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Niemals war sie normal, alltäglich, exemplarisch. Sondern immer Ellen Hellwig.

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    Freitagabend nach der Vorstellung von „Rechnitz – Der Würgeengel“ blieben die Schauspieler nach dem reichlichen Schlussapplaus auf der Bühne, Techniker trugen ein Rednerpult herein. Intendant Enrico Lübbe wandte sich ans Publikum und an die Hauptakteurin dieser Szene, die nun seit 45 Jahren Schauspielerin ist. Und mit ihrem Namen zieht sie auch Leute an: „Wer spielt denn mit?“, ist eine unvergessene Frage in Zeiten kurzer Vertragslängen und schnell wechselnden Personals.

    1970 war sie die Prinzessin im „Tapferen Schneiderlein“, die Titelrolle spielte Dieter Bellmann. Ellen Hellwig wurde 1946 in Trondheim (Norwegen) geboren. Von 1967 bis 1971 absolvierte sie ihr Schauspielstudium an der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig.

    Spielerische Naivität

    Da standen nun die „Rechnitz“-Darsteller noch im Kostüm auf der Spielfläche hinter dem Eisernen Vorhang des Schauspielhauses, Intendant Enrico Lübbe erinnerte an das zeitlose feenartige Wesen, wie es der Regisseur nennt, in Tennessee Williams „Glasmenagerie“, da spielte Ellen Hellwig die kaum 20 Jahre alte Laura. „Kann ich das spielen?“, soll sie damals gefragt haben. „Wer konnte das nicht, wenn nicht Ellen Hellwig“, sagt der damalige Regisseur heute. Des szenischen Schlusses der in den Schnürboden hinaufgezogenen Kulisse mit den herabstürzenden Glasfiguren hätte es nicht bedurft, im Spiel Ellen Hellwigs waren bereits alle scheinbaren Gewissheiten und alle Hoffnungen zerbröselt worden, bis die Welt dieses Stückes leer war.

    Schauspielhaus 1970: Ellen Hellwig als Prinzessin im Märchen „Das tapfere Schneiderlein“. Foto: Schauspiel Leipzig
    Schauspielhaus 1970: Ellen Hellwig als Prinzessin im Märchen „Das tapfere Schneiderlein“. Foto: Schauspiel Leipzig

    Spielerische Naivität bescheinigt der Intendant-Regisseur Lübbe in seiner Laudatio, beim Spiel von „Menschen mit zerbrochenen Flügeln“, und die Darstellerin habe sich „äußerlich verspielte Mädchenhaftigkeit bewahrt“, da ging ein Staunen über Ellen Hellwigs Gesicht und eine begeisterte Zustimmung durchs Publikum. Klar, als Darstellerin möchte sich auch Ellen Hellwig „Figuren manchmal vom Leib halten“. Als Regisseur, so sagt es der Regisseur, für den Ellen Hellwig auch drei Jahre am Chemnitzer Schauspiel tätig war, bevor sie nach Leipzig zurückkehrte, „muss man wissen, was man wann will, man muss nicht ihrer Meinung sein, man muss eine Haltung haben und die zu Ende denken.“

    „Böse Menschen machen Ellen Hellwig physisch und psychisch zu schaffen“, verrät der Laudator, und er spricht von der Hoffnung, Dinge in dieser Welt in eine richtige und bessere Richtung schieben zu können. War da auch manch eine Träne gewesen, zwischen dem Lachen, bei der Geehrten, und auch bei manchem im Publikum. Sie war wieder vergessen bei den kurzen Dankesworten von Ellen Hellwig, die an vertraute Kollegen erinnerte, die diese Ehre nicht bekamen, sie sprach Kollegen an, die ihre Lehrer waren, und nun wie sie Ehrenmitglieder des Hauses sind, und ein paar saßen im Publikum wie Christa Gottschalk und Friedhelm Eberle.

    Noch einmal: die Prinzessin!

    Intendant Enrico Lübbe hat auch eine neue Rolle angeboten, denn noch einmal könne Ellen Hellwig die Prinzessin im „Tapferen Schneiderlein“ spielen! „Aber darauf freue ich mich wirklich sehr!“, antwortete sie spontan und bewegt! Dann wurde die ergänzte Tafel mit den Namen der Ehrenmitglieder im Foyer enthüllt.

    Langjährige Kolleginnen: Barbara Trommer und Ellen Hellwig. Foto: Karsten Pietsch
    Langjährige Kolleginnen: Barbara Trommer und Ellen Hellwig. Foto: Karsten Pietsch

    Elfriede Jelinks Text „Rechnitz. Der Würgeengel“ ist eine bittere Geschichte von Akteuren eines Massakers, die von Beobachtern zu Tätern werden, abgedreht und introvertiert, eine subtile Art von leiser Arroganz, gefährlich, weil über weite Strecken unauffällig. Nur fünf Darsteller, bezeichnet als Botinnen und Boten, hat der Text. Enrico Lübbe hat im Bühnenbild von Hugo Gretler eine beängstigend isolierte Zelle geschaffen, die Kostümbildnerin Michaela Barth hat den drei Jagdtrophäen an der Wand, von jungen Rehböcken stammend, Trophäen in Pelzkleidung hinzugesellt. Eine vermeintliche Partygesellschaft ist vom Umfeld isoliert, ausgegrenzt worden, in selbst gewählter oder angeordneter Isolation, wie sie als wichtig befundenen Personen angedeiht, trifft sich intern. Aus der üblen Fressorgie, bei der sich alle unbeobachtet wähnen, unbesorgtem Nebeneinanderher-Agieren wird punktuell vereinte Aggressivität, bis rote Teppiche über den Müll und die Reste ausgerollt werden.

    Fabel und Fluss der scheinbaren Handlung sind gekeltert wie in den Formen absurden Theaters der Zeiten von Samuel Beckett oder polnischer Autoren der 1960er Jahre. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, hatte Bertolt Brecht schon viel früher geargwöhnt, davor gewarnt.

    Auch in „Rechnitz“ zeigt Ellen Hellwig abgrundtiefe Verwunderungen und sie schraubt die Stimme aus dunkler Färbung hinauf, lässt staccato Töne und Worte flattern, ruft sich die Seele aus dem Leib. Ohne dabei zu brüllen.
    Sie macht das nicht in allen Rollen so, und je nach Möglichkeit der Freundlichkeit klingt es auch ganz anders, gegenüber den Akteuren der Szenen oder zum Publikum. Wie berechnend und listig war sie, und wie liebend und warmherzig auch als Rosalind, ihr Epilog nach allen shakespearschen Prüfungen und Verwandlungen in „Wie es euch gefällt“.

    Bulgakows Margarita, Kreislers Lola, Brauns Schmitten

    Als werktätige Familienmutter Teske spielte Ellen Hellwig einst in „Vor aller Augen“, ein Running-Gag des Stücks war die Formel „normal, alltäglich, exemplarisch“. Damit sollte diese Familie beschrieben werden und traf es natürlich nicht. Ellen Hellwig ist als Schauspielerin auch in dieser Rudi-Strahl-Komödie nicht und überhaupt nie normal, alltäglich, exemplarisch gewesen, sondern immer unübersehbar und vor allem unüberhörbar Ellen Hellwig. Am nächsten Tag war sie dann im selben Haus die Margarita in der Leipziger Dramatisierung von Bulgakows „Meister und Margarita“, in dem der Faust-Stoff in die Sowjetunion der 1920er Jahre gespiegelt wird. Als Margarita verließ Ellen Hellwig den Meister und Dichter in seiner Hütte, und Schauspieler Berndt Stübner litt, weil er doch bei all dem folgenden zwischen Himmel und Erde, Wahrheit, Traum und Dichtung gern mitgespielt hätte. Margaritas Verwandlung: Margarita entkleidete sich, bestrich sich mit roter Farbe und die neuen Welten gingen auf. Im Herbst 1989 gastierte das Leipziger Schauspiel mit dieser Inszenierung in Brno, an einem Montagabend kehrten die Busse zurück zum Schauspielhaus am Dittrichring.

    Ellen Hellwig als „Lola Blau“ im Musical von Georg Kreisler. Foto: Schauspiel Leipzig
    Ellen Hellwig als „Lola Blau“ im Musical von Georg Kreisler. Foto: Schauspiel Leipzig

    Sie spielte Frauen, die aus ihrem Herzen keine Mördergrube machten, die ganz normal Großes vollbringen, die aus der Haut fahren konnten und deren Scheitern einem in der Seele wehtun konnte. Und man wollte sich gern auch freuen, mit den Frauen, die alle Ellen Hellwig war und ist und sein wird. War das so bei der „Schmitten“ in Volker Brauns Stück im Kellertheater, die Werktätige auf dem Weg durch die Mühen des Sozialismus, als die Füße aller gleich hoch standen, und mancher höher ragte, ragen wollte oder hochgehalten wurde. Ein Abglanz davon spielte sich in jener Familie in dem schon erwähnten Lustspiel aus der Feder Rudi Strahls ab: „Vor aller Augen“ mit Ellen Hellwig als treusorgende Ehefrau an der Seite des Bauarbeiters, gespielt von Wolfgang Jakob.

    Ihnen drohte nämlich Großes, sie sollten ganztägig in ihrer Wohnung gefilmt werden, weil sie doch eine „normal, alltäglich, exemplarische Familie“ seien, wie das der TV-Regisseur Spielvogel und der Soziologe Wunderwelt nannten. Sie alle spielten das so ernst und lebendig und deshalb so erheiternd. Wie sie dastand im und den Gatten ins Schlafzimmer lockte: „Oh Mann, wenn Dich der Kran erwischt hätte?“ Und später duschte sie in der Badzelle auf der Bühne… Und Rudi Strahl hatte damit das erfunden, was 20 Jahr später anderswo „Big Brother“ genannt wird.

    In der „Hermannsschlacht“ war sie Hermanns Frau Thusnelda und vielleicht am nächsten Abend im Kellertheater in Georg Kreislers „Heute abend: Lola Blau“ eine ganze Reihe von Vollblutweibern. Da tönte und dröhnt nicht nur die markante Stimme in der Sprache, sondern erst recht beim Gesang! Geradezu Applaus für alle Tätigkeiten, für die jeweilig anverwandelte Rolle und die Darstellerin als Sängerin und Schauspielerin und Roland Seiffarth als den Mann der Musik am Piano.

    Ellen Hellwig war die Polly in der „Dreigroschenoper“ und in der übernächsten Inszenierung die „Spelunken-Jenny“

    Bühne als Schutzschild

    Zwei Kinder hat Ellen Hellwig, zwei Enkel. Auch ihr Hobby konnte das Publikum schon bestaunen, als die über Jahrzehnte gepflegte Malleidenschaft ans Licht der Öffentlichkeit kam und an die Wände von Galerien. Aha, so markant wie sie spielt und spricht, so malt sie auch!

    Georg Büchner, „Leonce und Lena“, Szenenfoto. Foto: Schauspiel Leipzig
    Georg Büchner, „Leonce und Lena“, Szenenfoto. Foto: Schauspiel Leipzig

    „Doch die eigentliche Droge ist das Theater, die Liebe ist geblieben, schreibt Jens Rübner in seinem Buch „Aufstieg ins Rampenlicht“ über Ellen Hellwig. Auf den Bühnenbrettern kann man sich vor der kalt gewordenen Welt verstecken und wenn sie in eine andere Frauenrolle schlüpft, um den Menschen im Zuschauerraum etwas vorzuspielen, ohne sie wirklich zu kennen, ihnen nah sein zu müssen, dann empfindet sie das als eine Art Schutzschild. ‚Das hat etwas Unantastbares, etwas Geheimnisvolles.’“

    Man überlegt, wie würde Ellen Hellwig das aussprechen. Wie würde es klingen, ganz nah, an einem Tisch im Kaffeehaus, auf einer kleinen Bühne vor 100 Zuschauern? Oder als Margarita auf der großen Bühne, umgeben von Lichtgeflacker und wallenden Stoffkulissen ….

    Ein Musik- und Theatermuseum gibt es in Leipzig nur verstreut in Sammlungen und Ausstellungen. Im Zeitalter kurzzeitiger Verträge sind auch die Ehrenmitglieder der Ensembles ein Stück vom Schatz dieser Stadt. Jener Stadtschatz, den man nicht in Vitrinen bewundern, sondern dem man bei der Arbeit zusehen kann. So heißt es weiter: „Zum Stückanfang bitte auf die Bühne: Ellen Hellwig. Hauptvorhang besetzen.“ Rotlicht. Vorhang auf.

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