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Gastmanns Kolumne: Weil heute dein Geburtstag ist …

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    Bisschen kalt heute, aber die Sonne lacht. Da muss man raus mit den Kindern, sonst kommt ja bald das Jugendamt. Gestern stolperte ich dabei auf einem Kinderspielplatz fast über eine aschfahl aussehende, schlafende Mutter, die neben einem Klettergerüst auf dem weichen Mulchboden zusammengesunken war, während der kleine Carl-Gustav gerade versuchte, seine Spielgefährtin zu skalpieren.

    Als sie ob des Lärmes etwas beschämt blinzelnd erwachte, murmelte sie kurz erklärend in die Runde: „Entschuldigung, wir hatten Kindergeburtstag gestern.“ Alle im Umkreis befindlichen Eltern verstummten umgehend ehrfurchtsvoll  und nickten mit düster-wissendem Blick. Ja, Kindergeburtstag – das ist die wirkliche, die harte Prüfung für moderne Eltern: Kein Bungeejumping, kein Wildwasser-Rafting und keine Nahtoderfahrung der vergangenen Jahre hatte uns darauf vorbereitet!

    Für die besonders Ehrgeizigen unter uns stellt ein Kindergeburtstag fast das dar, was man in Knaben-Internaten als Schwanzvergleich kennt.

    Anheimelnd klingt das Wort „Kindergeburtstag“ auch für mich schon lange nicht mehr. Im Gegenteil: Es ruft verachtenswerte Verhaltensmuster bei mir auf den Plan. Ich bin dann nämlich felsenfest davon überzeugt, dass in meiner Kindheit alles besser war. Irgendwie gesünder, irgendwie nicht so irre. Ich kann diese Gedanken nicht ermorden, obwohl ich natürlich weiß, dass bisher noch jede Generation auf Erden beweisen konnte, dass die elterlichen Kassandra-Töne vom Untergang des Abendlandes absolut grundlos gewesen waren.

    Trotzig halte ich meine Kindheit für die bessere Version:

    Da bin ich renitent wie Adolf Sauerland, der Ex-Bürgermeister von Duisburg. Meine Kindheit, das waren jene Jahre, als ADHSler noch schlichtweg als das bezeichnet wurden, was sie waren, nämlich Nervensägen und die einzigen lustigen Fahrzeuge im Straßenverkehr Barkas und Schwalbe hießen. Fahrradanhänger mit einer daran befestigten Fähnchenstange, in denen entweder mindestens zwei Kinder hockten (sofern sie mit der Mutter unterwegs waren) oder ein Kasten Bier (sobald der Vater chauffierte) waren eben schlichtweg noch nicht erfunden.

    Als es auch noch nicht üblich war, auf riesigen Heckscheiben-Aufklebern kundzutun, dass Lennox-Leviathan oder Norman-Thomas mit auf dem Rücksitz lungerten, glichen die Vorbereitungen auf Kindergeburtstage noch nicht so sehr der Organisation einer Gipfelkonferenz. Mit ein paar Klassenkameraden, die mit krakeligen Einladungskarten herbeigelockt worden waren, wurde ein Nachmittag lang im Garten topfgeschlagen und stoppgegessen, es wurde Verstecken gespielt und vielleicht etwas getanzt. Spätestens um sieben war die schwer transpirierende Equipe dann wieder dort, wo sie am erträglichsten war – zuhause.

    Eltern waren damals eben nur Eltern …

    … absolut uninteressant, absolut uncool für einen selbst, aber irgendwie angenehm an- und abwesend. Selten strahlten diese Wesen aus, dass sie ihre Elternschaft als das größte Abenteuer nach den vielen Jahren des Drogenausprobierens, Loveparade, Snowboardkursen und Afterworkparties empfanden.

    Immer wichtiger ist in den letzten Jahren für Mütter und Väter deshalb eine Sparte der Literatur geworden, die jahrelang ein Schattendasein geführt hatte – die der Ratgeber. Leider finden Eltern im überbordenden Buchhandel-Regal viel Verwirrendes an Erziehungsratgeberliteratur vor: Da stehen „Die 10 Gebote der Erziehung“ irreführender Weise den „12 Gesetzen der Erziehung“ gegenüber. Soll man sich für den „Kleinen Erziehungsratgeber“ entscheiden oder denkt man an der Kasse dann vielleicht: „Rabeneltern! Gönnen ihrem Kind nicht mal den „Großen Erziehungsratgeber“! Oder sollte man es eventuell ganz brachial angehen und sich gleich die „Zehn schockierenden Wahrheiten über Erziehung“ reinziehen? Einmal  stolperte ich in diesem Regal gar über Arnold Zweigs Roman „Erziehung vor Verdun“.

    „Oje, ich wachse“

    Für den verblüffendsten Titel innerhalb dieses überreich gefüllten Körbchens der Schriften für ratlose Eltern, halte ich ein einschlägiges Bändchen mit dem Titel „Oje, ich wachse“! Das muss man schon ein wenig auf sich wirken lassen: Oje, ich wachse! Man will uns glauben machen, dass hier eine aufs äußerste gequälte imaginäre kindliche Kreatur zu uns spricht, die nichts als eine liebende Hand braucht, um aus diesem Martyrium wieder hinauszufinden.

    Allzu schnell sollte man dies bei unter Wachstum leidenden Kindern sicher nicht tun, was eher betrübliche Wachstumsbiographien wie zum Beispiel die von Joseph Goebbels zeigen.

    Wenn sich allerdings Titel wie „Oje, ich wachse“ als verkaufsträchtig erweisen sollten, argwöhne ich bereits jetzt zahllose prominente Trittbrettfahrer, die mit Werken aufzutrumpfen trachten wie:

    Oje, ich wachse nicht mehr – Tagebücher des jungen Peter Maffay
    Oje, ich wachse zurück – Ein Senioren-Manual
    Oje, ich wachse in die Breite – Biographische Skizzen Rainer Calmunds
    Oje, ein Sachse – Zeitzeugenberichte über Walter Ulbricht
    Oje, ich waxe – ein Comic-Landing-Strip
    Oje, ich wichse –  100 Gründe für unerfüllten Kinderwunsch

    Trotz allem, es hilft ja nichts: Die einzige Form von Kriegen, die man befürworten kann, ist und bleibt das Kinderkriegen. Es muss ja nicht gleich das Mutterverdienstkreuz wieder eingeführt werden.

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