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Kotzorgie und Kannibalismus: Sebastian Hartmann inszeniert Falladas „Der Trinker“

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    "Der Trinker" gilt neben "Der Alpdruck" als Hans Falladas persönlichstes Werk. In dem Roman, geschrieben 1944, schildert er mit autobiografischen Zügen, wie die Alkoholsucht den erfolgreichen Geschäftsmann Erwin Sommer in den Ruin treibt. Am Ende findet sich der Protagonist in einer geschlossenen Trinkerheilanstalt wieder, wo er sich schleichend das Leben nimmt, indem er die Auswürfe seiner tuberkulösen Mitpatienten schlürft. Sebastian Hartmann adaptierte den Roman zur Buchmesse für die Bühne. Eine gescheiterte Provokation.

    Ein meterhoher Steg spannt sich zu Beginn des Abends quer über den Bühnenrand des Centraltheaters. Mehr Spielfläche räumt der Intendant seinen beiden Schauspielern und E-Gitarrist Steve Binetti nicht ein. Brauchen sie auch nicht, denn gut eine Stunde lang sitzen Samuel Finzi und Andreas Leupold in schwarzen Anzügen nebeneinander auf der Kante und erzählen den Roman nach. Fallada im Schnelldurchlauf.

    Beide verkörpern den Trinker, der aus der Ich-Perspektive seinen Leidensweg schildert. Wäre Finzi, bekannt aus „Männerherzen“ und dem Kieler „Tatort“, nicht so ein begnadeter Schauspieler, hätte nach 20 Minuten wohl mehr als eine einsame Dame den Saal verlassen. Würde der Bulgare den Umgang mit Mimik und Gestik nicht so kongenial beherrschen, hätte man die Augen schließen können.

    Großes Theater war die Darbietung, die streckenweise an ein Hörspiel erinnerte, wirklich nicht. Binetti untermalte die Stimmung mit Gitarrenriffs und selbst geschriebenen Songs. „Man muss die Dinge nur sich selbst überlassen“, lallt er gleich zu Beginn ins Mikro. Was für eine Weisheit.Nach rund einer Stunde der Bruch. Unter lauter Geräuschkulisse wird der Prospekt, der mit aufgemalten Vorhang den leeren Bühnenraum verdeckte, mit Ventilator-Wind von der Decke gerissen und durch einen neuen Hintergrund ersetzt. Darauf projiziert Hartmann grelle Animationen des Leipziger Malers Tilo Baumgärtel. Wirre Farbkleckse wechseln sich im Augenkrebs erzeugenden Bilderrausch mit Fliegen, einer Kneipenmeile, einer Eisenbahn, einem Skorpion oder einem Alien ab.

    Die Schauspieler dürfen jetzt zumindest ab und an auch im Stehen spielen. Fienzi gerät nun richtig in Wallung, kämpft mit sich selbst, würgt und stampft klamaukhaft, während Leupold seelenruhig, geradezu depressiv die schmerzhaften Symptome des Alkoholikers beschreibt. Die Szene gipfelt in einer mehrminütigen Kotzorgie, bei der beide mitttels Plastikschälchen literweise Fäkalien auf den Bühnenboden würgen. Was vor zehn Jahren provokativ war, zaubert dem Zuschauer heute bestenfalls ein müdes Lächeln auf die Lippen. Als die Schauspieler durch Grimassenspiele ins Klamaukhafte abdriften, macht sich im Saal für kurze Zeit ein wenig Erheiterung breit.Langweilig auch Hartmanns nächster Einfall. Leupold darf Fienzi eine Trinkerleber entreißen, um sie zu verzehren. Dass er sie vorher mit einer Portion roter Götterspeise austauscht, die er sich sodann im Gesicht verschmiert, während sich sein Rollenpartner einen Schluck Theaterblut gönnt, kann die Szene nicht retten.

    Wäre an diesem Punkt das Stück zu Ende gewesen, könnte man den Abend als durchwachsenen Erfolg verbuchen. Doch Sebastian Hartmann dehnt die Inszenierung unnötigerweise in die Länge und penetriert die Zuschauer mit weiteren nervtötenden Einfällen, etwa indem er seine Akteure als buckelige Glöckner von Notré Dame auftreten lässt.

    Was hat das mit Hans Fallada zu tun? Nichts. Vielleicht wollte der Noch-Intendant die Gunst der Stunde nutzen, um sein Publikum noch einmal nach Strich und Faden zu verladen. Die Rechnung ging auf. Schauspieler und Team erhielten tosenden Beifall.

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