Geschichten aus dem Wiener Wald am Schiffbauerdamm: Enrico Lübbe inszenierte am Berliner Ensemble

Bevor Enrico Lübbe ab Spielzeit 2013/14 Intendant des Leipziger Schauspiels wird, hatte er kürzlich sein Regie-Debüt am Berliner Ensemble. Beim Intendanten Claus Peymann inszenierte er "Geschichten aus dem Wiener Wald". Nüchtern prangen Stücktitel und der Autorenname Ödön von Horváth an der Theater-Fassade unter dem sich drehenden Logo "Berliner Ensemble" am Schiffbauerdamm. Stücktext und Autor finden sich auch im Geschehen auf der Bühne wieder.
Anzeige

Wien in Berlin

Zu jener Zeit als Ernst Josef Aufricht 1928 mit der „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill für Furore sorgte, war Ödön von Horváth hier auch schon zu Hause!

Wenn die Welt untergeht, wollte der Komponist Gustav Mahler einst nach Wien reisen! Denn dort käme alles 15 Jahre später. Und laut Horváth spielt das Stück in einer kleinen Straße im VIII. Wiener Bezirk und in der Wachau. Doch diese Orte können überall sein.

Schon zur Voraufführung war das Berliner Ensemble ausverkauft und im Saal war es fast immer mucksmäuschenstill ob der bitteren Geschichte, nur von Zeit zu Zeit entlud sich die Spannung in Lachern, weil die Figuren auf der Bühne so grausam zueinander sein konnten. Es sind die Menschen von nebenan, auch wenn sie sich hinter scheinbaren k.-u.-k.-Titeln verbergen, mehr Fabel-Namen als Amt: Rittmeister, Zauberkönig …
Theater auf der Welle

So breit wie die Bühne ist, läuft nach hinten eine Welle über zwei Berge, wo es in der Wachau hinaufgeht, zu dem Turm, den die Familie hütet. Akustisch ist das ein Hall- und Schallraum ohnegleichen. Szenen mit glasklarer, pointierte Sprache werden noch übersteigert, wenn die Darsteller vor den Szenen im Halbdunkel auf ihre Positionen gehen und nachher wieder so verschwinden. Bei Brecht und auch George Tabori ging da manchmal eine halbhohe Gardine auf und zu.

Mit gleißendem Licht wird das Bühnen-Boden-Holz der Welle angestrahlt, bis sie Weiß glänzt und das Licht in den Zuschauerraum des Schiffbauerdammtheaters reflektiert, der vor vergoldetem Stuck nur so glänzt. Das waren Gründerzeit, Historismus und Jugendstil und Monarchie, das war Preußens Glanz. Wenigstens gülden glänzen musste es, wenn es schon kein Gold war.

Wiener Seligkeit

Eine Schüssel und ein darin schleifendes Küchengerät sind anfangs der Impuls für die Musik zum Stück. Den Walzer „Geschichten aus dem Wienerwald“ wird es nicht geben, aber österreichische Lieder von der Donau und vom Mädel in der Wachau mit seinem Auge so blau sind der Rest von Weinseligkeit. Klar wird die Musik mal lautstark hochgezogen, ein aufgesetzter Regieeinfall, aber insgesamt tönt und dröhnt es so, dass es den Akteuren nicht die Luft nimmt.

Im Spiel steckt der strengere Rhythmus, gleich Herzschlägen oder Atemzügen. So pulsiert Leben. Darsteller sind keine Schachfiguren, bei allem Gegeneinander der Handlung, spielen die Schauspieler miteinander, Wort für Wort, Satz für Satz. Ist das schon so selten geworden, dass es dem Zuschauer so auffällt? Enrico Lübbe und Regie-Mitarbeiter Torsten Buß gelingt ein Stück episches Theater.
In Horváths Stück gibt es fast nur Hauptrollen, unter den Akteuren sind Überraschungen für Leute, die auf dem Besetzungszettel zuerst Namen der Darsteller suchen und dann ihre Rollen lesen: Angela Winkler als großartig gezeichnete Lebefrau Valerie, und Roman Kaminski ist über das Burgtheater Wien wieder zurück nach Berlin gekommen, Gudrun Ritter ist als Großmutter im großen Ensemble dabei.

Eine Heurigen-Seligkeit samt Deutschlandlied und große Bögen zur Tragik, wie in der langlebigen Inszenierung von Horst Ruprecht vor gut 20 Jahren im Leipziger Schauspielhaus, gibt es nicht.

Freilich spuckt der Metzgermeister mal vor Sattheit Wurstzipfel auf die Bühne und kurz vor Schluss muss eine Darstellerin noch schreiend ihr Stimmwerkzeug malträtieren. So was können sich Schauspieler auch anders erspielen. Unverzichtbar müssen Kofferradio und Kühlboxen dabei sein, damit auch jedem eindringlich klar wird: es ist ein heutiges Stück.
Nach der Voraufführung gab es viel Applaus und Bravos. Wünschen wir dem Stück viele Aufführungen. „Schweyk im Zweiten Weltkrieg“ soll es auf 674 gebracht haben, beim aktuellen „Arturo Ui“ sprach man schon von der 400.!

Enrico Lübbe – Leipziger auf Durchreisen

Enrico Lübbe ist Leipziger auf Durchreisen. Denn hier hat er mal studiert, ist zum Journalismus und zum Theater gekommen, Regie-Assistent bei Wolfgang Engel gewesen und Regisseur geworden. In Chemnitz ist er Schauspieldirektor, geboren wurde er in Schwerin.

Ob und wie viel er als Intendant in Leipzig auch selbst inszenieren wird, hat er noch nicht gesagt.

Aus den Werken des Desillusionisten Horváth, schrieb Alfred Polgar, weht den Zuschauer kalter Wind an, eine „entzauberte, in ihrem schnöden Mechanismus bloßgelegte Welt“.

Nichts ist witziger als die Wahrheit. Und kein sukurrilerer Anblick als jener, den sie bietet, wenn sie sich nackt unter die Leute mischt.


Print Friendly, PDF & Email
 


Schneller informiert mit dem L-IZ-Melder
Weitere Nachrichten:Bewegungsmelder | Wortmelder | Rückmelder | Sport | Polizei | Verkehr


Weitere aktuelle Nachrichten auf L-IZ.de

Franz und die Puppe auf Reisen: Was hätte Franz Kafka in seinen Briefen an Lilli eigentlich geschrieben?
Juliane Sophie Kayser: Franz und die Puppe auf Reisen. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserEs gibt ihn wirklich, den Stadtpark in Berlin-Steglitz, wo Franz Kafka 1923 mit seiner Liebe Dora Diamant spazieren ging. Es war das Jahr vor seinem Tod. Es war die Zeit der Inflation. Zwei Mal musste Kafka in Steglitz umziehen, weil er als „armer Ausländer“ gekündigt wurde. Und es gab wohl auch das weinende Mädchen, das er beim Spaziergang im Park traf, das seine Puppe verloren hatte. Und das er tröstete mit 20 Briefen. 20 Briefen, die wohl leider verschollen sind.
Ausstellung: PLAKATIERT! Reflexionen des indigenen Nordamerika
Mit Unterstützung des Karl May Museums Radebeul und des GRASSI Museums für Völkerkunde zu Leipzig präsentiert die galerie KUB die Ausstellung „Plakatiert! Reflexionen des indigenen Nordamerika“. Die Ausstellung wurde von Studierenden der Ethnologie und der Museologie an der Goethe-Universität Frankfurt kuratiert.
SV Lichentberg vs. 1. FC Lok Leipzig 3:2 – Premiere mit Problemen
Denis Jäpel sucht den Abschluss gegen David Hollwitz. Foto: Thomas Gorlt

Foto: Thomas Gorlt

Für alle LeserDer 1. FC Lok Leipzig hat das erste Regionalliga-Pflichtspiel in der Hans-Zoschke-Arena in Lichtenberg mit 2:3 (0:1) verloren. Vor 966 Zuschauern liefen die Blau-Gelben gegen Lichtenberg 47 ab der 2. Minute einem Rückstand hinterher, nach 28 Minuten auch nur noch zu zehnt. Auf den Ausgleich antwortete Lichtenberg postwendend mit einem Doppelschlag. Abderrahmanes Anschlusstreffer 23 Minuten vor Schluss sollte trotz hochkarätiger Chancen auf beiden Seiten der letzte Treffer in einem unterhaltsamen Spiel bleiben.
GlobaLE: Pandemie, Fluchthilfe und Weltwirtschaftsforum
Plakat zum GlobaLE Filmfestival 2020. Grafik: GlobaLE

Grafik: GlobaLE

Am Montag, Mittwoch und am Donnerstag lädt das GlobaLE Filmfestival die Leipzigerinnen und Leipziger wieder zu Film und Diskussion ein. Am Montag, 26. Oktober macht die GlobaLE um 20 Uhr im Neues Schauspiel (Lützner Straße 29) Station und zeigt den Dokumentarfilm "Words of Bandits" (Italien, Frankreich 2019, engl. UT) von Jean Boiron-Lajous. Seit 2015 ist die italienisch-französischen Grenze geschlossen um die Reise von Migrantinnen und Migranten zu verhindern. Im französischen Roya-Tal leisten einige Einwohner Widerstand und helfen den Reisenden. Ein Film über Solidarität und Widerstand im Sommer 2015.
Factory of Art begeht Dienstjubiläum: Warum 30 Jahre Rock N‘Roll noch nicht genug sind
Factory Of Art will es 2020 noch enmal wissen und begeht im Herbst/Winter in neuer Besetzung noch einige Jubiläumsauftritte zum 30-jährigen Bestehen. Foto: Factory Of Art Management

Foto: Factory Of Art Management

Für alle LeserDie Leipziger Musikerszene ist schon von jeher vielfältig und wegweisend gewesen. Wenn wir an die Leipziger Beatbewegung zurückdenken, dann gilt Leipzig als ein Zentrum der neuen Popmusikwelle. Mit der Klaus Renft Combo und ihrer zwischenzeitlichen Neubenennung in „The Butlers“ waren ihre Mitstreiter zentrale Figuren, die Leipzigs Weg in die Pop-Welt zeigten.
Corona-Folgen trafen Soloselbstständige und marginal Beschäftigte sofort
Entwicklung der Erwerbstätigenzahl in Sachsen. Grafik: Freistaat Sachsen, Statistisches Landesamt

Grafik: Freistaat Sachsen, Statistisches Landesamt

Für alle LeserKrisen machen sichtbar, wer in einer Gesellschaft eigentlich besonders bedroht ist und besonders schnell sein Einkommen und seine Existenz verliert. Und es sind nicht die Beschäftigten im Öffentlichen Dienst, auch wenn der Streik dort für höhere Einkommen partiell berechtigt ist. Obwohl völlig andere Streikthemen dran wären, denn nicht die Löhne sind das Schlimmste, sondern die zusammengesparten Personalausstattungen. Aber andere wurden vom Corona-Shutdown noch heftiger getroffen.
Pestizidprozess in Bozen: Oekom-Verleger thematisiert die Anklage als direkten Angriff auf die Meinungsfreiheit
Traktor im Vinschgau. Foto: Jörg Farys, Umweltinstitut München

Foto: Jörg Farys, Umweltinstitut München

Für alle LeserAm Donnerstag, 22. Oktober, gab es noch keine Entscheidung. Nach der Verhandlung über eine mögliche Anklageerhebung zu „Wunder von Mals“ gegen den Geschäftsführer des oekom Verlags Jacob Radloff sowie mehrere Vorstandsmitglieder des Umweltinstituts München steht das Ergebnis noch aus. Aber sollte nun auch noch der Geschäftsführer des oekom-Verlages angeklagt werden, ufert der Bozener Prozess endgültig in eine Verhandlung gegen die Meinungsfreiheit aus. Dazu wurde Radloff am Donnerstag sehr deutlich.
Figurentheaterlegende Neville Tranter im Westflügel Leipzig
Foto: Wim Sitvast

Foto: Wim Sitvast

Ein einsamer Strand in Nordafrika. Das letzte Boot ist auf dem Weg nach Babylon, dem Gelobten Land. Ein nervöser Kapitän wartet ungeduldig auf seine letzten Passagiere, alles Flüchtlinge. Doch für den Teufel, der ebenfalls am Strand steht, ist längst klar, dass das Schiff sein Ziel nie erreichen wird. Gott versucht, das Schlimmste zu verhindern, denn unter den Reisenden befindet sich auch sein eigener Sohn …
Eutritzscher Freiladebahnhof: Neue Vorlage für den Stadtrat und Grüne-Antrag zum Grundstückserwerb
Gelände des Eutritzscher Freiladebahnhofs. Foto: L-IZ

Foto: L-IZ

Für alle LeserWie weiter am Eutritzscher Freiladebahnhof? Das ist nach wie vor völlig offen. Denn augenscheinlich hat auch der neue Eigentümer der Fläche die „Ergänzungsvereinbarung zum Städtebaulichen Vertrag Freiladebahnhof Eutritzscher Straße/Delitzscher Straße (Planungs- und Entwicklungsvereinbarung, PEV)“ vom 26. April 2017 noch nicht unterzeichnet. Jedenfalls wünscht sich das Stadtplanungsdezernat noch einmal eine Beauftragung durch den Stadtrat, das nun durchzusetzen. Während die Grünen in Erwägung ziehen, dass der aktuelle Besitzer überhaupt nicht bauen will.
Rund 1.000 Menschen erinnern in Leipzig an Todesopfer rechter Gewalt + Video
Am 2013 auf Initiative von NGOs errichteten Gedenkstein an Kamal K. wurden Blumen und Kerzen aufgestellt. Luise Mosig

Foto: Luise Mosig

Für alle LeserVor zehn Jahren erstachen Neonazis den Iraker Kamal Kilade in der Nähe des Leipziger Hauptbahnhofs. Seit seinem Tod – Kamal K. ist das bisher letzte bekannte Todesopfer rechter Gewalt in Leipzig – rufen zivilgesellschaftliche Bündnisse jährlich zu Gedenkdemonstrationen Ende Oktober auf.
Dreistellige Millionenausfälle im Stadthaushalt Leipzig für 2021 und 2022 prognostiziert: Erste Prüfliste des Finanzdezernats im Finanzausschuss
Neues Rathaus bei Nacht. Foto: Michael Freitag

Foto: Michael Freitag

Für alle LeserWirklich klar ist ja noch lange nicht, wie sehr die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Leipziger Haushalt durchschlagen und was alles im Doppelhaushalt 2021/2022 nicht möglich sein wird, weil das Geld fehlt. Eine erste Liste von zu vertagenden Ausgabeposten gab Finanzbürgermeister Torsten Bonew am 16. Oktober in den Finanzausschuss. Meistens sind es nur eher kleine Beträge, die erst einmal vertagt werden sollen. Sie decken die prognostizierten Einnahmeausfälle nicht wirklich.
Ökolöwe zum Stadtratsbeschluss: Leipziger Aue bleibt weiter Werbeaushang für den Massentourismus
Boote auf der Weißen Elster. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserEs war ein Kompromiss, den der Stadtrat am 14. Oktober beschloss: Das Umweltdezernat darf an die Erarbeitung eines neuen Wassertouristischen Nutzungskonzepts (WTNK) gehen – aber unter Beachtung des Auenrevitalisierungsprogramms. Und Michael Neuhaus (Die Linke) wurde sogar recht deutlich, was alles nicht im neuen WTNK auftauchen dürfte, wenn sich die Verwaltung dran hält. Trotzdem findet der Leipziger Ökolöwe: Diese Fortschreibung hätte es nicht geben dürfen.
Umbruch, Aufbruch: Die Deutsche Nationalbibliothek gibt eine Broschüre mit Texten zu 30 Jahren Zusammenwachsen heraus
Umbruch, Aufbruch. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle Leser30 Jahre Deutsche Einheit sind natürlich auch allerlei 30jährige Jubiläen. Vieles startete damals, manches wuchs tatsächlich zusammen. So, wie es Willy Brandt damals gemeint hatte. Aber das Zusammenwachsen war die Ausnahme. Denn das hatte immer Respekt und Augenhöhe zur Voraussetzung. Die beiden Deutschen Büchereien haben es vorgemacht und sind tatsächlich zur Deutschen Nationalbibliothek mit zwei Standorten zusammengewachsen.
„Sport vor Ort“ – die anderen Sporttipps für den November
"Sport vor Ort" ist wieder da.

Sport vor Ort.

Für alle LeserLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 84, seit 23. Oktober im Handel„Sport vor Ort“ zeigt, dass spannender Sport in Leipzig nicht nur in den großen Arenen, sondern überall stattfindet. Ob in Schulsporthallen oder auf Ascheplätzen, ob Ringen, Rugby oder Rollhockey, Bundesliga oder Kreisliga – Sport vor Ort hat die Höhepunkte auf dem Schirm, die nicht im großen Rampenlicht stattfinden. Ehrlichen, erdigen Sport – in Leipzig – vor eurer Haustür.
Roger Melis – In einem stillen Land. Fotografien aus drei Jahrzehnten DDR
Roger Melis, Kinder in der Kollwitzstraße, Berlin 1974 © Nachlass Roger Melis

© Nachlass Roger Melis

Kaum ein zweiter Fotograf hat die Ostdeutschen und ihre Lebenswelt so lange, so intensiv und in so vielen Facetten beleuchtet wie Roger Melis (1940 – 2009). Drei Jahrzehnte lang bereiste der Mitbegründer und Meister des ostdeutschen Fotorealismus von Berlin aus die DDR als ein Land, das er unter der Herrschaft der SED oft als „still“ und erstarrt empfand.