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Schauspiel Leipzig bringt Ulrike Syhas „Report“ zur Uraufführung

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    Michael Talke hat am Schauspiel Leipzig Ulrike Syhas Krimidrama "Report" zur Uraufführung gebracht. Das Auftragswerk entwirft ein düsteres Bild urbaner Wirklichkeit. Ensemble und Team erhielten bei der Premiere am Samstag regen Applaus.

    „Report“ möchte ein Bericht aus einer anonymen Großstadt sein. Wo sich die Megacity befindet, bleibt im Dunkeln. Michael Talke und Ausstatterin Barbara Steiner verlegen ihre Inszenierung kurzerhand an die amerikanische Westküste. In einer der Projektionen, die an mehreren Stellen auf die gut 70 weißen Kartonwürfel gebeamt werden, die vornehmlich im hinteren Teil des Bühnenraums aufeinander gestapelt sind, ist die berühmte Straßenbahn San Franciscos zu erkennen. Andere Aufnahmen zeigen die Fahrt auf einer Landstraße, die sich irgendwo in der Bay Area befinden könnte.

    Im Zentrum von Syhas Theatertext steht Ben Martin (Hartmut Neuber), ein Mittvierziger, der zufällig in den Strudel eines Mordfalls gerissen wird. Inmitten der Ausgrabung, an der seine Ex Laure (Annett Sawallisch) beteiligt ist, wurde eine Leiche gefunden. Mit Unterstützung des ortskundigen Taxifahrers Diego (Jonas Fürstenau) ist Martin um die Klärung der mysteriösen Ereignisse bemüht.

    Syhas fokussiert sich weniger auf den Fortgang des Krimis, sondern rückt die Beziehungen zwischen ihrer Hauptfigur und den Personen um sie herum ins Zentrum der Betrachtung. Hartmut Neuber, der die Bühne kein einziges Mal verlässt, spricht nicht nur seine Dialoge, sondern auch Regieanweisungen und kurze Monologe, die das Publikum in das Innere des latent verwirrten Antihelden blicken lassen. Das Drama ist nichts weiter als eine Absage gegenüber jeglicher Urbanität. „Die Stadt widert mich an“, lässt die Autorin ihren Protagonisten sagen. Der Text deutet viele Themenkomplexe an, um diese im luftleeren Raum stehen zu lassen. Die Schwäche des Abends.

    Das Text-Dickicht, mit dem Syhas Figuren das Publikum konfrontieren, bietet anfangs keinerlei Durchblick. Das Drama transportiert pointiert die Haltungen der Hauptfigur, während sich der Plot nur zähflüssig vor dem inneren Auge des aufmerksamen Zuhörers erschließt.

    Knapp zwei Stunden lang entfaltet sich den Zuschauern mit nihilistischem Unterton ein bizarres Verwirrspiel um Mythen und Deutungshoheiten. Wer hat Recht? Wer lügt? Sagt Laure die Wahrheit? Oder sollte Ben besser auf Alia (Julia Berke) hören? Und wer im Gottes Namen ist dieser Khan, von dem alle reden? Vielleicht ein Mafia-Pate. Oder schlicht eine Fiktion.

    Taxifahrer Diego ist bei der Aufklärung keine große Hilfe. Der schräge Chauffeur wechselt seine Religion so schnell und oft wie andere ihr Hemd, weiß aber zur Lösung des Falls wenig beizutragen. Ein Lokaljournalist (Ulrich Brandhoff) versucht eifrig, Infos aus dem Innern der Behörden zu ergattern, während sein Bruder (Michael Pempelforth) als finsterer Geldeintreiber auftritt. Wie die Geschichte ausgeht, soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

    Talke lehnt seine Inszenierung ästhetisch an den Neo-noir der frühen neunziger Jahre an. Dazu passen die eingespielten Videos ebenso wie die depressive Grundatmosphäre, die den Bühnentext umhüllt. Diego trägt Vokuhila, zwei Polizisten obercoole Pilotenbrillen und eine Zivilangestellte fällt durch eine überstylte Dauerwelle auf. Das Taxi, ein Pappaufsteller, erinnert an das Design einer französischen Familienkutsche, die vor zwanzig Jahren voll im Trend lag.

    Die weißen Pappwürfel sind sowohl Requisite als auch Leinwand für die eingespielten Projektionen. Autofahrten werden auf diese Weise ebenso angedeutet wie Wolkenkratzer am Horizont. Das überwiegend weiße Licht wirft grelle Schatten. Rauchschwaden durchziehen den Raum.

    Talke lässt die Darsteller die Auswirkungen von Orkanböen oder einer holprigen Autofahrt auf den menschlichen Körper spielerisch imitieren. Sieht witzig aus. In Erinnerung bleibt, dass die Nebenfiguren ihre Texte teils nicht live auf der Bühne vortragen, sondern die Worte aufgeblasen und verzerrt aus der Konserve ertönen, während die Schauspieler übertrieben große und disharmonische Lippenbewegungen vollführen. Mehr artifizielle Entkoppelung von Text und Performance geht kaum noch in dem kleinen Bühnenraum. Eine intensive Ensemble-Leistung vermag die inhaltlichen Schwächen des Dramas immerhin ein wenig zu kompensieren.

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