Was kommen da eigentlich für Zeiten auf Leipzig zu, wenn die Überlastung des Haushalts durch Pflichtaufgaben des Bundes in Milliardenhöhe in den nächsten Jahren so weitergeht? Dass da ziemlich bald das Ende der Fahnenstange erreicht ist, ist absehbar. Nämlich dann, wenn der aufgehäufte Schuldenberg zu groß wird und die Zinsen für die aufgenommenen Kredite an die Substanz gehen. Inzwischen beschäftigt sich jede Ratsversammlung mit den Folgen dieser finanziellen Schieflage. Da wird selbst ein neu anzuschaffendes Mischpult für die Oper Leipzig zum Politikum.

Am 26. März ging es in der Ratsversammlung auch um dieses Mischpult, das längst an die Grenze seines technischen Alters gekommen ist. Mehrfach repariert in den letzten Jahren, ist es heute zwar – noch – funktionsfähig, wie CDU-Stadtrat Karsten Albrecht feststellte. Da könne man doch in einer finanziell so knappen Zeit kein neues kaufen, wenn das alte noch so gut funktioniert.

Da könnte man also die geplanten 1,4 Millionen Euro für die neue Anlage einfach einsparen, fand Karsten Albrecht und warb in seiner Rede dafür, die Vorlage des Kulturdezernats einfach abzulehnen.

Ein Vorschlag, für den der sparsame Baufachmann deutliche Gegenrede der Stadträtin Gesine Märtens aus der Grünen-Fraktion bekam, die dem CDU-Mann erklärte, was passiert, wenn Teile des Mischpults mitten in der Saison ausfallen. Noch funktioniert es zwar. Aber es gibt für die veraltete Anlage keine Ersatzteile mehr. Bei einem Ausfall müsste ohnehin eine komplett neue Anlage gekauft und installiert werden.

Der technische Standard des Jahres 2000

In der Vorlage des Kulturdezernats wurde das eigentlich sehr detailliert beschrieben.

„Das Audiomischpult bildet die zentrale Steuerungs- und Schaltstelle für die gesamte Klanggestaltung im Saal des Opernhauses der Oper Leipzig. Über diese Anlage werden sämtliche Tonsignale gesteuert, gemischt, angepasst und verstärkt. Das System dient insbesondere dem Einspielen von Geräuschen, Filmtönen und Bühnenmusik sowie der Übertragung des Orchesterklangs auf die Bühne. Darüber hinaus erfolgt über das Mischpult die Verstärkung von Gesang und Instrumentalklängen der auf den Seiten- und Hinterbühnen agierenden Künstlerinnen und Künstler.

Zusätzlich ermöglicht das Mischpult die Erzeugung und Steuerung spezieller Klangeffekte – wie Hall, Echo oder stimmliche Verfremdungen – sowie die Durchführung von Audioaufzeichnungen der Vorstellungen“, liest man in der Vorlage. Und dann kommt der eigentlich wichtige Teil: „Das derzeit im Opernhaus eingesetzte Mischpult des Typs Yamaha PM1D ist seit 2007 in Betrieb und entspricht den technischen Standards aus dem Jahr 2000. Ein aktuelleres Modell war zum Zeitpunkt der Anschaffung aus Kostengründen nicht realisierbar.

Die Produktion dieses Modells wurde vom Hersteller bereits im Jahr 2010 eingestellt; seit 2015 sind keine Originalersatzteile mehr verfügbar. Zur Aufrechterhaltung der Betriebsfähigkeit wurden in den vergangenen Jahren baugleiche, gebrauchte Geräte als Ersatzteilspender erworben. Diese Übergangslösung ist jedoch mittlerweile ausgeschöpft und kann den zuverlässigen und störungsfreien Ablauf des Spielbetriebs nicht länger gewährleisten.“

Das heißt: Die Oper hat nun schon seit Jahren ein Provisorium am Laufen gehalten. Beim nächsten Ausfall einzelner Komponenten aber war es das, dann ist die ganze Anlage nicht mehr nutzbar.

Volles Risiko oder doch lieber investieren?

„Im Falle eines umfassenden Systemausfalls wäre eine zeitnahe Instandsetzung nicht mehr möglich, was eine Unterbrechung des Proben- und Vorstellungsbetriebs über einen längeren Zeitraum zur Folge hätte. Vor diesem Hintergrund ist die Erneuerung des Audiomischpults sowie der damit verbundenen audiotechnischen Infrastruktur im Opernhaus dringend erforderlich, um den laufenden Proben- und Spielbetrieb sicherzustellen“, betont die Vorlage.

Der CDU-Vorstoß, jetzt auf einen Ersatz des alten Mischpults zu verzichten, könnte also ziemlich weitreichende Folgen haben. Und so macht selbst ein überaltertes Mischpult an der Oper deutlich, in welche finanziellen Zwänge eine Stadt gerät, der die auferlegten Pflichtaufgaben des Bundes die Luft zum Atmen nehmen. Was tun?

Wirklich viel Auswahl hatte der Stadtrat ja nicht und stimmte der Investitionsvorlage des Kulturdezernats am 26. März mit 42:9 Stimmen bei 5 Enthaltungen zu.

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Schön, dass ausgerechnet die Lobbypartei einmal direkten Kontakt mit der Realität bekommt, diese dann aber souverän ignoriert, solange sie einen selbst nicht betrifft.

In meinem Berufsalltag ist dieser wertevernichtende Mechanismus Normalzustand. Produktzyklen werden immer kürzer, Nachfolgemodelle erscheinen im Rekordtempo, während Support (EOL), Ersatzteile und Zertifizierungen (toller bürokratischer Hebel) für funktionierende Bestandsgeräte gezielt eingestellt werden.

Das betrifft längst nicht mehr Konsumspielzeug, sondern zentrale und extrem kostenintensive Bereiche, vor allem aber auch der kritischen Infrastruktur: Elektro- und Medizintechnik, Verkehrs- und Leitsysteme, Gebäude- und Sicherheitstechnik. Die Geräte sind technisch oft eigentlich langlebig, ökonomisch werden sie vorher künstlich entsorgt.

Besonders effektiv ist mittlerweile die softwaregetriebene Obsoleszenz; fehlende Updates, neue Sicherheitsanforderungen, inkompatible Schnittstellen. Reparatur oder Weiterbetrieb werden nicht einfach technisch unmöglich, sondern formal unzulässig oder unbezahlbar.

Umso bemerkenswerter ist es, dass die Oper Leipzig als öffentliche Einrichtung überhaupt den Mut hatte, gebrauchte Geräte als Ersatzteilspender zu nutzen. Das ist im öffentlichen Sektor alles andere als selbstverständlich, und bei weitem nicht so einfach wie Otto-Privatmann bei Ebay.

Dieser systematische Ressourcen- und Werteverlust ist kein Naturgesetz. Er ist Ergebnis politischer Entscheidungen, industrienaher Normen und eines Vergaberechts, das Neubeschaffung belohnt und Reparatur abstraft.
Dass ausgerechnet die CDU diesen roten Teppich seit Jahren ausrollt, macht diesen Artikel umso treffender.

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