Ernst Ulrich von Weizsäcker zur notwendigen Energiewende: Wir müssen das Licht anmachen am Ende des Tunnels

Eine Klimakonferenz nach der anderen scheitert. Seit Kyoto ist im Grunde nichts mehr passiert. Selbst die Bundesrepublik Deutschland hält sich zurück. Mikado-Situation nennt Ernst Ulrich von Weizsäcker das, was die Staaten bei all diesen Konferenzen pokern, schachern und blocken lässt. "Der erste, der sich bewegt, hat verloren", benennt von Weizsäcker am Abend des 14. November diese Haltung, bei der sich Industrienationen und Schwellenländer gegenseitig behindern.
Anzeige

Denn die Basis ist klar: Heute erfolgt Wirtschaftswachstum nach wie vor nach dem alten Spritprinzip: Mehr Energie ist gleich mehr CO2 ist gleich mehr Wachstum ist gleich mehr Wohlstand. Mehr als 100 Jahre lang – von Weizsäcker ist extra in die statistischen Wirtschaftsdaten der USA eingedrungen – war der Energiepreis eng mit der Wirtschaftsleistung verkoppelt. Jeder Effizienzgewinn neuer Maschinen und Technologien hatte die mittlerweile bekannten „Rebound-Effekte“ zur Folge: Statt weniger Energie zu verbrauchen, wurden immer mehr Maschinen gebaut, die leichter, stärker und sparsamer waren und deswegen – mehr Energie brauchten. So war es im 19. Jahrhundert mit der Kohle und den Dampfmaschinen, so ist es heute mit Öl und Automobilen. Auch wenn jeder einzelne Mensch vielleicht klug entscheidet – das Ergebnis ist deutlich: Die Autos wurden sparsamer – dafür kauften sich immer mehr Menschen größere Autos.

Und da die US-Amerikaner mit ihrem neuen Öl-Hype möglicherweise dafür sorgen, dass der Spritpreis in den nächsten 20 Jahren nicht steigt, geht das vielleicht noch eine Weile so weiter. Genauso lange nämlich, bis auch die jetzt proklamierten Öl- und Gasvorräte abgesaugt sind.Die US-Amerikaner sind besessen vom billigen Benzin und von der automobilen Mobilität. Eine Mobilität, die auf Pump aufgebaut ist. Das zeige – so von Weizsäcker – der Ausbruch der Subprime-Krise 2007/2008 am allerdeutlichsten. Denn die Eigenheime in den USA verloren ja nicht ohne Grund über Nacht rapide an Wert. Sie verloren auch an Wert, weil ihre Käufer sich auf einmal die langen Autofahrten zu diesen Häusern in der Suburbia nicht mehr leisten konnten und ins Wohnmobil umzogen. Der rasant gestiegene Spritpreis war eine der Ursachen – und zeigte augenfällig, wie labil ein Wirtschaftssystem ist, das auf ungebremsten Energieverbrauch, großflächige Zersiedelung der Landschaft und die exzessive Nutzung von Automobilen zur Sicherung der Mobilität angewiesen ist.

Präsident Barack Obama scheiterte selbst mit dem eigentlich für ein Technologieland selbstverständlichen Vorstoß, einen Superschnellzug zu bauen wie den Shinkansen in Japan oder den ICE in Deutschland.Aber wie ist es denn nun bei den Weltklimakonferenzen? – Blockieren sich wirklich alle in sinnloser Weise? Und verhindern damit den gemeinsamen notwendigen Schritt in eine Energiezukunft, die auf Öl und Kohle verzichten kann?

Dem jetzt in die Welt posaunten Märchen von einer Verbilligung des Öls in den nächsten 20 Jahren traut von Weizsäcker nicht so recht. Auch nicht der Fähigkeit der stets beschworenen Märkte, das Problem zu lösen. „Den Märkten ist nicht zu trauen, wenn es um Langfristfragen geht“, sagt der Physiker. Und ist doch – wie auch Gastgeberin Daniela Kolbe feststellt – ein unerschütterlicher Optimist.

Warum auf die Amerikaner warten, fragt von Weizsäcker. Die werden nie mitmachen, wenn es darum geht, dass jemand ihre Lebensart und ihre Art Wohlstand in Frage stellt. „Wir müssen uns mit den anderen zusammen tun“, sagt er. Denen, die jetzt schon mit Schrecken auf die ökologischen Folgen schauen, die ein Wohlstand nach Art der westlichen Zivilisation mit sich bringt. Und die genauso aufmerksam auf die Deutschen und ihre „Energiewende“ sehen. Die kostet zwar auch Geld.

Mehr zum Thema:

Ernst Ulrich von Weizsäcker zu Gast in Leipzig: Schaffen wir die ökologische Wende?
Am 14. November war Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker …

Ernst Ulrich von Weizsäcker und der ökologische Wandel: Was große Autos mit falscher Wirtschaftstheorie zu tun haben
Für einen Physiker wie Ernst Ulrich von Weizsäcker …

„Warum sollte einer diesen Weg einschlagen, wenn er nicht weiß, ob am Ende des Tunnels Licht ist“, fragt Ernst Ulrich von Weizsäcker und rattert seine Schaubilder ab. Er weiß ja, wo die Pointen sitzen.

„Dieses Licht müssen wir anmachen“, sagt er. Mit Betonung auf „wir“. „Wir sind diejenigen, die zeigen müssen, dass da hinten am Ende des Tunnels Licht ist.“

Und dann geht er doch noch einmal auf die Wirtschaftstheorien ein. Denn natürlich ist Energiepolitik immer Wirtschaftspolitik. Wer sich seit über 40 Jahren mit dem Thema beschäftigt, der weiß das. Aber was passiert, wenn man die falsche Wirtschaftspolitik macht?

Gute Frage. Gleich mehr dazu.


Print Friendly, PDF & Email
 


Schneller informiert mit dem L-IZ-Melder
Weitere Nachrichten:Bewegungsmelder | Wortmelder | Rückmelder | Sport | Polizei | Verkehr


Weitere aktuelle Nachrichten auf L-IZ.de

Bertolts Bruch und Friedrichs Fiasko: Zwistigkeit im Glanz der Freiheit
Screenshots: www.duden.de, Montage: LZ

Screenshots: www.duden.de, Montage: LZ

Für alle LeserLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 84, seit 23. Oktober im Handel„Zwist“. Beinahe schon ein veraltetes Wort, aus dem Niederdeutschen übernommen, das steht für „Streit“ oder „Zerwürfnis“. Dieser Fast-Archaismus schien mir aber als Ersatzwort in der Silbenparallele wesentlich besser zu passen, als „Einigkeit und Recht und Freiheit“ zum 30. Jahrestag des Beitrittsjubiläums hinauszuposaunen.
Mit dem richtigen Hygienekonzept und guter Belüftung könnten Hallenveranstaltungen auch in Corona-Zeiten stattfinden
Konzert mit Tim Bendzko am 22. August in der Quarterback Immobilien Arena Leipzig. Foto: SC DHfK Handball

Foto: SC DHfK Handball

Für alle LeserAm 2. November sollen die neuen verschärften Allgemeinverfügungen zur Corona-Pandemie in Kraft treten. Und die Sportvereine und -verbände in Mitteldeutschland meldeten sich sofort nach Verkündung mit heftiger Kritik zu Wort, denn sie haben in der Regel alles getan, damit der Verein nicht zum Hotspot für das Virus wurde. Und mit dem großen Experiment RESTART-19 im August haben die Universitätsmedizin Halle (Saale) und der SC DHfK gezeigt, dass auch Sportveranstaltungen mit dem richtigen Hygienekonzept machbar sind.
Mehr als ein Stück Ernährungswende in Taucha: Kooperative Landwirtschaft vor den Toren Leipzigs
Kohlernte bei KoLa mit Spaßfaktor. © Frank Willberg

Foto: Frank Willberg

Für alle LeserLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 84, seit 23. Oktober im HandelEine Gemüsewurzelrevolution vor den Toren der Stadt. KoLa Leipzig steht für Kooperative Landwirtschaft. Die Genossenschaft mit aktuell 976 Mitgliedern ist im Mai 2018 entstanden und hat einen überaus verheißungsvollen Auftakt hingelegt. Aber was macht solidarische Landwirtschaft besser als gewöhnlicher Ökolandbau? Wie hat sich die Idee von KoLa bislang entwickelt? Und was bewegt hauptsächlich junge Menschen, diesen nicht unbedingt einfachen Weg einzuschlagen?
SPD fasst ihren Antrag zum Wilhelm-Leuscher-Platz neu: Das neue Quartier braucht mehr Grün, mehr Spielplätze und Radabstellanlagen
Blick auf den Nordteil des Geländes Richtung Rossplatz. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserEigentlich sollte die zukünftige Bebauung des Wilhelm-Leuschner-Platzes in der Ratsversammlung am 7. Oktober debattiert und beschlossen werden. Doch eine lange Latte an Änderungsanträgen ließ schon ahnen, dass die Diskussion um diesen Platz heftig werden würde. Jetzt soll die Verwaltungsvorlage am 11. November diskutiert werden. Und auch die SPD-Fraktion attestiert den städtischen Planern hier ein Denken von vorgestern und fordert die Schaffung erlebbarer Grünflächen.
Nach Aus für B 178-Verlängerung in der Lausitz: ADFC fordert endlich mehr Einsatz für Radwegebau in Sachsen
Und wo fahren die Radfahrer? Foto: Marko Hofmann

Foto: Marko Hofmann

Für alle LeserAls Sachsen vor über einem Jahr seine Projekte für das „Strukturstärkungsgesetz Kohleregionen“ anmeldete, waren auch reihenweise teure Straßenneubauten drin, die vorher nie eine Chance auf Realisierung gehabt hätten. Aber der Glaube ist unerschütterlich, dass über Staatsstraßen und Autobahnen endlich die florierende Wirtschaft käme. Auch in die Lausitz. Am 23. Oktober aber vermeldete das Verkehrsministerium das Ende eines dieser Traumprojekte.
Verkehrsdezernat lehnt Linke-Antrag ab: Am Cottaweg können wir nichts ändern
Die neu montierten Geländer an der Einmündung Cottaweg. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserDas Herumgeeier um den Cottaweg und seine gefährliche Einmündung in die Jahnallee zeigt recht exemplarisch, wie schwer sich Leipzigs Verkehrsplaner tun, altes Autostraßendenken zu verlassen und wirklich moderne Lösungen für den Stadtverkehr zu finden. Die neuen Geländer an der Einmündung stehen geradezu für dieses Denken von Vorgestern. Gibt ja nun keine Unfälle mehr, meint das Planungsdezernat zu einem Antrag der Linksfraktion.
Klares Ergebnis der Vorlesestudie 2020: Schenkt den Kindern Bücher! Viele Bücher!
Es gibt genug wirklich schöne Vorlesebücher. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserAm 20. November ist wieder Bundesweiter Vorlesetag. Ein Tag, der daran erinnert, dass Lesen und Vorlesen für Kinder nicht einfach nur Luxus sind. Denn frühes Vorlesen öffnet den Kindern den Weg in Welten, die ihnen sonst ein Leben lang verschlossen bleiben. Denn Bildung erschließt sich durch Lesen erst in ihrer ganzen Komplexität. Aber warum lesen dann so wenige Eltern vor, wollte die Stiftung Lesen wissen?
„Wenn man spürt, wie die Luftkräfte einen tragen“: In Eilenburg können Kinder Skispringen lernen
Blick von der 1999 neu gebauten Josef-Dotzauer-Schanze in Eilenburg. Foto: Michael Billig

Foto: Michael Billig

Für alle LeserLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 84, seit 23. Oktober im HandelDas Land ist flach, der erste Schnee noch in weiter Ferne. In Eilenburg schnallen sich die Jungadler des SV Lok dennoch ihre Ski an und stürzen sich an einem Oktobernachmittag die Josef-Dotzauer-Schanze hinunter. Bereits seit 1958 hat das Skispringen in der Kleinstadt, rund 20 Kilometer nordwestlich von Leipzig, ein Zuhause. Doch außerhalb von Eilenburg wissen nur wenige davon, wie Lok-Trainer Stephan Kupke (44) gegenüber der „Leipziger Zeitung (LZ)“ sagt.
Warum Kompromisse schließen? Andreas Weber zeigt, warum nur gute Kompromisse Überleben erst möglich machen
Andreas Weber: Warum Kompromisse schließen? Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserVon den beiden Händen, die sich da auf dem Cover drücken, darf man sich nicht irritieren lassen. Das erinnert eher an eine der kompromisslosesten Parteien, die es in Deutschland mal gab. Und um die DDR geht es schon gar nicht. Es geht um unser Jetzt und unsere heutige Unfähigkeit, echte Kompromisse zu schließen. Faule Kompromisse sehen wir überall. Auch deshalb ist die Stimmung derzeit so aggressiv wie in einer völlig aus dem Ruder gelaufenen Ehe.
1. FC Lok Leipzig vs. Meuselwitz 1:0 – Arbeitssieg vor dem Lockdown
Das Leipziger Siegtor fiel bereits in der ersten Spielminute. Foto: Jan Kaefer

Foto: Jan Kaefer

Für alle LeserDer nächste Heimsieg für den 1. FC Lok. Gegen den ZFC Meuselwitz obsiegten die Blau-Gelben am Mittwochabend mit 1:0 (1:0). Vor 999 Zuschauern traf Tom Nattermann schon nach 50 Sekunden zur Führung. Danach bot das Spiel Kampf und Krampf. Lok und Meuselwitz wollten, konnten allerdings kaum Angriffe durchspielen.
LockdownLight: Zankapfel Gastronomie
Was vom Sommer blieb, endet in der Schließung im November 2020. Foto: L-IZ.de

Foto: L-IZ.de

Für alle LeserWas sich bereits im Laufe des Tages anbahnte, wird durch eine Pressemitteilung der sächsischen Industrie- und Handelskammern zu den neuen Corona-Maßnahmen Gewissheit. Die Gastronomien und Tourismusunternehmen fühlen sich ungerecht behandelt, die „Verhältnismäßigkeit ist nicht gewahrt“, so die IHK Leipzig, Dresden und Chemnitz in einer gemeinsamen Erklärung. Für einen Monat sollen alle Kneipen, Bars und Restaurants, aber auch Freizeit,- Tourismus,- und Veranstaltungsstätten ab 2. November 2020 schließen. Erste Klageandrohungen dagegen waren bereits vereinzelt schon vor den Beschlüssen vom heutigen 28. Oktober zu hören, die IHKs warnen nun vor steigenden Insolvenzzahlen.
Mittwoch, der 28. Oktober 2020: Lockdown light ab Montag
Kultureinrichtungen wie das Gewandhaus dürfen im November wohl nicht öffnen. Foto: L-IZ.de

Foto: L-IZ.de

Für alle LeserDeutschland wird wohl ab Montag in einen „Lockdown light“ gehen. Das haben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsident/-innen heute beschlossen. Wie genau die Situation in Sachsen sein wird, ist noch nicht offiziell bekannt, doch der Bund wird 10 Milliarden für Umsatzausfälle auch bei Soloselbstständigen, Gastronomien und der Eventbranche zur Verfügung stellen. Außerdem: Sachsen fördert ein Forschungsprojekt für Coronatests und Chemnitz wird Kulturhauptstadt Europas. Die L-IZ fasst zusammen, was am Mittwoch, den 28. Oktober 2020, in Leipzig und darüber hinaus wichtig war.
Coronavirus: Einmal Weihnachten retten + Updates zum Lockdown light
Weihnachten retten, Weihnachtsmarkt beerdigen? Foto: L-IZ.de

Foto: L-IZ.de

Für alle LeserSeit dem heutigen Morgen geht es bereits rund in den deutschen Medien. Noch vor der Videokonferenz des Bundes mit den Ministerpräsident/-innen der Länder kursierte ein Entwurf der Bundesregierung, in welchem die Vorschläge der neuen Corona-Maßnahmen ab 4. November 2020 beschrieben werden. Seit wenigen Stunden heißt es nun, dass diese sogar bereits ab Montag, 2. November 2020 in Kraft treten sollen und es weitgehende Einigkeit der Länder mit dem Bund dazu gibt. Der Katalog liegt neben anderen Medien auch der L-IZ.de vor. Informationen, die in der Pressekonferenz der Bundesregierung bestätigt wurden.
Südtiroler Pestizidprozess: Landesgericht Bozen beendet Strafverfahren gegen Verleger des Münchner oekom Verlags und weitere Mitglieder des Umweltinstituts München
Alexander Schiebel: Das Wunder von Mals. Cover: Oekom Verlag

Cover: Oekom Verlag

Für alle LeserDas Landesgericht Bozen bestätigte in seiner Entscheidung vom heutigen 28. Oktober den Antrag der Staatsanwaltschaft, die Ermittlungen gegen oekom-Verleger Jacob Radloff und die Mitglieder des Umweltinstituts aus Mangel an Beweisen einzustellen. Die Betroffenen begrüßen die Entscheidung als einen bedeutenden Teilsieg für das Recht auf freie Meinungsäußerung.
Haltungsnote: Lipgloss auf Eierragout – Eine Kolumne über Ossis und Wessis
Autor, Leipziger und Kolumnist David Gray. Foto: Erik Weiss Berlin

Foto: Erik Weiss Berlin

Für alle LeserLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 84, seit 23. Oktober im HandelAm Abend des 9. November 1989 sagte Stefan Aust in einem Kommentar: „Heute Abend ging der zweite Weltkrieg zu Ende“. Der Mann hatte Recht. Der Mauerfall setzte einen Schlusspunkt unter die Nazidiktatur und den auf sie folgenden Kalten Krieg. Damals wird Aust mit seiner Interpretation eher alleingestanden haben.