Sein großer runder Geburtstag ist in zwei Jahren. Und zumindest an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ hat man das auch im Blick, dass sich da ein dicker 200. Geburtstag nähert. Ein kleines Vorspiel gab es am Wochenende in Hamburg. Für den bis heute am längsten amtierenden Leipziger Gewandhauskapellmeister Carl Reinecke (1824-1910) wurde dort am Sonntag, 27. März, eine Gedenktafel angebracht.

Genauer: An der Evangelisch-reformierten Kirche Hamburg/Altona wurde die Gedenktafel unter Anwesenheit seines Leipziger Ururenkels Stefan Schönknecht enthüllt.

Von Leipzig weit hinaus – und wieder zurück

An dieser Adresse, Palmaille 2, stand bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Reineckes Geburtshaus. 1824 war Altona noch eine eigenständige Stadt, wo Carl Reinecke als Sohn des Musiklehrers Rudolf Reinecke und dessen Ehefrau Johanna Henriette geboren wurde. Schon 1843 hatte Carl Reinecke durch Vermittlung von Felix Mendelssohn Bartholdy seinen ersten Auftritt im Gewandhaus. Bis 1847 lebte er erstmals in Leipzig, bevor er nach weiteren Stationen in Dänemark, Paris, Köln, Düsseldorf, Barmen und Breslau 1859 tatsächlich die Leitung des Gewandhausorchesters angetragen bekam.

Von 1860 an wohnte er wieder in Leipzig, ab 1872 in der Querstraße 30 / III in einem Haus, das heute nicht mehr steht. Bis 1895 leitete er das Gewandhausorchester, wurde dann aber – für ihn überraschend – entlassen. Vielleicht tatsächlich deshalb, weil sein Traditionsverständnis inzwischen als veraltet empfunden wurde.

Sein Nachfolger ist heute wesentlich berühmter

Sein Nachfolger wurde der heute wesentlich berühmtere Artur Nikisch. Was in gewisser Weise auch dazu geführt hat, dass Reineckes Werk lange Zeit nicht gewürdigt wurde, obwohl seine Kompositionen einst auch Mendelssohn und Schumann begeistert hatten. Und dass er auch ein gefragter Musikpädagoge war, zeigt sein langes Wirken als Lehrer am Musikkonservatorium.

Der Komponist, Pianist, Musikschriftsteller und Pädagoge Carl Reinecke war insgesamt 42 Jahre lang am Leipziger Konservatorium, der heutigen Hochschule für Musik und Theater, tätig. Und das eben viele Jahrzehnte parallel zu seiner Arbeit als Gewandhauskapellmeister.

Beinahe in Vergessenheit geraten

2005 würdigte der Lehmstedt Verlag den zu Unrecht fast vergessenen Mann mit der Herausgabe seiner 1902 bis 1909 entstandenen Autobiografie „Erlebnisse und Bekenntnisse“. 1910 ist Reinecke gestorben. Sein Grab befindet sich auf dem Leipziger Südfriedhof, sodass es in Leipzig wenigstens einen Ort gibt, an dem an den zu seiner Zeit durchaus beliebten Gewandhauskapellmeister erinnert wird.

Die Enthüllung der Gedenktafel an der Evangelisch-reformierten Kirche in Hamburg-Altona fand nach einem Gottesdienst statt. Daran schloss sich eine Matinee mit Kompositionen von Carl Reinecke an.

Initiatoren für die Anfertigung der Gedenktafel – so teilt die HMT mit – waren der Internist Dr. med. Mathias Seidensticker vom Hamburger Ärzteorchester, der diese Idee finanziell unterstützte und in den Hamburger Senat einbrachte, sowie Helga Stödter-Erbe (Bezirksamt Hamburg/Altona).

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