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1.000 Jahre Leipzig: Löwenfrühstück, StadtFestSpiel, Lobgesang und ein Abschied

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    Wie feiert man eigentlich einen 1.000. Jahrestag? Mit Freibier für alle? Oder großem Fischerstechen auf dem Elsterbecken? Oder einer großen Ostereiersuche für die Kinder? - Gute Frage für eine Stadt, die mal die reichste war in Deutschland und dann ausgenommen wurde wie eine Weihnachtsgans. Also hat man eigentlich kein großes Geld zum Feiern. Aber gefeiert wird. Und am 20. Dezember 2015 gibt's Torte.

    Denn der 20. Dezember ist Pflicht. Denn unter diesem Datum hat Thietmar von Merseburg den Tod des „trefflichen Bischofs Eid“ in „urbs libzi“ für 1015 vermerkt. Der treffliche Bischof von Meißen war 60 Jahre alt und gerade „mit großen Geschenken aus Polen“ auf dem Weg zum Kaiser, als er zu kränkeln begann und dann in der geschützten Burg verstarb. So kam Leipzig in die Schrift. Aber wie feiert man das? – Seit 2013 gibt es den Verein Leipzig 2015 e.V., der sich darum kümmert, halb und halb ganz auf sich gestellt. Denn zu jedem Euro, den der Verein einwirbt, hat Oberbürgermeister Burkhard Jung zugesagt, dass ein Euro aus Steuergeldern dazugetan wird. Hauptsächlich aus dem Haushalt der Stadt, die sich ihre Jubiläen seit geraumer Zeit auch ein bisschen Geld kosten lässt. Denn das ist direkte Tourismuswerbung.

    Und 2015, so Burkhard Jung, soll Leipzig mit seinem 1.000-Jahre-Tag Furore machen und Touristen locken. 3 Millionen Gäste möchte er sehen. Das Versprechen hat er Volker Bremer, dem Chef des Leipziger Tourismusvermarkters LTM, schon abgenommen. 2013 hatte Leipzig gerade wieder einen Gästerekord verbucht: 2,7 Millionen, das kann sich sehen lassen im deutschen Städtetourismus. Die Stadt als Besuchermagnet funktioniert.

    Ob die Gäste dann freilich fürs längste Stadtfest der Welt 2015 nach Leipzig kommen, darf man getrost bezweifeln, auch wenn es sich im Guinness Buch der Rekorde bestimmt nett ausnimmt, dass Leipzig vom 30. April bis zum 20. Dezember das „Längste Bürgerfest der Region“ feiert. Vielleicht kommen ja auch die Herren Gargantua und Pantagruel vorbei, die solche langen Feste zu würdigen wissen. Tatsächlich versammelt sich unter dieser Überschrift nur das, was in Leipzig im Sommer sowieso stattfindet: ein Woche für Woche sich erneuernder Reigen von Stadtteilfesten, Parkkonzerten, Bürgerpicknicks, Aufgalopps, Kinderfesten und Sportveranstaltungen. Vielleicht ist es tatsächlich mehr als andernorts. Vielleicht ist es auch mal gut, die Bürger selbst daran zu erinnern, dass sie selbst schon jedes Jahr aus reinem Selbstverständnis einen Festmarathon organisieren. Unermüdlich. Das ist schön so.

    Aber das ist kein Höhepunkt. Den gibt es tatsächlich in einer Festwoche, die als Extra organisiert wird und natürlich auch Extra-Finanzierung braucht. Jüngst war mal von 2,7 Millionen Euro die Rede, die das Jubiläum kosten wird. Am Mittwoch, 9. Juli, wollte sich Finanzbürgermeister Torsten Bonew, der auch Vorsitzender des Festkomitees ist, so genau noch nicht festlegen. In der nächsten Woche soll es dazu eine Vorlage für die Dienstberatung geben, im Dezember soll der Stadtrat dazu befinden. Er spricht von einer Summe zwischen 2,5 bis 3 Millionen Euro.Mit der wird einiges finanziert, was es 2015 dann extra gibt. Die Festwoche selbst ist vom 31. Mai bis zum 7. Juni angesetzt. Höhepunkt ist gleich der 31. Mai. Das ist ein Sonntag und die Löwen sind los. Auch wenn es gar nicht um Löwen geht.

    Jedenfalls nicht so wie bei der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals 1913, als in Leipzig tatsächlich ein paar scheue Zirkuslöwen Opfer einer Treibjagd wurden. Aber Burkhard Jung stellte am Mittwoch, 9. Juli, schon zu Recht fest: Mit altertümlichen Zeremonien wie kostümierten Festumzügen geht das nicht. Das können kleine, noch tief im 19. Jahrhundert verwurzelte Städtchen wie Großenhain machen, die auch gern die komplette Militärgeschichte in Originaluniform paradieren lassen wollen. Aber in großen Städten wie Leipzig wird das sofort seltsam. Ehrenpforten gar? Triumphbögen? – Da schaudert es die Leipziger schon beim Drandenken. Denn was Leipzig war und ist, war und ist es immer durch seine Bürger gewesen. Betont auch Burkhard Jung, derzeit Erster Bürger der Stadt. Die Leipziger Geschichte mit ihren Messen, Händlern, Komponisten und Bildermuseen schüttelt er mittlerweile aus dem Ärmel. Und ab und an einen kleinen Stachel gegen die sächsische Königsresidenz hat er auch drauf.

    So also nicht. Wie dann?

    Die wichtigste Idee hatte ja bekanntlich das Theater Titanick, das dem Verein einen Sternmarsch vorschlug – theatralisch, kostümiert, aus allen fünf Himmelsrichtungen in die Mitte. Damit es ein richtiges Bürgerfest ist, bei dem die Bürger mitgenommen werden. Die ersten Installationen sind zumindest am Reißbrett – sorry – am Computerbildschirm – schon fertig: Große Inszenierungen der Leipziger Tugenden – achje, auch wieder Quatsch: der Leipziger Herrlichkeiten. Wirtschaft und Handel (immerhin wird ja auch zeitgleich 850 Jahre Messe gefeiert, „Niemand hat eine so alte Messe“, sagt Jung), Kunst und Kultur, Buch und Medien („Natürlich kam in Leipzig die erste Tageszeitung heraus“, sagt Torsten Bonew), Sport und Umwelt und Wissenschaft und Bildung („Leipzig hat ja die zweitälteste Universität in Deutschland“, sagt Jung).

    Titanick hat diese Idee eines „fantasievollen Spektakels“ einfach auf den Tisch gepackt. Der Verein Leipzig 2015 hat zum Glück einfach zugegriffen, bevor die Idee zerredet und wieder allerlei Bedenkenträger eingebunden werden konnten, die dann dafür gesorgt hätten, dass alles wie gehabt gekommen wäre. Kommt es jetzt nicht. Die Leipziger dürfen sich den 31. Mai 2015 also vormerken. Gefrühstückt wird dann zu Mittag. Da geht das Ganze in fünf ehemaligen Dörfern im Leipziger Weichbild mit einem „Löwenpicknick“ los. Und dann brechen die fünf Aktions-Spektakel von dort Richtung Innenstadt auf, wo Stadtgöttin Lipsia auf sie wartet.

    StadtFestSpiel nennen Titanick und Fairnet, die das Ganze vorbereiten, dieses Spektakel.Eine andere Idee bringt den Leipziger Größenwahn schön auf den Punkt: Am 6. Juni gibt es ein Festkonzert im Zentralstadion, bei dem Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly den Taktstock schwingt und 1.000 Chorsänger und -sängerinnen Felix Mendelssohn Bartholdys „Lobgesang“ singen.

    Wer jetzt noch Historisches erwartet, bekommt es auch. Die vierbändige Stadtgeschichte, so verspricht Burkhard Jung, ist schon im November 2015 fertig. Und das Stadtgeschichtliche Museum wurde natürlich dazu verdonnert, zum 1.000jährigen Jubiläum auch eine Ausstellung zu zeigen. „1015. Leipzig von Anfang an“ soll sie heißen und vom 20. Mai bis zum 25. Oktober 2015 stattfinden. Der Titel ist natürlich falsch. Das weiß sogar Burkhard Jung. 1015, als Bischof Eid (oder Eido I.) in Leipzig Zuflucht suchte, stand die Burg natürlich schon ein paar Jahre. Und die frühesten Anfänge kann man ja sogar im Alten Rathaus besichtigen – die reichen über 7.000 Jahre zurück.

    Und der eigentliche Zündfunken für Leipzig war ja auch nicht Eidos Tod, sondern die Verleihung von Stadt- und Marktrecht – irgendwann um das Jahr 1165 herum. Auch das wird 2015 gefeiert: Vom 17. bis 24. Mai in der Festwoche 850 Jahre St. Nikolai. Weil man in heutigen Tagen aber die Tatsache nicht so recht ins Einvernehmen bringt, dass St. Nikolai, Stadtrecht und Marktrecht alle an einem Platz zusammen gehören, der mit hoher Wahrscheinlichkeit der heutige Nikolaikirchhof ist, feiert auch die Messe eine Extra-Festwoche – vom 27. Juni bis zum 5. Juli.

    Zwischendrin gibt es kleine Leckerbissen, die es vielleicht auch ohne Jubiläum gegeben hätte: Am Gohliser Schlösschen gibt es mit dem Sommertheaterstück „I’ll be back!“ eine herzerfrischende Erinnerung an die Vertreibung des Hans Wurst von der deutschen Bühne, 1737 in Leipzig zelebriert durch die berühmte Neuberin. Auch das ist Leipzig-Geschichte. Und das Schauspiel Leipzig holt Brechts „Baal“ wieder auf die Bühne, dessen Erstinszenierung 1923 in Leipzig stattfand.

    Wo denn sonst?

    Darf man bei Leipzig wirklich fragen. Es gibt schon ein paar Dinge, die die Stadt etwas anders machen, auch wenn Burkhard Jung Leipzig für das exemplarische Beispiel einer echten europäischen Stadt hält. Da fiele einem ja Manches ein. Das lassen wir hier aber weg, erwähnen nur, dass der Abschied von Dirk Thärichen als Geschäftsführer von Leipzig 2015 am Mittwoch im Bildermuseum noch einmal schön für die Kameras inszeniert wurde. Seinen Job hat am 1. Juli offiziell Peter Fräbel-Simon übernommen. Und der kleine Hinweis, dass er jetzt alles organisieren und das benötigte Geld einwerben muss, kam von Torsten Bonew schon freundlich, aber deutlich.

    Und der 20. Dezember fällt natürlich auch nicht aus. Egal, ob Weihnachten ist oder Schnee. An diesem Tag gibt es – so verspricht Torsten Bonew – auf dem Augustusplatz eine riesige Torte, so groß, dass 1.000 Kerzen drauf passen. Und alle Leipziger sind eingeladen, sich ihr Stück zu holen.

    Wer mehr wissen will: www.leipzig2015.de

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