Aller zwei Jahre vergibt die Stadt Leipzig seit 1999 den Architekturpreis der Stadt Leipzig zur Förderung der Baukultur. Der heißt nicht ohne Grund so, auch wenn ihn die Stadt selbst gern auf "Architekturpreis der Stadt Leipzig" zusammenzieht. Denn als der undotierte Preis 1999 aus der Taufe gehoben wurde, wollte man damit Schlimmes und Schlimmeres verhindern. Am 13. Oktober war das Mitteldeutsche Bauforum Schauplatz der jüngsten Preisverleihung.

An die Vorgeschichte erinnerte Siegfried Schlegel, Sprecher für Stadtentwicklung der Linksfraktion, bei seiner Gratulation für die diesjährigen Preisträger: “Es lag die Vorstellung zugrunde, beliebige und einfallslose, sich ständig wiederholende Architektur mit ‘Keksrollen’, pink- oder türkisfarbenen Fassadenkonstruktionen mit einem Negativpreis zu würdigen. Schnell wurde erkannt, dass die Würdigung von Gebäuden, die sich in die historische Umgebung einfügen und selbstbewusste, nicht dominierende moderne Architektur verkörpern, den Wettbewerb der Bauherren und Architekten beflügeln kann.”

Die Negativbeispiele sind logischerweise heute noch im Stadtbild präsent. Selbst das Innenleben der Gebäude erinnert fatal daran, dass hier möglicherweise eine ganze Generation von westdeutschen Architekturbüros einfach ihre Pläne aus den Schubladen geholt hat, die in den 1970er und 1980er Jahren in westdeutschen Städten nicht mehr umsetzbar gewesen waren. Etliches von diesem Baukasten-Krempel steht auch in Dutzenden Gewerbe- und Einkaufs-Centern vor den Toren der Stadt – anheimelnd wie ein Stundenhotel, beeindruckend wie ein Container-Stapelplatz.

Doch statt den schlechten Architekten und ihren Bauherren die Rote Karte zu zeigen, setzte Leipzig auf mehrere Positiv-Strategien. Der Architekturpreis zur Förderung der Baukultur, der ganz ohne Prämie auskommt, setzt ein deutliches Anerkennungszeichen. Aber gerade in sensiblen innerstädtischen Quartieren bedingt sich die Stadt mittlerweile auch qualitätvolle Architektenwettbewerbe aus oder – wo das nicht möglich ist – entsprechend hochkarätige Fassadenwettbewerbe. Dann sieht das Monstrum, wenn es denn schon gebaut werden muss, zumindest nicht gar so hässlich und einfallslos aus.

Bis zu René Hobusch, vehementer Kämpfer für die Baufreiheit aller Investoren, hat sich das Anliegen noch nicht herumgesprochen. Aber vielleicht nehmen ihn ja seine FDP-Fraktionskollegen bei Gelegenheit beiseite und erklären ihm, warum man Bauherren zuweilen auch mal bremsen muss. Vielleicht kann das Stadtforum für solche Gelegenheiten auch einmal eine eigene Stadtführung entwickeln, die den schönen Titel tragen darf “Leipzigs Bausünden der 1990er Jahre”.

Am Donnerstag, 13. Oktober, nutzte die Stadt Leipzig das erstmals im Verbund mit efa und SHKG stattfindende Mitteldeutsche Bauforum dazu, die diesjährigen Preisträger zu ehren. Das taten in diesem Fall Oberbürgermeister Burkhard Jung, Baubürgermeister Martin zur Nedden, der Leiter des Stadtplanungsamtes, Wolfgang Kunz, und der Jury-Vorsitzende Peter Conradi gemeinsam. Für Wolfram Kunz war es eine seiner letzten Amtshandlungen. Am Freitag, 14. Oktober, wurde er in den verdienten Ruhestand verabschiedet.In diesem Jahr wurden drei Hauptpreise und vier lobende Erwähnungen überreicht. Mit dem Architekturpreis der Stadt Leipzig 2011 wurden der Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek am Deutschen Platz, der Neubau eines Kindergartens in der Erich-Zeigner-Allee und der Umbau einer alten Fabrikanlage in Plagwitz ausgezeichnet.

Lobende Erwähnungen erhielten ein kleiner Theatersaal in Grünau, die Sanierung dreier baugleicher Plattenbauschulen sowie zwei neue Schulsporthallen.

Für den Architekturpreis konnten als Kandidaten Bauwerke und Freiraumgestaltungen aller Art und Nutzung eingereicht werden, die in den Jahren 2008 bis 2011 im Stadtgebiet von Leipzig fertig gestellt worden sind. Umbauten waren zugelassen, sofern sie eine eigene schöpferische Gestaltungsleistung der Architekten erkennen ließen. Am Ende hatte die Jury über 26 eingereichte Beiträge zu befinden.

Dass der im Frühjahr 2011 fertiggestellte Erweiterungsbau für die Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig von Gabriele Glöckler (Stuttgart) unter den Preisträgern landete, überraschte gar nicht mehr. Die Lösung, die die Stuttgarter Architektin hier in der Form eines riesigen liegenden Buches gefunden hatte, hatte schon vor Baubeginn die Fachwelt fasziniert. Es ist der bereits vierte Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek am Deutschen Platz, der an das ursprünglich 1914 bis 1916 erbaute Haus anschließt und Büchermagazine, das Deutsche Buch- und Schriftmuseum sowie das Deutsche Musikarchiv aufnahm.

Bei der Begründung schwärmt die Jury geradezu: “Der dynamisch geformte Baukörper stellt eine expressive Verbindung zwischen dem prunkvollen Hauptgebäude und dem kargen Bücherturm aus dem Jahre 1982 her. Die überregionale Bedeutung, die Nutzung und der Ort erlauben die großmaßstäbliche Gebäudeform, die in ihrer Symbolik das Thema Umschlag und Hülle abbildet. Die kompakte Klimahülle schützt die Magazinbereiche, der leichte Umschlag aus Metall formt die Außenhaut. Die direkte architektonische Umsetzung des Themas ‘Umschlag und Hülle’ verwendet Materialien und Bauweisen, deren Konnotation Industrie- und Verkehrsbauten entspricht. Dieser eher technische Charakter wird jedoch im Eingangsbereich durch eine großzügig geöffnete Glasfassade aufgebrochen und in einen hellen, lichtdurchfluteten Treppenraum überführt. Offenheit, Licht- und Schattenspiel überhöhen hier die formale Vielfalt. Die hochwertige Materialität und konsequente Detaillierung der Innenraumgestaltung unterstreichen die gelungene Atmosphäre eines Kulturbaus.”

So reden eben Architekten über Architektur. Sie haben dabei dieselben Schwierigkeiten wie Musikkritiker, die moderne Musik kritisieren wollen, oder Kunstkritiker in einer Ausstellung mit moderner Kunst. Der Leser hat Recht, wenn er hier die kleine Frage stellt: Und wo bleibt der Mensch? Denn für den ist das ja eigentlich alles gebaut. Den interessiert ein “dynamisch geformter Baukörper” nicht die Bohne – es sei denn, es ist ein hübsches Exemplar des anderen Geschlechts.

Den Preis hat der Erweiterungsbau trotzdem verdient.Ebenfalls einen Preis bekam der Neubau der Kindertagesstätte Zwergenland, der 2010 in der Erich-Zeigner-Allee 77 von der Stadt Leipzig gebaut wurde und vom Träger Fairbund e.V. bewirtschaftet wird. Der Entwurf stammt aus dem Leipziger Büro Wittig Brösdorf Architekten.

Die Begründung der Jury liest sich auch nicht ganz so abgehoben: “Der langgestreckte eingeschossige Bau wurde maßstäblich einfühlsam unter Einbindung eines alten Baumbestandes in eine weitgehend vorgegebene Situation integriert und bietet eine breite Palette von Nutzungen. Überzeugend ist die architektonische Gestalt des Gebäudes im Kontrast zwischen der ruhig gelagerten, sich zum Außenraum öffnenden Westseite und der geschlossenen, dem Flussufer zugewandten Ostseite mit ihren als eine besonders originelle Lösung zu würdigenden ‘Kindernestern.'” Die Jury lobt auch die naturbelassenen Lärchenholzlattung zur Verblendung des Baus und die “stringente Zuordnung aller Funktionen im Rahmen eines komplexen Architektur- und Freiraumkonzeptes”.
Schon 2008 fertiggestellt wurde das umgenutzte Fabrikgebäude an der Ecke Naumburger / Gießerstraße, das den dritten Architekturpreis zugesprochen bekam. Für die Plagwitz Immobiliengesellschaft mbH fanden hier die Leipziger Architekten Homuth + Partner eine neue Lösung für das Klinkergebäude. Die bunten Werbeelemente an der Fassade weisen jetzt deutlich darauf hin, dass hier jetzt die Firma Spreadshirt beheimatet ist.

“Die Binnenstruktur des Fabrikgebäudes wurde reorganisiert bzw. baulich erweitert, um neben der Produktionshalle weiteren Raum für kleinere Werkstatteinheiten und Büros, einen Konferenz- bzw. Kreativraum, eine Cafeteria/Küche sowie großzügige Terrassen zu schaffen”, heißt es dazu. “Die Architektursprache ist klar und einfach. Die baulichen Eingriffe sind auf das Notwendigste beschränkt.”

Oder anders formuliert: Das, was sich auch bei anderen Umnutzungen historischer Industriearchitektur in Plagwitz bewährt hat und bei den neuen Nutzern gut ankommt, wurde hier beispielhaft ebenfalls umgesetzt.

Und weil unter 26 eingereichten Beispielen mehrere waren, die durchaus preiswürdig waren, gab es auch wieder mehrere lobende Erwähnungen. Was im Prinzip auch nur heißt: Die Stadt sieht hier mustergültige Lösungen für das, was moderne Architektur sein kann, wenn sich Bauherren und Architekten ein bisschen Mühe geben.

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Lobende Erwähnungen gab es für das 2010 fertiggestellte Neue Theatrium in Grünau (Architekt: Hobusch + Kuppardt Architekten, Leipzig, Bauherr: Stadt Leipzig, Kulturamt), für die ebenfalls 2010 fertiggestellte Sporthalle des Werner-Heisenberg-Gymnasiums/39. Grundschule (Architekt: RKW Rhode Kellermann Wawrowsky, Leipzig, Bauherr: Stadt Leipzig, Hochbauamt), für die 2011 vorgenommene Thermische Sanierung von drei baugleichen Plattenbauschulen (Architekt: Knoche Architekten, Leipzig, Bauherr: Stadt Leipzig, Schulverwaltungsamt) und die ebenfalls 2011 fertiggestellte Einfeldsporthalle der Franz-Mehring-Schule (Architekt: Schulz & Schulz, Leipzig, Bauherr: Stadt Leipzig, Hochbauamt).

Ein Blick auf den Bauherren, der hier in jedem Fall die Stadt Leipzig war, zeigt auch, dass die Stadt mit dem Architekturpreis auch sich selbst ein bisschen lobt für ihr Engagement für ein schöneres Stadtbild. Es zeigt aber auch, welche Rolle die Stadt selbst – trotz aller Finanzierungsprobleme – bei den jüngeren Bautätigkeiten spielt.

Alle eingereichten Objekte werden vom 18. Oktober bis 4. November in der Unteren Wandelhalle des Neuen Rathauses präsentiert (Mo bis Do von 8-18 Uhr, Fr von 8-15 Uhr).

Der Katalog zur Ausstellung kann über die Geschäftsstelle Architekturpreis beim Stadtplanungsamt der Stadt Leipzig gegen eine Schutzgebühr von 5 Euro bezogen werden, E-Mail: stadtplanungsamt@leipzig.de.

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