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Drogendealer oder Kindergärtner? Die Abrechnung einer „Stö“-Aussteigerin

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    Arwed W. (36) und Daniel R. (37) müssen sich seit vergangener Woche vor dem Leipziger Landgericht verantworten. Die Männer sollen im alternativen Wohnprojekt "Stö" im großen Stil mit Marihuana gedealt haben. Am Mittwoch sagte die Hauptbelastungszeugin aus. Und bot bereitwillig einen Einblick in den ansonsten verschlossenen "Stö"-Sumpf.

    Fanny J. (34) ist wütend. Von August 2010 bis April 2012 lebte die junge Frau in der Stockartstraße 3. „In dieser Zeit habe ich viel mitbekommen.“ Seit über 20 Jahren werde in den sanierungsbedürftigen Mehrfamilienhäusern mit Drogen gehandelt. Mehrfach sei sie Zeugin geworden, wie verbotene Substanzen den Besitzer gewechselt hätten. Im großen Stil. „Eine Kilotüte abarbeiten und dann die Nächste“, lautete das Geschäftsprinzip. Dafür hatten die Bewohner eigens eine Wohnung hergerichtet. Mit zwei Tresoren, Elektrowaage und Waffen. „Die Geschäftsräume gehören Herrn R.“, berichtet die Frau, die mittlerweile in Markkleeberg lebt. „Es ist gang und gäbe, dass Herr R. anderen Leuten die Möglichkeit gibt, Geld zu verdienen, damit er nicht rund um die Uhr in der Wohnung sein muss.“

    Warum sie ausgepackt habe, möchten die Verteidiger wissen. „Ich wurde in der Stö vergewaltigt.“ Ein Verfahren habe es nicht gegeben. „Das war für mich der Grund, den großen Schritt zu machen.“ Besonders störte J. der leichtfertige Umgang ihrer Nachbarn mit dem Jugendschutz. „Die Leute haben ihre Kinder aus dem Kindergarten abgeholt und danach etwas Gras gekauft“, weiß sie zu berichten. Eine Kindertagesstätte grenzt direkt an das Hinterhaus, in dem die Drogen über den Tisch wanderten. Die Bewohner seien meist Studenten. „Die denken, hier ist alles alternativ und uns kann nichts passieren“, berichtet die Belastungszeugin. „Die Eltern fühlen sich sicher mit Kindern.“ Doch kiloweise Marihuana und kleine Kinder würden nicht zusammenpassen. Wie wahr. „Entweder man spielt den knallharten Drogendealer oder Kindergärtner.“

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    Glaubt man ihr, ist die „Stö“ ein wahres Dreckloch. „Ratten sollen überall im Keller sein.“ In einer Wohnung schimmele ein tragender Holzbalken vor sich hin. „Die komplette Bausubstanz ist marode.“ Weil der Schornstein nicht gereinigt werde, sei Heizen schwierig. Während J. die Missstände aufzählt, lacht im Publikum ein Vertreter der „Alternativen Wohnungsgenossenschaft Connewitz“ (AWC) hörbar vor sich hin. Der AWC gehört das Hausprojekt. Ein Polizist wird die katastrophalen Zustände in den Gebäuden später bestätigen.

    Dann aber verlässt die junge Frau den Boden der Tatsachen. „Herr R. hat mir seine Automatik gezeigt.“ Mit den Händen beschreibt sie die Größe einer Pistole, die zumindest im Rahmen der Razzia am 12. Oktober 2012 nicht gefunden wurde. Schließlich begeht sie einen kapitalen Fehler. Wiederholt beteuert sie, von Richterin Katrin Seidel telefonisch erfahren zu haben, man habe bei den Angeklagten zwei Pistolen gefunden. „Das ist Quatsch“, erteilt ihr die Beisitzerin einen Rüffel. Fanny J. schiebt nach: „Ich hab’s auch in der Zeitung gelesen.“ Mag sein. Zumindest das Gerücht wanderte durch den Connewitzer Kiez. Doch J. könnte sich mit ihrer Verbissenheit an dieser Stelle ins eigene Fleisch geschnitten haben. Mit Pech droht der Zeugin ein Verfahren wegen Falschaussage. Denn in den Akten tauchen die Schusswaffen nicht auf.

    Richtigstellung:
    Bezugnehmend auf Ihren Artikel möchten wir folgendes richtig stellen: Es war kein offizieller Vertreter der Alternativen Wohngenossenschaft Connewitz eG bei der von Ihnen beschriebenen Verhandlung am 23.01.2013 anwesend.

    Mit freundlichen Grüßen
    Vorstand der AWC e.G.
    Schulze, Esche, Kleinhempel

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