versucht, dem Publikum, Ideen zu vermitteln, den Geist zu bilden. Missstände zu benennen. Andererseits aber… – druckreif schießt das aus ihm heraus! – Bis er dann doch stockt und kurz aufbrummt, dann weiter im Text. Übersprungs-Sprechen. Er ist erregt. Ich hab jetzt nicht verstanden, ob er die Bildzeitung in Schutz nimmt, oder sich über sie aufregt.
– Beides!,Sagt sagt er. Schweigt. Dann fragt er, ob ich wüsste, dass er selbst Zeitungsherausgeber gewesen sei.

Nein, wusst ich nicht.

Die Abendblätter seien leider eingegangen. Ein Versuch, die Masse zu unterhalten, zu bilden, zu informieren… „und so.“ Ohne Sensationen sehr schwer. Und die seien nun einmal ein Geschäft mit der Obrigkeit. Klinkenputzen. ‚Komme er nur herein, Kleist, ein Tee? Ein Keks?‘ Fördermittel??? Na, schreibe er nur recht gefällig, dann werde man sehen.‘ – Nichts sähe man! Nie. Kleist sieht nach Kloß im Hals aus.

Wie lang es denn seine Zeitung gegeben habe, frage ich. Während ich nach dem Kaffee Ausschau halte.

„Achzehnundertzehn bis elf.“ Ein Riesenerfolg anfangs. Völlig neu: „dass ein Blatt jeden Tag, erscheint!“ Aus der Hand habe man ihm das Blatt gerissen, damals, in seinen…– er macht eine Pause „…Redaktionsräumlichkeiten“. Und am Gendarmenmarkt.

„Wo ist der Kaffee?“

– Kleist zuckt die Achseln, redet weiter: …und zum ersten Mal in seinem Leben habe er gespürt, wie es ist, wenn man jemand erreicht mit dem, was man macht. – Erzählen was in Berlin so los ist im Volk. (Da hatte ihm wohl einer von der Polizei geholfen, ihm mit Infos über Mord,Totschlag, Unzucht versehen – und dann schlagartig nix mehr.) Funkstille. Einfach so! Ohne solcherlei Zutaten, könne man aber nun mal keine Zeitung machen. Da hilft kein Keks.

Immer noch such’ ich den Kaffee. Ich brauch’ dringend einen. Kleist errötet, möglicherweise habe er die Reste des Pulvers aufgebraucht in der Nacht. – Wie sehr er Abhängigkeiten hasse! (Er meint die Polizei, nicht den den Jacobs-Krönungs-Espresso). Von der Presseaufsicht kaltgestellt. Und der Zensur des Ministeriums ganz zu schweigen! Hardenberg! Raumer! Wichtigtuerische despotische Kleingeister!, sagt er; Scheißbullen! (Das hab’ ich gesagt).

– Ich weiß, dass er „Raumer“ und „Hardenberg“ sagte, bei „Arschloch“ bin ich mir nicht mehr sicher).

Ich sage, dass die Alternative ja dann nur sei, unabhängig zu werden. Kleist schnaubt Wie denn, wenn der Staat bestimmt, wer eine Zeitung herausgeben darf. Und worüber sie sein darf und worüber nicht.

„Worüber denn nicht?“

Politik zum Beispiel. Er hätte die Lizenz nur für ein kulturelles Blatt gehabt.

„Und?“

Die Frage sei: was ist Kultur. Was Wirklichkeit?

Die Naht könne man auftrennen, Stich für Stich; die Grenzen lösten sich auf, wenn man sich nur an die Wahrheit hielte, die einer Sache innewohnt.

Er schaut wieder in die Ferne, zum Küchenfenster hinaus. Auf dem Weg zurück bleibt sein Blick doch wieder an Tatjana hängen. Weil er sieht, dass ich seh, dass er guckt, wirft er die Bild in den Müll.

„Das ist doch nicht Deine Zeitung!“

Das könne ich laut sagen. Seine sei ganz anders gewesen.

„Nein, ich meine, die gehört der Frau Kovacs. Die… braucht die!“

Ich hol die Zeitung wieder aus dem Müll.

Stille. Kleist schweigt.

„Hier dürfen wir alles sagen. Und alles drucken.“ Das hieße aber, man müsse um jeden Preis verkaufen, mithalten. Ich zeige auf die Bildzeitung. Ein eigenes Imperium werden.
Dann, sagt Kleist, müsse man sich aber erinnern, warum man damit begonnen habe. Um unzüchtige Frauen abzubilden? Oder um Wichtiges mitzuteilen. Oder Widerwärtigkeiten. Er klopft noch mal auf den Papierstoß, als versohle er Tatjana ihren fast nackten Hintern. Sind das die, die nicht anders können als schreiben?

Nein. Die machen andere Zeitungen. Ich schiele zu Tatjana rüber, Sie hat keine übermäßig großen, aber extrem pralle Brüste. Sie trägt ein rosanes Höschen mit einem Hasenpuschelschwänzchen. Man sieht das Hasenpuschelschwänzchen, aber sie dreht sich so unnatürlich in der Taille, dass die Kamera die Brüste auch noch fasst. Jedenfalls das Wesentliche der einen Brust. Ich merke, dass es Kleist offensichtlich peinlich berührt, dass jetzt ich auf dieses Bild glotze. Und: Was ist das Wesentliche?

Es müsse ihm nicht unangenehm sein. Ich würde mich nicht sexuell belästigt fühlen von seinem Blick auf Tatjana. Jetzt wird er rot, aber es ist keine Schamesröte, er ist fleckig im Gesicht und wohl richtig sauer.

Das sei ja noch schlimmer! Wie könne ich meinen Blick davor verschließen, dass… so ein Augenblick…, er sucht nach Worten, …nun mal zerstört. Die Unschuld einer Beziehung… –

Er ist so erregt, ich trau mich kaum in anzusehn.

…beendet. Den Zauber des Unausgesprochenen…“

„Welche Beziehung denn?“ Er bleibt die Antwort schuldig. – Er sähe es jetzt ganz klar: an alldem sei nur eines Schuld:

„Die Pressefreiheit! Hardenberg und seine Reformen!“

Jetzt versteh ich gar nix mehr. „Jetzt bist du plötzlich gegen die Pressefreiheit?“

Ja. Nein. In diesem Falle ja!

Natürlich müsse es Zensur geben. Sei doch logisch: Wenn jeder Pöbel irgendwas verbreitet, ob Bild ob Wort, Verleumdung, Hetze Fragwürdigkeit…

„Okay! ja. Klar…“

Nichts sei klar; und Wahrheit schwer erkennbar. Er nimmt einen Schluck Kaffee. Ärgert sich, dass er kalt geworden ist. Stellt ihn weg.

Ich setze Wasser auf. Es ist das erste richtige Gespräch das wir führen, endlich. Aber lieber spräche ich über das was ich für die Hausarbeit brauche. Aber immer wenn ich mit der Hausarbeit ankomm, sagt er Jetzt nicht. Oder: das sei Frauensache.

„Frauensache?!“

Kleist denkt Küchenkram, Kaffeekochen, Badputzen,

Ich meine… meine Hausarbeit.

Ja, eben.

Hausarbeiten schreibt man, wenn man studiert. Meine geht über „Resonanzräume in ‘Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik’“. Ich hab das Thema dann fallen lassen. Es schien wichtiger, Kleist klarzumachen, dass auch er hier Pflichten hat. Und es WG-Regeln gibt. Immerhin wäscht er jetzt ab. Seit gestern.

Ich mache Tee.

II

Der Himmel wird schon wieder dunkel. Mitte Oktober fürchte ich schon November. Eine Schar von Krähen fliegt über den Berliner Dom. Den sehe ich nicht. Aber ich denke ihn mir. Gendarmenmarkt. Vielleicht gehen wir da mal hin. Er sollte mehr ausgehen. Er sieht so blass aus. Sehe ihn an einer Ecke stehen mit seinen Abendblättern, als wär er ein Zeitungsjunge und nicht der Herausgeber, ein großer Wurf, ungeduldige Kunden warten auf ein Extrablatt, aber ich muss mich versehen haben, sein Zeitungsbauchladen ist eine Drehorgel, er kurbelt und kurbelt – keine Musik.

Einstweilen lese ich. Im Prosa-Band aus dem Keller stehen noch andere Texte, Aufsätze und das was von seinen Zeitungsartikeln und Anekdoten erhalten geblieben ist. Verrücktes Zeug, das er da geschrieben hat, Oft ganz banal: Von einschlagenden Blitzen in Bäumen, tollen Hunden, einem Mann namens Beyer, der pausenlos von Kutschen überfahren wird und trotzdem überlebt … – Aber immer so, dass du denkst, was für ein Zauber dem Zufall innewohnt. Was für Abgründe und: wo verläuft eigentlich die Grenze zwischen Anekdote und Leserbrief, Tatsachenbericht und Wunderwelt, –

Eine seriöse Tageszeitung ist es definitiv nicht

Einmal schreibt er über Wassermänner und Sirenen und einmal über eine Erfindung, die der Telegraphie nah kommt. Kleist findet aber, man solle lieber gleich Briefbomben werfen, Kanonenkugeln mit Briefen gefüllt. Klingt jetzt blöd, aber das berührt mich wirklich! Volltreffer. Nachts liege ich in meinem Bett und lese.

Der Charité-Wagen, der immer und immer wieder jenen Herrn Beyer an – und überfährt, nimmt mich mit in den Schlaf, Das Radio spielt Musik, aber Herr Beyer hört es nicht, denn (laut Kleists Berliner Abendblatt Nr. 12) fiel sein linker Ohrknorpel ins Innere seines Gehörgangs. Er hört weder den gröhlenden Gesang einer Truppe von Bilderstürmern, noch Tatjana, die mit Engelszungen-Stimme „All of me“ singt. A

ber bei den Sirenen nicht mitmachen darf. Sie sänge zu schön (das Vorsingen war ausgeschrieben worden von einem Chorverband von Polizei-Sirenen). – Ich werde wieder wach von wirklich langweiligen aktuellen Nachrichten, die mich wieder in die Wirklichkeit holen.

III

Der Morgen ist kalt und ich bin so wach wie selten nach einer schlaflosen Nacht. Die Sonne scheint dermaßen scharf auf die Brandmauer, die ich vom hohen Küchenfenster aus sehe, dass die Kontur jedes einzelnen Backsteins derart klar hervortritt… – Ich hätt Lust, einen daraus hervorzuziehen. Vielleicht fällt das Haus dann in sich zusammen. darüber der Himmel ist wolkenlos. Wir müssen spazieren gehen! Wann, wenn nicht jetzt?

Kleist hat weder Lust mit mir über sein Werk zu sprechen, noch auf Draußen. Mehr als ihn mit in den Hof zu nehmen mit Restmüll und Altpapier gelingt mir nicht. Ich entleere den Müll in die schwarze Tonne und überlass ihm die blaue.

Als ich fertig bin mit dem Restmüll, scheint Kleist verschwunden, ich finde ihn zur Hälfte im Altpapier, Sprachlos von der Medienflut, die sich vor ihm ausbreitet, hängt er zur Hälfte darin und fischt nach Zeitschriften, Papieren, Verpackungsmaterial, sogar zerschredderte Krankenakten aus der Zahnarztpraxis im Erdgeschoss hat er emporgewühlt. – So einen Reichtum an Gedrucktem oder Bedruckenswertem habe er noch nie gesehen, sagt er.

Es ist kalt im Hof, es stört ihn nicht. Die Sonne, die etwas über unseren Köpfen die Mauern erleuchtet, dringt nicht bis ganz hinab in den Hof. Wie kann er nicht frieren? Nur weil ich ihm versichere, es sei kein Diebstahl, Bedrucktes aus dem Container zu nehmen und es zu lesen, kann ich ihn dazu bewegen, den Hof zu verlassen. Er könne es auch in der Sonne lesen, am Platz gegenüber. Er nimmt einen Stoß Papier mit und setzt sich am Tucholla-Platz in die Sonne.

Magazine, Aldi-Werbung, Berliner Zeitungen, ein Pizzakarton als Kladde. Liest er die Zeitung oder liest die Zeitung ihn? Ich hätt so gern geredet. Erst als ich vom Kiosk zurückkomme mit zwei Bockwürsten, ist er bereit für eine Pause.

Wir essen im Gehen, Kleist den Pizzakarton unter dem Arm. Am Stadthaus vorbei, an der Kirche, Richtung Rummelsburger Bucht. Es ist der ruhigste Weg, an der Spree macht er halt und bedankt sich: das Lesen sei ein Anknüpfen gewesen, den roten Faden immerhin suchen. Das Lesen in der Nacht sei verwirrender gewesen.

Er sieht mitgenommen aus. Erst jetzt sehe ich, wie tief die Augenringe sind, die gestern noch nur Schatten schienen. Hat er wieder einen Zugang ins Internet gefunden?

„Ja!“ und er habe das Internetz sehr genau gelesen.

„Das Ganze?!“

So weit er eben gekommen sei.

„Du darfst nicht alles glauben, was da steht!“

Schon klar! Natürlich nicht, deshalb sei er ja auch nicht generell, nicht gänzlich gegen das was ich „Presse-Freiheit“ nenne. Der Maßstab müsse die Wahrheit sein. Ich sagt: „Die liegt im Auge des Betrachter.“

Da läge schon die Kunst, sagt er. –Und da läge sie durchaus gut, weil beides…, er hält inne, bleibt stehen: „Genau. Ganz genau das: ‚Mut zur Wahrheit‘ bedarf. Dann sei es egal was man schriebe. Hauptsache…

‚Mut zur Wahrheit‘.

An der Lichtenberger Straße, Höhe Holzmarkt steht er mit roten Backen vor irgendeiner Wahlwerbung. Neue Partei. Kenn ich nicht. Rote Schrift auf Himmelblau. „Das ist Wahlwerbung, Kleist. Guter Spruch ‚Mut zur Wahrheit‘, aber garantiert nicht das, was am Ende damit gemeint sein wird.“

„Dann sollte man es vielleicht nicht aufhängen!“. Kleist stapft die Straße entlang, seltsame Gangart, als liefe er gegen den Wind. – Weiß er überhaupt was Wahlen sind?
Wieder bleibt er stehn: ‚Ich bin doch nicht blöd!‘

„Das meinte ich auch nicht!“

Ich weiß!“, aber er wüsste gerne: „was ist ein Media-Markt?

„Das ist… kein Zeitungsladen.“

Das überfordert mich jetzt alles ziemlich. Kleist winkt ab. Er ahne was gemeint sei. Wahrscheinlich: „das Internetz?“, in dem er gestern die Nacht verbracht.

„Nein. – beziehungsweise… gewissermaßen…– wie kamst du überhaupt rein?“ Und was genau er wo auf welcher Seite er gemacht habe?, will ich wissen.

Er sei auf keiner „Seite“ gewesen. Und „Nur gelesen!“ habe er, sagt Kleist. Einer hätte unter den Artikel eines anderen unflätige Dinge geschrieben. Und böse gelbe Gesichter gemalt. Viele Worte mit „F“ seinen gefallen… Kleist zieht ein Notizheft aus der Innentasche seines Mantels und blättert. „Zum Beispiel ‚Fakten‘, ‚Fuck‘ und… ‚F…ake.‘

„Fakten und was?“ Ich schiele auf fast unlesbare Schrift. „Ach so, das ist englisch, es wird „Feihk“ ausgesprochen und es bedeutet…“

– Er wisse was es bedeute“, sagt Kleist. Zu Teig verknetete Wahrheit, möglicherweise auch gar keine.

An der Stralauer Allee reißen die Autos aus dem Gespräch. Und die Werbung, die sich ein Wald ohne Bäume die Straße entlang zieht. Man kann sich nicht mehr unterhalten. An einem riesigen Be-Berlin-Aufstellers an der Jannowitzbrücke bleibt Kleist restlos verausgabt stehen. „The-Place-To-Be“ – Zu viel! Gestern Nacht das Internetz, jetzt dieser rasante Strom. und er bezweifle, dass dieser Ort, der sei, an dem er zu sein habe. Er setzt sich zu Boden. Auf den Pizzakarton. Ich schlag ihm die S-Bahn nachhause vor. Er wird ruhiger, lehnt ab, will weiter. Wir gehen am Spreeufer entlang, hier gehts ihm besser, der Fluß sei ein roter Faden. Alles fließt und er kennt ihn.

„War wahrscheinlich war es leichter damals, zu deiner Zeit?“, frage ich Kleist. Kein Getexte, Nicht diese Informationsfülle, kein „Twitter-Pling“, das ihn umlenkt, den Fluß. Dass ich oft keinen klaren Gedanken hinkrieg für das, was ich hab’ schreiben wollen für…“ …‘mich, hab’ ich sagen wollen, aber da hatte er mich längst unterbrochen: ‚Schöner Gedanke!‘“ Er schnaubt ein seltsames Lachen: „Aberwitzig!“ – So gut wie alle Nachrichten seien damals falsch gewesen! Wenn sie denn endlich eingetroffen seien, habe bereits die Gerüchteküche das Gegenteil verbreitet.

Den Balanceakt zu finden zwischen Aufklärungspflicht, staatlich verordneter Unwahrheit, Lüge, Pro-Forma-Wahrheit, und kriegsbedingter Fehlinformation! Mit fließenden Grenzen habe er gekämpft! In einer Zeit, in der es prinzipiell, moralisch, militärisch und territorial um nichts anderes ging als Grenzen, sei, diese nicht zu überschreiten, de facto unmöglich. Eine unendliche Dauerschleife von Redigieren, Umschreiben, Herausgeben und Dementieren. Selbst die Leserbriefe habe er am Ende noch selber geschrieben.

Dann dem Verleger Hitzig alles vorgelegt, Gasse hinterm Dom, Luft geschnappt, dann in den Druck. Selbst im Leerlauf der schlaflosen Nacht habe er weitergeackert. Alles habe sich um das Blatt gedreht. Bis am nächsten Morgen die Post gekommen sei, und der neue Strom ihn weitergerissen habe.
Er legt den Pizzakarton ans Gelände des Ufers, um sich eine Zigarette zu drehen. Ich bin dermaßen erleichtert, ihn rauchen zu sehen, jetzt atmet er wieder.

Wie er das ausgehalten habe, dieses Pensum?

Kleist bläst Rauch in die Novembersonne. Es sei leichter geworden als er begriffen habe, dass das Perpetuum Mobile der Fehlinformationen das eigentliche Thema sei: Die Nachricht sei nicht (zum Beispiel), dass sich das Nationaltheater Schreiber kaufe, die gute Rezensionen fabrizierten, egal wie die Schauspieler auf der Bühne sich wieder verrenkten. – Die Meldung ist: „man hört es überall.“ Man liest davon, sogar in der Vossischen Zeitung. – Die Rede ist der Rede wert.

Von diesem Zeitpunkt an, sei er nicht mehr der Nachricht hinterhergejagt, sondern sie ihm. Er selbst habe nicht mehr über das Theater schreiben dürfen, aber das, was das Volk darüber denkt, das sei ihm ebenbürtig erschienen.

Was er sagt, ist atemberaubend. „Kann ich mal einen Zug?“ Ich brauch ‘ne Rauchpause. Kleist reicht die Kippe rüber. Ein Windstoß bläst seine Papiere in die Spree. Sie fließt in Richtung Ostkreuz. Ich will ihm die Zigarette zurückgeben, aber Kleist sagt, ich könne sie behalten.

„Danke.“ und Hut ab vor allem andern.

Gefühl, die eigene Schädeldecke sei am Hut gleich mitkleben geblieben und immer noch drehen darunter seine Worte Kreise in meinem Hirn. De-men-tieren. Ich fühle mich geistlos neben ihm. Stumm gehen wir weiter. – Theater der Zeit hat hier irgendwo seinen Sitz. Vielleicht könnt er ja für die schreiben. Mal wieder in die Oper oder…– lieber Nix sagen.

„Ach…– !“ Kleist stutzt. Vor uns ragen die dunklen Umrisse der Klosterruine in den Himmel. „…immer noch nicht wiederaufgebaut?“

Wir gehen ins Innere. Das Innere ist Außen. Das Kirchenschiff fehlt, das Kloster hat kein Dach. Wir laufen über Spiegelglas.

Kleist starrt zu Boden in den freien Himmel, der zerbrochen zu unseren Füßen liegt.

Das sei das Bild!, sagt er. Die Welt liegt in Scherben. Aber immerhin diese Freiheit sei garantiert zu jeder Zeit: Man kann sie sich zusammenwursteln aus allen mosaischen Teilchen, und kein schwarzer Balken der Zensur träfe das Auge des Lesers. „Und der Leserin“, fügt er hinzu. Im übrigen sei alles eine Frage des Layouts.

Unsere Blicke treffen sich im Fußboden der Klosterruine. Ausnahmsweise weicht sein Blick nicht sofort aus. Wolken ziehen auf. Geballte Ladung Schlagsahne-Steif. Sogar der Himmel wirkt malerischer so.

„Ist das jetzt Feihk?, fragt Kleist. Oder die einzig wahrhafte Wirklichkeit?

„Keine Ahnung!“ Vielleicht bin ich blöd! Der Himmel ist mir zu hoch. Gibt es Heilige, die Nonnen im Fieber befallen und Oratorien dirigieren, damit eine Bande von mittelalterlichen Terroristen ein Kloster nicht platt machen?

„Nein.“, sagt Kleist. Deshalb sei „Legende“ unter seiner Erzählung gestanden. Und hinter der Erzählung ein Fragment über den ökonomischen Aberwitz der Reformpolitik, die eine Woche vorher die Enteignung aller Kirchenbesitztümer angekündigt hatte. Danach ein Polizeibericht, in dem sich Zuhälter und Huren auf Tanzböden tummelten. Das sei Wahrheit. Bunt und laut und alles unter einem Dach.

IV

Wenn Kleist lächelt , sieht er aus wie auf meiner Gesamtausgabe. Und wird wieder zum Zeitungsjungen. Heute Nacht dreht er nicht am Rad, er guckt mit einem Fernrohr in den Mond. Den Mond sieht er nicht. –

„Blödmann, Frau“, ein Kaleidoskop sei das!“ sagt das Kind am Gendarmenmarkt. bunte Scherben, zusammengeschüttelt zur einer Wirklichkeit, über die man schreiben kann und wenn man schon keinen Keks bekommt dafür, doch immerhin nicht eins übern Deckel. Mut. Wahrheit. Sagen was ist – notfalls über Bande.

Die Splitter rieseln weiter. mein ganzes Bett ist voll davon: Nonnen, die im Fieber singen, Zahlen, die von Enteignung sprechen. Öffentliche tanzen…

…Ein Hausknecht der betrunken nach Hause kam, ist, wahrschein⸗
lich vom Schlage gerührt, tot im Bette gefunden.
Eine Schlägerei zwischen Studenten und Handwerksburschen
auf einem Tanzboden ist durch das Hinzukommen eines Polizei-Offizianten
und der Jäger-Patrouille unterdrückt bevor Jemand beschädigt worden.
Bei der Revision eines anderen Tanzbodens seien zwei verdächtige Frauen-
Zimmer und zwei dergleichen Mannspersonen, so wie neun öffentliche Huren arretiert worden.
Lesen was war.

ENDE

Zitat im vorletzten Absatz: aus Kleists Abendblatt Nr. 41, vom 16.11. 1810

***
Miriam Sachs aus Berlin gewann im Schreibwettbewerb „Pressefreiheit“ mit „Kaleidoskop – oder kein Keks vom Ministerium“ den 1. Platz in der Kategorie über 26 Jahre.

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