Im Bus sitzen, rausgucken, zuhören und dazu noch Fernsehen gucken - das ist eine Videobustour. So was hat Fans, denn sonst gäbe es nicht seit Jahren die Firma zeit reisen. Neu im Programm: "850 Jahre Märkte, Messen und Skurriles. Eine multimediale Stadtrundfahrt."

Ein Monitor vorn und einer in der Mitte in mäßiger Größe zeigen Bilder und Filmchen. Immerhin fährt vorn im Bus ein lebendiger Mann mit und plaudert lächelnd und munter ins Mikrofon und entschuldigt sich, dass er nicht über alles plaudern kann. Wie er heißt, plaudert er nicht aus. Auch nicht, ob er zur Messe oder wohin er gehört.

850 Jahre Messe von einst und heute in ganze zwei Stunden und eine Großstadt-Fahrtroute zu packen scheint unmöglich. Auch deshalb, weil mehr erklärt werden muss, was nicht zu sehen ist. Im Normalprogramm ist das Messegelände gar nicht dabei, das immerhin seit 1996 besteht, auch wenn es für die Leipziger immer die Neue Messe ist. Nehmen wir mal an, wir sind sowieso schon durch die neuen Hallen gestreift und wollen nun Dinge von gestern und vorgestern erfahren!

Immerhin wird offeriert, dass man von der City aus auf Sonderwunsch auch zum neuen Messegelände fahren könnte. Denn diese Fahrt geht rückwärts, sozusagen zum Nachschlagen. Verständlich im Jubel-Feier-Jahr der 1000-jährigen Ersterwähnung. So hält man sich anfangs länger an einer der Urkunden auf, die undatiert und unklarer Herkunft ist. Aber wenigstens von Handel und Markt berichtet.

Auf 1965 hatte man die 800-Jahre-Leipzig-Feier datiert. Für 1990 wurde schon mal die 825-Jahr-Feier Leipzigs vorbereitet, aber die Organisatoren hatten dann andere Sorgen. Bis man nun die Ersterwähnung hoch leben lassen wollte. (Als Reserve für künftige Rückblicke stünden noch 7000 Jahre Besiedelung an.)

Opern zur Messe

Pressemenschen waren Mittwoch zur Videobus-Probefahrt eingeladen, und als es losgehen sollte, stand ein Zementmixer im Weg. Eine Messestadt ist eben Baustelle. “Ohne Messen ist all das andere nicht zu denken, was Leipzig ist. 750 Jahre waren die Messen in der Innenstadt.” Und Kunst und Kultur immer mit dabei. Zu Messen wurden Opern aufgeführt. Am pelzhandelsbekannten Brühl stand das erste Opernhaus, aus Holz gebaut. Shakespeares Globe-Theater lässt grüßen.

Klar, der Hauptbahnhof hat mit der Messe zu tun, und der Eisenbahn-Obelisk in der Goethestraße erinnert an historische sächsische Postmeilensäulen. Davon gibt es in Leipzig keine mehr. Warum ist nicht jemand auf die Idee gekommen, wieder eine Postmeilensäule mit Entfernungsangaben aufzustellen? Vielleicht ja auf dem Platz der unendlichen Möglichkeiten, dem Wilhelm-Leuschner-Platz? Und dann auch gleich riesengroß…

Mit dem MM auf dem Hochhaus Wintergartenstraße dreht sich die Messe noch immer in der City. Es sollten mal drei M symbolisiert werden, ist zu erfahren, weil es um das Messeamt der Muster-Messe als Firma ging. Und die Prager Studenten kamen wegen der Messe nach Leipzig: Denn Messe ist Wissen, Know-how.

Alle Wege gehen durchs MM. Foto: Karsten Pietsch
Alle Wege gehen durchs MM. Foto: Karsten Pietsch

Via Regia und Via Imperii haben mit ihrer Kreuzung den Handelsplatz “vorprogrammiert”. Im Gesellschaftshaus am Zoo wurde einst Technik präsentiert, bevor es die Technische Messe gab. Und die Messebälle und Messetanzturniere in der Kongresshalle stattfanden.

Als stattlicher Kaufmannsbesitz zeigt sich das Gohliser Schlösschen. “Vielleicht ist es doch schade, dass das Lustschloss für Kurfürst August auf der Rosentalwiese doch nicht gebaut wurde”, sagt der Videobus-Erklärer, “wir hätten so noch etwas mehr zum Vorzeigen gehabt.”

Fakten über Fakten von Kaufmann Frege über Spielzeugmessen, die Messe-Premiere des Steiff-Teddybären Plüsch, Beweglich 55 cm groß (PB 55) 1903. Und Probefahrten für den Wartburg gab es mit Hostessen… Im Kinderfernsehen trafen sich das Sandmännchen und das Messemännchen, fünf Jahre jünger, gewissermaßen Geschwister, denn Gerhard Behrendt hat beide gestaltet und gebaut… Erstaunlich: Messe- und Sandmännchen sind immer noch im Geschäft! Und das hat erstaunlicherweise bis zur Stunde noch niemand Wikipedia geflüstert.

Messezeit war auch auf Aufstand. Und schon flimmern Westfernsehbilder vom Nikolaikirchhof zur Leipziger Frühjahrsmesse 1989 über die Monitore. Plakate werden heruntergerissen und ein Sprechchor “Stasi raus” ist zu hören.

“Leute, nicht so drängeln! Ihr werd’ noch früh genug betrogen!”

An der Alten Funkenburg wird es eng für den Bus und alte Messevergnügungen wie Harfenmädchen und Prüfungen für Messemusikanten werden nur aufgezählt. An den Frankfurter Wiesen ertönt die Stimme eines Oscar-Seifert-Parodisten aus den Boxen. “Leute, nicht so drängeln! Ihr werd’ noch früh genug betrogen!” Messepalast-Pläne der 1920er Jahre flimmern über den Bildschirm. Wovon nur die Untergrundmessehalle Realität wurde. Warten wir es ab, vielleicht bekommt die jetzige Bahnstation “Markt” mal noch Zwischendecken!

So geht die Fahrt zur Alten Messe. “Der Hit-Markt ist eine wunderbare Nachnutzung”, findet der Erklärer. Und man blickt auf die Grashalme, Sträucher und Büsche auf den Flächen drum herum. “Auf Sonderwunsch erhalten wir Schlüssel für Hallen, die nicht benutzt werden”, offeriert die Videobustour. Am Eingangsgebäude vom Deutschen Platz aus soll einst ein Schild gehangen haben. “VEB Spielwaren Sonneberg”, aber drin wäre es dann doch die Staatssicherheit gewesen.

Und  es gibt Wieder-Entdeckungen von Dingen, die als Unikate restauriert sind, wie die Leuchtreklame TRAKTOROEXPORT am Wilhelm-Leuschner-Platz. Zwar leuchtet sie nicht mehr selbst, wird aber abends angestrahlt!

Alte Messe heute. Foto: Karsten Pietsch
Alte Messe heute. Foto: Karsten Pietsch

Eine Bustour ist kein Bilderbuch

Beim Vorbeifahren ist die Zeit knapp. Wollte man dauerhaft Messegeschichte präsentierten, wäre an ein Museum zu denken. Immerhin verfügt die Leipziger Messe GmbH nach wie vor über ein eigenes Archiv, der gute alte Stadtbrief lagert im Stadtarchiv, das Stadtgeschichtliche Museum zeigt im Alten Rathaus einen Extra-Messe-Raum. Und Probleme mit bestehenden Museen schiebt die Leipziger Verwaltung genug vor sich her.

Auf der Videobustour bleibt keine Zeit, die früheren “Handelswege” zu ordnen. Wege von Wirtschaft, auch Politik und persönlich Erlebnisse zu erinnern. Etwa, dass Leipzig als Ost-West-Handelsplatz für DDR-Betriebe die einzige Chance war, mit West-Kunden und -Zwischenhändlern zu sprechen. Wie auch der Westen hier Ostprodukte studieren, Partner für Lieferungen und Montage finden konnte. Nicht nur die Firma Kommerzielle Koordinierung von Alexander Schalck-Golodkowski hat da Messegeschichten geschrieben.

Anders geht’s auch nicht, zu viel Stoff, Daten, Fakten, Fama. So entsteht mit der Messetour ein Gerüst, das jeder Zeitzeuge selbst mit Erinnerungen oder Klatsch und Tratsch füllen kann, ob man nun als Kind über den Zaun gestiegen ist oder auf zu anderen Zeiten stattfindenden DDR-Textil-Großhandelsmessen die Ausstellungsware abstauben konnte, von  Gastronomie-Messepreisen und Ausstellungsabenden im Connewitzer “Schorschl”.

Oder Erinnerungen von Messeausweis-Visum-Inhabern, die regelmäßig einreisten um Kirchgemeinden zu besuchen. Das Messemagazin international war beliebt, weil es West-Werbung zeigte. Mancher hat Messeabzeichen oder Messebriefmarken und Ersttagsbriefe gesammelt, die speziell erschienenen Messekulturprogramm-Broschüren oder die Tageszeitungen vom Messemontag aufgehoben, mit den Beschreibungen und Fotos vom Rundgang der DDR-Partei- und Staatsführung…

Ja, und die MESSEWELLE als Extra-Tagesprogramm von Radio DDR ist vielleicht einfach schon zu lange her, und Jürgen Harts Lied wie “Sing mei Sachse, sing!” zu sehr Ostalgie. Und war da nicht auch noch der “Messeschlager Gisela”?

Videobus – Tour für alle Sinne

Pressemenschen dürfen manchmal dabei sein, wenn etwas noch in Aufbau ist oder in der Testphase läuft. Warum sollte das bei einer Videobustour anders sein. Immerhin hat der Erklärer die Historien und die Storys gut drauf, denn mit der Beschreibung der Blickfänge von draußen und Erläuterung eingespielter Fotos und Videos, Orientierung im Gelände, Zeitplan und Verfahrensweise, wie der Fahrer erfährt, wo es lang gehen soll, gab es da schon mal Rückwärtsfahrten und Ehrenrunden…

“Leipzig ist Messe. Die Messe ist Leipzig”, sagt zum Abschied ein Mann, der wahrscheinlich wirklich zur Messe gehört. Und was ist zwischen den Messen? Im real-sozialistischen Leipzig wurde gekalauert: “Leipzig ist die religiöseste Stadt der Welt. Zwei Messen im Jahr, sonst wird gefastet.” Neuer Kalauer: Und heute gibt es 40 Fachmessen.

Öffentliche Termine unter:
www.videobustour.de

Geschichte der Leipziger Messe zeigt ein Raum im Stadtgeschichtlichen Museum im Alten Rathaus.

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Leipzig ist NICHT Messe.
Das was hier mal war, dass was “Leipzig ist Messe” meint, ist nicht mehr gegeben.

Die Leipziger Messe wurde outgesourct, an den äußersten Rand, vor die Tore der Stadt.

Die Leipzig ist nun “nur noch” Kauftempel für die Landbevölkerung aus der näheren Umgebung und/oder das Spaßbecken südwestdeutscher Verunreinigungen.

Bis auf seltene Ausnahmen, sind die Aspekte dieser einst begehrenswerten Stadt beinahe böswillig zertrümmert.

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