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Leipzigs Gewandhaus auf Abwegen: Wenn städtische Musiker für einen Frachtflugkonzern fiedeln

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    Für den Frachtlogistik-Konzern DHL mag es eine clevere Werbeidee gewesen sein, Musiker des Leipziger Gewandhauses einzuladen, um mal draußen auf der Frachtrampe zu musizieren und das wohl in den Köpfen der Manager geborene Bild eines fein orchestrierten Frachtgutumschlags zu illustrieren. Dass man damit den vom nächtlichen Fluglärm Geplagten geradezu öffentlich den Mittelfinger zeigte, thematisiert die Bürgerinitiative „Gegen die neue Flugroute“ jetzt in einem Protestschreiben ans Gewandhaus.

    Das Werbemotiv taucht nicht nur auf den Seiten der konzernfreundlichen LVZ auf, sondern inzwischen auch als Aufsteller in der Stadt und sogar als Werbeclip im Internet. Geld hat man ja im DHL-Konzern nach den deutlichen Gewinnsteigerungen im Corona-Jahr genug. Jetzt fehlt es nur noch an Personal, das man für die immer weiter steigenden Frachttonnagen braucht.Die auch nach dem Abflauen der ersten Corona-Wellen immer weiter steigen, wie der Flughafen Leipzig/Halle am 10. August meldete: „Der Frachtumschlag am Leipzig/Halle Airport (LEJ), Europas viertgrößten Luftfrachtdrehkreuz, wächst weiter. Im Juli sind 133.873 Tonnen Fracht am Airport abgefertigt worden, 9,1 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. In den ersten sieben Monaten des Jahres stieg das Aufkommen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 18,9 Prozent auf rund 899.682 Tonnen. Damit setzt sich das deutliche Fracht-Wachstum auch in der zweiten Jahreshälfte fort. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 1,38 Millionen Tonnen Fracht umgeschlagen, ein neues Rekordergebnis.“

    Dabei ist dieser Lufttransport eine klimaschädliche Transportart, die den Flughafen längst zum zweitgrößten CO2-Emittenten im Raum Leipzig gemacht hat. Wenn Sachsen auch nur halbwegs gewillt ist, die Klimaneutralität zu erreichen, muss der Frachtflugverkehr zurückgefahren werden.

    Doch stattdessen forciert die Landesregierung den weiteren Ausbau des Flughafens.

    Mitten hinein in diese Ausbaupläne kommt nun diese Werbeaktion, zu der die Bürgerinitiative schon im Juli erstmals Stellung nahm:

    „Gerade ist ein lärmmedizinisches Gutachten über den Standort Flughafen Leipzig/Halle veröffentlicht worden, wurde eine Petition zum Stopp des Ausbaus des Frachtflughafens im Sächsischen Landtag eingereicht, sind niederschmetternde Stellungnahmen von Trägern öffentlicher Belange zum Ausbau des Frachtflughafens in der Planfeststellungbehörde eingegangen, werden tausende Widersprüche zum aktuellen Planfeststellungsverfahren von Betroffenen eingereicht und finden Demonstrationen breiter Schichten gegen den Ausbau statt, veröffentlicht DHL in der Lokalpresse diese Anzeige und die Leipziger Volkszeitung ist sich des schnöden Mammons wegen nicht zu schade, dies auch noch zu drucken.“

    Da ging es um eines der Musikermotive mit Gewandhausmusikern auf einer DHL-Verladerampe. Aber auch diese Aktion schon mit dem geradezu verhöhnenden Titel „Wir lieben die kleine Frachtmusik“, die für die Flughafenanwohner zu einer schlafraubenden Nachtmusik geworden ist.

    Nun hat DHL noch einen draufgesetzt und auf dem Leipziger Markt Werbung mit einem großen Aufsteller platziert. Oder wohl besser: Die Stadt selbst, denn hier werden ja die Sponsoren der Leipziger Marktmusik beworben.

    „An Geschmacklosigkeit und Missachtung der Betroffenen ist dies nicht zu überbieten. Und die Tatsache, dass sich das Gewandhaus zu Leipzig, ein Eigenbetrieb der Stadt Leipzig, jener Stadt also, die sich mittels Stadtratsbeschluss gegen den weiteren Ausbau des Frachtflughafens ausgesprochen hat, an dieser Geschmacklosigkeit beteiligt, gibt der Sache nochmals besondere Brisanz“, erklärt Matthias Zimmermann, Sprecher der Bürgerinitiative „Gegen die neue Flugroute“.

    Die Bürgerinitiative hat entsprechend auch gehandelt und einen Protestbrief an Gewandhausdirektor Andreas Schulz geschrieben.

    Ausschnitte aus dem Protestbrief hat die Bürgerinitiative nun öffentlich gemacht:

    „Sehr geehrter Herr Professor Schulz

    Mit Bestürzung haben wir Bürgerinitiativen, die seit Jahren gegen den zunehmenden Fluglärm des Frachtflughafens Leipzig/Halle die am 31.07.21 veröffentlichte Werbung von DHL zur Kenntnis genommen (siehe Bild). Der in der LVZ propagierte DHL-Slogan ‚Wir lieben die kleine Frachtmusik. Das DHL- Drehkreuz Leipzig liefert bewegende Momente‘ … ist eine sarkastisch – höhnische Geste gegenüber all jenen, die sich gegen Umweltzerstörung, Lärmbelästigung und Klimawandel durch CO2-Ausstoß engagieren.

    Im südlichen und nördlichen Umland von Leipzig haben wir als Bewohner aufgrund des Flugverkehrs nicht mehr eine einzige ruhige Nacht in der Woche oder am Wochenende, sondern viele ‚bewegende Momente‘ in der eigentlichen Schlafens- und Ruhezeit erdulden müssen. Wir alle wissen durch viele Studien, dass Nachtlärm sich schädlich auf erholsamen Schlaf, Blutdruck, Herzleistung, generelles Leistungsvermögen als auch auf die Entwicklung unserer Kinder auswirkt.

    Eine Verhöhnung der Menschen, der Bevölkerung und Leserschaft ist mindestens genauso zu verachten, wie die rassistischen Äußerungen eines Radsport-Funktionärs, der ‚… hol die Kameltreiber‘ ruft, um einen Athleten zu sportlicher Höchstleistung anzuspornen. … Damit trägt die ‚Hochkultur‘ dazu bei, mit Verhöhnung und Sarkasmus eine schroffe Grenze im Miteinander zu etablieren. Die Menschen die mit dieser Anzeige verhöhnt wurden, sind auch Ihre zahlenden Gäste.

    Wir fordern Sie zu einer Stellungnahme und einer klaren öffentlichen Distanzierung von dieser ungeheuerlichen Werbeaktion auf.“

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      2 KOMMENTARE

      1. Nachts stinkt es außerdem nach Kerosin über dem Stadtgebiet Leipzig. Da um 2/3 Uhr fast keine Autos unterwegs sind, können es nur die Flugzeuge sein!

      2. Personen der Zeitgeschichte und bekannte Institutionen achten sehr darauf, für welche Firmen sie ihr „Gesicht“ hergeben. Manchmal passen beide zusammen, das „Bin ich drin?“ dürfte längst legendär sein.

        Ich erinnere mich noch an die Werbung eines angesehenen Bekleidungsunternehmen vor ein paar Jahren, da hat es gut gepasst, und die Gewandhausmusiker wurden respektvoll in Szene gesetzt.

        Sich nun mit einem Arbeitgeber zu verbinden, der wie kaum ein anderer für prekäre Beschäftigung bekannt ist, zeigt allerdings eine deutliche Geschmacksverirrung – auf beiden Seiten.

        Zu fliegenden Paketen kann ich mir eher Sportler oder TV-Schauspieler vorstellen, aber nicht Leute aus der „Hochkultur“. Mich wundert es, dass diese Diskrepanz nicht den Gewandhausmusikern selbst aufgefallen ist.

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