Hitzewallungen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Stimmungsschwankungen – Frauen in den Wechseljahren erleben eine Vielzahl körperlicher und seelischer Veränderungen, auf die sie unterschiedlich reagieren: Während die einen kaum etwas davon mitbekommen, fühlen sich andere so sehr beeinträchtigt, dass sie ärztlich behandelt werden müssen. Das ist Aufgabe von Expert:innen wie Dr. med. Julia Bartley vom Universitätsklinikum Leipzig (UKL). Die Gynäkologin setzt sich darüber hinaus für eine bessere Erforschung des Themas ein.
Um es gleich vorwegzunehmen, Wechseljahre sind keine Krankheit, sondern markieren einen Übergang – „von der reproduktiven Phase in die Phase, in der die Eierstöcke schweigen“, beschreibt Dr. Julia Bartley das, was in der Lebensmitte einer jeden Frau passiert. Und trotzdem kann dieser Übergang mit Symptomen einhergehen, die vergleichbar mit denen von Krankheiten sind.
Tatsächlich handelt es sich bei den Wechseljahren um einen Prozess der hormonellen Umstellung, der sich mehr als zehn Jahre hinziehen kann. Dabei sinkt die Anzahl der Eizellen im Eierstock unter eine kritische Grenze, wodurch das zyklische Geschehen im Eierstock für die Ausbildung einer reifen Eizelle ins Stocken gerät. Infolgedessen wird der Zyklus der Betroffenen unregelmäßig, auch die Blutung kann in Stärke und Dauer variieren, bis sie irgendwann ausbleibt.
Frauen unterschiedlich stark von Wechseljahresbeschwerden betroffen
Zu diesem Zeitpunkt, der sogenannten Menopause, sind Frauen in Deutschland im Durchschnitt 51 Jahre alt und reagieren ganz unterschiedlich auf die Veränderungen ihres Körpers. Aktuellen Studien zufolge gehen nur etwa 20 Prozent der Betroffenen unbeschwert durch diese Zeit. „Die anderen 80 Prozent geben an, Wechseljahresbeschwerden zu haben“, fasst die Fachärztin der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde des UKL die Ergebnisse zusammen, „15 bis 30 Prozent sind sogar schwer davon betroffen.“
Zu den bekanntesten Wechseljahresbeschwerden zählen Hitzewallungen, Schweißausbrüche und Nachtschweiß, in der Fachsprache vasomotorische Störungen genannt. Daneben berichten Frauen von einer Vielzahl anderer Symptome wie Schlafstörungen, Gelenkschmerzen, Stimmungsschwankungen und Depressionen, Herzrasen, Haarausfall, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr oder Scheidentrockenheit.
Allerdings ist sich die Wissenschaft an dieser Stelle uneins, „ob diese Beschwerden wirklich daher rühren, dass der weibliche Körper kein Östrogen mehr produziert“, sagt Dr. Bartley, „es wird zunehmend diskutiert, dass vieles jenseits von vasomotorischen Störungen oder Trockenheit und Hautveränderungen im Genitalbereich mehr dem grundsätzlichen Alterungsprozess geschuldet sein mag, als spezifisch den Wechseljahren. Zum besseren Verständnis dieser Fragen sind weitere Studien erforderlich. Wir sind derzeit in der Planung für eine solche Studie.“
Hormontherapie in den Wechseljahren lange umstritten
Ähnliche Diskussionen gibt es darüber, wann und wie man Wechseljahresbeschwerden behandeln sollte. Für Dr. Bartley und Kolleg:innen ist hier das Wohlbefinden der Betroffenen entscheidend: Fühlen sich diese in ihrem Leben durch die Wechseljahrsbeschwerden eingeschränkt, raten die Spezialist:innen zur Behandlung – meist in Form einer Hormontherapie. Schon eine kurzfristige Behandlung sei letztendlich ein guter Test, welche Beschwerden im Einzelfall durch die Hormontherapie verbessert werden könnten und welche nicht.
Die Behandlung von Wechseljahresbeschwerden mit Hormonen war lange Zeit umstritten, nachdem eine US-amerikanische Studie zur Frauengesundheit abgebrochen werden musste. Die sogenannte Women Health Initiative (WHI)-Studie wurde in den 1980er/90er Jahren in den USA und damit in einer Zeit konzipiert, in der Frauen in der Lebensmitte großzügig mit Östrogenen behandelt wurden – unter der Annahme, dass die Gabe von Östrogenen in den Wechseljahren Frauen vor Arteriosklerose und damit vor Herzerkrankungen und auch anderen „Alterungsprozessen“ schützt.
Mit der Studie wollte man diesen Effekt beweisen. Die Ergebnisse zeigten jedoch, dass Östrogene zwar Gefäße vor Verkalkung schützen können, wenn die Einnahme früh begonnen wird, sie gleichzeitig aber auch das Risiko von Blutgerinseln in den Venen und Arterien und damit das von Thrombosen, Herzinfarkten und Schlaganfällen erhöhen.
Darüber hinaus belegte die Studie ein auf lange Sicht erhöhtes Brustkrebsrisiko. „Wenn Östrogene gegeben werden, müssen Frauen, die noch eine Gebärmutter haben, Gestagene einnehmen, um die Gebärmutter vor Krebs zu schützen. In dieser und weiterer Studien wurde jedoch gezeigt, dass Gestagene die Entstehung von Brustkrebs nach einer Anwendungszeit von über fünf Jahren begünstigen.“
Neue Wege in der Wechseljahrestherapie
Seitdem habe sich viel verändert, sagt Dr. Bartley. „Wir wissen jetzt, dass sich eine Hormontherapie in den Wechseljahren nicht generell zur Vorbeugung eignet und nicht ‘immer gut für alle‘ ist, sondern dass wir sehr viel differenzierter hinschauen müssen, wem wir die Therapie empfehlen.“ Auch verwende man heute überwiegend andere, sogenannte „naturidentische“ Hormone.
„Beim Östrogen senkt insbesondere die Gabe über die Haut – per Gel, Spray oder Pflaster – das Thromboserisiko. Als Gestagen wird heutzutage gerne Progesteron verwendet, das zu weniger Brustkrebs führt als zum Beispiel das Gestagen der WHI-Studie.“ Damit hätten Frauen mit ausgeprägten vasomotorischen Störungen oder Trockenheit im Genitalbereich insgesamt mehr Nutzen als Nachteile und „auch für Frauen mit einem erhöhten Osteoporose-Risiko kann eine grundsätzlich günstige Risiko-Nutzen-Balance bestehen.“
Einzige Ausnahme, so die Expertin, seien die Frauen, die „sehr früh“, das heißt vor ihrem 45. Lebensjahr, oder gar „vorzeitig“ und damit vor ihrem 40. Lebensjahr in die Wechseljahre kämen. „Diese müssen eine Hormon-Ersatztherapie bis etwa zum 50. Lebensjahr erhalten, um eine frühzeitige Gefäßverkalkung und Knochenentkalkung zu verhindern und bedürfen einer besonderen Begleitung und Beobachtung.“
Darüber hinaus rät die Expertin Frauen, sich in den Wechseljahren ausgewogen und anti-entzündlich zu ernähren und auf Genussmittel wie Alkohol und Zigaretten zu verzichten. Alkohol verstärke menopausale Beschwerden, während Rauchen dazu führe, dass Frauen früher in die Wechseljahre kämen. „Wir wissen auch, dass Frauen grundsätzlich von Bewegung profitieren“, so Dr. Bartley weiter. Unklar dagegen sei, inwieweit nicht-hormonelle medikamentöse Therapien etwa mit Antidepressiva oder therapeutische Ansätze wie eine Verhaltenstherapien helfen. „Da sind die Untersuchungen und auch die individuellen Berichte sehr unterschiedlich.“
Wechseljahre noch kaum Thema in der Forschung
Um die Forschung auf dem Gebiet voranzutreiben, haben sich betroffene Frauen vielerorts zusammengeschlossen. Mit Initiativen wie „Wir sind 9 Millionen“ sorgen sie dafür, dass Wechseljahre und die Veränderungen, die sie mit sich bringen, mehr Aufmerksamkeit bekommen. Dadurch sei das Thema auch in der Politik angekommen, sagt Dr. Bartley. Das mache Hoffnung, dass es bald auch systematische Studien zu Frauen in den Wechseljahren aus Deutschland gebe.
Wichtig wäre aus ihrer Sicht dabei, eine gute Balance zwischen Stigmatisierung und Wahrnehmung zu finden, denn nicht alle Frauen, die sich in diesem Übergang befänden, hätten auch Beschwerden. „Da wünsche ich mir einen sehr differenzierten Blick darauf. Dazu gehört auch, und auch das ist eine Forderung dieser Initiative, dass man erhebt, was Frauen sich eigentlich an Unterstützung wünschen.“ All dies sollte im Kontext gesehen werden, das Thema Frauengesundheit nicht länger zu bagatellisieren, egal ob es sich um Regelbeschwerden, Endometriose, unerfüllter Kinderwunsch oder Wechseljahre handelt.






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