Chor der Zivilisationen aus Antakya trat im Ariowitsch-Haus auf

Für Küf Kaufmann, den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Leipzig, ist es ein besonderer Abend. Mit dem Chor der Zivilisationen aus dem südtürkischen Antakya treten erstmals Künstler aus verschiedenen Religionen im Ariowitsch-Haus auf. Sie singen gemeinsam islamische, alevitische, jüdische und christliche Lieder - in verschiedenen Sprachen.
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Lessings Klassiker „Nathan der Weise“ kommt im März 2013 wieder auf die Bretter des hiesigen Theaters der Jungen Welt. Am Ende gibt Nathan den um Gottes Gunst wetteifernden Anhängern der drei monotheistischen Weltreligionen den folgenden Rat: „Möglich, dass der Vater nun die Tyrannei des einen Rings nicht länger in seinem Hause dulden wollen! – Und gewiss; dass er euch alle drei geliebt, und gleich geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen, um einen zu begünstigen. – Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochnen von Vorurteilen freien Liebe nach!“

Lessings Stück spielt in Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge. Der Stadt, in der sich noch heute heilige Stätten aller drei Weltreligionen befinden. Yilmaz Özfirat lebt in dem Antakya unserer Tage: „Wenn es Gott gefallen hätte, hätte er uns alle gleich geschaffen“, so der Chorleiter aus der südtürkischen Stadt. „Er hat uns verschieden geschaffen, um uns gemeinsam kennenzulernen“, fährt der Mann aus der Stadt nahe am Mittelmeer fort.

In Antakya leben heute 213.000 Menschen. Überwiegend Muslime, aber auch Juden und Christen. Hier, im historischen Antiochia, befindet sich nach Ansicht des Vatikan mit der St.-Petrus-Grotte die älteste Kirche der Christenheit. Musik ist ein probates Mittel des Kennenlernens. Zumal deshalb, weil sie in allen drei monotheistischen Weltreligionen der Preisung des einen Gottes dient. Gut 130 Bürger aus Antakya haben sich diesen gemeinsamen Anliegen verschrieben. „Wir verbreiten auch einen Virus: den Virus des Friedens“, sagt Yilmaz Özfirat. Antakya liegt nur wenige Kilometer von der syrischen Grenze.

Die Sängerinnen und Sänger aus der Südtürkei sangen am Samstagabend im Ariowitsch-Haus gemeinsam islamische, alevitische, jüdische und christliche Liede – auf Türkisch, Armenisch, Kurdisch, Hebräisch, Arabisch und Deutsch, und auch auf Englisch. So hallt der Ruf des Imam ebenso durch das Ariowitsch-Haus wie das christliche Hallelujah und das jüdische Shalom Alechem. Die musikalische Anrufung von Allah in seinen 99 Namen reiht sich an das vielen Christen bekannten „Laudato si, o-mi Signore“. Eingängig, mitreisend und künstlerisch perfekt.
Als Reverenz an den Ehrengast der Veranstaltung, den Leipziger US-Generalkonsul Mark J. Powell, singt der Chor „Oh Happy Day“. Das bekannte Gospellied, das dem Tag gewidmet ist „when Jesus washed my sins away“.

„Wir haben den Chor auf die Beine gestellt um zu zeigen, dass gemeinsames Leben doch funktionieren kann“, sagt Yilmaz Özfirat. Er werde oft von Journalisten gefragt, wie dieses Zusammenleben möglich sei. „Wir fragen zurück: Warum schaffen sie das nicht?“ so der Chorleiter.

Einen Traum hat Yilmaz Özfirat. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe ihn angerufen und erklärt, sie unterstütze nun den Antrag der Türkei auf Beitritt in die Europäische Union. Dieser Traum ist bislang unerfüllt. Beim Auftritt des Chores der Zivilisationen stellt sich die Frage nicht mehr, ob in der Türkei auch Nicht-Muslime Religionsfreiheit genießen.

Gemeinsame Veranstalter des Abends sind das Ariowitsch-Haus e.V. und das Sächsische Bildungszentrum e.V., das einen Sitz in Leipzig hat. Juden und Nicht-Juden will das Kultur- und Begegnungszentrum Ariowitsch-Haus zusammenbringen. An diesem Abend ist es beispielhaft gelungen.

Für Tayyar Kocak, Geschäftsführer des Sächsischen Bildungszentrums, spiegelt der Chor in besonderer Weise die Vereinsphilosophie wieder. „Es geht darum, gemeinsame Werte zu betonen“, so Kocak. Zu den nächsten Vorhaben seines Vereins gehören die Gründung eines Kindergartens und einer Schule.

Noch mal Lessing. Leipzig sei ein „Ort, wo man die ganze Welt im Kleinen sehen kann“, befand der Aufklärer vor mehr als 200 Jahren. Ein Satz, der heute noch mehr zutrifft als zu Lessings Zeiten. Ein solcher Ort braucht eine Kultur des respektvollen Kennenlernens und Miteinanders von Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit „Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochnen von Vorurteilen freien Liebe nach!“


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