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Gesang vom Leben: Hagen Kunze erzählt anekdotenreich die 800-jährige Geschichte der Musikstadt Leipzig

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    Löst Hagen Kunze, Musikwissenschaftler und Autor mehrerer Bücher zur Musikgeschichte, jetzt endlich das Rätsel, warum Leipzig neben Wien und Paris derart zu einer europäischen Musikmetropole werden konnte? Hat die Stadt ein bestimmtes Gen, das sie so besonders macht? Eine musikalische Seele etwa? Hagen Kunzes Buch nähert sich zumindest einer anspruchsvollen alten Dame an, die auf ihre musikalischen Freuden jedenfalls nie wieder verzichten wollte.

    Dieser Zoff hörte eigentlich nie auf. Denn so reich Leipzig zu manchen Zeiten war, so bitterarm war es zu anderen. Und man darf auch ruhig eine Lanze für den geplagten Rat brechen, wenn der zuweilen entschied, dass Brot wichtiger wäre als musikalisches Spiel oder die scheinbar grenzenlosen Wünsche ihrer angestellten Musiker.Aber im Grunde bestätigt Kunze ja eine alte Erkenntnis: dass es ohne den stolzen Bürgersinn der Leipziger keine Musikstadt gegeben hätte. Das war immer der Vorteil der Bürgerstädte, die ihre Musik selbst bezahlen mussten und sich nicht darauf verlassen konnten, dass ein ansässiger Fürstenhof die Kapelle bezahlte. Nachteil Dresden, kann man da sagen. Nachteil Berlin usw. Und so baten die Leipziger auch nicht um Almosen beim Kurfürsten, als sie im 18. Jahrhundert begannen, jene Institutionen zu schaffen, die im Kern das ausmachen, was wir heute Musikstadt nennen.

    Dass es dabei immer den nie aufzulösenden Widerspruch zwischen höchstem Anspruch an die Musik und Publikumswirksamkeit gab, kann Kunze gerade im langen musikalischen 19. Jahrhundert in vielen Schicksalen und Anekdoten erzählen. Manche davon längst fester Bestandteil der Musiklegenden, andere durchaus selten erzählt. Und das sehr einfühlsam. Denn Kunze mag sie alle – die Erfolgreichen, die in Leipzig ihren Weltruf erarbeiten konnten, und die „Gescheiterten“, die manchmal auch an Leipziger Ignoranz abprallten – so wie Lortzing, Mahler, Reger, eigentlich auch Wagner und Schumann.

    Denn unübersehbar ist die zwangsläufige Begleitung dieser Institutionalisierungen durch die Entstehung eines als klassisch verstandenen Kanons. Was am Beispiel Leipzigs sogar Bedeutung für die Weltmusik hatte, denn hier entstand im Grunde die Definition dessen, was wir heute als klassische Musik verstehen, auch wenn Felix Mendelssohn Bartholdy mit seinen „Historischen Konzerten“ eigentlich etwas anderes bezweckte: die Wiederaufnahme der älteren Komponisten in den aktuellen Spielplan.

    Denn auch damals hatte sich eine Sichtweise etabliert, die alles, was nicht von Zeitgenossen komponiert war, als alt und überholt betrachtete. Was nicht modern war (und das Wort feierte genau in dieser Zeit seinen Aufstieg), wurde als altbacken verstanden. Ja, bis Mendelssohn kam und unter anderem Bach wieder spielbar machte und den vom Allerneuesten berauschten Leipzigern zeigte, wie modern und mitreißend der alte Knabe tatsächlich war.

    Was dann die Etablierung eines klassischen Kanons forcierte, der dann zum Ende des 19. Jahrhunderts hin selbst wieder wie erstarrt wirkte. Aber dass Leute wie Wagner, Schumann, Lortzing und Reger in Leipzig keinen Fuß auf den Boden bekamen, hat damit eher auf verquere Weise zu tun. Denn mit dem Gewandhausorchester hatte Leipzigs Bürgertum eine Institution geschaffen, die deutschlandweit ihresgleichen suchte.

    Natürlich versuchten hier einige der Besten Fuß zu fassen – und gerieten in direkte Konkurrenz mit ebenso Begabten. Und natürlich mit einer hochqualifizierten (und zuweilen sturen) Vorstellung der entscheidenden Bürger, welche Richtung der Musik jetzt in Leipzig gewollt war. Auch über diese Leute ließen sich dicke Biografien schreiben. Sie waren nicht nur musikalisch interessiert, sondern auch bestens vernetzt. Und bestens informiert sowieso, denn in Leipzig saßen die wichtigsten Musikverlage Deutschlands genauso wie die besten und wirkmächtigsten Musikzeitschriften.

    Auseinandersetzungen über Konzerte und Operninszenierungen konnten mit größter Verbissenheit ausgetragen werden und konnten auch schon einmal heftig ideologisch werden, spätestens, als die Ideologie zunehmend auch in die Kultur hineingetragen wurde. Auch davon erzählt Kunze, auch wenn er das Thema erst mit den 1920er Jahren aufnimmt, als die Leipziger Nazis mit Drohungen und Gewalt begannen, alles zu bekämpfen, was ihnen an Musik nicht in den Kram passte.

    Die ideologischen Kämpfe und Kompromisse begleiteten Leipzigs Musik durch das ganze 20. Jahrhundert, auch sie stets verbunden mit ganz konkreten Akteuren wie Thomaskantoren, Gewandhauskapellmeistern, Komponisten oder Bandgründern. Denn natürlich lässt er auch das Phänomen der populären Musik nicht aus, die mit Jazz und Swing begann und mit Beat und Rock nicht endete.

    Natürlich lässt sich auch das nur punktuell am Beispiel einiger bekannter Bands und Musiker erzählen. Wobei eben auch deutlich wird, dass Musik in Leipzig immer auch rebellisch sein konnte, wofür ja nicht nur die Beat-Demo oder das Straßenmusikfestival stehen, sondern auch etliche Inszenierungen im Opernhaus oder die Aufmüpfigkeit Leipziger Rockgruppen.

    Und ob Kurt Masur den Aufruf der Sechs deshalb unterstütze, weil er sich von einer möglichen Schießerei am 9. Oktober während des Eulenspiegel-Konzerts gestört gefühlt hätte, darf man wohl eher ins Reich der Fabel verweisen. Der Mann war – genauso wie die anderen Fünf – tatsächlich besorgt, dass Leipzig am 9. Oktober 1989 seinen „Himmlischen Frieden“ erleben könnte. Und er war es gewohnt, seinen Ruf als international gefragter Dirigent in die Schale zu werfen, wenn ihm ein Anliegen wichtig war.

    Aber genau aus solchen Anekdoten entsteht ja nur zu gern Musikgeschichte. Denn sie machen natürlich genau das Persönliche sichtbar, das eben auch Musiker heraushebt und sichtbar macht als Gestalter dessen, was dann geradezu zu einem heiligen Altar der Stadtwerbung wird. Wobei Kunze eben auch zeigt, dass das bis heute Kraft und Geld kostet und Leipzig oft bis an die Grenzen des Leistbaren geht, um sich Spitzenleute für seine Musikhäuser und Chöre zu holen.

    Was dann zuweilen heftige Diskussionen ergibt, wenn die teuren Inszenierungen dann vor halb leeren Sälen stattfinden. Aber es gilt eben nicht nur für das Stadtsäckel, sondern auch für das heimische Publikum: Gute Musik muss man sich leisten können. Und bis 1989 war das auch fürs arbeitsame Volk sogar eine Selbstverständlichkeit. Auch das ein Widerspruch, der nicht aufgehoben wurde durch die Friedliche Revolution.

    Auch wenn dieser Mut, in hochkarätige Musikensembles und Festivals zu investieren, Leipzig längst zu einem beliebten Pilgerziel für Musikliebhaber aus aller Welt gemacht hat. Und da rührt nicht nur das ausgefallene Bachfest 2020 zu Tränen – eine Szene, die Hagen Kunze sehr emotional erzählt. Denn meist wird einem erst richtig spürbar, was fehlt, wenn es tatsächlich einmal komplett ausfällt und die Frage im Raum steht: Wann ist Musik wieder da erlebbar, wo sie dargeboten wird? Wann sitzen wir wieder im Publikum?

    Gerade nach diesem Corona-Jahr merkt man, wie das ans Eingemachte rührt, auch wenn man zuletzt eher auf Rockkonzerten oder in Jazzclubs unterwegs war. Das fehlt gewaltig, dieses Stück Leben, das sich nicht wirklich in U und E aufspalten lässt. Den wirklichen Unterschied kennt jeder, der Musik aus der Konserve mit dem selbst erlebten Gesang vom Leben vergleicht. Man muss dabei gewesen sein. So gesehen: Ein Buch, das in einem leichten, geradezu mitreißend erzählerischen Ton davon erzählt, was alles fehlt, wenn die Musikstadt Leipzig mal ein Jahr lang nicht geöffnet hatte.

    Hagen Kunze Gesang vom Leben, Henschel Verlag, Leipzig 2021, 25 Euro.

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