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Gedenken in Leipzig: Bundeswehr erinnert an den Befreiungsversuch des 20. Juli 1944

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    Als "treuen Diener der Demokratie, und das aus Überzeugung" würdigte Helena Schrader, Konsulin am hiesigen US-Generalkonsulat, General Friedrich Olbricht. Für Olbricht-Biografin Schrader ist der Offizier der "Generalstabschef des 20. Juli". Jenes Datum stellt für Oberst Martin Benzel, Hausherr der Leipziger Olbrichtkaserne, einen "Befreiungsversuch" dar.

    Inzwischen ist es 68 Jahre her, dass mutige Männer in Uniform und Zivil den Aufstand gegen das NS-Regime wagten. Sie wollten den Krieg beenden, um Deutschland vor der totalen Katastrophe zu bewahren. Welches Inferno auf das Scheitern der Aufständischen folgte, hat der britische Historiker Ian Kershaw in seinem Buch „Das Ende“ als „Kampf bis in den Untergang“ beschrieben. Für das Buch erhielt Kershaw den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2012.

    Als Gedenktag rückt der 20. Juli in der Bundesrepublik ein wenig in die zweite Reihe. Selbst die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten senden in diesem Jahr keinen der Spielfilm- und Doku-Klassiker zum Thema. Sicher, das heutige Deutschland hat mittlerweile andere Momente der öffentlichen Selbstvergewisserung. Doch es lohnt sich für die Gesellschaft und insbesondere ihre Streitkräfte immer wieder, sich dieses historischen Datums zu erinnern.

    Ein „Befreiungsversuch“ sei der Aufstand des 20. Juli 1944 gewesen, formulierte es Oberst Martin Benzel, Stabschef der 13. Panzergrenadierdivision, beim traditionellen Gedenken in der General-Olbricht-Kaserne im Leipziger Norden. So eine klar wertende Beschreibung der Erhebung war unter deutschen Nachkriegsmilitärs nicht immer die Regel. „Nicht der Zweck heiligt die Mittel, auch nicht vorübergehend“, lautet für Benzel die Lehre aus NS-Diktatur und Zweitem Weltkrieg. Es gehe immer um Wertbindung des eigenen Tuns, und zwar um Bindung an die Werte des Grundgesetzes.Wer sich an den Befreiungsversuch des 20. Juli 1944 erinnert, denkt zumeist zuerst an Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907 – 1944). Stauffenberg war es, der die Bombe in Hitlers Hauptquartier zündete, die den Tyrannen töten sollte. Erst der Tod des Diktators hätte jenen „eidfreien Zustand“ geschaffen, der den Aufständischen Handlungsfreiheit hätte geben können, so Benzel.

    Der konzeptionelle Kopf hinter den Aufstandsplänen war der gebürtige Sachse Friedrich Olbricht (1888 – 1944), seit 1940 Chef des Heeresamtes in Berlin. Er ist heute Namenspatron der Kaserne in Gohlis. Dort hatte er als junger Mann einst beim Königlich Sächsischen 7. Infanterie-Regiment „König Georg“ Nr.106 gedient.

    Olbricht steht in der allgemeinen Wahrnehmung immer noch im Schatten von Stauffenberg. Diesen Zustand wollte die US-amerikanische Historikerin Helena Page beenden. An der Universität Hamburg wurde sie 1989 mit einer Olbricht-Biografie promoviert. Vor ihr und nach ihr hat sich niemand wissenschaftlich Friedrich Olbricht so sehr genähert. Und das, obwohl der Historikerin damals in Hamburg von dem Thema abgeraten worden war. Zu dünn sei die Quellenlage, wurde ihr beschieden.

    Seit 2010 ist die Olbricht-Biographin Konsulin für Politik und Wirtschaft am Generalkonsulat der Vereinigten Staaten in Leipzig. Nunmehr, nach ihrer Hochzeit, als Helena Schrader.

    Ein treuer Diener der Demokratie„Olbricht wurde ein treuer Diener der Demokratie, und das aus Überzeugung“, hob Helena Schrader in ihrer Gedenkrede am Freitag in der Olbrichtkaserne hervor. Das war für das Offizierkorps der Weimarer Republik ebenso die große Ausnahme, wie es innerhalb des konservativen militärischen Widerstandes gegen Hitler nicht immer die Regel war. Olbricht sei einer der wenigen Reichswehroffiziere gewesen, die die parlamentarische Demokratie verteidigten, so Schrader weiter.

    In ihrer Rede verwies Schrader auf Lebensstationen Olbrichts, die eher außerhalb der militärischen Laufbahnbeschreibung lagen. So habe Olbricht bereits im November 1918 Kontakt zum Leipziger Arbeiter- und Soldatenrat gesucht. Olbrichts Kontakten bis hinein in das sozialdemokratische Milieu und seinen Informationen ist es nach Ansicht von Schrader gleichfalls zu verdanken, dass das Einrücken des inzwischen berüchtigten Freikorps Maercker in Leipzig im Mai 1919 vergleichsweise unblutig ablief. „Friedrich Olbricht verhandelte, schlichtete, beruhigte“, sagte Schrader.

    Vergleichsweise war auch damals schon ein relativer Begriff. Maerckers Truppe war von Reichsregierung und Landesregierung beauftragt, in der Messestadt die Ordnung wiederherzustellen. Das bedeutete: Verbot des Arbeiter- und Soldatenrates, Verbot des sozialdemokratischen Parteiblattes „Leipziger Volkszeitung“, Standgerichte. Militärische Aktionen wie diese belasteten die junge Demokratie von Weimar von Anfang an.

    Anschließend fand Olbricht Aufnahme in das zahlenmäßig recht überschaubare Offizierkorps der Reichswehr. Als während des Kapp-Putsches 1920 die Verfassungstreue der Reichswehr nicht mehr zweifelsfrei feststand, wurde Olbricht als Verbindungsoffizier zur Reichsregierung geschickt, erinnerte Schrader. Dort sollte er das erschütterte Vertrauen der Regierung zur Reichswehr wiederherstellen helfen.

    Nichts konnte Olbricht zum Sympathisanten Hitlers machenDie Ablehnung Hitlers habe bei Olbricht mit dem braunen Putschversuch am 9. November 1923 begonnen, berichtete Schrader weiter. Als Reichswehroffizier habe er kein Verständnis dafür gehabt, dass man auf der Rechten putschte, während sich die Ordnung Herausforderungen von links entgegenstellen müsse, gab die Historikerin Olbrichts damalige Sicht auf die Dinge wieder. Dinge, die insofern auch sächsische waren, als die Reichswehr auf Befehl der Reichsregierung gerade die sächsische Linksregierung Zeigner abgesetzt hatte. Ein Thema, das an anderer Stelle zu vertiefen wäre.

    Gleichwohl: Nach den Erkenntnissen von Helena Schrader bleibt Olbricht immun gegen die nationalsozialistische Versuchung. „Weder die Autobahnen, noch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und die Besetzung des Rheinlands konnten ihn zum Sympathisanten Hitlers machen“, urteilte die Olbricht-Biografin.

    „Die Deutschen wollten Hitlers Siege, wollten aber keinen neuen Weltkrieg“, beschrieb Frau Schrader die Stimmungslage in der Bevölkerung. Doch so lange Hitler leichte Siege einfuhr, desto weniger bot ein Aufstand Aussicht auf Unterstützung und Erfolg. Das war 1938 während der so genannten Sudeten-Krise so, wie 1939 und 1940 nach den „Blitzsiegen“ gegen Polen und Frankreich, ergänzt um den Nichtangriffspakt mit Stalins Sowjetunion.

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    Den Polen-Krieg erlebte Olbricht als Kommandeur der 24. Infanteriedivision, die überwiegend aus sächsischen Truppenteilen bestand. Für die „Erfolge“ des Verbandes wurde Olbricht hoch dekoriert.

    Als Kommandeur eines Armeekorps hätte er im Frankreich-Krieg höchste militärische Meriten erlangen können, schätzte Schrader ein. Doch Ludwig Beck, der gegen Hitler opponierende ehemalige Generalstabschef, hätte auf Olbrichts Versetzung an die Spitze des Heeresamtes nach Berlin gedrängt. An eben dieser Stelle baute Olbricht ein Netzwerk von Unterstützern auf und entwickelte die Einsatzplanung „Walküre“. Er wurde zum „Generalstabschef des 20. Juli“, so Schrader. Netzwerk und Plan kamen am 20. Juli 1944 zum Tragen.

    Das Ziel wurde nicht erreicht, doch ein Zeichen gesetzt. Ein Zeichen für ein anderes Deutschland als das der Nazis. Olbricht bezahlte dafür mit seinem Leben.

    Friedrich Olbricht sei ein „Mann mit viel Humor und Herz“ gewesen, und „zugänglich auch für kleine Leute“. Diese Einschätzungen des Menschen Olbricht seien ihr bei Gesprächen mit Zeitzeugen immer wieder begegnet, schloss Helena Schrader ihre Gedenkrede.

    Literaturhinweis: Helena P. Page „General Friedrich Olbricht. Ein Mann des 20. Juli“, Bouvier-Verlag, Bonn und Berlin, 2. Aufl. 1994, ISBN 3416025148

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