Kleine Seiten-Laudatio auf Leipzigs berühmtesten Preisträger: Ein Mann für jeden Preis

Seit dem 9. Oktober 1989 sammelt er die Preise und Orden und Ehrungen wie kein Zweiter in Leipzig: Kurt Masur, mittlerweile 83. Und nur ein Teil der Ehrungen gilt seinem Wirken als Dirigent. Die meisten bekommt er stellvertretend. Quasi als Botschafter der friedlichen Demonstranten von 1989.
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Das begann 1990 noch ganz spaßig mit dem „Bambi“, 1991 gab’s den Hanns Martin Schleyer Preis, 1995 das Bundesverdienstkreuz, 2002 das Große Verdienstkreuz, 2004 den Westfälischen Friedenspreis, 2008 den Sächsischen Dankesorden, nicht zu vergessen den Herdecker Kulturpreis für Toleranz, Menschlichkeit und Frieden, die Leo-Baeck-Medaille und nun – seit Montag ist es offiziell – auch noch den Deutschen Staatsbürgerpreises der Staatsbürgerlichen Stiftung Bad Harzburg.

Es ist eine von Dutzenden Stiftungen im Land, die sich mittlerweile auf dem Feld der politischen Ehrungen tummeln, 1988 gegründet, hat sie bisher Personen wie Jean-Claude Juncker, Richard von Weizsäcker, Jacques Delors oder Vaclav Havel geehrt. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert. Und die Laudatio soll am 12. Februar, wenn der Preis überreicht wird, Bundestagspräsident Norbert Lammert halten. Die Nachrichtenagentur dpa erklärt die Ehrung so: „Masur hatte zur Wendezeit das Gewandhaus in Leipzig für politische Diskussionen geöffnet und Demonstranten erfolgreich zu friedlichen Protesten aufgefordert.“

Vielleicht steht es so in den Geschichtsbüchern. Es wäre nicht verwunderlich. Solche Ehrungen gehen davon aus, dass Geschichte von Einzelpersonen gemacht wird. Und mit Kurt Masur verbindet sich natürlich der 9. Oktober 1989, als er im Gewandhaus eigentlich „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ von Richard Strauß dirigieren wollte. Doch die Stadt war schon seit Stunden in Aufruhr, die Staatsmacht hatte entsprechende Gerüchte gestreut und starke Ordnungskräfte in der Innenstadt konzentriert.

Viele rechneten damit, dass dieser 9. Oktober von Gewalt überschattet sein könnte. Umso wirksamer war der Aufruf, der in den Nachmittagsstunden dann über den Stadtfunk eingespielt wurde und in dem Kurt Masur mit seiner eindrucksvollen Stimme den „Aufruf der Sechs“ vorlas, der zur Gewaltlosigkeit aufrief. Der Aufruf fasste in knapper Form zusammen, was zuvor schon das Neue Forum als Aufruf verbreitet hatte. Das Besondere aber war, dass sich hier drei Funktionäre der SED (Kurt Meyer, Joachim Pommert und Roland Wötzel) bereit erklärten, den Aufruf mit zu unterschreiben. Ebenfalls unterschrieben haben den Aufruf der Kabarettist Bernd-Lutz Lange und der Theologe Peter Zimmermann.Oft wird darauf hingewiesen, dass der Aufruf nicht unwesentlich dazu beigetragen hat, dass der 9. Oktober friedlich blieb. Doch dieser Moment scheint – je länger der Herbst ’89 zurückliegt, alle anderen Ereignisse der Friedlichen Revolution in Leipzig zu überstrahlen. Und damit auch alle anderen Akteure, die auch schon vor dem 9. Oktober ihre Haut zu Markte trugen und dann im Verlauf der Veränderungen wesentlich dafür sorgten, dass neue demokratische Beteiligungsstrukturen entstanden, die Runden Tische aktiv wurden, die Bezirksverwaltung des MfS besetzt wurde und eine demokratische Öffentlichkeit entstand.

Aus diesem Kreis gelangte im Grunde nur einer neben Masur zu einer größeren Bekanntheit: der Nikolaipfarrer Christian Führer. Vielleicht ist das das Problem all der Jurys und Kuratorien, die in Deutschland glauben, Demokratie, Toleranz und Bürgersinn zu stärken, indem sie ihre Preise und Ehrungen möglichst an Personen verleihen, die jeder kennt. Aber es zeigt auch die noble Abgehobenheit dieser Preise: Sie sind gar nicht in der Lage, das zu ehren, was eigentlich so wichtig ist an solchen Ereignissen wie der friedlichen Revolution, die eben eine mutige Tat von 70.000 war. 70.000, die das Wort Staatsbürger ernst nahmen und mit Inhalt erfüllten. Die LVZ erzählt dann auch noch in ihrer Meldung zur Preisvergabe, dass Masur den Staatsbürgerpreis „für seinen mutigen Einsatz in der Bürgerbewegung in der DDR“ bekommen würde. Obwohl sie es besser wissen muss. Denn dort hat er sich nicht engagiert. Das waren jene anderen, die so selten genannt werden, die Talligs und Läßigs und Schwabes usw.

Masur hatte seine mutige Stunde am 9. Oktober. Und es war sein guter Name, der mit dem „Aufruf der Sechs“ eine Rolle spielte. Doch es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, wenn er damit zu einer Symbolfigur der Bürgerbewegung wird, der er nie angehört hat. Wenn ihm trotzdem deswegen Orden, Kreuze und Preise verliehen werden, zeugt das leider auch vom Geschichtsverständnis der Preisgeber, die damit auch zeigen, wie Geschichte in ihren Augen sein sollte. In den meisten Fällen eher präsidial und prominent.

Und dabei ist eine der wichtigsten Erfahrungen der Friedlichen Revolution, dass man gar nicht prominent sein muss, um erstarrte Verhältnisse zu ändern. Es müssen nur genug Unprominente sein, die lautstark rufen: „Wir sind das Volk.“


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