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Giuseppe Sinopoli und Dresden: Ein Gedenkbuch für einen ungewöhnlichen Dirigenten

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    Im April jährte sich der Todestag von Giuseppe Sinopoli zu 20. Mal. Ein Tag, der besonders in Dresden noch immer nachklingt, denn dort war Sinopoli seit 1992 Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle, stand kurz davor, das Amt des Generalmusikdirektors zu übernehmen. Er war gerade einmal 54 Jahre alt, als er bei einem Konzert zu Ehren von Götz Friedrich am 20. April 2001 in der Deutschen Oper Berlin verstarb.

    Schon das eigentlich ein unvorstellbares Drama. Und so richtig haben es gerade all jene bis heute nicht verdaut, die Sinopolis Zeit in Dresden miterlebt haben und welche Höhenflüge er mit der Staatskapelle erreichte. So ungefähr müssen sich auch die Leipziger gefühlt haben, als Felix Mendelssohn Bartholdy 1847 starb, auch er auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als Dirigent bei den berühmtesten Orchestern seiner Zeit gefragt – und ein Unermüdlicher, der sich immer noch mehr aufpackte, als wäre sein Körper zu allem fähig.Auch bei ihm war es am Ende das Herz, das versagte. Und was natürlich all die Menschen, die seine Arbeit mit dem Leipziger Gewandhausorchester faszinierte, die Frage stellen ließ: Was hätte er uns noch alles geben können?

    Natürlich weiß das keiner. Denn so wie Mendelssohn Bartholdy war auch Sinopoli einer, der nicht wirklich ruhen konnte, der sogar noch dieses gar nicht geplante Gedenkkonzert für Götz Friedrich dazwischenschob, auch weil er sich verpflichtet fühlte. Gleichzeitig trieb er in Rom seine Dissertation in Vorderasiatischer Archäologie voran. Richtig gelesen: Nachdem er in jungen Jahren schon einen medizinischen Doktorgrad erworben hatte und danach erst so richtig begonnen hatte, zu komponieren und zu einem der besten Dirigenten Europas heranzureifen, widmete er sich auch noch mit derselben Ernsthaftigkeit der Archäologie.

    Wobei man in dem von Matthias Herrmann zusammengestellten Buch manchmal nicht so richtig weiß, von welcher Archäologie hier die Rede ist, der assyrischen oder der Kompositionsgeschichte. Denn wie kaum ein anderer Dirigent betrieb Sinopoli auch das Studium der Noten so intensiv, dass es wie der Versuch anmutete, auch noch die kleinste Absicht des Komponisten herauszubekommen und dann mit dem Orchester auch wirklich Klang werden zu lassen.

    Diverse im Netz zu findende Videos geben einen kleinen Eindruck davon, wie er dirigierte – selbst in der Rienzi-Ouvertüre von Richard Wagner mit vollem Körpereinsatz.

    Und auch in den Erinnerungen seiner Weggenossen in Dresden ist von diesem vollen Einsatz die Rede, selbst dann, wenn das Stück mit dem Orchester bis aufs i-Tüpfelchen einstudiert war und eigentlich perfekt. Und dennoch wurde die Aufführung dann jedes Mal noch besser, kitzelte der Venezianer, der sich in Elb-Florenz fast wie zu Hause fühlte, doch noch mehr aus der Partitur heraus und ließ die Staatskapelle wieder zu einer Perfektion heranreifen, die sie zuletzt mit Karl Böhm gehabt hatte.

    Es waren auch Böhms Einspielungen, die Sinopoli erstmals aufmerksam gemacht hatten auf den besonderen Klang dieses Orchesters, das bis heute stolz darauf ist, eine lange italienische Vorgeschichte zu haben mit italienischen Musikern und Kapellmeistern, die auch ihren italienischen Stil mitgebracht hatten, der bis heute den Klangkörper prägt.

    Und so wie Böhms Einspielungen den Ruhm der Staatskapelle über Jahrzehnte bewahrten, werden es auch Sinopolis Aufnahmen mit dem Orchester tun, über deren Entstehungsgeschichte im Buch natürlich genauso berichtet wird wie über das Zueinanderfinden von Dirigent und Orchester, die gemeinsame Arbeit, einige Tourneen und die Pläne, die alle miteinander 2001 hegten.

    Man spürt dabei, was für eine zentrale Rolle dabei ein Mann wie Sinopoli spielt, der nicht nur das Vertrauen der Musiker zu gewinnen wusste, sondern auch noch Extra-Stunden gab, indem er das Publikum zu Einführungsvorträgen auch in neue Stücke einlud. Er wollte, dass sein Publikum nicht nur aus Höflichkeit klatschte oder die durchaus nicht einfachen Kompositionen der Neuen Wiener Schule einfach gnädig empfing. Er wollte, dass die Besucher des Hauses mit ihm eintauchten in die Musik und mitempfanden, was darin geschah.

    Und wenn das zurückkommt als Schwingung im Konzert, dann reißt das natürlich auch Dirigenten mit. Dann gehen sie auch über Grenzen und lassen sich tragen von der entfesselten Musik, auch wenn der Körper schon erste Signale sendet, dass das nicht mehr lange gutgehen wird.

    Einige Aussagen von Zeitzeugen, die mit Sinopoli kurz vor dem Berliner Konzert sprachen, deuten darauf hin, dass ihm durchaus gegenwärtig war, wie schnell der Tod auch ihn holen könnte. Das sind nicht einfach nur Altersgedanken. Aber wer bremst die Unermüdlichen, wenn sie gerade in bester Fahrt sind, wenn sie überzeugt sind, Gipfel stürmen und Bäume ausreißen zu können?

    Wobei das ein durchaus heutiges Problem ist, denn nicht nur die Solist/-innen, die die Hauptrollen in den großen Opern besetzen, sind heute viel gefragt und gastieren in mehreren Häusern weltweit, sind also ständig auf Achse. Auch um die besten Dirigenten müssen selbst die großen Orchester ringen. Auch Sinopoli war ja derart gefragt und immer unterwegs.

    Natürlich können die Autor/-innen dieses Gedenkbuches Sinopolis Leben nicht im Detail ausarbeiten. Das Buch ist vor allem dazu gedacht, noch einmal mit Beiträgen aus Sinopolis Dresdner Zeit und Erinnerungen an die Zusammenarbeit mit ihm dieses wohl nicht nur für Dresden wichtige Kapitel noch einmal zu gewärtigen. Dirigenten von Sinopolis Format sind nicht zu ersetzen, weil jeder große Dirigent einen völlig anderen Ansatz und andere Ziele mitbringt, die er in der Arbeit mit einem Orchester erreichen will.

    Das Buch klingt zwar aus mit der Hoffnung, dass Sinopolis Wirken auch nach seinem Tod eine Fortsetzung finden würde. Aber irgendwie erzählt schon die spürbare Trauer davon, dass das bei allem Bemühen nicht gelungen ist, dass mit seinem Tod am Dirigierpult auch tatsächlich zu Ende ging, was er in Dresden mit so viel Akribie aufgebaut hatte. Und das muss gerade für Musikliebhaber so markant gewesen sein, dass es in den diversen Aufnahmen bis heute fortlebt und begeistert.

    Das Buch dürfte selbst für jene Musikliebhaber ein Schlüssel sein, die Sinopolis Aufnahmen mit der Staatskapelle Dresden bisher noch nicht kannten.

    Matthias Herrmann Giuseppe Sinopoli und Dresden, Sax Verlag, Beucha und Markkleeberg 2021, 19,80 Euro.

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