Eine Schlägerei ohne Zeugen? Volkssport-Turnier mit Nachgeschmack

Für alle LeserDas Ende wird wohl offenbleiben müssen, es stehen Aussagen gegen Aussagen. Nachvollziehbare Videosequenzen oder Fotos gibt es bislang keine vom gewaltsamen Aufeinandertreffen nach einem für Medien eher unwichtigen Fußballturnier. Und dennoch kam es am 16. Juni 2017 etwa 21 Uhr beim sogenannten Volkssport-Turnier auf dem Sportgelände der Karl-Siegmeier-Anlage in Kleinzschocher zu einer kurzen und rüden Auseinandersetzung zwischen Fans, welche sich teils dem 1. FC Lok zurechnen lassen und Fans des Roten Stern. Eine Spurensuche danach ist schwierig, während die gegenseitigen Vorwürfe in der Welt sind. Legt man die Darstellung beider Seiten unter Berücksichtigung einer zu spät kommenden Polizei übereinander, bleibt jedoch von irgendwelchen Opfermythen nicht viel übrig.
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Wüsste man auf Anhieb, wo die Karl-Siegmeier-Anlage in der Windorfer Straße ist und wie man da zum Sportplatz kommt? Die Polizisten, welche am Abend des 16. Juni gerufen werden, kommen jedenfalls zu spät, der Vorfall ist bereits vorüber und übrig sind ein paar Zeugen und zwei Geschädigte. Die Geschichte vor Ort: Etwa 40 Personen hätten das Stadion verlassen, sich draußen vermummt und sich „Handschuhe übergezogen“.

Die Polizei zu ihrer Wahrnehmung, welche im Nachgang wohl die der verbliebenen Zeugen ist: Direkt nach dem Abpfiff des Endspiels zwischen dem LSV Stahlfeuer (LSV Südwest) gegen das Team Volxsport (Roter Stern Leipzig) hätten sich „außerhalb der Anlage … vor einem Nebentor etwa 30-40 Personen“ gesammelt. „Ein Teil von ihnen begab sich kurz vor 21:00 Uhr mit angezogenen Handschuhen und über den Kopf gezogenen Sturmhauben auf den Sportplatz in der Windorfer Straße. Dort kam es zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen diesen Personen und Zuschauern. Zwei Zuschauer mussten zur weiteren Behandlung in ein Krankenhaus.“

Dabei wurde ein 17-Jähriger verletzt und erlitt einen Riss des Trommelfells. Ein 22-Jähriger verlor einen Zahn und hatte eine Nasenbeinfraktur zu beklagen. Beide Verletzte mussten sich in einer Klinik behandeln lassen, nun ermittelt aufgrund des Hergangs das operative Abwehrzentrum der Polizei (OAZ), welches unter anderem für extremistische Straftaten zuständig ist.

Schnelle Schuldige

Direkt nach dem Vorfall meldet sich ein Vater eines Verletzten bei Facebook zu Wort. 40 gegen zwei, unter den Zweien auch sein Sohn, das sei das Letzte. Angegriffen worden sei dieser zudem nur, weil er ja seine, die des Vaters, Jacke getragen habe. Dabei behauptet er zudem entgegen der anfänglichen Informationen, sein Sohn sei eben jener 17-jährige Betroffene und er habe zwei Zähne ausgeschlagen bekommen sowie eine Nasenbeinfraktur. Die Schuld gibt der Lokfan „den Kommunisten“ und den Medien, die die Täter in ihrem Handeln „legitimieren“ würden.

Über den Grund des Angriffs kann man zu dem Zeitpunkt nur mutmaßen – Rache für die Connewitzer Zerstörungen am 11. Januar 2016? Hat man jemanden erkannt und die Sicherungen sind durchgebrannt? Das Bild jedoch: Zwei Unbeteiligte, von der Polizei als „Zuschauer“ deklarierte junge Männer werden ohne Grund von 40 brutalen Schlägern attackiert.

Oder doch ganz anders?

Zu dieser Zeit schweigt der Verein Roter Stern (RSL) und äußert sich nicht zum Vorfall nach dem Spiel. Die Tage vergehen, bis zum 29. Juni. Auf Nachfrage heißt es, man musste selbst erst einmal nachfragen seitens der Vereinsführung – ein Verantwortlicher des RSL sei nicht vor Ort gewesen. In der an diesem Tag versandten Pressemitteilung heißt es nun seitens des Connewitzer Clubs: „Nach dem Spiel kam es zu einem Angriff auf Anhänger*innen des RSL-Teams und Besucher*innen des Spiels. Erst daraus entstand eine Auseinandersetzung, die wir dann im Nachgang in der Presse als Angriff von RSL-Fans dargestellt wiederfanden.“ Telefonisch räumt der Verein ein, dass es natürlich keine gute Situation war, doch die Gruppe von „rund 20 Leuten“ habe sich vor allem am Tor aufgebaut, um der eigenen Mannschaft einen schadlosen Weg aus dem Stadion zu garantieren.

Denn, so weiter in der Darstellung, „unbekannt“ waren nicht alle auf dem Platz an diesem Tag. RSL dazu: „Schon vor dem eigentlichen Spiel machten Gerüchte die Runde, dass beim LSV Stahlfeuer Leute aus dem Umfeld der ehemaligen, sogar vom Verfassungsschutz beobachteten, neonazistischen Lok-Fangruppierung „Scenario Lok“ aktiv sind. Die Stimmung war während des gesamten Spiels angespannt. Immer wieder fielen aus einer Gruppe von 40 bis 50 Personen der Stahlfeuer-Anhänger Beleidigungen gegen RSL-Anhänger*innen. Mit Verlesen der Mannschaftsaufstellungen stellte sich heraus, dass mit Paul H. und Marcus W. mindestens zwei bekannte Neonazis im Team des LSV Stahlfeuer mitspielen.“

Paul H. habe zu den Angreifern des 11.1.2016 auf die Wolfgang-Heinze-Straße gehört, Marcus W. hingegen war früher langjährig bei den „Freien Kräften Leipzig“ organisiert, Kader der NPD-Nachwuchsorganisation „Junge Nationaldemokraten“ gewesen. Zudem habe er laut RSL eine wichtige Rolle bei „Scenario Lok“ gespielt, welche seinerzeit vom Verfassungsschutz beobachtet wurde.

Da beide Namen auch in der Mannschaftsaufstellung auftauchen, kann man durchaus nachvollziehen, dass nicht jedem wohl sein muss, gegen Menschen mit dieser Vergangenheit kicken zu müssen. Hinzu kommt, dass es auch anderen Mannschaftskameraden in der Freizeit-Mannschaft „Stahlfeuer“ eher nicht unbekannt sein dürfte, mit wem gemeinsam sie da in einem Team spielen. Den Fans des Finalgegners von „Volxsport“ ebenso wenig, Marcus W. ist immerhin lange Jahre Vorsänger bei Lokomotive Leipzig.

Während es beim Spiel laut RSL bei Beleidigungen blieb, eskalierte die Situation im Nachgang nach Darstellung des Vereins eventuell gänzlich anders, als direkt nach dem Vorfall von Freunden der Geschädigten verbreitet. Ungeduscht verschwanden die Spieler von RSL eilig vom Platz, erwartet von den am Tor stehenden RSL-Fans, um gemeinsam abzureisen.

Gab es am Ende noch „Unschuldige“?

Zum weiteren Verlauf schildert RSL damit die Erinnerungen derer, die ihrerseits vor Ort waren. Weiter heißt es: „Bereits beim Verlassen des Geländes provozierten drei Männer am Ausgang. Weitere Personen kamen hinzu, teilweise bewaffnet, u.a. mit einem Teleskopschlagstock. Von einer Gruppe von etwa 15 Neonazis, welche sich zügig Richtung RSL-Anhänger*innen bewegten, kamen Rufe wie: „Kommt her, ihr Scheiss Zecken“. Daraufhin eskalierte die Situation: Personen warfen aus dem Stadioninneren Gegenstände wie Flaschen und Steine, gar Plastesitzbänke vom LSV, in Richtung der RSL-Anhänger*innen. Antifaschist*innen wehrten sich aktiv und betraten dabei auch erneut das Sportgelände. Es kam zu einer Schlägerei zwischen etwa 20 Antifaschist*innen und 20 Neonazis und deren Umfeld.“

Auf L-IZ -Nachfrage heißt es, dass bei dem Durcheinander nicht auszuschließen sei, dass unter den Provozierenden auch die beiden oder einer der später Geschädigten gewesen sein könnten. Übrig bleibt derzeit wohl vor allem, dass der Opfermythos seitens „Stahlfeuer“ samt Anhang ebenso wenig stimmen kann, wie die Mutmaßung, eine Schlägerei entstehe vollkommen grundlos. Den Grund wiederum sieht RSL bei der Gegenseite: „Der Rote Stern Leipzig möchte hier noch einmal klar betonen, dass die Auseinandersetzung nicht von RSL-Anhänger*innen begonnen wurde. Auch war dies kein Angriff auf den LSV Südwest oder das gleichzeitig stattfindende Vereinsfest. Es handelte sich um einen Angriff von Neonazis auf den RSL, gegen den sich Antifaschist*innen aktiv zur Wehr setzten.“

Mit dem Verein LSV Südwest möchte man seitens des Roten Sterns weiter kooperieren, die Zusammenarbeit sei gut. Was die Ermittlungen des OAZ in einem solch unübersichtlichen Umfeld der Schlägerei auf der Karl-Siegmeier-Anlage ergeben werden, ist offen. Für gewöhnlich sprechen beide Szenerien nicht gern mit der Polizei, was die Zeugensuche schwierig gestalten dürfte. Direkt nach dem Spiel im Netz versprochene Beweise (Videos, Fotos etc.) für den rasch eskalierenden Ablauf seitens Stahlfeuer oder von Besuchern des Turniers sind bislang ausgeblieben. Auch der Rote Stern verfügt über keine Fotonachweise zu den Auseinandersetzungen.

Bleiben wohl derzeit die Worte von Jens Frohburg, Pressesprecher beim Roten Stern Leipzig: „Diese Form der Auseinandersetzung gehört nicht zu den Aktionsformen, die der Rote Stern Leipzig unterstützen oder gutheißen kann. Leid tut es uns insbesondere um alle Unbeteiligten, die Zeug*innen der Ereignisse werden mussten. Der RSL ist in Kontakt mit dem LSV, um das Geschehen aufzuarbeiten. Solche Vorfälle soll und darf es in Zukunft nicht mehr geben.“

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