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Mitten ins Fleisch: Uwe Eric Laufenbergs „Parsifal“ geht mit den großen Weltreligionen ins Gericht

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    Die Bayreuther Festspiele 2016 sind eröffnet. Am Montag feierte Uwe Eric Laufenbergs Deutung von Richard Wagners Spätwerk „Parsifal“ Premiere. Erstmals wurde die Eröffnungsvorstellung in Bild und Ton live im Kino und im Internet übertragen. L-IZ.de hat die umjubelte Premiere am Abend des 25. Juli verfolgt.

    Ein „Parsifal“ auf dem Grünen Hügel bedeutet für den Zuhörer gute sechs Stunden Musiktheater. In Bayreuth, so hatte es Wagner bei den ersten Festspielen 1876 verfügt, dauern die Pausen zwischen den Akten nämlich eine Stunde, damit den Besuchern ausreichend Zeit bleibt, sich von den harten Holzbänken im Festspielhaus zu erholen. Über die gepfefferten Preise der Festspielgastronomie sei an dieser Stelle kein Wort verloren.

    Der Operngenuss mittels Livestream oder Kinoübertragung bietet in dieser Hinsicht zumindest einige Annehmlichkeiten. Wenngleich der Musikgenuss an historischer Stätte natürlich durch nichts zu ersetzen ist, lässt sich mittels HD-Fernseher und Hifi-Anlage im heimischen Wohnzimmer zumindest ein bisschen Bayreuth-Feeling erzeugen. Fenster zu, Rolläden runter, Ventilator oder Klimaanlage aus, und schon lässt sich an einem schwülen Montag wie im Festspielhaus schwitzen.

    Religion tötet!

    So ließe sich der neue Bayreuther Parsifal plakativ überschreiben. Uwe Eric Laufenberg offeriert dem Publikum einen „Parsifal“, der nicht nur einen neuen Blick auf den Klassiker eröffnet. Der Regisseur versäumt bei allen inszenatorischen Kunstgriffen nicht, den Kern der Geschichte, insbesondere das vertrackte Beziehungsgeflecht zwischen Parsifal, Kundry, Amfortas und Klingsor, mit spielerischen Mitteln lebendig zu erzählen. Damit steht die Inszenierung in einer Reihe mit Dmitri Tcherniakovs Berliner „Parsifal“, der bei aller Progressivität aber den Boden der Wagner’schen Fabel kaum verlässt.

    Laufenberg dagegen erzählt nicht bloß die Handlung in modernen Bildern nach, sondern artikuliert inszenatorisch eine scharfzüngige Religionskritik, wie sie in dieser unmittelbaren Form in der Parsifal-Deutung bisher nicht zu sehen gewesen ist. Er stellt unter ästhetischen Verweisen auf Wagners Bühnenreligion und den Auseinandersetzungen des Komponisten mit Christentum, Buddhismus und Hinduismus, die sich nicht zuletzt in der sich wandelnden Figur Kundry widerspiegeln, das philosophische wie soziale Gesamtkonstrukt „Religion“ infrage. Religion versetzt Menschen in Abhängigkeiten. Religion kann schmerzen. Religion verursacht Kriege. Religion tötet.

    Laufenbergs „Parsifal“, der 1881 in Bayreuth uraufgeführt wurde, spielt im Hier und Heute. Geografisch verordnet der Regisseur den Schauplatz ins Dreistromland, direkt an die Wiege des Christentums. Der Intendant des Staatstheaters Wiesbaden setzt sich wie kaum ein Parsifal-Regisseur zuvor mit religiösem Fanatismus auseinander. Dem Regisseur geht es allerdings, anders als im Vorfeld kolportiert, keineswegs um die Kritik an einer bestimmten Religion. Vielmehr beschreibt der Theatermacher, wie dieser Tage Gewalt und Kriege im Namen großer Weltreligionen legitimiert werden.

    Ursprünglich wollte Laufenberg den „Parsifal“ bereits im Wagner-Jahr 2013 in Köln inszenieren. Nachdem die dortige Opernleitung seinen Vertrag auflöste, landete die Inszenierung schließlich in Bayreuth. Dort sollte eigentlich Jonathan Meese das Spätwerk inszenieren. Die Vorstellungen des Aktionskünstlers sprengten allerdings den Rahmen des Budgets, so dass Festspielchefin Katharina Wagner den Vertrag im November 2014 kurzerhand aufkündigte.

    Haehnchen statt Nelsons

    Ärger gab es auch mit Dirigent Andris Nelsons, der die Premierensaison dirigieren sollte. Angeblich seien es Umbesetzungswünsche Wagners gewesen, die den designierten Gewandhauskapellmeister dazu bewogen haben sollen, Ende Juni das Handtuch zu schmeißen.

    Die Festspielleitung verpflichtete daraufhin den Wagner-Routinier Hartmut Haenchen, der unter anderem Romeo Castellucis Parsifal-Inszenierung in Brüssel dirigiert hatte. Dass dem 73-Jährigen nur wenige Orchesterproben zur Verfügung standen, um seine musikalischen Vorstellungen einzustudieren, war am Montag zumindest nicht zu hören.

    Das Publikum bekam einen ausgesprochenen runden „Parsifal“ zu hören. Vollmundige sakrale Chöre, bebende Streicher und schmetterndes Blech prägen sich beim Zuhörer schon im ersten Akt als Charakteristika von Haenchens Hügeldebüt ein. Der Maestro legt Wert auf einen erzählenden Sprachfluss. Jeder Satz, jedes Wort ist exakt artikuliert und bestens zu verstehen.

    Bemerkenswert (und absolut festspielreif) sind die Leistungen der Solisten einzuordnen. Klaus Florian Vogt singt die Titelpartie mit gewohnter Inbrunst. Der international gefeierte Heldentenor formt Vortrag und Spiel bravourös zu einer Einheit. Georg Zeppenfeld füllt die Gurnemanz-Partie in ungewohnter, jedoch erfrischender Weise mit einem jugendlichen Anstrich aus. Elena Pankratovas Kundry charakterisiert sich durch eine tiefgreifende Intimität im gesanglichen Vortrag aus. Ryan McKinny interpretiert seinen Amfortas mit gewohnter Zuverlässigkeit.

    Ben Becker trifft TV-Guru

    Gisbert Jäkels Bühnenbild zeigt im ersten Akt einen sakral-orientalischen Kuppelbau, in dem der Putz von den Wänden bröckelt. Die Gralsritter tragen lange, weiße Gewänder, wie sie im muslimischen Kulturkreis üblich sind, dort aber auch von Christen getragen werden (Kostüme: Jessica Karge). Schon während des Vorspiels zum ersten Akt durchstreifen Soldaten in grünem Camouflage und mit Maschinengewehren in den Händen die Kirche, an deren Rückwand ein hölzernes Kreuz lehnt. Pünktlich zu Gurnemanz’ Gralserzählung kehren die Soldaten erneut in die sakrale Stätte zurück, um dem Anführer der Gralsritter zu lauschen.

    Gurnemanz trägt wie die übrigen Ritter eine klassisch-arabische Kluft, dazu jedoch eine moderne Hornbrille und eine beige Wollmütze. Gralskönig Amfortas ist der eitle TV-Guru amerikanischen Stils im schneeweißen Jesus-Gewand mit Kruzifix um den Hals. Kundry erscheint den Gralsjüngern ganz in schwarz und verschleiert mit Hidschab.

    Parsifal wirkt in seinem grauen Kaschmirpullover und dem olivgrünen Hemd darunter wie ein Fremdkörper. Ein Unwissender, ein Ungläubiger, der als ungebetener Gast samt totem Schwan den mystischen Charakter der Szenerie aufbricht. Ob die Frisur des Heldens zufällig oder unzufällig dem Haarschnitt des Schauspielers und Bibelkenners Ben Becker ähnelt, sei dahingestellt.

    Bloody Business auf dem Altar

    Erzählt Laufenberg im ersten Teil des ersten Aufzugs noch werkgetreu die Vorgeschichte der Handlung, nimmt die Inszenierung mit Einsetzen der Verwandlungsmusik Fahrt auf. Eine Videoprojektion führt dem Zuschauer vor Augen, dass die Gralsburg, das heilige Land, Arabien, ja die gesamte Welt bestenfalls ein Staubkorn in den unendlichen Weiten des Universums bildet. Amfortas kehrt mit Dornenkrone auf dem Haupt von seinem Bad zurück.

    Der Gral ist bei Laufenberg eine Metapher für den Anführer der Gralsgemeinde. Als Amfortas auf Aufforderung seines greisen Vaters Titurel seinen Leib enthüllt, stellt er sich wahlweise als Nacheiferer oder – im buddhistischen oder hinduistischen Sinne – Reinkarnation Jesu Christi heraus. Seinen Oberkörper zieren Narben von Peitschenhieben. Hände und Füße weisen blutige Spuren von Verletzungen mittels Nägeln auf und die Wunde, die der Zauberer Klingsor dem Leidenden zugefügt hat, entpuppt sich als jene Verletzung, die ein römischer Soldat mit der Lanze Jesu am Kreuz zufügte.

    Die Abendmahlszene gipfelt den obskuren christlichen Opferkult. Ein Ritter schneidet dem gezeichneten Amfortas, der auf dem Altar stehend von zwei Gehilfen gestützt wird, mit einem Skalpell ins Fleisch, woraufhin dieser aus mehreren Wunden zu bluten beginnt. Titurel fängt das Blut mit einem Weihgefäß auf, welches daraufhin unter den Rittern die Runde macht. Amfortas selbst ist bei Laufenberg der Heilige Gral, an dem sich die Gralsgemeinschaft labt.

    Auf in den christlichen Djihad

    Im zweiten Aufzug ist Parsifal zu einem Soldaten mit wallender Haarpracht gereift, der in Uniform und schwer bewaffnet Klingsors Heimstatt erstürmt, um den heiligen Speer zurückzuerobern. Der Zauberer haust in einem orientalischen Hamam, in seinen Ausmessungen nahezu baugleich zur Gralskirche.

    Hierher hat Klingsor, der bei Laufenberg zugleich kühl kalkulierender Feldherr und entmannter Verführer sein darf, Amfortas verschleppt. Seine verfluchte Dienerin Kundry, jetzt unverschleiert, erhält den Auftrag, Parsifal zu verführen. Klingsor selbst zieht sich in seine Kommandozentrale zurück, ein Kabinett, dessen Rückwand trophäenhaft Kruzifixe schmücken.

    Die Blumenmädchen, die Klingsor Kundry vorschickt, erscheinen in schwarzen muslimischen Gewändern, die sie sich nach Parsifals Ankunft sofort vom Leibe reißen. Zur Erscheinung kommen Bauchtänzerinnen, die viel nackte Haut zur Schau stellen. Ein Verweis auf die Doppelmoral in Bezug auf Nacktheit in der arabischen Kultur. Kundrys verführerischer Kuss öffnet Parsifal die Augen. Klingsor geißelt sich selbst und wird bei dem Versuch, Parsifal mit der geraubten Lanze zu ermorden, von diesem getötet. Die beiden Lanzenstücke zum Kreuz geformt, verlässt Parsifal schließlich die Szenerie und lässt eine verzweifelte Kundry zurück.

    Befreiung von Religion

    Der dritte Aufzug führt die Zuschauer zurück in die Gralskirche, die nur noch eine Ruine ist. Längst hat die Natur von dem Bau Besitz ergriffen. Gurnemanz und Kundry sind nun ein greises Paar. Parsifal tritt als schwarz gekleideter Krieger auf, den Speer zum Kreuz gebunden im Gepäck. Erst beim Karfreitagszauber erwacht die Szenerie zum Leben. Die Gralsruine öffnet sich in der Mitte. Grüne Ranken verschaffen sich ihren Platz. Ein Wasserfall bewässert die Hinterbühne.

    Während der Verwandlungsmusik lässt Laufenberg herabstürzende, verschmutzte Wassermassen einblenden, die die Gesichter Amfortas’, Titurels und Kundrys als Repräsentanten religiöser Strömungen hinwegspülen. Titurels Begräbnisfeier stellt sich als Zusammenkunft der Gralsritter mit Gläubigen der großen Weltreligionen dar. Parsifal erscheint als der unerwartete Erlöser, der den verloren geglaubten Lanzenspeer in jenen Holzsarg legt, in dem sich Amfortas’ offenbar rituell den Göttern dieser Welt opfern wollte.

    Der Anblick des Speers erlöst die Menschen von der schweren Last ihres Glaubens. Während der bis dato angebetete Amfortas fluchtartig das Weite sucht, legen sie ihre mitgebrachten Opfergaben – etwa Kruzifixe, Kippas und Gebetsteppiche – zum Lanzenspeer in den Sarg. Die Bühne durchflutet weißes Licht. Die Menschen haben ihren Glauben an ihre Religionen abgelegt. Der Chor besingt „höchsten Heiles Wunder“.

    In Zeiten von Terror, Flucht und Vertreibung, „Islamischer Staat“ in Nahost und sinnfrei mordenden Djihadis in der westlichen Welt trifft Laufenbergs „Parsifal“ den Zahn der Zeit. Das Premierenpublikum spendete den Mitwirkenden völlig zu Recht bebenden Applaus, der beim Auftritt des Regieteams jedoch von wenigen Buhs durchsetzt war. Die Premiere ist nicht nur für die Mitwirkenden, sondern auch für die Festspielleitung um Katharina Wagner ein Erfolg, deren experimenteller „Tristan“ im Vorjahr am Hügel für gemischte Gefühle gesorgt hatte.

    Eine Aufzeichnung der Eröffnungspremiere ist am 30. Juli ab 20:15 Uhr auf 3sat zu sehen.

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