Weitergegangen sind sie immer. Manchmal zu weit. Und mitunter haben sie sich verlaufen. Die Band RENFT hat eine beispiellose Geschichte hinter sich. Jetzt schließt der letzte aktive Musiker der einstigen Stammbesetzung dieses Kapitel Rockgeschichte. Ende April verschwindet RENFT von der Bühne. Ein Name, der für Generationen mit Rebellion gegen Mauer und Zensur verbunden war, wird nur noch in Erinnerungen und auf Tonträgern weiterleben. Exklusiv für die LZ erklärt Sänger und Bandleader Thomas „Monster“ Schoppe die Gründe. 

Von der Revolution zur Rebellion

1958 von Klaus Jentzsch (1942–2006) in Leipzig gegründet, wird die Gruppe schon vier Jahre später wieder verboten. Jentzsch, der sich und der Band den Geburtsnamen seiner Mutter Charlotte Renft verleiht, gibt nicht auf, formiert ein neues Projekt: die Butlers. Vom Publikum gefeiert, vom Staat verachtet, wird auch dieses Ensemble verboten. Mit Konsequenzen, die Geschichte schreiben.

Der 17. Juni 1953 steckt den Menschen noch in den Knochen, die Wut auf den SED-Staat ist groß. In Leipzig besonders, wurden neben den Butlers schließlich auch weiteren lokalen Bands die Lizenzen entzogen. Am 31. Oktober 1965 kommt es auf dem Leuschner-Platz zu einer nicht genehmigten Kundgebung, der sogenannten Leipziger Beat-Demo. Die Polizei greift brutal durch, prügelt gegen mehr als 2.000 Teilnehmer, Wasserwerfer kommen zum Einsatz. 267 Menschen werden verhaftet. 97 landen zur Zwangsarbeit im Tagebau. Ohne Prozess und Urteil.

1967 wird das Verbot der Klaus-Renft-Combo aufgehoben. Die Band stellt sich neu auf. An Liedern wie „Chilenisches Metall“ oder „Ketten werden knapper“ finden auch die Kulturideologen Gefallen. Sich mit Revolutionären in fernen Ländern zu solidarisieren, passt ins Konzept der Staatsführung. Es werden sogar zwei Schallplatten produziert.

Doch die RENFT-Fans lesen zwischen den Zeilen und übertragen Inhalte auf ihre eigene Situation, verstehen die Doppeldeutigkeit vieler Texte, gerade von Gerulf Pannach.

Klaus Jentzsch 2005 in seinem Haus. 2006 stirbt der RENFT-Gründer. Foto: Benjamin Weinkauf
Klaus Jentzsch 2005 in seinem Haus. 2006 stirbt der RENFT-Gründer. Foto: Benjamin Weinkauf

Mehr als nur ein Gänselieschen

Über das Lied „Gänselieschen“ können die Zensoren noch lachen. Zwar macht es sich über die Verstaatlichungen im Agrarbereich lustig, aber auf eine charmante Weise. Immerhin thematisiert es auch die emanzipierte Frau im Sozialismus, die nicht in der bäuerlichen Stube schuftet, sondern allmorgendlich einhundert Gänse auf die Wiese der Genossenschaft führt.

Schluss mit lustig ist bei den Texten fürs dritte Album. Ein bestelltes Vorspiel vor einer sogenannten Einstufungskommission im Leipziger Kulturhaus „Arthur Nagel“ endet schon vor Beginn.

Die Vorsitzende Ruth Oelschlegel (1914–2014): „Ich möchte Ihnen im Namen der Kommission mitteilen, dass wir nicht der Auffassung sind, dass dieses Vorspiel heute stattfindet, und zwar aus folgenden Gründen: die Texte, die Sie mir übergeben haben, haben mit der sozialistischen Wirklichkeit (eine Unruhe bei den Bandmitgliedern unterbricht die Rede kurz), ich habe Ihnen gesagt: dass wir uns das Vorspiel heute nicht anhören, und zwar aus folgendem Grund: weil die Texte mit unserer sozialistischen Wirklichkeit nicht das Geringste zu tun haben.

Weil in den Texten darüber hinaus die Arbeiterklasse verletzt wird, und die Staats- und Schutzorgane diffamiert werden. Sie werden das verstehen, dass wir nicht gewillt sind, uns das auch noch musikalisch untermalen zu lassen, was Sie uns textlich vorgelegt haben, und wir sind der Auffassung, dass damit die Gruppe RENFT als nicht mehr existent anzusehen ist, mit diesen Texten, die Sie uns hier vorgelegt haben.“

Christian Kunert, Gitarrist und einer der Sänger der Band, fragt aufgrund dieser Ansage nach: “Das bedeutet also, dass wir verboten werden?” Ruth Oelschlegel antwortet süffisant: „Ich habe Ihnen nicht gesagt, dass Sie verboten sind, ich habe Ihnen gesagt, dass Sie aufgrund dieser Tatsachen nicht mehr existieren.“

Das Grab von Bandgründer Klaus „Renft“ Jentzsch auf dem Leipziger Südfriedhof. Foto: Benjamin Weinkauf
Das Grab von Bandgründer Klaus „Renft“ Jentzsch auf dem Leipziger Südfriedhof. Foto: Benjamin Weinkauf

Ein Ende und die Wende

Das Aus ist besiegelt. Texter Gerulf Pannach und Gitarrist Christian Kunert landen aufgrund ihres Protestes gegen die Biermann-Ausbürgerung im Stasi-Knast Berlin-Hohenschönhausen, werden nach neun Monaten abgeschoben. Klaus Jentzsch und Thomas Schoppe stellen notgedrungen und sämtlicher Illusionen beraubt Ausreiseanträge.

Peter „Cäsar“ Gläser und Jochen Hohl bleiben, gründen mit Wolf-Rüdiger Raschke die Band Karussell, einige Titel (u.a. „Wer die Rose ehrt“) können ins Repertoire übernommen werden. Die Band RENFT ist Geschichte.

Aber ihre Platten und Konzertmitschnitte, auch eine aus der Bundesrepublik eingeschmuggelte und hundertfach kopierte LP, die neben den nie offiziell erschienenen Songs des dritten Albums auch einen heimlichen Mitschnitt von Ruth Oelschlegels Kampfansage beinhaltet, werden zu Diamanten in der Musik- und Bürgerrechtsszene. Wer die Platte besitzt, oder wenigstens eine Kopie auf Kassette, kann sich glücklich schätzen. Und trägt das Erbe von RENFT in die nächste Generation.

Doch im November 1989 wird wahr, was niemand mehr zu träumen wagte. Die Mauer fällt! Und RENFT stehen wieder auf der Bühne. Das Zueinanderfinden jedoch fällt schwer. Nach der anfänglichen Euphorie gibt es immer wieder wechselnde Besetzungen. Mitunter sogar so verschiedene Projekte, dass man letztlich bis zum Tod von Bandgründer Klaus Jentzsch wählen kann, ob man zur Klaus-Renft-Combo oder zu Monsters Renft ins Konzert gehen möchte.

Viele Wege, viele Gabelungen. Immer wieder. Weggefährten sterben. Und doch lebt ein unvergessener Name. Geblieben ist die Band RENFT, geleitet von Thomas „Monster“ Schoppe. Dem letzten Erben.

In Leipzig wurde 2007 eine Straße nach Bandgründer Klaus „Renft“ Jentzsch benannt. Direkt vor dem Konzerthaus ANKER, das in Musikerkreisen gern als der STAR CLUB von Leipzig bezeichnet wird. Foto: Benjamin Weinkauf
In Leipzig wurde 2007 eine Straße nach Bandgründer Klaus „Renft“ Jentzsch benannt. Direkt vor dem Konzerthaus ANKER, das in Musikerkreisen gern als der STAR CLUB von Leipzig bezeichnet wird. Foto: Benjamin Weinkauf

Es fehlt die Motivation

Nach draußen drang es über Nacht. Zwar kündigte eine Zeitung ein bevorstehendes Konzert „als das letzte in Arnstadt“ an. Dass es gleichzeitig der Beginn einer zunächst so nicht geplanten Abschiedstour sein würde, ließ sie offen.

„Wir wollten ohnehin zum Jahresende 2026 den Stecker ziehen“, sagt Thomas Schoppe jetzt exklusiv im Gespräch mit der LZ. Kommuniziert wurde der Entschluss bisher nicht. Und dass dieses letzte Ende, von dem außer den Musikern noch niemand wusste, vorverlegt wurde, erfuhren die Fans durch zwei kurze Zeilen auf Facebook: „An allen Orten, an denen wir in diesem Jahr noch spielen, werden wir zum letzten Mal spielen. Danke für die vielen schönen Jahre.“

Letzte und sehr knappe Worte, die „Monster“ Schoppe gegenüber der LZ zu begründen versucht. Zunehmend habe er eine Motivationslosigkeit innerhalb der Band gespürt. Neben den alten Hits Neues auszuprobieren, stieß seiner Darstellung nach an Grenzen. Reibereien hätte es gegeben, was beim Blick auf die Historie von RENFT wenig überrascht: „Die Bewältigung der Songs war schon seit Jahren nicht mehr zufriedenstellend.“

Es gäbe Diskrepanzen, weit über Arrangements hinaus, gesteht er ein. So konnte sich Schoppe nicht mit dem Wunsch durchsetzen, wieder einen Pianisten in die Band zu holen. Doch noch ein anderes Problem lässt ihn die Freude an RENFT verlieren: „Unser Publikum erwartet Hits, mit denen ich selbst nichts mehr anfangen kann.“

So seien Lieder wie „Chilenisches Metall“ oder selbst „Ketten werden knapper“ letztlich ideologische Fallen gewesen, in die sie als Musiker tappten. „Ich möchte keine Lieder mehr spielen, die dem Publikum etwas bedeuten, die es fordert, weil sie zur Bandgeschichte gehören, die ich aber nicht mehr vertreten und singen kann.“

Nicht müde wird Schoppe trotz allem zu betonen: „Diese Truppe, mit der wir jetzt unterwegs sind, ist die beste Wiederbesetzung nach der Wende. Als Peter Rasym nach dem Tod von ‚Basskran‘ Schloussen bei uns einstieg, hat mancher die Nase gerümpft. Ausgerechnet ein Puhdy bei RENFT?“

Rasym hatte bei den oft als „Staatsrockern“ verschrienen PUHDYS nach dem Ausscheiden von Harry Jeske ab 1997 den Bass gespielt. „Peter hat zu uns gepasst und die Band strukturiert und aufgeräumt. Und die alten Rivalitäten waren ohnehin Quatsch.“

Spuren einer Rocklegende

Das Aus von RENFT beschäftigt nicht nur die Konzertbesucher. Gegenüber der LZ erinnern sich Zeitzeugen an die Band, und welche Rolle sie in ihrem Leben spielte.

Stephan Krawczyk (Liedermacher und Schriftsteller): „Meine erste Begegnung mit einem RENFT-Lied war im Frühjahr 1973: ‚Ketten werden knapper.‘ Das sang ich dann mit einem FDJ-Singeklub im Sommer zu den Weltfestspielen. Damals war noch nichts zu spüren von dem Aufruhr, der vor allem durch die Texte von Gerulf Pannach bei den Konzerten der Renft-Combo mitschwang, weil sich die Jugend in Diktaturen von Denkvorschriften befreien will.“

Krawczyk selbst wird am 17. Januar 1988 als Oppositioneller verhaftet und am 2. Februar in den Westen abgeschoben.

Eine Rivalität wurde immer zwischen der Renft-Combo und den Puhdys wahrgenommen. Oder konstruiert? Mit dem Blick auf das Ende von RENFT schafft Ex-Puhdy Dieter „Quaster“ Hertrampf Klarheit: „RENFT waren rebellisch, wir waren eher kommerziell orientiert. Respekt vor der Arbeit der anderen hatten wir aber immer. RENFT waren geschätzt, und was ihnen passierte, war falsch. Ich bin traurig, dass es nun wieder eine Band weniger gibt, die aus ‚unserer‘ Zeit stammte. Aber so ist nun leider der Lauf der Dinge.“

Als Peter „Cäsar“ Gläser 2008 starb, trauerten auch die vermeintlichen Rivalen. Foto: Benjamin Weinkauf
Als Peter „Cäsar“ Gläser 2008 starb, trauerten auch die vermeintlichen Rivalen. Foto: Benjamin Weinkauf

Regisseur Hasko Weber inszenierte am Deutschen Nationaltheater Weimar einen Theater-Konzert-Abend rund um die RENFT-Geschichte. Eine „musikalische Erkundung mit Hintergrundinformationen“, wie er das Projekt nennt. Uraufführung war am 19. November 2021. Später ging das Ensemble mit dem Programm sogar auf Tour.

„Um RENFT selbst live zu hören, war ich damals zu jung. Aber auch nach dem Verbot waren sie immer präsent. Durch die Platten, durch Kassetten. Und in dem ein oder anderen Gasthof spielten andere Gruppen an den Wochenenden auch RENFT-Songs und hielten die Klassiker so am Leben.“

Dass nach dem bevorstehenden Ende der Band auch deren Musik verschwindet, glaubt Hasko Weber nicht. „Die Lieder sind ja Kulturgeschichte und werden in der ein oder anderen Form immer wieder auftauchen. Wir haben unser Stück auch noch nicht begraben. Wenn sich irgendwann die Möglichkeit bietet, wenn es für alle passt, können wir es wieder aufführen. Und bestimmt werden sich auch andere Künstler mit der Band und ihrem Repertoire befassen.“

Hasko Weber (links) mit seinem Ensemble, Ehrengast Thomas Schoppe (Mitte) und Veranstalterin Heike Engel (rechts) am 3. Mai 2024 beim Gastspiel im Leipziger „Anker“. Foto: Benjamin Weinkauf

Eine ganz besondere Beziehung zu RENFT hat der Musiker Dirk Michaelis. 1985 wurde er Sänger bei Karussell, der Band, die seinerzeit als die Nachfolger der aufgelösten Gruppe gehandelt wurden. „RENFT war für mich als Teenager der Grund, deutschsprachige Songs zu schreiben. Rockmusik war ja immer irgendwie englisch, aber das, was ich da hörte, war meine Sprache, und die hat mich erreicht.“

Als er bei Karussell einstieg, sang er dann selbst Songs der Altvorderen. Dass RENFT mit dem Bühnen-Aus verschwindet, glaubt auch Dirk Michaelis nicht. „Rio Reiser ist im August 30 Jahre tot. Es gibt so viele Rio-Reiser-Programme, unzählige tolle Künstler tragen sein Werk in die Zukunft. Genauso wird auch RENFT niemals in Vergessenheit geraten.“

„Wer die Rose ehrt…“ Dirk Michaelis 2008 am Grab von Peter „Cäsar“ Gläser. Die RENFT-Musik prägte ihn. Foto: Benjamin Weinkauf

Abschied, oder doch weitergehen?

Umstände sind Thomas „Monster“ Schoppe wichtig. Immer hat er sich ins Verhältnis zu seiner Umgebung gesetzt. Einst im großen Konflikt mit dem System, mit den derzeitigen Unwägbarkeiten jetzt. Heute lebt er in einer thüringischen Kleinstadt, würde lieber wieder in Leipzig wohnen. „Aber bezahlen kann man das ja überhaupt nicht mehr.“ Und die vielen geliebten Pflanzen in seiner Wohnung sind eben auch Umstände. Wo sollen die denn hin?

Worüber der Musiker ungern spricht, es aber eben doch benennt, sind die Dinge, die ihn selbst betreffen. Im Gespräch gesteht er, seit Jahren an immer wiederkehrendem Rheuma zu leiden. Und die Augen seien auch nicht mehr so gut. „Eigentlich nur noch im Sitzen auftreten zu können, ärgert mich schon sehr“, gesteht er. Dass ihn die Leiden selbst auch müde machen, möchte er nicht zulassen. Und so blickt er voller Zuversicht auf das Leben nach RENFT. „Es ging so nicht mehr weiter.“

Aber wenn er endlich wieder gesund ist, dann möchte er projektbezogen arbeiten. Träumt von Auftritten mit den nach der Wende ebenfalls wiedergegründeten Butlers, mit Streichern, mit dem in Amerika lebenden Keyboarder Martino Gerschwitz. Mit ganz viel neuem Material und den Songs von RENFT, die er selbst nicht für belastet hält.

80 Jahre alt ist Thomas Schoppe im Frühjahr 2025 geworden. Für Rocker kein Alter. Zumindest nicht für die Lebenden. „Monster“ hat ja viele Weggefährten in deutlich jüngeren Jahren verloren. „Das muss ich alles mal in Ruhe aufschreiben.“ Und während er das sagt, wirkt er ausgesprochen ruhelos.

Die letzten Termine

RENFT ist keine Resterampe. Das verspricht Schoppe im Gespräch mit der LZ. „Unsere letzten Konzerte werden so, wie ihr sie von uns erwarten könnt. Wir gehen aufrecht auseinander, auch wenn ich im Moment sitzen muss, aber das müssen ja viele unserer Fans inzwischen auch.“

In Leipzig gibts RENFT das letzte Mal am 14. März im Anker, zumindest für Schoppe ein Heimspiel. Weitere Termine der April-Konzerte und Karten für den Anker sind hier zu erwerben.

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Ein schönes Bandfoto hatte der MDR 2025 gefunden, war anscheinend in den frühen Siebzigern als Poster in “neues leben” drin: https://www.mdr.de/sachsenradio/klaus-renft-combo-114_v-variantBig16x9_w-1280_zc-b903ef86.jpg
Die Musiker (ich denke, Thomas Schoppe im Bild ganz links) stehen auf der südlichen der beiden Brücken des Johannapark-Teichs. Das muß für Christian Kunert (zweiter von links) ja auch eine Art Reminiszenz an seine Kindheit gewesen sein, die er ja einige Jahre in der unweit gelegenen Hillerstraße verbracht hatte. Ist eigentlich etwas über Kunert bekannt, der ist ja noch keine 75…

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