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Gastkommentar: Was sind triftige Gründe, um das Haus verlassen zu dürfen?

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    Kennt Ihr dieses alte Kinderspiel, das manche für rassistisch halten? Wen die Diskussion darüber, ob es das tatsächlich ist, interessiert, dem empfehle ich folgende Internet-Seite: „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann: Herkunft & Alternativen“ auf Giga.de.

    Wer hat Angst vorm schwarzen Mann: Herkunft & Alternativen

    Die garantiert nicht rassistische und hochaktuelle Alternative zur alten Version geht so: Ein Kind ruft einer Gruppe von Kindern, die ihm in einiger Entfernung gegenübersteht, zu: Wer hat Angst vor‘m Corona-Virus? Die Antwort: Niemand! Und auf die zweite Frage: Und wenn es kommt? Dann laufen wir!

    Zusammen spielen dürfen die Kinder dieses Spiel allerdings mindestens noch drei Wochen lang nicht.

    Ich weiß nicht, ob wir uns vor dem Virus durch Laufen schützen können. Regelmäßiges Joggen soll aus Sicht von Medizinern die Wahrscheinlichkeit eines leichteren Verlaufs der Krankheit erhöhen, indem es eine Stärkung der Lungen fördert. Dafür dürfen wir noch vor die Tür. Singen soll ebenfalls lungenstärkend sein. Das können wir aber auch zu Haus‘ alleine tun. Chöre als Corona-Hotspot? Nicht auszuschließen.

    Doch, was lese ich zu meinem Erstaunen in der LVZ?

    Die RB-Fußballer, sowie 27 Top-Athleten des Leipziger Olympiastützpunktes, des Weiteren ausgewählte Spitzensportler des SC DHfK dürfen schon wieder trainieren. Für diese besondere Spezies unter den Sportlern dürfen sogar diverse Bootshäuser, Fitnessstudios und Sportanlagen wieder öffnen. Sondergenehmigungen machen es möglich. Die Systemrelevanz von Profisportlern für das Milliardengeschäft „Profisport“ leuchtet wohl jedem ein.

    Aber wieso heißt es ALLGEMEINverfügung, wenn sie doch wieder einmal nicht für die ALLGEMEINheit gilt? Gibt es unter angeblich Gleichen wieder einmal welche, die gleicher sind?

    Ich bin so wütend und fühle mich so ohnmächtig. Warum gibt es SONDERregelungen für Sportler und nicht für mich? Wenn ich es jemals wagte, um Rücksichtnahme auf meine Einschränkungen zu bitten, bekam ich meist zu hören, was mir einfiele, ob ich etwas BESONDERes sein wolle, ob ich meinte, mir stünde eine SONDERbehandlung zu. Autistischen Kindern wird, wenn sie Glück haben, heute von ihren Eltern und Betreuern erzählt, dass sie etwas Besonderes seien. Das macht mich sehr glücklich.

    Zurück zum „Sport“.

    Mein Terminkalender für die Woche weist einen einzigen Termin auf: Die Feldenkraisstunde am Dienstag. Diesen einen Termin hat mir die Allgemeinverfügung, die doch nicht für die Allgemeinheit gilt, genommen. Zur Feldenkraisstunde kommen maximal acht Personen. Es können aber auch schon mal nur zwei oder drei sein. Wir liegen verteilt im Raum und konzentrieren uns auf unseren Körper, setzen die Bewegungsanregungen der Leiterin um, gelangen so zu mehr Körperbewusstsein und lernen Bewegungsalternativen kennen. Die Übungen helfen uns, mit unseren Schmerzen besser zurechtzukommen, sie zu minimieren oder sie im Idealfall gar nicht erst entstehen zu lassen.

    Viele unserer Schmerzen haben wir den Lebensbedingungen in unserer Gesellschaft zu verdanken. Schon als Kinder werden wir zu stundenlangem Stillsitzen auf Stühlen gezwungen. Stundenlanges Sitzen am PC tut sein übriges, und wird nun noch mehr werden, denn dank Corona schreitet die Digitalisierung aller Lebensbereiche nun noch rasanter voran. Die kleine Gesundheitspraxis, in der wir uns dienstags treffen, soll bezüglich der Verbreitung des Virus eine größere Gefahr darstellen als die Übungsstätten der Spitzensportler? Welcher Experte hat diese Erkenntnis wann und wo gewonnen?

    Für uns gibt‘s keine Lobby, für jene schon.

    Was gilt, jenseits sportlicher Betätigung, seit einer Woche als triftiger Grund, sich der Gefahr einer Ansteckung mit dem Corona-Virus auszusetzen oder zu riskieren, andere zu infizieren, sollte ich von meiner eigenen Infektion noch nichts wissen? Lebensnotwendige Dinge einkaufen zu müssen ist immer noch ein solch triftiger Grund.

    Aber – will ich das überhaupt?

    Schon in normalem Zeiten sind Supermärkte keine Orte, die ich gerne aufsuche, zu voll, Reizüberflutung ohne Ende. Einen Besuch im Supermarkt erlebe ich zurzeit wie den in einem Hochsicherheitstrakt. Das macht mir Angst, große Angst. Es suggeriert eine Bedrohung, von der ich nicht einschätzen kann, ob sie tatsächlich so groß ist, wie die strengen neuen Regeln es vermuten lassen.

    Sollten die zahlreichen und in jedem Laden anders geltenden Sicherheitsvorkehrungen tatsächlich dazu dienen, die Verbreitung des Virus zu bekämpfen bzw. zu verlangsamen? Dann will ich mich nicht beschweren. Ich frage mich jedoch, wie viele von ihnen lediglich dazu gedacht sind, die Angst zu minimieren. Bei mir bewirken sie jedoch genau das Gegenteil. Bei anderen vielleicht auch? Ich fühle mich im Supermarkt inzwischen so bedroht, dass ich am liebsten das Essen gänzlich einstellen würde.

    Die Lösung meines Einkaufproblems scheint so einfach für Menschen, die nicht wissen, was es heißt, sich dem autistischen Spektrum zugehörig zu fühlen: Ich könnte die Corona-Hilfe kontaktieren und einen hilfsbereiten jungen Menschen für mich einkaufen lassen. Da gibt es jedoch Hindernisse.

    Es könnte sein, dass der Sozialstress in diesem Zusammenhang nicht geringer ist als der Stress, wenn ich den Laden selbst aufsuche. Auch plagt mich die Angst, dass es ja gerade dieser Mensch sein könnte, der mir mit den Einkäufen das Virus überbringt. Warum sind Familienkontakte untersagt, wenn man nicht zusammen lebt, aber dieser Kontakt zu jungen Menschen soll kein Risiko bergen? Mir fehlt da die Logik.

    Es wäre für die Einkäufer auch nicht so einfach, für mich einzukaufen. Eine Liste auf der steht, Brot und Käse, reicht nicht aus. Für mich gibt es in dem unermesslich großen Sortiment eines Supermarktes nur wenige Produkte, die ich essen kann, und es müssen immer dieselben sein. In guten Zeiten versuche ich schon mal mutig, etwas Neues auszuprobieren, was dann oftmals damit endet, dass ich es doch nicht essen kann.

    Zurzeit geht nicht viel: eine spezielle Sorte Brot, ein spezieller Käse und noch ein paar andere Dinge, das war‘s. Wenn die gewünschten Sorten nicht zu kriegen sind, was täte die Einkaufshilfe dann? Eine eventuelle Alternative kann nur ich selber finden. Ein fremder Geschmack im Mund oder eine unangenehme Konsistenz kann ich im Moment noch schwerer ertragen als sonst.

    Es geht mir nicht gut, mein Herz rast und ich habe Schweißausbrüche – gehe ich deshalb jetzt zum Arzt? Warum sollte ich diese Symptome auf einmal ernst nehmen? Früher habe ich wegen ihrer erst lange Zeit im Wartezimmer warten müssen, um dann nach wenigen Minuten schon zu hören zu bekommen, ich sei kerngesund, alles sei nur psychisch.

    Ich sollte rausgehen, den Frühling begrüßen. Das hilft gegen Angst und Depressionen. Das darf ich sogar noch, soll es aber nicht. Die Aufforderung „Zu Hause bleiben“ nehme ich selbstverständlich wörtlich. Wozu sollte ich mir also noch stundenlange innere „Kämpfe“ mit meinen Ängsten liefern, um vor die Tür zu gehen, weil es nun mal erwiesenerweise der seelischen Gesundheit dient? In Corona-Zeiten gibt es Anerkennung fürs Nicht-Rausgehen. Das ist genau das Gegenteil von dem, wofür ich bisher gekämpft habe.

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    1 KOMMENTAR

    1. Ich kann das nachvollziehen, auch wenn es bei mir nicht so extrem ausgeprägt ist.

      Mir ist es schon zuwider, dass ich jetzt immer einen Einkaufswagen benutzen muss. Ich kaufe immer nur mit Beutel ein. Da kann ich mir aber behelfen und hänge den da dran und befülle nur den Beutel. Schiebe ich halt den Wagen sinnlos in der Gegend rum.

      Mein Tipp wäre, gehe, sofern es dir möglich ist, Abends einkaufen, nach 20 Uhr ist deutlich weniger Betrieb in den Läden. Und nimm dir Handschuhe für den Zwangs-Einkaufswagen mit.

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