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Oper ohne Biss: Warum Gil Mehmerts „Figaro“ nicht zum Stadtgespräch taugt

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    Die Oper meldet sich nach Sommerpause und sanierungsbedingtem Spiegelzelt-Intermezzo mit der ersten großen Premiere aus dem Dornröschenschlaf zurück. Auf dem Spielplan stand am Samstag, 14. November, Gil Mehmerts Neuinszenierung des Mozart-Hits "Le nozze di Figaro". Und damit eine Mischung aus Musical, 60er Revival in einer schwachen Inszenierung.

    Früh am Abend zeigt sich, dass Mehmerts Wurzeln im Musical liegen. Der Regisseur verlegt das anrüchige Possenspiel in die biederen Sechziger. Ein dreistöckiges Rokoko-Schlösschen (Bühne: Jens Kilian/Eva-Maria Van Acker) bildet das Setting für die Intrigen rund um die anstehende Heirat des Titelhelden (Sejong Chang) mit seiner Susanna (Olena Tokar). Der Graf Amaviva (Matthias Hausmann) hat ein Auge auf die Verlobte geworfen.

    Die Gräfin (Marika Schönberg) fürchtet um die Treue ihres Gatten. Page Cherubino (Wallis Giunta) stiftet Unruhe, weil ihn der Graf gerade erst mit Gärtnerstochter Barbarina (Magdalena Hinterdobler) ertappt und gefeuert hat. Haushälterin Marcellina (Karin Lovelius) pocht zu allem Überfluss auf Einhaltung eines Vertrags mit Figaro, der ihr gegen ein Darlehen die Ehe versprach.

    Mehmert setzt den humoristischen Vierakter in knallig-leuchtenden Farben in Szene. Falk Bauers Kostüme zeugen von den modischen Fehlgriffen der Sechziger, die in dieser Gestalt wohl vornehmlich im real-existierenden Kapitalismus in der Bundesrepublik zu beobachten waren. Warum die Inszenierung zeitlich ausgerechnet vor fünf Jahrzehnten angesiedelt ist, weiß nur der Regisseur. Eine Auflösung des Kniffs folgt im Laufe der dreieinhalb Stunden nicht. Etwaige erkennbare Hinweise auf die sozialen Verwerfungen am Ende des Jahrzehnts, die 68er-Generation, lässt der Abend jedenfalls vermissen.

    Eventueller Grund: Statistisch betrachtet, sind die meisten Operngänger in Leipzig 60 Jahre und älter. Allerdings wäre dies eine Kapitulation vor der Dauer-Aufgabe, das klassische Musiktheater jungen Menschen zugänglich zu machen. Griffige Anknüpfungspunkte für junge Zuschauer finden sich in dieser Inszenierung jedenfalls keine. Dem Abend fehlt zusätzlich der politische und/oder gesellschaftskritische Biss. Stattdessen gibt es bei Mehmert ein bisschen Situationskomik. Die innigen Personenbeziehungen und damit einhergehenden Reibungen, die das Libretto von Lorenzo da Ponte anlegt, werden nicht zu Ende gedacht. Tiefgreifende Verwerfungen, die sich nicht auflösen lassen, bleiben dem Publikum erspart.

    vl: Graf Almaviva (Matthias Hausmann), Susanna (Olena Tokar), Figaro (Sejong Chang) & Marcellina (Karin Lovelius). Foto: Kirsten Nijhof
    vl: Graf Almaviva (Matthias Hausmann), Susanna (Olena Tokar), Figaro (Sejong Chang) & Marcellina (Karin Lovelius). Foto: Kirsten Nijhof

    Der eigentliche Star des Abends ist das wie immer hervorragend disponierte Gewandhausorchester. Matthias Foremny liefert am Pult eine formidable Leistung ab. Sejong Chang wirkt mit der Titelpartie bisweilen überfordert. Dem Südkoreaner fehlt hier und da die Ausstrahlung eines präsenten Opernhelden. Zu allem Überfluss reduziert Mehmerts Regiekonzept die Bühnenpräsenz des Figaro auf das absolute Mindestmaß. Olena Tokar singt die Susanna auf gewohnt hohem Niveau und hat keine Mühe, Chang szenenweise an die Wand zu spielen.

    Matthias Hausmann ist stimmlich durchschlagend. Der Bariton strahlt in seinen Szenen die schauspielerische Präsenz aus, die der Titelfigur fehlt. Sopranistin Marika Schönberg hat im ersten Teil des Abends Probleme, steigert sich aber nach der Pause. Bis ihre Arie im dritten Akt von Szenenapplaus unterbrochen wird. Karin Lovelius begeistert als erzkonservative Marcellina mit einer grundsoliden Darbietung. Für allerlei Heiterkeit sorgt Wallis Giunta, die ihre dankbare Hosenrolle gesanglich und darstellerisch exzellent meistert. Unter den kleineren Partien sticht Sunnyboy Dladla positiv hervor. Der Tenor ist nicht nur mit einer Engelsstimme gesegnet, sondern weiß die Zuschauer als Musiklehrer Basilo mit Spielwitz zu unterhalten.

    vl: Gräfin Almaviva (Marika Schönberg), Susanna (Olena Tokar), Figaro (Sejong Chang), Graf Almaviva (Matthias Hausmann), Don Bartolo (Milcho Borovinov), Marcellina (Karin Lovelius) & Basilio (Sunnyboy Dladla). Foto: Kirsten Nijhof
    vl: Gräfin Almaviva (Marika Schönberg), Susanna (Olena Tokar), Figaro (Sejong Chang), Graf Almaviva (Matthias Hausmann), Don Bartolo (Milcho Borovinov), Marcellina (Karin Lovelius) & Basilio (Sunnyboy Dladla). Foto: Kirsten Nijhof

    Bei aller Kritik an Sejong Chang krankt der Abend nicht an musikalischen, sondern inszenatorischen Schwächen. Während der junge Bass sich noch steigern kann, im Extremfall sogar ausgetauscht werden könnte, ist die Inszenierung unverrückbar. Und diese ist eine Verweigerung gegenüber progressiven Regieansätzen, wie sie in der Oper seit dem Holländer-Skandal 2008 bereits ab und an zu beobachten war.

    Interessanterweise ist ausgerechnet die „West Side Story“ in der Inszenierung von Ballettdirektor Mario Schröder im Augenblick das einzige Werk auf dem breiten Spielplan, das mit der Thematisierung von Armut, Gangkriminalität und Polizeigewalt ein bisschen polarisiert.

    Während das Schauspiel seit der Hartmann-Intendanz verstärkt politische Themen auf der Bühne diskutieren lässt, befriedigt die Oper derzeit mit Inszenierungen dieser Art eher die Bedürfnisse des weitgehend konservativen Stammpublikums. Geboten wird im „Figaro“ zumindest schöne Musik aus den Händen des elitären Gewandhausorchesters. Die Premiere am 14. November 2015 war jedenfalls nicht annähernd ausverkauft.

    Oper Leipzig
    Le nozze di Figaro
    Wolfgang Amadeus Mozart

    Nächste Termine: 18.11., 27.11., 30.1.

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      2 KOMMENTARE

      1. Danke für die Rezension, ich werde mir morgen die Aufführung antun.

        Aber: „elitären Gewandhausorchesters“. „Elitär“? Was soll das?! Was soll das bei einem Orchester überhaupt meinen?!?

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